A » B » C » D » E
F » G » H » I » J
K » L » M » N » O
P » R » S » T
U » V » W » Z

- Links

Publishers Newswire Announces its Latest List of 11 Books to Bookmark, for Q3/2008
REDONDO BEACH, Calif. -- Publishers Newswire, an online resource for small publishers, as well as lesser known and first-time book authors, announces its latest quarterly 'Books to Bookmark' list, for Q3/2008. This list is a round-up of new and interesting books which are often missed due to not originating from 'big name' authors, or major New York book publishing houses.

New Book 'Lady's Hands, Lion's Heart,' A Midwife's Saga by Carol Leonard
CONCORD, N.H. -- Announcing a new book from Bad Beaver Publishing, 'Lady's Hands, Lion's Heart, A Midwife's Saga' (ISBN 978-0-615-19550-6), by author Carol Leonard. Often laugh-out-loud funny and irreverent, occasionally disturbing and deeply sorrowful, Lady's Hands, Lion's Heart is the saga of Ms. Leonard's journey as New Hampshire's first modern midwife.

New Book: A Prosecutor's Anguish...The Untold Story of The Atlanta Courthouse Shootings
JACKSONVILLE, Fla. -- Widely anticipated new book about the Atlanta Courthouse Shootings, written by respected trial attorney, turned author, Shoran Reid. Waking the Sleeping Demon: 26 Hours of Terror in Atlanta (ISBN: 978-0-615-20749-0, Rella Publishing), follows the terrifying hours Former Prosecutor Ash Joshi felt hunted by Atlanta Courthouse Shooter Brian Nichols and reveals new information about events prior to and after the tragedy.

Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper

A >> Agnes Sapper >> Die Familie Pfaeffling

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17

Die Familie Pfaeffling

Eine deutsche Wintergeschichte

von

Agnes Sapper

1909






Meiner lieben Mutter

zum Eintritt in das 80. Lebensjahr.


Die Familie Pfaeffling muss *Dir* gewidmet sein, liebe Mutter, denn was
ich in diesem Buche zeigen moechte, das ist Deine eigene
Lebens-Erfahrung. Du hast uns vor Augen gefuehrt, welcher Segen die
Menschen durchs Leben begleitet, die im grossen Geschwisterkreis und in
einfachen Verhaeltnissen aufgewachsen sind, unter dem Einfluss von Eltern,
die mit Gottvertrauen und froehlichem Humor zu entbehren verstanden, was
ihnen versagt war.

Noch jetzt, wo wir Deinem 80. Geburtstag entgegengehen, steht die
Erinnerung an Deine Kinderzeit Dir lebendig vor der Seele, und wenn Du
die Beschwerden und Entbehrungen des Alters in geduldiger,
anspruchsloser Gesinnung ertraegst so ist das nach deinem eigenen
Ausspruch noch immer eine Wirkung, die ausgegangen ist aus einer
entbehrungsreichen und dennoch glueckseligen Jugendzeit.

Nicht eben *Deine* Familie, aber eine von demselben Geist beseelte
moechte ich in diesem Buch der deutschen Familie vorfuehren.

Herbst 1906.

Die Verfasserin.

* * * * *


Inhalt


1 Wir schliessen Bekanntschaft
2 Herr Direktor
3 Der Leonidenschwarm
4 Adventszeit
5 Schnee am unrechten Platz
6 Am kuerzesten Tag
7 Immer noch nicht Weihnachten
8 Endlich Weihnachten
9 Bei grimmiger Kaelte
10 Ein Kuenstlerkonzert
11 Geld- und Geigennot
12 Ein Haus ohne Mutter
13 Ein fremdes Element
14 Wir nehmen Abschied





1. Kapitel

Wir schliessen Bekanntschaft.


Ihr wollt die Familie Pfaeffling kennen lernen? Da muss ich euch weit
hinausfuehren bis ans Ende einer groesseren sueddeutschen Stadt, hinaus in
die aeussere Fruehlingsstrasse. Wir kommen ganz nahe an die
Infanteriekaserne, sehen den umzaeunten Kasernenhof und Exerzierplatz.
Aber vor diesem, etwas zurueck von der Strasse, steht noch ein letztes
Haus und dieses geht uns an. Es gehoert dem Schreiner Hartwig, bei dem
der Musiklehrer Pfaeffling mit seiner grossen Familie in Miete wohnt.

Um das Haus herum, bis an den Kasernenhof, erstreckt sich ein Lagerplatz
fuer Balken und Bretter, auf denen Knaben und Maedchen froehlich
herumklettern, turnen und schaukeln. Meistens sind es junge Pfaefflinge,
die da ihr Wesen treiben, manchmal sind es auch ihre Kameraden, aber der
eine Kleine, den man taeglich auf den obersten Brettern sitzen und dabei
die Ziehharmonika spielen sieht, das ist sicher kein anderer als Frieder
Pfaeffling.

Um die Zeit, da unsere Geschichte beginnt, ist uebrigens der Hof
verlassen und niemand auf dem weiten Platz zu sehen. Heute ist, nach den
langen Sommerferien, wieder der erste Schultag. Der Musiklehrer
Pfaeffling, der schlanke Mann, der noch immer ganz jugendlich aussieht,
war schon fruehzeitig mit langen Schritten den gewohnten Weg nach der
Musikschule gegangen, um dort Unterricht zu geben. Sechs von seinen
sieben Kindern hatten zum erstenmal wieder ihre Buecher und Hefte
zusammengesucht und sich auf den Schulweg gemacht. Die lange
Fruehlingsstrasse mussten sie alle hinunterwandern, aber dann trennten sich
die Wege; die drei aeltesten suchten weit drinnen in der Stadt das alte
Gymnasiumsgebaeude auf, die zwei Schwestern hatten schon etwas naeher in
die Toechterschule und Frieder, der noch in die Volksschule ging, haette
sein Ziel am schnellsten erreichen koennen, aber das kleine runde
Kerlchen pflegte in Gedanken verloren dahinzugehen und sich mehr Zeit zu
lassen als die andern.

Im Hause Pfaeffling war nach dem lauten Abgang der sieben
Familienmitglieder eine ungewohnte Stille eingetreten. Es blieb nur noch
die Mutter zurueck, und Elschen, das juengste niedliche Toechterchen, sowie
die treue Walburg, die in der Kueche wirtschaftete. Frau Pfaeffling atmete
auf, die Stille tat ihr wohl. Was war das fuer ein Sturm gewesen, bis der
letzte die Tuere hinter sich zugemacht hatte, und was fuer eine Unruhe all
die Ferienwochen hindurch! Waehrend sie ordnend und raeumend von einem
Zimmer ins andere ging, war ihr ganz festtaeglich zu Mute. Sie war von
Natur eine stille, nachdenkliche Frau und gern in Gedanken versunken,
aber das Leben hatte sie als Mittelpunkt in einen grossen Familienkreis
gestellt, und es drehten sich lauter lebhafte, plaudernde, fragende,
musizierende Menschen um sie herum. Waehrend nun die Mutter sich der Ruhe
freute, wusste Elschen gar nicht, wo es ihr fehlte. Allein zu spielen
hatte sie ganz verlernt. So ging sie hinunter in den Hof, wo die grossen
Balken lagen. Oft hatte sie sich in den letzten Wochen geaergert, wenn
sie aengstlich auf den glatten Balken kleine Schrittchen machte, dass die
Brueder das so flink konnten und sie ihnen immer Platz machen sollte.
Jetzt hatte sie alle die Baumstaemme allein zu ihrer Verfuegung, aber nun
machten sie ihr keine Freude. Sie ging weiter zu den Brettern, die
uebereinander aufgestapelt lagen. Dort oben, wo ein kleines dickes Brett
querueberlag, war Frieders Lieblingsplatz, auf dem er immer mit der
Ziehharmonika sass. Wenn er gar zu lang spielte und sie nicht beachtete,
war sie manchmal ungeduldig geworden und hatte sogar einmal gesagt, die
Harmonika sei eine alte Kroete. Aber jetzt, wo es ueberall ganz still war,
haette sie auch die Harmonika gern gehoert. Sie setzte sich auf Frieders
Platz und dachte an ihn. Es war so langweilig heute morgen--fast zum
weinen!

Da tat sich oben im Haus ein Fenster auf und der Mutter Stimme rief:
"Elschen, flink, Essig holen!"

Einen Augenblick spaeter wanderte auch Else die Fruehlingsstrasse hinunter,
zwar nicht mit den Buechern in die Schule, aber mit dem Essigkrug zum
naechsten Kaufmann.

Im untern Stock des Hauses wohnte der Schreiner Hartwig mit seiner Frau.
Es waren schon aeltere Leute und er hatte das Geschaeft abgegeben. Sie war
eine freundliche Hausfrau, die aber auf Ordnung hielt und auf gute
Erhaltung des Besitzes. Als diesen Morgen die Pfaefflinge nacheinander
die Treppe hinunter gesprungen waren, hatte sie zu ihrem Mann gesagt:
"Hast du schon bemerkt, wie die Treppe abgenutzt ist? Seit dem Jahr, wo
Pfaefflings bei uns wohnen, sind die Stufen schon so abgetreten worden,
dass mir wirklich bang ist, wie es nach einigen Jahren aussehen wird."
"Verwehr's ihnen, dass sie so die Treppen herunterpoltern," sagte der
Hausherr.

"Ich will gar nicht behaupten, dass sie poltern, sie sind ja
ruecksichtsvoll, aber hundertmal springen sie auf und ab und es pressiert
ihnen allen so, ein Gehen gibt's bei denen gar nicht, sie muessen immer
springen. Ich will sie aber gleich heute aufmerksam machen auf die
abgetretenen Stellen."

"Tu's nur, aber das Springen wirst du ihnen nicht abgewoehnen, springt
doch der Vater selbst noch wie ein Junger. Wir haben doch nicht gewusst,
was es um so eine neunkoepfige Musikersfamilie ist, wie wir ihnen voriges
Jahr selbst unsere Wohnung angeboten haben in ihrer Wohnungsnot. Und
jetzt haben wir sie, und zu kuendigen braechtest du doch nicht uebers
Herz."

"Nein, nie! Aber du auch nicht."

"Dann sprich nur beizeiten mit deinem Schwager, dass er Bretter fuer neue
Boeden bereit haelt," sagte der Hausherr und die Frau ging hinaus, stand
bedenklich und sinnend vor der Treppe, wischte mit einem Tuch ueber die
Stufen, aber sie blieben doch abgetreten.

Die Vormittagsstunden waren endlich voruebergegangen, die kleine
vereinsamte Schwester stand am Fenster, sah die Strasse hinunter und
erkannte schon von weitem den Vater, der mit raschen Schritten auf das
Haus zukam. Bald darauf tauchten zwei Maedchengestalten auf, das waren
die Zwillingsschwestern, die elfjaehrigen, Marie und Anna, die der
Bequemlichkeit halber oft zusammen Marianne genannt wurden. So rief auch
Else jetzt der Mutter zu: "Der Vater ist schon im Haus und Marianne sehe
ich auch, aber sie stehen bei andern Maedchen und machen gar nicht voran.
Aber jetzt kommt der Frieder und dahinter die drei Grossen, jetzt muss ich
entgegen laufen."

Die Schwestern hatten sich den Bruedern zugesellt und so kamen sie alle
zugleich ins Haus herein, wo ihnen die Kleine laut lachend vor Vergnuegen
entgegenrief: "Alle sechs auf einmal!" Sie wollte zu Frieder, der zu
hinterst war, aber die Schwestern hatten sie schon an beiden Haenden
gefasst und alle draengten der Treppe zu, als die Tuere der untern Wohnung
aufging und Frau Hartwig herbeikam. Flugs zogen die Brueder ihre Muetzen,
denn die Ruecksicht auf die Hausleute war ihnen zur heiligen Pflicht
gemacht, und die ganze Schar stand seit dem letzten Umzug in dem
Bewusstsein, durchaus keine begehrenswerte Mietspartei zu sein.

So blieben sie auch alle stehen, als Frau Hartwig ihnen zurief: "Wartet
ein wenig, Kinder, ich muss euch etwas zeigen. Schaut einmal die Treppe
an, seht ihr, wie die Stufen in der Mitte abgetreten sind? Voriges Jahr
war davon noch keine Spur, wer hat das wohl getan?"

Eine peinliche Stille, lauter gesenkte Koepfe. "Das habt ihr getan," fuhr
die Hausfrau fort, "weil ihr mit euern genagelten Stiefeln hundertmal
auf und ab gesprungen seid. Wenn ihr nicht Acht gebt, dann richtet ihr
mir in _einem_ Jahr meine Treppe ganz zugrunde." Sie standen alle
betreten da, die Blicke auf die Treppe gerichtet. So schlimm kam ihnen
diese wohl nicht vor, aber die Hausfrau musste es ja wissen! In diesem
kritischen Moment kam Karl, dem grossen, der Mutter Hauptregel ins
Gedaechtnis: nur immer gleich um Entschuldigung bitten! "Es ist mir
leid," sagte er, und alle Geschwister wiederholten das erloesende Wort:
"Es ist mir leid", und darauf fing Karl, der grosse, an, langsam und
behutsam die Treppe hinaufzugehen, ihm folgte Wilhelm, der zweite und
Otto, der dritte. Ihnen nach schlichen unhoerbar Marie und Anna mit
Elschen. Nur Frieder, der vorhin zuhinterst gestanden war und deshalb
den Schaden an der Treppe noch nicht hatte sehen koennen, der verweilte
noch und betrachtete nachdenklich die Stufen. Dann sagte er zutraulich
zu der Hausfrau: "Nur in der Mitte sieht man etwas, warum denn nicht an
den Seiten?" "Kleines Dummerle," sagte Frau Hartwig, "kannst du dir das
nicht denken? In der Mitte geht man wohl am oeftesten."

"So deshalb?" sagte der Kleine, "dann gehe ich lieber an der Seite," und
indem er dicht am Gelaender hinaufstieg, rief er noch freundlich
herunter: "Gelt, so wird deine Treppe schoen geschont?" "Ja, so ist's
recht," sagte die Hausfrau und indem sie wieder in ihre Wohnung
zurueckkehrte, sprach sie so fuer sich hin: den guten Willen haben sie,
was kann man mehr verlangen?

Oben an der Treppe hatte Elschen schon auf Frieder gewartet, sie zog ihn
ins Zimmer und rief vergnuegt: "Jetzt sind sie alle wieder da!"

Den Esstisch hatte Frau Pfaeffling gedeckt, ihr Mann war dabei lebhaft hin
und hergelaufen und hatte ihr erzaehlt, was Neues von der Musikschule zu
berichten war. Je mehr aber Kinder hereinkamen, um so oefter lief ihm
eines in den Weg, so gab er das Wandeln auf und klatschte mit seinen
grossen Haenden, was immer das Zeichen war, zu Tisch zu gehen. Da gab es
schnell ein Schieben und Stuhlruecken und einen Augenblick lautloser
Stille, waehrend die Mutter das Tischgebet sprach. Es war nicht alle Tage
dasselbe, sie wusste viele. Sie fragte manchmal den Vater, manchmal die
Kinder, welches sie gerne hoerten und richtete sich darnach. Heute sprach
sie den einfachen Vers: "Du schickst uns die Arbeit, du goennst uns die
Ruh, Herr gib uns zu beidem den Segen dazu."

Das Essen, das die grosse Walburg aufgetischt hatte, schmeckte allen,
aber das Tischgespraech wollte heute den Eltern gar nicht gefallen. Sie
kannten es schon, es war immer das gleiche beim Beginn des
Wintersemesters.

"Wir muessen jetzt ein Physikbuch haben."

"Die alte Ausgabe von der Grammatik, die ich von Karl noch habe, darf
ich nimmer mitbringen."

"Zum Naehtuch brauchen wir ein Stueck feine neue Leinwand."

"Bis Donnerstag muessen wir richtige Turnanzuege haben."

"In diesem Jahr kann ich mich nicht wieder ohne Atlas durchschwindeln."

"Mein Reisszeug sei ganz ungenuegend."

So ging das eine Weile durcheinander und als das Essen vorbei war,
umdraengten die Plaggeister den Vater und die Mutter; nur Frieder, der
kleine Volksschueler, hatte keine derartigen Wuensche, er nahm seine
Ziehharmonika und verzog sich; Elschen folgte ihm hinunter auf den
Balkenplatz, wo eine freundliche Herbstsonne die Kinder umfing, die sich
noch sorgenlos in ihren Strahlen sonnen konnten.

Herr Pfaeffling suchte sich dem Draengen seiner Grossen zu entziehen, indem
er hinueberfluechtete in das Eckzimmer, das sein Musik- und Stundenzimmer
war. Dort wartete ein Stoss neuer Musikalien auf ihn, die er pruefen
sollte. Aber es waehrte nicht lang, so folgten ihm seine drei
Lateinschueler nach, und ein jeder brachte wiederholt sein Anliegen vor
und suchte zu beweisen, dass es dringend sei. "Ich glaube es ja," sagte
der Vater, "aber alles auf einmal koennen wir nicht anschaffen, ihr muesst
eben warten, bis sich wieder Geld angesammelt hat. Woher sollte denn so
viel da sein eben jetzt, nach den langen Ferien? Wenn sich nun wieder
Stundenschueler einfinden und Geld ins Haus bringen, dann sollt ihr
Atlas, Reisszeug und die neuesten Ausgaben der Schulbuecher bekommen, aber
jetzt reicht es nur fuer das dringendste." Herr Pfaeffling zog eine kleine
Schublade seines Schreibtisches auf, in der Geld verwahrt war, "Schaut
selbst herein und rechnet, wie weit es langt," sagte er. Es war nicht
viel in der Schublade. Jetzt fingen die Jungen an zu rechnen und
miteinander zu beraten, was das Unentbehrlichste sei. "Fuer Marianne muss
auch noch etwas uebrig bleiben," bemerkte der eine der Brueder, "bei ihr
gibt es sonst gleich wieder Traenen. Leinwand zu einem Naehtuch wollen
sie, ob das wohl recht viel kostet?"

So unterhandelten sie miteinander, gaben von ihren Forderungen etwas ab
und waren froh, dass das Geld wenigstens zum Allernotwendigsten reichte.
Es blieb kein grosser Rest mehr in der kleinen Schublade.

Als kurze Zeit darauf die Lateinschueler und die Toechterschuelerinnen sich
wieder auf den Schulweg gemacht hatten, kam Frau Pfaeffling zu ihrem Mann
in das Musikzimmer, wo sie gerne nach Tisch ein Weilchen beisammen
sassen.

"Sieh nur, Caecilie," sagte er zu ihr, "die trostlos leere Kasse. Es ist
hoechste Zeit, dass wieder mehr hineinkommt! Wenn sich nur auch neue
Schueler melden, die besten vom Vorjahr sind abgegangen und es sind jetzt
so viele Musiklehrer hier; von der Musikschule allein koennten wir nicht
leben."

"Es werden gewiss welche kommen," sagte Frau Pfaeffling, aber sehr
zuversichtlich klang es nicht und eines wusste von dem andern, dass es
sorgliche Gedanken im Herzen bewegte.

In die Stille des Eckzimmers drang vom Zimmermannsplatz herauf der
wohlbekannte Klang der Harmonika. Frau Pfaeffling trat ans offene Fenster
und sah die beiden kleinen Geschwister auf den Brettern sitzend. "Es ist
doch schon 2 Uhr vorbei," sagte sie, "hat denn Frieder heute nachmittag
keine Stunde?" und sie rief dieselbe Frage dem kleinen Schulbuben
hinunter. Die Harmonika verstummte, die Kinder antworteten nicht, sie
sahen sich nur bestuerzt an und die Eile, mit der sie von den Brettern
herunterkletterten und durch den Hof rannten, dem Haus zu, sagte genug.

"Er hat wahrhaftig die Schulzeit vergessen," rief Herr Pfaeffling, "daran
ist wieder nur das verwuenschte Harmonikaspielen schuld!" Als Frieder die
Treppe heraufkam--ohne jegliche Ruecksicht auf abgetretene
Stufen--streckte der Vater ihm schon den Arm entgegen und nahm ihm die
geliebte Harmonika aus der Hand mit den Worten: "Damit ist's aus und
vorbei, wenn du sogar die Schulzeit darueber vergisst!"

Frieder beachtete es kaum, so sehr war er erschrocken. "Sind alle andern
schon fort? Ist's schon arg spaet?" fragte er, waehrend er ins Zimmer
lief, um seine Buecher zu holen. Elschen stand zitternd und strampelnd
vor Aufregung dabei, waehrend er seine Hefte zusammenpackte, rief immer
verzweifelter: "Schnell, schnell, schnell!" und hielt ihm seine Muetze
hin, bis er endlich ohne Gruss davoneilte. Auf halber Treppe blieb er
aber noch einmal stehen und rief klaeglich herauf: "Mutter, was soll ich
denn zum Lehrer sagen?" "Sage nur gleich: es tut mir leid," rief sie ihm
nach. So rannte er die Fruehlingsstrasse hinunter und rief in seiner Angst
immer laut vor sich hin: "Es tut mir leid." Die Voruebergehenden sahen
ihm mitleidig laechelnd nach--es war leicht zu erraten, was dem kleinen
Schulbuben leid tat, denn es schlug schon halb drei Uhr, als er um die
Ecke der Fruehlingsstrasse bog.

Herr Pfaeffling nahm die Harmonika und besah sie genauer, ehe er sie in
seinen Schrank schloss. "Redlich abgenuetzt ist sie," sagte er sich, "sie
wird bald den Dienst versagen und den kleinen Spieler nimmer in
Versuchung fuehren. Es hat wohl auch keinen Tag gegeben in den letzten
zwei Jahren, an dem er sie nicht benuetzt hat. Er ist ein kleiner
Kuenstler auf dem Instrument, aber er weiss es nicht und das ist gut und
von den Geschwistern hoert er auch keine Schmeicheleien, sie aergern sich
ja nur ueber den kleinen Virtuosen. Ich wollte, ich haette auch nur
_einen_ Schueler, der so begabt waere wie Frieder! Aber dass er seine
Schule ueber der Musik versaeumt oder ganz vergisst wie heute, das ist doch
ein starkes Stueck am ersten Schultag, das geht doch nicht an," und nun
wurde die Harmonika eingeschlossen.

War Frieder als letzter in die Schule gekommen, so kam er auch als
letzter heraus. Die Geschwister daheim hoerten von der kleinen Schwester,
was vorgefallen war, und berieten, wie es ihm in der Schule ergangen
sein mochte. Sie hatten viel Erfahrungen bei allerlei Lehrern gesammelt,
und die Wahrscheinlichkeit sprach ihnen dafuer, dass es glimpflich abgehen
wuerde. Aber Frieder hatte einen neuen Lehrer, den kannte man noch nicht
und die neuen waren oft scharf. Als nun endlich der Juengste heimkam und
ins Zimmer trat, wo sie alle beisammen waren, sahen sie ihn begierig,
zum Teil auch ein wenig spoettisch an. Aber das Spoettische verging ihnen
bald beim Anblick des kleinen Mannes. Er sah so klaeglich verweint aus!
Keine Frage, der Lehrer war scharf gewesen. Zuerst wollte Frieder nicht
recht herausruecken mit der Sprache, denn der Vater war auch im Zimmer
und das war in Erinnerung an sein zuernendes Gesicht und die weggenommene
Harmonika nicht aufmunternd fuer Frieder. Aber Herr Pfaeffling ging ans
Fenster, trommelte einen Marsch auf den Scheiben und achtete offenbar
nicht auf die Kinder. Da hatte Marie bald alles aus dem kleinen Bruder
herausgefragt, denn sie hatte immer etwas Muetterliches gegen die
Kleinen, auch der Mutter Stimme. So erzaehlte denn Frieder, dass der
Lehrer ihm zuerst nur gewinkt haette, sich auf seinen Platz zu setzen,
aber nach der Schule hatte Frieder vorkommen muessen, ja und dann--dann
stockte der Bericht. Aber die Geschwister kannten sich aus, sie nahmen
seine Haende in Augenschein, die waren auf der Innenseite rot und dick.
"Wieviel?" fragte Marie. "Zwei." "Das geht noch an," meinte Karl, der
grosse. "Es kommt darauf an, ob's gesalzene waren," und nun erzaehlte
Wilhelm, der zweite: "Bei uns hat einer auch einmal die Schule
vergessen, dann hat er zum Lehrer gesagt, er habe Nasenbluten bekommen
und so ist er ohne alles durchgeschlupft, der war schlau!" Da hoerte auf
einmal das Trommeln an den Fensterscheiben auf, der Vater wandte sich um
und sagte: "Der war ein Luegner und das ist der Frieder nicht. Geh her,
du kleines Dummerle du, wenn dir der Lehrer selbst deinen Denkzettel
gegeben hat, dann brauchst du von mir keinen, du bekommst deine
Harmonika wieder, aber--"

Die gute Lehre, die dem kleinen Schulknaben zugedacht war, unterblieb,
denn in diesem Augenblick kam durchs Nebenzimmer Frau Pfaeffling und
sagte eilfertig: "Kinder, warum macht ihr nicht auf? Ich habe hinten im
Buegelzimmer das Klingeln gehoert und ihr seid vornen und achtet nicht
darauf!" Schuldbewusst liefen die der Tuere am naechsten Stehenden hinaus
und riefen bald darauf den Vater ab, in freudiger Erregung verkuendend:
"Es handelt sich um Stunden! Eine vornehme Dame mit einem Fraeulein ist
da!" "Und ihr habt sie zweimal klingeln lassen! Wenn sie nun
fortgegangen waeren!" sagte die Mutter vorwurfsvoll.

"Manchmal ist's recht unbequem, dass Walburg taub ist," meinte Anne und
Else fuegte altklug hinzu: "Es gibt Dienstmaedchen, die hoeren ganz gut,
die hoeren sogar das Klingeln, wenn wir so eine haetten!" "Seid ihr ganz
zufrieden, dass wir unsere Walburg haben," entgegnete Frau Pfaeffling,
"wenn sie nicht bei uns bleiben wollte, koennten wir gar keine nehmen,
sie tut's um den halben Lohn. Und _wieviel_ tut sie uns! Es ist traurig,
zu denken: weil sie ein solches Gebrechen hat, muss sie sich mit halbem
Lohn begnuegen. Wenn ich koennte, wuerde ich ihr den doppelten geben."
Unvermutet ging die Tuere auf und die, von der man gesprochen hatte, trat
ein. Unwillkuerlich sahen alle Kinder sie aufmerksamer an als sonst, sie
bemerkte es aber nicht, denn sie blickte auf das grosse Brett voll
geputzter Bestecke und Tassen, das sie aus der Kueche hereintrug. Walburg
war eine ungewoehnlich grosse, kraeftige Gestalt und ihr Gesicht hatte
einen guten, vertrauenerweckenden Ausdruck. Vor ein paar Jahren war sie
aus einem Dienst entlassen worden wegen ihrer zunehmenden
Schwerhoerigkeit, die nun fast Taubheit zu nennen war. Als niemand sie
dingen wollte, war sie froh, bei kleinem Lohn in der Familie Pfaeffling
ein Unterkommen zu finden. Seitdem sie nicht mehr das Reden der Menschen
hoerte, hatte sie selbst sich das Sprechen fast abgewoehnt. So tat sie
stumm, aber gewissenhaft ihre Arbeit, und niemand wusste viel von dem,
was in ihr vorging und ob sie schwer trug an ihrem Gebrechen. Durch der
Mutter Worte war aber die Teilnahme der jungen Pfaefflinge wach geworden
und mit dem Wunsch, freundlich gegen sie zu sein, griff Marie nach den
Bestecken, um sie einzuraeumen; die andern bekamen auch Lust zu helfen,
und im Nu war das Brett leer und Walburg sehr erstaunt ueber die
ungewohnte Hilfsbereitschaft. "Freundlichkeit ist auch ein Lohn," sagte
Frau Pfaeffling, "wenn ihr den alle sieben an Walburg bezahlt, dann--"
"Dann wird sie kolossal reich," vollendete Karl.

Unser Musiklehrer kam vergnuegt aus seinem Eckzimmer hervor: "Ein guter
Anfang des Schuljahrs," sagte er. "Die Dame hat mir ihre Tochter als
Schuelerin angetragen. Zwei Stunden woechentlich in unserem Haus. Das
Fraeulein mag etwa 17 Jahre alt sein und kommt mir allerdings vor, als
sei es noch ein dummes Gaenschen, aber ein freundliches, es lacht immer,
wenn nichts zu lachen ist, und kam in Verlegenheit, als die Frau Mama
nach dem Preis fragte mit der Bemerkung, sie zahle immer voraus. Sie zog
auch gleich ein hochfeines Portemonnaie und zaehlte das Geld auf den
Tisch. 'Wenn es auch nur eine Bagatelle ist,' sagte die Dame, 'so bringt
man doch die Sache gerne gleich in Ordnung.' Darauf empfahl sie sich,
das Fraeulein knixte und lachte und morgen wird die erste Stunde sein. Da
ist das Geld, wirst's noetig haben," schloss Herr Pfaeffling seinen Bericht
und reichte seiner Frau das Geld hin. Die Kinder drueckten sich an die
Fenster, sahen hinunter und bewunderten die Dame, die mit ihrem seidenen
Kleid durch die Fruehlingsstrasse rauschte, begleitet von der Tochter, die
mehr noch ein Kind als ein Fraeulein zu sein schien. "Hat je eines von
euch schon diesen Namen gehoert?" fragte Herr Pfaeffling und hielt ihnen
die Visitenkarte der Dame hin. Sie schuettelten alle verneinend, der Name
war ganz schwierig herauszubuchstabieren, er lautete: _Frau Privatiere
Vernagelding_.




2. Kapitel

Herr Direktor?


November! Du duesterer, nebeliger, nasskalter Monat, wer kann dich leiden?
Ich glaube, unter allen zwoelfen hast du die wenigsten Freunde. Du machst
den Herbstfreuden ein Ende und bringst doch die Winterfreuden noch
nicht. Aber zu etwas bist du doch gut, zur ernsten, regelmaessigen Arbeit.

Was wurde allein in der Familie Pfaeffling gearbeitet an dem grossen Tisch
unter der Haengelampe, die schon um 5 Uhr brannte! Von den vier Bruedern
schrieb der eine griechisch, der andere lateinisch, der dritte
franzoesisch, der vierte deutsch. Der eine stierte in die Luft und suchte
nach geistreichen Gedanken fuer den Aufsatz, der andere blaetterte im
Lexikon, der dritte murmelte Reihen von Zeitwoertern, der vierte
kritzelte Rechnungen auf seine Tafel. Dazwischen wurde auch einmal
geplaudert und gefragt, gestossen und aufbegehrt, auch gehustet und
gepustet, wie's der November mit sich bringt. Die Mutter sass mit dem
Flickkorb oben am Tisch, neben sich Elschen, die sich still beschaeftigen
sollte, was aber nicht immer gelang.

Marie und Anne, die Zwillingsschwestern, sassen selten dabei. Sie hatten
ein Schlafzimmer fuer sich, und in diesem ihrem kleinen Reich konnten sie
ungestoert ihre Aufgaben machen. Zwar war es ein kaltes Reich, denn der
Ofen, der darin stand, wurde nie geheizt, aber die Schwestern wussten
sich zu helfen. Sie lernten am liebsten aus einem Buch, dabei rueckten
sie ihre Stuehle dicht zusammen, wickelten einen grossen alten Schal um
sich und waermten sich aneinander. Nur mit der Beleuchtung hatte es seine
Schwierigkeit. Eine eigene Lampe wurde nicht gestattet, es waere ihnen
auch nicht in den Sinn gekommen, einen solchen Anspruch zu machen. Aber
im Vorplatz auf dem Schraenkchen stand eine Ganglampe. Sie musste immer
brennen wegen der Stundenschueler, die den langen Gang hinunter gehen
mussten bis zu dem Eckzimmer, in dem Herr Pfaeffling seine Stunden gab.
Hatte aber ein Schueler den Weg gefunden und hinter sich die Tuere des
Musikzimmers geschlossen, so konnten die Maedchen wohl auf eine Stunde
die Ganglampe rauben. Dann war es freilich stockfinster im Vorplatz und
manchmal stolperte eines der Geschwister, wenn es ueber den Gang ging und
begehrte ein wenig auf, aber das nahmen die Schwestern kuehl. Schlimmer
war's, wenn sie etwa ueberhoerten, dass die Musikstunde vorbei war und die
Schueler im Finstern tappen mussten. Dann erschraken sie sehr, stuerzten
eilig hinaus, um zum Schluss noch zu leuchten, entschuldigten sich und
waren froh, wenn der Vater es nicht bemerkt hatte.


Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17