Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper
Nun berichteten die Kinder von mancherlei Schulereignissen, ein Lehrer
war krank, eine Lehrerin gesund geworden, ein Schueler war neu
eingetreten, ein anderer ausgetreten. Herr Pfaeffling hatte nur mit
halber Aufmerksamkeit zugehoert, jetzt aber traf ein Name an sein Ohr,
der ihn aus seinen Gedanken weckte: "Was hast du eben von Rudolf Meier
erzaehlt?" fragte er Otto.
"Er ist aus dem Gymnasium ausgetreten."
"Hast du nichts naeheres darueber gehoert?"
"Sie sagen, er sei fortgekommen von hier, ich glaube zu Verwandten, ich
weiss nicht mehr."
Herr und Frau Pfaeffling wechselten Blicke, die nur Karl verstand.
Gesprochen wurde nichts darueber, Herr Pfaeffling sollte aber bald naeheres
erfahren.
Er machte sich an diesem Nachmittag auf den Weg nach dem Zentralhotel,
im neuen Jahr die erste Musikstunde dort zu geben. Es war bitter kalt,
und selbst die russische Familie klagte ueber den kalten deutschen
Winter.
"Sie muessen von Russland doch noch an ganz andere Kaelte gewoehnt sein?"
meinte Herr Pfaeffling.
"Ja, aber dort friert man nicht so, da weiss man sich besser zu schuetzen.
Alle Fahrgelegenheiten sind heizbar, alles ist mit Pelzen belegt und Sie
sehen auch jedermann in Pelze gehuellt auf der Strasse. Warum tragen Sie
keinen Pelz bei solcher Kaelte?" fragte die Generalin, indem sie einen
Blick auf Herrn Pfaefflings Kleidung warf. Ihm war der Gedanke an einen
Pelzrock noch nie gekommen. "Da gibt es noch vieles, vieles Noetigere
anzuschaffen, ehe ein Pelzrock fuer mich an die Reihe kaeme," sagte er,
"ich kann uebrigens sehr rasch gehen und werde warm vom Lauf, meine Haende
sind nicht steif, wir koennen gleich spielen."
Am Schluss der Stunde erzaehlten die jungen Herren von dem Ball im Hotel.
"Es war sehr huebsch," sagten sie, "wir durften auch tanzen, der Sohn des
Besitzers, der viel juenger ist als wir, hat auch getanzt. Er ist
uebrigens jetzt nicht mehr hier."
"Ja," sagte der General, "der Hotelier ist einsichtsvoller, als ich
gedacht haette. Er sagte zu mir: 'Hier in diesem Hotelleben arbeitet der
Junge nicht, er kommandiert nur. Er soll fort von hier, in ein richtiges
Familienleben hinein.'"
Herr Pfaeffling erkannte diese Worte als seine eigenen. "Der Mann hat
recht," fuhr der General fort, "wenn die Verhaeltnisse im Haus unguenstig
sind, ist es besser, ein Kind wegzugeben, und wenn sie im ganzen Land
unguenstig sind, so wie bei uns in Russland, so ist es wohl auch besser,
die Kinder in einem andern _Land_ aufwachsen zu lassen. In Russland haben
wir ganz traurige Zustaende, die jungen Leute, die dort aufwachsen, sehen
nichts als Verderbnis ueberall, Unredlichkeit und Bestechung sogar schon
in den Schulen. Unsere eigenen Soehne haben von dieser verdorbenen Luft
schon mehr eingeatmet, als ihnen gut war. Meine Frau und ich haben uns
entschlossen, sie in einer deutschen Erziehungsanstalt zurueckzulassen,
wenn wir nach Russland zurueckkehren, was wohl in der naechsten Zeit sein
muss. Wir stehen gegenwaertig ueber diese Angelegenheit in Briefwechsel mit
einer Berliner Anstalt."
Noch nie hatte der General so eingehend und offen mit dem Musiklehrer
gesprochen. Die Generalin sah ernst und sorgenvoll aus, die Soehne
standen beiseite mit niedergeschlagenen Augen. Herr Pfaeffling fuehlte,
dass diese reichen, hochgebildeten und begabten Leute auch ihren
schweren, heimlichen Kummer zu tragen hatten, und er sagte mit warmer
Teilnahme: "Jeder einzelne leidet mit, wenn sein Vaterland so schlimme
Zeiten durchmacht, wie das Ihrige. Moechte das neue Jahr fuer Russland
bessere Zustaende bringen!"
Als Herr Pfaeffling kurz darauf die Treppe herunter ging, traf er
unvermutet mit Herrn Rudolf Meier sen. zusammen, der heraufkam. Einen
Augenblick zoegerten beide. Sie hatten _ein_ gemeinsames Interesse, ueber
das zu sprechen ihnen nahelag. Aber an Herrn Meier waere es gewesen, die
Sprache darauf zu bringen, wenn er nicht mehr zuernte. Er tat es nicht.
Mit dem hoeflichen aber kuehlen Gruss des Gastwirts ging er vorueber,
gewohnheitsmaessig die Worte sprechend: "Sehr kalt heute!"
"Ja, 20 Grad," entgegnete Herr Pfaeffling, und dann gingen sie
auseinander.
Daheim angekommen, hoerte Herr Pfaeffling Frieders Violine. Wie der kleine
Kerl sie schon zu streichen verstand! Ob er wohl einmal ein Kuenstler,
ein echter, wahrer, gottbegnadeter Kuenstler wuerde? Aber wie war denn
das? Hatte Frieder nicht schon gespielt, lange, ehe sein Vater sich auf
den Weg zum Zentralhotel gemacht hatte? Spielte er wohl seitdem
ununterbrochen? Er ging dem Geigenspiel nach. Aus der Kueche erklang es.
Neben Walburg, die da buegelte, stand der eifrige, kleine Musiker, ein
herzgewinnender Anblick. Aber Herr Pfaeffling liess sich dadurch nicht
bestechen. "Frieder, wie lange hast du schon gespielt?" fragte er.
"Nicht lange, Vater."
"Nicht immerfort, seitdem du aus meinem Zimmer die Geige geholt hast?
Sage mir das genau?"
"Immerfort seitdem," antwortete Frieder und fuegte etwas unsicher hinzu:
"Aber das ist doch noch nicht lang her?"
"Das ist ueber zwei Stunden her, Frieder, und hast du nicht auch schon
heute nach Tisch gespielt? Und sind deine Schulaufgaben gemacht? Ei,
Frieder, da stehst du und kannst nicht antworten! Nimm dich in acht,
sonst kommst du noch ganz um die Geige! Gib sie her, in _der_ Woche
bekommst du sie nimmer!" Herr Pfaeffling streckte die Hand aus nach der
Violine. Der Kleine hielt sie fest. Der Vater sah das mit Erstaunen.
Konnte Frieder widerstreben? Hatte je eines der Kinder sich seinem
Befehl widersetzt? Aber nein, es war nur _ein_ Augenblick gewesen, dann
reichte er schuldbewusst die geliebte Violine dem Vater hin und ergab
sich.
Herr Pfaeffling ging hinaus mit dem Instrument. Walburg hatte nicht
verstanden, was gesprochen worden war, aber gesehen hatte sie und sie
sah auch jetzt, wie sich langsam ihres Lieblings Augen mit dicken Traenen
fuellten. Sie stellte ihr Buegeleisen ab, zog den Kleinen an sich und
fragte: "Darfst du denn nicht spielen?"
"Nicht laenger als zwei Stunden im Tag," rief Frieder in klaeglichem Ton.
"Sei nur zufrieden," troestete sie ihn, "ich sehe dir jetzt immer auf die
Uhr." Frieder zog traurig ab; jede Stunde sehnte er sich nach seiner
Violine, und nun war sie ihm fuer eine ganze Woche genommen!
Aber auch Herr Pfaeffling war nicht in seiner gewohnten froehlichen
Stimmung. Ihm war es leid, dass der Unterricht in der russischen Familie
zu Ende gehen sollte, eine grosse Freude und eine bedeutende Einnahme
fiel damit fuer ihn weg, und dazu kam nun, dass er auf dem Tisch im
Musikzimmer eine Neujahrsrechnung vorfand, die, nachdem er sie geoeffnet
und einen Blick auf die Summe geworfen hatte, ihn hinuebertrieb in das
Familienzimmer zu seiner Frau.
"Caecilie," rief er schon unter der Tuere, und als er die Kinder allein
fand, fragte er ungeduldig:
"Wo ist denn die Mutter schon wieder?"
"Sie ist draussen und buegelt."
"So ruft sie herein, schnell, Marianne!"
Die Maedchen gingen eiligst hinaus: "Mutter, der Vater fragt nach dir."
Frau Pfaeffling buegelte eben einen Kragen. "Sagt nur dem Vater, ich komme
gleich; ich muss nur den Kragen erst steif haben."
"Wir wollen lieber erst mit dir hineingehen," sagten die Schwestern und
in diesem Augenblick ertoente ein lautes "Caecilie".
Daraufhin wurde der halb gebuegelte Kragen im Stich gelassen. Frau
Pfaeffling kam in das Zimmer und sah ihren Mann mit einer Rechnung in der
Hand. "Ist denn das nicht eine ganz unnoetige Komoedie mit der ewigen
Buegelei," fragte Herr Pfaeffling, "die Kinder waeren doch ebenso
gluecklich in ungebuegelten Hemden!" Auf diese gereizte Frage
antwortete Frau Pfaeffling bloss wieder mit einer Frage: "Ist das
die Doktorsrechnung? Sie kann doch nicht sehr hoch sein?"
"Sechzig Mark! Haettest du das fuer moeglich gehalten?"
"Unmoeglich! Sechzig Mark? Zeige doch nur! Die kleine Ohrenoperation von
Anne im vorigen Sommer fuenfzig Mark?!" Bei diesem Ausruf sahen alle
Geschwister auf Anne, und diese fing bitterlich an zu weinen. Die Traenen
besaenftigten aber den Vater. Er ging zu der Schluchzenden. "Sei still,
du armer Wurm," sagte er, "du kannst nichts dafuer. Hast so viel
Schmerzen aushalten muessen, und das soll noch so viel Geld kosten! Aber
sei nur getrost, geholfen hat dir der Arzt doch, und wir wollen froh
sein, dass du nicht so taub geworden bist wie Walburg. Hoerst du jetzt
wieder ganz gut, auch in der Schule?"
"Ja," schluchzte das Kind.
"Nun also, sei nur zufrieden, das Geld bringt man schon auf, man hat ja
noch das Honorar zu erwarten fuer die Russenstunden und andere
Rechnungen, als die vom Arzt, stehen nicht aus; nicht wahr, Caecilie, es
ist doch immer alles gleich bezahlt worden?"
"Freilich," entgegnete sie, "aber ich kann es gar nicht fassen, dass
diese Ohrenbehandlung foermlich als Operation aufgefuehrt und angerechnet
wird. Ich war damals nicht dabei, Marianne ist immer ohne mich beim Arzt
gewesen und so schlimm haben sie es nie geschildert." Da sahen sich die
Schwestern ernsthaft an und sagten: "Ja, einmal war's schlimm!"
Als Frau Pfaeffling nach einer Weile wieder beim Buegeln stand, war ihr
der Kummer ueber die sechzig Mark noch anzusehen, waehrend Herr Pfaeffling
schon wieder guten Muts in sein Musikzimmer zurueckkehrte und sich sagte:
"Es ist doch viel, wenn man es dahin bringt, dass die Doktorsrechnung die
einzige an Neujahr ist."
Sie war aber doch nicht die einzige. Keine halbe Stunde war vergangen,
als wieder so ein Stadtbrief an des Vaters Adresse abgegeben wurde, und
die Kinder, die denselben in Empfang genommen hatten, fluesterten
bedenklich untereinander: "Es wird doch nicht wieder eine Rechnung
sein?" Sie riefen Elschen herbei: "Trage du dem Vater den Brief
hinueber." Das Kind uebernahm arglos den Auftrag und blieb, an den Vater
geschmiegt, zutraulich plaudernd bei ihm stehen. Er riss hastig den
Umschlag auf, eine Rechnung fiel ihm entgegen. Vom Buchhaendler war sie
und lautete nur auf vier Mark, fuer eine Grammatik, aber sie empoerte
Herrn Pfaeffling fast mehr als die grosse Rechnung. "Wenn die Buben das
anfangen, dass sie auf Rechnung etwas holen, dann hoert ja jegliche
Ordnung und Sicherheit auf," sagte er, indem er das Blatt auf den Tisch
warf und in der Stube hin und her lief: "Else, hole mir die drei Grossen
herueber," sagte er, "aber schnell." Die Kleine ging mit besorgter Miene,
suchte Karl, Wilhelm und Otto auf und kam dann zur Mutter an den
Buegeltisch. "Es ist wieder etwas passiert mit einer Rechnung," sagte
sie, "und die Grossen muessen alle zum Vater hinein. Sie sind gar nicht
gern hinuebergegangen," fuegte sie bedenklich hinzu. "Es geschieht ihnen
nichts, wenn sie nicht unartig waren," sagte die Mutter, aber nebenbei
wischte sie sich doch den Schweiss von der Stirne, trotz der zwanzig Grad
Kaelte draussen und sagte zu Walburg: "Wieviel Kragen haben wir denn noch
zu buegeln, heute nimmt es ja gar kein Ende!" und Walburg entgegnete: "Es
sind immer noch viele da." Frau Pfaeffling buegelte weiter, sah muede aus
und sagte sich im stillen: "Eine Wohltat muesste es freilich sein, wenn
man einmal ein paar Wochen ausgespannt wuerde!"
Inzwischen hatte Herr Pfaeffling ein Verhoer mit seinen Soehnen angestellt,
und Otto hatte gestanden, dass er bei Beginn des Schuljahrs die Grammatik
geholt hatte. Er suchte sich zu rechtfertigen: "Ich haette gerne die alte
Ausgabe benuetzt," sagte er, "aber als sie der Professor nur sah, war er
schon aergerlich und sagte: 'Die kenne ich, die habe ich schon bei deinem
aeltesten Bruder beanstandet, und er hat sie doch immer wieder gebracht,
dann hat mich dein Bruder Wilhelm das ganze Schuljahr hindurch
vertroestet, er bekomme bald eine neue Auflage, und es ist doch nie wahr
geworden, aber zum drittenmal lasse ich mich nicht anschwindeln. Die
alte Auflage muss wohl noch von deinem Grossvater stammen?' So hat der
Professor zu mir gesprochen, was habe ich da machen koennen?"
"Mir haettest du das gleich sagen sollen, dann waere sie bezahlt worden."
"Du hast damals gar nichts davon hoeren wollen," sagte Otto klaeglich.
"Dann haettest du es der Mutter sagen sollen."
"Die Mutter schickt uns immer zu dir."
"Ach was," entgegnet Herr Pfaeffling ungeduldig, "du bist ein Streiter;
wie du es haettest machen sollen, kann ich nicht sagen, jedenfalls nicht
so. Denkt nur, wohin das fuehren wuerde, wenn ihr alle sieben auf Rechnung
nehmen wuerdet. Wenn man so knapp daran ist wie wir, dann kann man
durchaus keine Neujahrsrechnungen brauchen, die Mutter und ich bringen
es immer zustande ohne solche, und ihr muesst es auch lernen. Darum zahle
du nur selbst die vier Mark. Du hast ja an Weihnachten Geld geschickt
bekommen?"
"Ich habe keine drei Mark mehr."
"Dann helfen die Brueder. Ihr habt es doch wohl gewusst, dass Otto die
Grammatik geholt hat? Also, dann koennt ihr auch zahlen helfen. Jeder
eine Mark, oder meinetwegen eine halbe, und die vierte Mark will ich
darauflegen. Aber springt nur gleich zum Buchhaendler, zahlt und bringt
mir die Quittung, und am naechsten Neujahr kommt keine Rechnung mehr,
Kinder, nicht wahr?" Sie versprachen es, nahmen des Vaters Beitrag
dankbar entgegen und waren froh, dass die Sache gnaedig abgelaufen war.
Das Geld wurde zusammengesucht, Otto wollte es gleich zum Buchhaendler
tragen. Als er hinunterkam, hielt eben vor der Haustuere eine Droschke,
eine kleine Dame stieg aus, hinter Pelzwerk und Schleier hervor sah
Fraeulein Vernageldings Lockenkoepfchen. Sie kam zur Stunde. "Armer Vater,
auch das noch!" musste Otto denken. Aber das Fraeulein sprach ihn
freundlich an: "Es ist zu kalt heute, um zu Fuss zu gehen, wollen Sie
nicht auch fahren? Da waere eben eine Droschke frei!"
"Danke, nein, ich gehe zu Fuss," entgegnete Otto, lief davon und lachte
vor sich hin ueber den Einfall, dass er zum Buchhaendler fahren sollte.
Aber das Lachen verging ihm bald, es lacht niemand auf der Strasse bei
zwanzig Grad Kaelte!
10. Kapitel
Ein Kuenstlerkonzert.
Der Vorabend des Konzertes war gekommen, die ganze Stadt sprach von dem
bevorstehenden seltenen Kunstgenuss. Die schon frueher Gelegenheit gehabt
hatten, die Kuenstler zu hoeren, stritten darueber, ob die entzueckende
Stimme der Saengerin, die meisterhaften Leitungen des Klavierspielers die
Menschen von nah und fern herbei lockten oder ob das kleine musikalische
Wunderkind einen solchen Reiz ausuebte.
Im Zentralhotel waren Zimmer bestellt fuer die Kuenstlerfamilie und ihre
Begleitung. Herr Pfaeffling wusste das nicht, als er dem Hotel zuging, um
seine letzte Stunde bei der russischen Familie zu geben. Noch einmal
musizierten sie zusammen, weit ueber die festgesetzte Zeit hinaus, dann
nahm Herr Pfaeffling Abschied. Der General und seine Gemahlin schienen
ihm ernst und traurig. Schwer lag auf ihnen der Gedanke, sich von den
Soehnen trennen zu sollen. Auf der Durchreise wollten sie die beiden
jungen Leute in Berlin zuruecklassen. Schwer bedrueckte sie auch der
jammervolle Zustand des Vaterlandes, in das sie zurueckkehren mussten.
Unordnung herrschte im ganzen russischen Reich.
Bei diesem letzten Zusammensein schwand jede Schranke, welche durch den
grossen Abstand der aeusseren Stellung und Lebensverhaeltnisse zwischen den
beiden Maennern etwa noch bestanden hatte; in offener Mitteilsamkeit und
warmer Teilnahme fanden und trennten sie sich.
"Unsere Soehne werden morgen noch zu Ihnen kommen," sagte der General,
"um sich bei Ihnen zu verabschieden und auch unseren Dank zu
ueberbringen. Uebermorgen werden wir reisen. Das Konzert wollen wir noch
anhoeren, vielleicht sehen wir uns im Saal!"
Vom General und seiner Gemahlin freundlich bis zur Treppe geleitet,
verabschiedete sich Herr Pfaeffling. Auf der Treppe musste er Platz
machen. Ein praechtiger Blumenkorb wurde eben herauf getragen. Er war fuer
das Empfangszimmer des Kuenstlerpaares bestimmt. Eine gewisse Unruhe und
Erregung herrschte in dem ganzen Hotel. Um so mehr war Herr Pfaeffling
verwundert, als ihn der Hotelbesitzer auf der Treppe einholte und ruhig
anredete. "Haben Sie vielleicht einen Augenblick Zeit, mit mir hier
herein zu kommen?" fragte er, die Tuere eines Zimmers aufmachend. "Ich
wohl," sagte Herr Pfaeffling, "aber Sie sind heute wieder vollauf in
Anspruch genommen?"
"Allerdings, und man sollte meinen, ich haette keinen anderen Gedanken
als meine Gaeste, aber auch uns Geschaeftsleuten steht das eigene Fleisch
und Blut doch am naechsten. Mir klingt heute in aller Unruhe immer nach,
was mir mein Sohn diesen Morgen geschrieben hat. Sie wissen es
vielleicht, dass er seit Weihnachten bei meiner verheirateten Schwester
ist. Sie, Herr Pfaeffling, haben mir ja damals, als ich blind war, den
Star gestochen. Es war eine schmerzhafte, aber erfolgreiche Operation."
"Wenn sie erfolgreich war, so freut mich das herzlich, denn ich bin mir
sehr bewusst, dass ich sie mit plumper, ungeschickter Hand vorgenommen
habe. Was schreibt Ihr Sohn?"
"Anfangs wollte er sich nicht recht in das einfache Familienleben
finden, aber nun sollten Sie hoeren, wie er begeistert schreibt ueber
seine Tante, obwohl diese ihn fest fuehrt, wie wichtig es ihm ist, ob er
ihr zum Quartalsabschluss ein gutes Zeugnis bringen wird und wiederum,
wie vergnuegt er die Schlittenfahrten, die Spiele mit den Kindern
schildert." Herr Meier warf einen Blick in den Brief, den er ans seiner
Tasche zog, und schien Lust zu haben, ihn vorzulesen, aber er steckte
ihn rasch wieder ein, da ein Bursche eintrat und ihm eine ganze Anzahl
Telegramme ueberreichte, die eben eingetroffen waren.
"Ich will Sie nicht laenger aufhalten," sagte Herr Pfaeffling. "Ihre
Telegramme beunruhigen mich, auch hoere ich unten immerfort das
Telephon."
"Fuer dieses sorgt der Portier, und die Telegramme enthalten vermutlich
alle nur Zimmerbestellungen. Viele Fremde moechten da absteigen, wo sie
wissen, dass die Kuenstler ihr Absteigequartier genommen haben, besonders
auch die Berichterstatter fuer die Zeitungen, diese hoffen im gleichen
Hause etwas mehr zu hoeren und zu sehen von den Kuenstlern, als was sich
im Konzertsaal abspielt."
Herr Meier hatte einen Blick in die Telegramme getan: "Nur
Zimmerbestellungen," sagte er, "es ist aber schon alles bei mir besetzt
oder vorausbestellt. Ich muss fuer Aufnahme in anderen Haeusern sorgen. Mir
ist es lieb, zu denken, dass Rudolf fern von dem allem an seiner Arbeit
oder auch beim Kinderspiel sitzt. Ich werde Ihnen immer dankbar sein fuer
Ihren Rat, Herr Pfaeffling."
Die beiden Maenner trennten sich und als Herr Pfaeffling das Zentralhotel
verliess, dessen schoene Freitreppe er nun vielleicht zum letztenmal
ueberschritten hatte, wandte er sich unwillkuerlich und warf noch einmal
einen Blick auf diesen Ort des Luxus und des Wohllebens zurueck. Wie
wenig Unterschied war doch im Grund bei aller aeusseren Verschiedenheit
zwischen dem, was hier und was im einfachen Hause die Herzen bewegte.
Der russische General, der reiche Geschaeftsmann und er, der schlichte
Musiklehrer, schliesslich hatten sie alle das gleiche Herzensanliegen.
Geld und Gut allein befriedigte keinen, um ihre _Kinder_ sorgten sie
sich, tuechtige Soehne wollten sie alle, und das konnte ein armer
Musiklehrer so gut oder leichter haben als die Reichen.
Am folgenden Morgen erschienen die beiden jungen Russen in der
Fruehlingsstrasse, um ihren Abschiedsbesuch zu machen. Herr Pfaeffling war
in der Musikschule, seine Frau empfing mit Freundlichkeit diese beiden
Schueler, die ihrem Lehrer seine Aufgabe immer leicht gemacht hatten. Die
jungen Leute drueckten sich nun schon gewandt in der deutschen Sprache
aus, baten Frau Pfaeffling, ihren Dank zu vermitteln und teilten ihr mit,
dass die Eltern ihre Abreise noch um einige Tage verschoben haetten,
selbst noch einen Gruss schreiben und diesem das Honorar fuer die Stunden
beilegen wollten.
Unser Musiklehrer haette sie noch in der Fruehlingsstrasse treffen muessen,
wenn er zur gewohnten Zeit heim gekommen waere. Aber es hatte heute in
der Musikschule nach Schluss des Unterrichts eine sehr erregte
Besprechung zwischen den Lehrern der Anstalt gegeben, und Herr Pfaeffling
kam spaeter als sonst und nicht mit seiner gewohnten froehlichen Miene
heim. Heute war er nicht, wie gestern, der Ansicht, dass reich oder arm
nicht viel zum Glueck des Menschen ausmache! Der Direktor hatte
mitgeteilt, dass zu dem abendlichen Konzert nur eine einzige Freikarte,
auf seinen Namen lautend, fuer die Lehrer der Musikschule abgegeben
worden sei. Darueber herrschte grosse Entruestung unter den Kollegen.
Manche konnten sich ja auf eigene Kosten noch Plaetze verschaffen, fuer
Herrn Pfaeffling war solch eine Ausgabe ausgeschlossen. Seine Frau machte
einen schwachen Versuch, ihn doch dazu zu ueberreden. "Nein," sagte er,
"ich saesse nur mit schlechtem Gewissen in dem Saal, habe ich doch noch
nicht einmal die 60 Mark beisammen fuer den Arzt! Wenn die Russen heute
das Geld geschickt haetten, das haette mich vielleicht verfuehrt. Die Leute
sind auch so gedankenlos, sie tun, wie wenn unser einem das ganz gleich
waere, ob man auf das Stundenhonorar wochenlang warten muss oder nicht!
Und die Kuenstler! Wie leicht haetten sie noch eine Freikarte mehr
schicken koennen! Weisst du, dass Fraeulein Vernagelding mit ihrer Mutter
in das Konzert gehen wird? Ich habe bisher nicht gedacht, dass ich neidisch
bin, aber: ich glaube wirklich, in diesem Fall bin ich es! Denke dir,
das junge Gaenschen, das nicht hoert, was recht und was falsch klingt,
soll diesen Kunstgenuss haben, und unsereines bleibt ausgeschlossen. Und
warum geht sie hin? Weil Mama sagt: Bei solch hohem Eintrittspreis sei
man sicher, nur die vornehmste Gesellschaft zu treffen! Und da soll man
nicht bitter werden!"
"Bitter?" wiederholte Frau Pfaeffling, "du und bitter? Das ist gar nicht
zusammen zu denken."
Sie waren allein miteinander im Musikzimmer.
Frau Pfaeffling sprach noch manches gute, beruhigende Wort, so lange bis
Elschen als schuechterner Bote eintrat und fragte, wann denn heute zu
Mittag gegessen wuerde? Mit dem schlechten Gewissen einer saeumigen
Hausfrau folgte die Mutter augenblicklich der Mahnung. Herr Pfaeffling
sah ihr nach; von Erbitterung war nichts mehr auf seinen Zuegen zu lesen,
aber er sagte vor sich hin: "Das gibt eine oede Zeit, wenn sie fuer vier
Wochen verreist, ich wollte, es waere schon ueberstanden."
Im Zentralhotel herrschte an diesem Tag Leben und Bewegung. Alle Zimmer
waren besetzt, Kunstverstaendige waren von nah und fern herbei geeilt,
alte Bekannte, neue Groessen suchten das Kuenstlerpaar auf und das
Kuenstlerkind wurde liebkost, mit Bonbons ueberschuettet, aber dennoch
langweilte es sich heute und war verstimmt. Dem Fraeulein, das fuer den
kleinen Kuenstler zu sorgen hatte und ihn an Konzerttagen bei guter Laune
erhalten sollte, wollte es heute nicht gelingen.
Am Nachmittag liess die junge Mutter Herrn Meier zu sich bitten. Viele
Fremde der Stadt haetten ihn wohl beneidet um diese Audienz bei der
Kuenstlerin, um die Gelegenheit, die auch beim Sprechen so liebliche
Stimme der Saengerin zu hoeren und ihre anmutige Erscheinung zu sehen.
"Ich bin in Verzweiflung," sagte sie, "unser Edmund ist heute gar nicht
in Stimmung, und es wird mir so bang vor dem Abend. Denken Sie nur, wenn
das Kind sich weigern sollte, zu spielen, wenn es versagen wuerde in dem
Augenblick, wo alle auf ihn blicken? Er war noch nie so verstimmt, sein
Fraeulein ist selbst ganz nervoes von der Anstrengung, ihn aufzuheitern.
Nun moechte ich Sie bitten, dass Sie mir ein paar muntere Kinder
verschaffen, Knaben oder Maedchen, die mit ihm spielen und ihn
zerstreuen, bis es Zeit wird, ihn anzukleiden. Bitte, bitte, sorgen Sie
mir dafuer, nicht wahr, und so bald wie moeglich. Auch etwas Spielzeug
wird zu bekommen sein, aber vor allem lustige Kameraden!"
"Ich werde dafuer sorgen, gnaedige Frau," versicherte Herr Meier, und
verliess das Zimmer. Die Wuensche der Gaeste mussten befriedigt werden, das
stand ein fuer allemale fest bei dem Besitzer des Zentralhotels. Also
auch dieser Wunsch. "Wo bringe ich schnell muntere Kinder her?" fragte
er sich und dachte an seinen Sohn Rudolf. In solchen Faellen hatte dieser
ihm oft Rat gewusst, er kannte so viele Menschen. Ja, manchmal war Rudolf
doch tatsaechlich nuetzlich gewesen. Bei diesem Gedankengang sah Herr
Meier wieder den Musiklehrer vor sich, und nun kam ihm in Erinnerung:
Dieser Mann sollte ja Kinder haben in jedem Alter und munter, lebhaft,
temperamentvoll mussten die Kinder _dieses_ Mannes sicherlich sein. Er
ging zum Portier: "Schicken Sie sofort eine Droschke zu Musiklehrer
Pfaeffling in die Fruehlingsstrasse. Lassen Sie ausrichten, der kleine
Kuenstler habe Langeweile und ich liesse Herrn Pfaeffling freundlich
bitten, mir sofort zwei oder drei seiner Kinder, Knaben oder Maedchen,
zur Unterhaltung des Jungen zu schicken. Auch Spielzeug dazu, aber
rasch!"
So fuhr denn mitten am Nachmittag ein Wagen in der Fruehlingsstrasse vor,
und der Kutscher richtete aus: "Herr Meier vom Zentralhotel lasse bitten
um zwei bis drei Stueck Kinder, Buben oder Maedel, das sei egal, sie
sollten dem kleinen Kuenstler die Zeit vertreiben, weil er gar so zuwider
sei."