Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper
Diese Einladung erregte Heiterkeit bei den Eltern Pfaeffling, und sie
waren gleich bereit, die Bitte zu erfuellen. Wer passte am besten dazu?
Marianne war nicht zu Hause, Karl schon zu erwachsen, so konnten nur
Wilhelm und Otto, Frieder und Elschen in Betracht kommen. Otto erklaerte,
er geniere sich. Wilhelm konnte das nicht begreifen. "Wie kann man sich
genieren, wenn man mit einem kleinen Buben spielen soll? Dem wollte ich
Purzelbaeume vormachen und Spass mit ihm treiben, dass er kreuzfidel
wuerde!"
"Gut," sagte Herr Pfaeffling, "wenn es dir so leicht erscheint, wirst du
es auch zustande bringen. Und Frieder?"
"Der ist zu still," sagte die Mutter, "eher wuerde ich zu Elschen raten.
Wo ist sie denn? Ein Kuenstlerkind hat vielleicht Freude an dem
niedlichen Gestaeltchen."
"Meinst du?" sagte Herr Pfaeffling zweifelnd, "ist sie nicht zu
schuechtern? Wir wollen sie fragen."
Sie suchten nach dem Kind. Elschen stand allein im kalten Schlafzimmer,
hatte in ihr eigenes Bett die Puppe gelegt, und als nun die Eltern und
Brueder unvermutet herein kamen, hob sie abwehrend die Hand und sagte
bittend: "Leise, leise, mein Kind ist krank!" Sie war herzig anzusehen.
Frau Pfaeffling beugte sich zu ihr und sagte: "Ein wirkliches, lebendiges
Kind verlangt jetzt nach dir, Elschen. Der kleine Violinspieler, von dem
wir dir erzaehlt haben, ist so traurig, weil er kein Kind in der Stadt
kennt. Willst du zu ihm und mit ihm spielen?"
"Freilich," sagte Elschen mitleidig, "mein Kind schlaeft jetzt, da kann
ich schon fort."
Schnell waren die beiden Geschwister gerichtet, auch einiges Spielzeug
herbeigesucht und nun fuhren sie in der geschlossenen Droschke durch die
ganze Stadt, voll Freude ueber das unverhoffte Vergnuegen.
Der Hotelbesitzer trat selbst herzu, als der Wagen vorfuhr, etwas bange,
ob entsprechendes herauskommen wuerde. Er oeffnete den Schlag. Der Anblick
von Elschens lieblichem kleinem Persoenchen erfreute ihn. Behutsam hob er
sie aus dem Wagen, stellte sie auf die Freitreppe und sagte sich: "Das
entspricht, wird sicherlich Beifall finden." Inzwischen war Wilhelm mit
Behendigkeit aus der Droschke gesprungen, hatte das Spielzeug zusammen
gerafft und war schon unter der grossen Haustuere. Laechelnd sah ihn Herr
Meier an. "Ganz wie sein Vater, langbeinig, hager und flink," dachte er
und sagte befriedigt: "Nun kommt mir, Kinder, ich will euch selbst
einfuehren. Edmund heisst der Kleine. Er ist ein wenig muede von der Reise,
aber wenn ihr mit ihm spielt, wird er schon lustig. Vom Konzert und von
Musik muesst ihr nicht mit ihm reden, das mag er nicht, er will nur
spielen, er ist ganz wie andere Kinder auch."
Oben am Zimmer angekommen, klopften sie an und horchten auf das
"Herein", statt dessen hoerten sie die Stimme eines Fraeuleins. "Aber
Edmund, wer wird denn die Fensterscheiben ablecken?" "Was soll ich denn
sonst tun?" hoerte man eine weinerliche Kinderstimme entgegnen. Da lachte
Wilhelm und sagte zu seinem Begleiter: "Der muss freilich arg Langeweile
haben! Ich will lieber gleich mit einem Purzelbaum herein kommen." Herr
Meier wusste nicht recht, ob er das gut heissen sollte, aber er hatte
inzwischen noch einmal angeklopft, das "herein" war erfolgt und durch
die geoeffnete Tuere kam Wilhelm auf dem Kopf herein und einen Purzelbaum
nach dem andern schlagend, auf weichen Teppichen, die dazu sehr
einladend waren, bis zu dem Kleinen am Fenster, der nun laut auflachte
und sagte: "Wie macht man denn das?"
Das Fraeulein atmete erleichtert auf bei dieser willkommenen Abloesung in
ihrer Aufgabe, das Kind zu unterhalten. Die Saengerin, die aus dem
nebenan liegenden Zimmer unter die Tuere getreten war, laechelte
freundlich und dankbar Herrn Meier zu, der sich sofort befriedigt
entfernte, und kam Elschen entgegen, die auf sie zuging. Das Kind hatte
ein Gefuehl dafuer, dass die Art, wie ihr Bruder sich einfuehrte,
ungewoehnlich und vielleicht nicht passend war, und in der muetterlichen
Art, die sie von ihrer aelteren Schwester ueberkommen hatte, sagte sie zu
der jungen Frau: "Wilhelm kommt gewoehnlich nicht mit Purzelbaeumen
herein, bloss heute, weil er lustig sein will."
"Ein suesses Kind," sagte die junge Mutter zu dem Fraeulein. "nun ist
Edmund versorgt und wir koennen ein wenig ausruhen. Lassen Sie die Kinder
nur ganz gewaehren, solange sie nicht gar zu wild werden." Das Fraeulein
schien dieser Aufforderung sehr gern nachzukommen, zog sich mit einem
Buch zurueck und die Kinder blieben sich selbst ueberlassen.
Die Freundschaft war bald geschlossen. Der kleine Kuenstler hatte etwas
sehr Gewinnendes in seinem Wesen und ein anmutiges Aeusseres. Weiche,
blonde Locken umgaben das feine Gesicht, alles an ihm war schoen und
wohlgepflegt. Das ansprechendste waren seine grossen, tiefblauen Augen,
die mit ihrem traeumerischen Ausdruck ahnen liessen, dass diese Kinderseele
mehr als andere empfand. Waehrend er mit den Kindern spielte, sah auch er
kindlich-froehlich aus, sobald er aber still war, lag ein ungewoehnlicher
Ernst und eine Fruehreife in seinem Gesicht, die ihn viel aelter
erscheinen liessen.
Eine gute Weile belustigte er sich an Wilhelms Spaessen und ergoetzte sich
mit diesem, waehrend Elschen zusah. Nun wandte er sich an sie. "Mit dir
moechte ich gerne tanzen," sagte er, "kannst du tanzen?"
"Ja," sagte die Kleine zuversichtlich.
"Was willst du tanzen?"
"Was du willst," antwortete sie freundlich, zum Erstaunen ihres Bruders,
der von der Tanzkunst seiner Schwester bisher noch nichts gewusst hatte.
"Also Walzer," entschied der kleine Kavalier und wollte sein Daemchen zum
Tanz fuehren.
"Warte ein wenig," sagte Elschen, "Wilhelm muss mir das erst vormachen."
Dieser hatte zwar noch nie getanzt, aber ihm machte das keine Bedenken,
fuer so kleine Taenzer traute er sich dennoch zu, den Tanzmeister zu
machen.
"Bei Walzer zaehlt man drei," sagte er zur Schwester, "ich will dir einen
Walzer vorpfeifen."
Und er fing an, die Melodie zu pfeifen, den Takt dazu zu schlagen und
sich im Kreis zu drehen. Das Fraeulein, im Hintergrund, verbarg hinter
ihrem Buch das Lachen, das sie bei diesem Tanzunterricht schuettelte.
Edmund fuhr die Tanzlust in die Fuesse, er ergriff seine kleine Taenzerin.
Sie waere ja keine Pfaeffling gewesen, wenn sie den Rhythmus nicht erfasst
haette; niedlich tanzte das kleine Paar hinter dem pfeifenden, mit den
Fingern schnalzenden und sich drehenden Wilhelm einher. Das Fraeulein
rief unbemerkt die Mutter des Kleinen herbei, auch der Vater trat unter
die Tuere, sie sahen belustigt zu. "Eine solche Nummer sollten wir in
unserem Programm heute Abend einschalten," sagte er scherzend zu seiner
Frau, "das gaebe einen Jubel! Wem gehoeren denn diese Kinder?" fragte er
das Fraeulein. Sie wusste es nicht.
"Der langbeinige, bewegliche Kerl ist zu drollig und das Maedchen ist die
Anmut selbst. Musikalisch sind sie offenbar alle beide."
Zwei Stunden waren den Kindern schnell verstrichen, nun mahnte das
Fraeulein, dass es Zeit fuer Edmund sei, sein Abendessen einzunehmen und
sich umkleiden zu lassen fuer das Konzert. Als er das hoerte, verschwand
alle Froehlichkeit aus seinem Gesicht, er erklaerte, dass er nichts essen
moege, sich nicht umkleiden und seine neuen Freunde nicht missen wolle.
Die vernuenftigen Vorstellungen des Fraeuleins, die zaertlichen Worte der
Mutter hatten nur Traenen zur Folge.
Wilhelm versuchte seinen Einfluss auf den kleinen Kameraden. "Du musst
doch vorspielen," sagte er, "viele Hunderte von Menschen hier freuen
sich schon so lange auf das Konzert!"
"Geht ihr auch hin?" fragte der Kleine und ehe er noch Antwort hatte,
sagte er eifrig zu seiner Mutter: "Die Beiden sollen zu mir in das
Kuenstlerzimmer kommen, und den Abend bei mir bleiben, es ist immer so
langweilig, waehrend du singst und Papa spielt."
Aber Wilhelm ging auf diesen Vorschlag nicht ein. "Wir koennen nicht
kommen," sagte er. "Elschen liegt um diese Zeit schon im Bett und ich
habe jetzt den ganzen Nachmittag nichts gearbeitet und habe viele
Aufgaben fuer morgen." Da flossen bei dem Kleinen wieder die Traenen, er
drueckte sein Koepfchen an die Mutter und schluchzte: "Wenn er nicht
kommt, will ich auch nicht spielen, mir ist gar nicht gut." Es sah auch
tatsaechlich ein wenig elend aus, das kleine Buebchen. Seine Mutter rief
den Vater zu Hilfe. "Sieh doch nur," sagte sie, "wie Edmund verweint und
jaemmerlich aussieht! Was hat er nur? Er ist doch sonst so verstaendig,
aber heute will er nicht spielen. Ich werde Qualen durchmachen, heute
abend."
Der Vater stampfte ungeduldig mit dem Fuss. Edmund ergriff Wilhelms Hand
und hielt sie krampfhaft fest, um ihn nicht gehen zu lassen. Die beiden
Eltern besprachen sich eifrig miteinander, aber die Kinder verstanden
nichts davon, das Gespraech wurde in italienischer Sprache gefuehrt.
Endlich wandte sich der Vater an Wilhelm: "Wir waeren sehr froh," sagte
er, "wenn du zu unserem Kleinen in das Kuenstlerzimmer kommen und den
Abend bei ihm bleiben wolltest. Du muesstest eben deine Aufgaben einmal
bei Nacht machen. Ein frischer Junge, wie du bist, kann das doch wohl
tun? Wir verlangen auch diese Gefaelligkeit nicht umsonst, wir bieten dir
dagegen ein Freibillet zu unserem Konzert an, das du gewiss jetzt noch
leicht an irgend jemand in deiner Bekanntschaft verkaufen kannst."
Bei dem Wort "Freibillet" hatte Wilhelms Gesicht hell aufgeleuchtet. Ein
Billet, fuer den Vater natuerlich, welch ein herrlicher Gedanke! "Ja,"
rief er, "ja, ja, fuer ein Freibillet, wenn ich es meinem Vater geben
darf, will ich gern zu Edmund kommen und gern die ganze Nacht durch
arbeiten!" Und als er bemerkte, wie nun der Kleine ploetzlich vom Weinen
zum Lachen ueberging, sagte er zu diesem: "Koenntest du nur dabei sein,
wenn ich meinem Vater die Karte bringe und sehen, wie er sich freut!
Mein Vater ist wohl so gross wie die Tuere da, und wenn er einen
Freudensprung macht, dann kommt er fast bis an unsere Decke. Weisst du
so!" und Wilhelm fing an, Spruenge zu machen, dass der kleine Kamerad laut
lachte und seine Mutter leise zu dem Fraeulein sagte: "Nun fuehren Sie ihn
rasch zum Umkleiden, so lange er noch vergnuegt ist," und dem Kinde
redete sie guetig zu: "Wenn du nun artig bist, Edmund, so kommt heute
abend Wilhelm zu dir." Darauf hin folgte der Knabe willig dem Fraeulein
und sein Vater wandte sich an Wilhelm. "Das Konzert ist in der
Musikschule; neben dem Saal ist das Zimmer, in dem wir uns aufhalten, so
lange wir nicht spielen, du darfst nur nach dem Kuenstlerzimmer fragen."
"O, ich weiss es gut," sagte Wilhelm, "neben dem Garderobezimmer liegt
es."
Der Kuenstler wunderte sich. "Du bist ja zu allem zu brauchen," sagte er,
"woher weisst du das Zimmer?"
"Mein Vater ist Lehrer an der Musikschule, ich habe ihn schon oft dort
abgeholt."
"Ah, Musiklehrer, und hat dennoch kein Billet genommen fuer unser
Konzert?"
"Nein," sagte Wilhelm, "aber kein Mensch in der ganzen Stadt kann sich
mehr darueber freuen, als mein Vater!"
Auch Elschen stimmte zu mit einem froehlichen "ja, ja!" und dabei
schluepfte sie, so schnell sie konnte, in ihren Mantel und beiden Kindern
war die Ungeduld, heimzukommen, an allen Gliedern anzumerken. Die Karte
wurde ihnen denn auch wirklich eingehaendigt und nachdem Wilhelm fest
versprochen hatte, sich rechtzeitig im Kuenstlerzimmer einzufinden und
Edmund zu unterhalten, ohne ihn aufzuregen, ihn zu belustigen, ohne Laerm
zu machen, wurden die Kinder entlassen.
Wilhelm fasste die kleine Schwester bei der Hand; "Jetzt nur schnell,
schnell, Elschen, wenn nur der Vater ganz gewiss zu Hause ist, es ist
schon sechs Uhr, um halb acht Uhr geht das Konzert an!"
So rasch eilten sie am Portier vorueber, dass dieser sie kaum mehr
erreichte, obwohl er aus seinem Zimmer ihnen nacheilte auf die
Freitreppe vor dem Hotel.
"Halt," rief er, "wartet doch, Kinder, ihr duerft wieder heim fahren."
Wilhelm wollte nicht. "Nein, nein," sagte er, "wir springen schnell und
kommen viel frueher heim, als wenn wir auf eine Droschke warten." Aber
die Hand des grossen, stattlichen Portiers lag fest auf der Schulter des
Knaben und hielt ihn zurueck. "Herr Meier hat Auftrag gegeben, dass eine
Droschke geholt werden soll, es ist fuer dies kleine Maedchen ein weiter
Weg und draussen ist's kalt und dunkel; aber wenn du so Eile hast, so
kannst du ja selbst flink zum Droschkenplatz springen und einen Wagen
holen." Wie ein Pfeil war Wilhelm davon; seiner Schwester wurde im
Portierzimmer ein Sessel zurecht gerueckt. Da sass sie neben zwei riesigen
Reisekoffern, und betrachtete die glaenzenden Metallbeschlaege.
"Das sind grosse Koffer, nicht?" sagte der Portier zu ihr, "die reisen
bis nach Russland."
"Dann gehoeren sie dem General," sagte Elschen, "der in der naechsten
Woche nach Berlin reist."
"Weisst du davon? Du hast ganz recht, das heisst, er reist schon morgen."
"Nein, die Reise ist um ein paar Tage verschoben." Der Portier sah
erstaunt auf die Kleine. "Das waere das neueste, wer hat denn das
gesagt?"
"Die zwei jungen Russen, wie sie heute vormittag bei Mama waren."
"Heute vormittag? Nun, dann ist's doch nicht wahr, denn der General
selbst hat heute nach dem Diner zu mir gesagt, sie reisen morgen
vormittag. Horch, nun kommt schon dein Bruder mit der Droschke."
Wilhelm haette mehr Lust gehabt, seine eigenen flinken Beine in Bewegung
zu setzen als die eines mueden Droschkengauls, Elschen hingegen war sehr
einverstanden mit der Fahrt und fand sich schnell darein, dass der
Wagenschlag fuer sie aufgerissen wurde wie fuer ein kleines Daemchen und
sie selbst sorgsam hinaufgehoben, damit sie auf dem schmalen Tritt nicht
ausgleite. Nun fuhren sie durch die schoen beleuchteten Strassen, dann
durch die stillen Gassen der Vorstadt und endlich bogen sie in die
Fruehlingsstrasse ein. "Wenn der Vater nicht daheim ist, muessen alle
auslaufen und ihn suchen," sagte Wilhelm, "Karl und Otto, Marianne und
Frieder, vielleicht hat auch Walburg Zeit, der Vater muss das Billet zu
rechter Zeit bekommen!"
In der Fruehlingsstrasse war abends kein grosser Wagenverkehr, und Frau
Pfaeffling, die bei den Kindern am Tisch sass, horchte auf und sagte: "Sie
kommen!" Herr Pfaeffling, der im Musikzimmer ein wenig unruhig hin und
her wandelte, seine Musikzeitung lesen wollte und dabei immer durch den
Gedanken gestoert wurde, wie viel schoener es waere, heute abend Musik,
Musik erster Klasse, zu hoeren, als ueber Musik zu lesen, Herr Pfaeffling
hoerte auch das Geraeusch des Wagens: "Das koennen die Kinder sein, ob
_sie_ wenigstens etwas gehoert haben in der Kuenstlerfamilie, singen,
Klavier oder Violine?" Das musste er doch gleich fragen, also: die Treppe
hinunter. Im untern Stock sagte Frau Hartwig zu ihrem Mann: "Es haelt
eine Droschke. Du wirst sehen, das ist mein Bruder, um die Zeit kommt
ein Zug an." Sie ging hinaus in den Vorplatz. Herr Pfaeffling stand
inzwischen schon am Wagenschlag, machte ihn auf und wollte fragen, aber
so flink er war, diesmal kam er nicht zu Wort vor den eifrigen Ausrufen
seiner Kinder: "Wie gut, dass du zu Hause bist, Vater, wir haben dir ja
ein Billet, ein Konzertbillet, da, sieh nur, geschenkt vom Kuenstler
selbst!" Und wenn nun auch Herr Pfaeffling nicht den Freudensprung
machte, den der kleine Edmund von ihm erwartet haette, enttaeuscht
waere dieser doch nicht gewesen, denn dieser froehliche Ausruf der
Ueberraschung, dieses stuermische Stufenueberspringen, um moeglichst
schnell die Treppe hinauf zu kommen und dieser warme Ruf "Caecilie!" der
durch die ganze Wohnung klang, war auch ergoetzlich und herzerfreuend.
Wilhelm folgte dem Vater in gleicher Hast, der kleinen Else blieb es
diesmal ueberlassen zuzusehen, wie sie allein aus dem Wagenschlag
herauskam. Frau Hartwig, die ordentlich ausgewichen war, um nicht
ueberrannt zu werden, wollte eben die Haustuere zumachen, als sie die
Kleine, mit dem Spielzeug beladen, nachkommen sah. "Da hat es wieder so
pressiert," sagte sie vor sich hin, "dass sich keines die Zeit genommen
hat, auf das Kind zu warten," und sie reichte ihm die Hand und schloss
fuer sie die Haustuere, waehrend oben schon die Tritte der Hinauseilenden
verhallten. Elschen fand es ganz natuerlich, dass man sich nicht um sie
gekuemmert hatte, auf ihrem Gesichtchen lag noch der Abglanz der Freude,
der Vater hatte ja sein Billet. Freundlich gruesste sie die Hausfrau und
sagte, auf der Treppe zurueckblickend: "Jetzt weiss ich es, Hausfrau, wie
du das machen musst, damit kein Gepolter ist und die Treppe geschont
wird, du musst nur dicke, dicke Teppiche legen; so ist es im Zentralhotel
und es sieht auch viel schoener aus als das Holz da!"
"Wirklich?" sagte Frau Hartwig, "dann bringe du mir nur bald die dicken
Teppiche, damit ich sie legen kann."
Bei Pfaefflings war grosse Bewegung, die Freude ueber das Konzertbillet
hatte sich allen mitgeteilt, die Fragen und Antworten ueber die
Erlebnisse im Zentralhotel ueberstuerzten sich, zugleich wurden die
Vorbereitungen fuer das Abendessen beschleunigt, damit Herr Pfaeffling und
Wilhelm rechtzeitig zum Beginn des Konzertes kommen konnten. Frau
Pfaeffling hoerte mit besonderer Teilnahme und auch mit Besorgnis von dem
kleinen Violinspieler. "Wenn das Kind sich unwohl fuehlt," sagte sie zu
Wilhelm, "so wirst du es auch nicht stundenlang mit Spaessen bei guter
Laune erhalten koennen!" Aber Wilhelm war guter Zuversicht und war zu
vergnuegt ueber die Freikarte, als dass er von dem heutigen Abend irgend
etwas anderes als Erfreuliches haette erwarten koennen. Er strahlte mit
dem ganzen Gesicht und sah nur immer zu seinem Vater hinueber, der ebenso
strahlte, waehrend sie beide das rasch erschienene Abendessen verzehrten
und sich dann unter allgemeiner Teilnahme und Hilfsbereitschaft der
Familie fuer das Konzert richteten. "Wenn der Kleine aufgeregt wird oder
nicht mehr spielen will," sagte Frau Pfaeffling zu Wilhelm, "so lass ihn
sich zu dir setzen und erzaehle ihm allerlei, etwa von Frieders Harmonika
und Geige oder von unserem Weihnachtsfest; es wird besser sein, als wenn
du ihn immer zum Lachen bringen willst. Weisst du, wenn man unwohl ist,
mag man gar nicht lachen, aber ueber dem Erzaehlen vergessen die Kinder
ihre kleinen Leiden." Da mischte sich Elschen ein: "Er ist ja gar nicht
krank, er hat ja mit mir getanzt." "Freilich, und gelacht," sagte
Wilhelm, "und unartig ist er auch, weiter ist gar nichts los mit ihm."
So gingen Vater und Sohn froehlich und guter Dinge miteinander nach der
Musikschule und trennten sich, Herr Pfaeffling, um seinen Platz in dem
schon dicht gefuellten Saal aufzusuchen, Wilhelm, um seines Vaters Billet
nachtraeglich zu verdienen.
Er fand das Kuenstlerzimmer ziemlich besetzt, verschiedene Herrn
begruessten hier die Kuenstlerfamilie, erwiesen der gefeierten Saengerin
allerlei Aufmerksamkeiten und umschmeichelten den Kleinen. Dieser stand
in schneeweissem Anzug da und lehnte das Lockenkoepfchen an seine Mutter,
die in ihrem duftigen Seidenkleid reizend anzusehen war. "Sieh, da kommt
dein kleiner Freund," sagte Edmunds Vater, der Wilhelms bescheidenes
Eintreten bemerkt hatte. "Aber er macht ja keine Purzelbaeume,"
entgegnete Edmund, ohne seine Mutter zu verlassen.
"Das waere hier wohl auch nicht gut moeglich," sagte der Vater. Im
Hintergrund des kleinen Zimmers stand ein Tischchen, neben demselben
hielt sich das Fraeulein auf, das Wilhelm schon im Hotel kennen gelernt
hatte. Zu ihr ging er hin und sagte: "Ich habe einen kleinen Kreisel fuer
Edmund mitgebracht, soll ich ihn auf dem Tischchen tanzen lassen?"
"Spaeter, wenn wir allein sind und Edmund schwierig wird," sagte das
Fraeulein, "jetzt hat er noch seine Mama." Ein paar Augenblicke spaeter
kam geschaeftig und ohne anzuklopfen ein Herr herein. "Ist es Zeit, Herr
Weismann?" frug ihn der Kuenstler. "Ja, wenn ich bitten darf." Die
anwesenden Herrn verliessen nun rasch das Kuenstlerzimmer, um sich an ihre
Plaetze im Saal zu begeben, das Fraeulein strich noch die Falten am Kleide
der Saengerin glatt, der Vater loeste mit einer gewissen Strenge die Hand
des Kindes aus der der Mutter und sagte: "Du gehst hierhin, zu Wilhelm,"
die Mutter drueckte rasch noch einen Kuss auf die Stirn des Kleinen, der
sie betruebt, aber doch ohne Widerspruch losliess. Dann oeffnete Weismann
eine Seitentuere, von der aus ein paar Stufen nach dem erhoehten Teil des
Saals fuehrten, auf dem nun das Kuenstlerpaar auftreten sollte. Wilhelm
konnte von dem tieferliegenden Kuenstlerzimmer aus nicht hinaufsehen,
aber er hoerte das maechtige Beifallklatschen, mit dem das junge Paar
empfangen wurde, dann schloss Weismann hinter ihnen die Tuere und von den
wunderbaren Toenen, die nun im Saal die Menschenmenge entzueckten, drangen
nur einzelne Klaenge herunter in das Nebenzimmer.
Weismann trat zu dem Kleinen heran: "Die dritte Nummer des Programms hat
unser kleiner Kuenstler," sagte er, und auf die bereit gelegte Violine
deutend, fragte er: "Ist dein Instrument schoen im Stande?" Edmund
antwortete nicht.
"Ich denke wohl," sagte statt seiner das Fraeulein, "sein Vater hat
vorhin darnach gesehen."
"Hast du dir auch den Platz auf dem Podium gut gemerkt, an dem du stehen
sollst, wenn du spielst?" fragte der Herr, "du weisst doch noch, nicht
ganz dicht am Fluegel?" Es erfolgte wieder keine Antwort.
"Aber Edmund, wie bist du heute so unartig," sagte das Fraeulein, "wenn
dich Papa so saehe!" Da liess der Kleine den Kopf haengen und fing au zu
weinen. Erschrocken zog ihn das Fraeulein an sich. "Sei nur zufrieden,
Kind," troestete sie, "du darfst doch nicht weinen? Wer wird dir Beifall
klatschen, wenn du mit verweinten Augen kommst!" Sie trocknete ihm die
Traenen, Weismann hielt es fuer klueger, sich zurueck zu ziehen, Wilhelm
liess den Kreisel tanzen; halb widerwillig sah Edmund zu, dann versuchte
er selbst die Kunst, die seinen geschickten Fingerchen bald gelang. Er
vertiefte sich in das Spiel. Ploetzlich horchte er auf. Ein Beifallssturm
droehnte aus dem Saal.
"Nun ist Mama fertig," sagte er und sah nach der Tuere. "Nein, sie muss
noch einmal wiederholen," fuegte er nach einer Weile gespannten Horchens
hinzu und kehrte wieder an sein Spiel zurueck. "Bei mir ist das auch
manchmal so, ich mag nicht gern wiederholen, aber man muss."
"Aber bei dir wird doch nicht so rasend geklatscht?" fragte Wilhelm, "so
etwas habe ich noch gar nicht gehoert."
"O ja, einmal ist bei mir am allermeisten Beifall gewesen, du wirst es
nachher schon hoeren," sagte Edmund, war aber schon wieder bei dem
Kreisel, und als nun die Saengerin, bis zu den Stufen von ihrem Gemahl
geleitet, und dann von Weismann empfangen, wieder in das Kuenstlerzimmer
zurueckkam, rief er ihr froehlich entgegen: "Sieh Mama, was ich kann?" Die
Mutter beugte sich zu ihm und sagte: "Gottlob, dass er vergnuegt ist!" und
ein dankbarer Blick fiel auf Wilhelm.
Im Saal erklang der Konzertfluegel.
"Nach Papa kommst du an die Reihe," sagte die junge Mutter und sich an
das Fraeulein wendend, fuegte sie leise hinzu: "Wie mir immer angst ist,
wenn das Kind auftritt, kann ich gar nicht sagen! Frueher war es mir
bange, wenn ich vorsingen musste, aber seitdem das Kind oeffentlich
spielt, hat diese grosse Angst jede andere vertrieben. Wir haetten es nie
anfangen sollen." Troestend sprach das junge Maedchen der Mutter zu: "So
sagen Sie vor jedem Konzert und nachher, wenn alle Welt begeistert ist
von dem Kleinen, sind Sie doch gluecklich und stolz, mehr als ueber Ihre
eigenen Erfolge. Er ist nun schon fuenfmal aufgetreten und hat seine
Sache immer gut gemacht."
"Aber heute wird es anders werden," fluesterte die Mutter, "hat er nicht
auch truebe Augen? Edmund, gib mir deine Haende. Sie sind heiss, fuehlen
Sie, Fraeulein!"
"Vom Kreiseln," sagte sie, "er sollte vielleicht die Haende jetzt ruhen
lassen."
"Ja, ja, Wilhelm, bitte, fange ein anderes Spiel an! Die Haende duerfen
nicht muede sein vor dem Violinspiel."
Es war doch nicht leicht, immer wieder eine Beschaeftigung zu wissen.
Eine gelernte Kindergaertnerin war unser Wilhelm denn doch nicht! Aber
ihm war, als verloere sein Vater das Recht auf den Konzertbesuch von dem
Augenblick an, wo er aufhoeren wuerde, den Jungen zu unterhalten. Also
_mussten_ ihm Gedanken kommen, Einfaelle, um die Zeit zu vertreiben, und
sie kamen auch, und als der Klaviervirtuose, mit einem Lorbeerkranz in
der Hand, unter lebhaftem Beifall den Saal verlassen hatte, fand er
Edmund bei guter Laune und bereit, ihm mit der Violine zu folgen.
"Nun wirst du hoeren, ob sie mir ebenso klatschen wie Papa und Mama,"
sagte er munter zu Wilhelm. Er schien gar nicht aufgeregt, um so mehr
war es seine Mutter. Sie fluesterte Wilhelm zu: "Sieh ein wenig durch den
Tuerspalt, wie er seine Sache macht!"
Wilhelm folgte leise die Stufen hinauf den beiden Kuenstlern, sah, wie
der Kleine, der mit freundlichem Beifall begruesst worden war, in
kindlicher Weise den Gruss erwiderte und, von seinem Vater auf dem
Klavier begleitet, das Spiel begann. Wilhelm wurde durch den kleinen
Violinspieler an Frieder erinnert und deshalb kam ihm diese Leistung
nicht so wunderbar vor wie den Zuhoerern im Saal. Mit denselben
traeumerischen Augen wie Edmund, ganz in seine Musik versenkt, hatte
Frieder immer seine Harmonika gespielt und strich er seine Geige.
Freilich war Frieder erst ein Anfaenger auf diesem Instrument und dieser
Kleine war ein Meister. Das Publikum lauschte in atemloser Stille; die
Violine war ja klein und der Spieler hatte nicht den kraeftigen Strich
eines Mannes. Aber reine, zarte, tief empfundene Toene wusste er zu wecken
und eine staunenswerte Gewandtheit zeigten die kleinen Haende. Unter den
Zuhoererinnen war manche zu Traenen geruehrt, und als der letzte Ton sanft
verklungen war, rauschte ein Beifallssturm durch den Saal, Blumen
flogen, und eine junge Dame trat auf das Podium, um dem kleinen Kuenstler
ein Fuellhorn zu ueberreichen, das auf sein kindliches Alter berechnet
war, denn waehrend es nur mit Rosen gefuellt schien, waren unter den
Blumen Bonbons verborgen. Weismann kam dem Kleinen zur Hilfe, die
Schaetze zu sammeln. Man hoerte die helle Kinderstimme ein schlichtes,
freundliches "Danke!" rufen.