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Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper

A >> Agnes Sapper >> Die Familie Pfaeffling

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In das Kuenstlerzimmer drangen einige Bekannte ein, den Eltern zu
gratulieren, und es kam so, wie das junge Maedchen voraus gesagt hatte:
die Mutter war ueber die Leistung ihres Kindes und seinen Erfolg
gluecklicher, als ueber den eigenen; auch war es ihr nun leichter um das
Herz, Edmund hatte ja nur noch einmal vorzuspielen, freilich ein
schwieriges und laengeres Musikstueck und ganz ohne Begleitung, aber sie
war nun wieder guter Zuversicht und angeregt durch die begeisterten
Schilderungen einiger Freunde, die in das Kuenstlerzimmer eindrangen und
von dem bereits errungenen Erfolg berichteten. Froehlich und siegesgewiss
trat das Kuenstlerpaar auf's neue auf, Edmund blieb wieder allein zurueck
bei dem Fraeulein und dem treuen Kameraden.

Aber so bald es still um ihn wurde, verfiel er wieder in seine
weinerliche Stimmung und war nicht mehr heraus zu reissen, Wilhelm mochte
sich buchstaeblich auf den Kopf stellen, es war alles umsonst: Da dachte
er an seiner Mutter Rat, setzte sich neben den Kleinen und fing an, ihm
zu erzaehlen. Der lehnte sich an das Fraeulein, und es dauerte gar nicht
lange, so fielen ihm die Augen zu und er schlief ein. Sie liessen ihn
ruhen, aber gegen den Schluss des Konzertabends, waehrend sein Vater
allein spielte und schon am Ende des Stueckes war, auf das Edmunds
Auftreten folgen sollte, musste er doch geweckt werden. Die Mutter tat es
mit schwerem Herzen und unter zaertlichen Liebkosungen. Es kam ihr
grausam vor, und wieder versicherte sie, es sei das letzte Mal, dass sie
das Kind vorspielen lasse. Sie bemuehten sich zu dritt um das Kind, boten
ihm Erfrischungen an und hatten ihn, bis sein Vater erschien, wohl aus
dem Schlaf gebracht, aber mit allen guten Worten nicht zu bestimmen
vermocht, dass er noch einmal vorspiele.

Draussen, im Saal war nichts als Wonne und Begeisterung und ungeduldige
Erwartung des kleinen Kuenstlers, auf dessen Wiedererscheinen die grosse
Menge sich mehr freute als ueber die grossartigen Kompositionen, die der
Vater ihr soeben vorgetragen hatte. Innen, im Kuenstlerzimmer, herrschte
Niedergeschlagenheit, Sorge und Kampf.

"Lass nun einmal die zaertlichen Worte," sagte der Kuenstler zu seiner
Frau, "sie helfen nichts mehr, wie du siehst; lass mich allein mit Edmund
reden." Er fuehrte das Kind beiseite, und sah ihm fest und streng in die
Augen.

"Du bist heute abend krank, Edmund," sagte er, "und moechtest lieber zu
Bette gehen als vorspielen. Ich war auch schon einmal krank und habe
doch dabei ein ganzes, langes Konzert allein gegeben, und du musst nur
ein einziges Stueck spielen. Fest habe ich mich hingestellt und gedacht:
Die vielen Menschen haben die teuern Karten gekauft, und ich habe ihnen
dafuer Musik versprochen und muss mein Versprechen halten. Du musst das
deinige auch halten, dann erst darfst du dich zu Bette legen. Aber eines
will ich fuer dich tun, wenn du mir versprichst, dass du dich tapfer
haeltst, ich will dir erlauben, dass du anstatt des schwierigen
Mendelssohn die leichte kleine Romanze von Beethoven spielst, die du so
gut kannst. Ich will es den Zuhoerern sagen; wenn du das Stueck recht
schoen vortraegst, sind sie damit auch zufrieden. Nun komm, in einer
Viertelstunde ist es ueberstanden. Sieh die Menschen freundlich an, dann
verzeihen sie es dir, dass du so ein kurzes Stueck spielst." Und er nahm
das Kind fest an der Hand, machte der Mutter, die sich von ihm
verabschieden wollte, ein abwehrendes Zeichen, gab dem Kleinen die
Violine, die er folgsam nahm und fuehrte ihn die Stufen hinauf. "Vater,"
fragte leise der Kleine, "haben vorhin bei dir die Bretter, der Boden,
auf dem man steht, auch so geschwankt? Ich habe gemeint, ich falle um."

"Die Bretter sind jetzt alle festgenagelt," sagte ruhig und bestimmt der
Vater.

Sie hatten schon den Saal erreicht und traten miteinander vor. Als das
Klatschen sich gelegt hatte und Edmund eben zum Spiel ansetzte, wandte
sich der Vater an das Publikum: "Ich bitte es dem zarten Alter des
Kuenstlers zugute zu halten, dass er sein Programm nicht einhaelt. Er
moechte Ihnen lieber eine Romanze von Beethoven als das Konzert von
Mendelssohn vorspielen." Ein freundliches Klatschen bezeugte die
Zustimmung, die wenigsten der Anwesenden wussten, dass ihnen damit die
Freude verkuerzt wurde. "Nun mach es um so besser," fluesterte der Vater
noch seinem Kind zu und stellte sich so, dass sie einander im Auge
behielten. Ihm war es, als muesste er unablaessig durch seinen Blick die
Selbstbeherrschung des Kleinen aufrechterhalten.

"Wie er das Kind anschaut," dachten manche der Zuhoerer, aber die meisten
hatten keinen Blick fuer den Vater, sie waren wieder hingerissen von dem
Knaben und seinem einschmeichelnden Spiel.

Es ging vorueber. Dem Vater war die Viertelstunde wie eine Ewigkeit
erschienen, und diesmal kamen Beide wie traeumend zurueck zu der Mutter,
die den Kleinen in zaertlichen Armen empfing.

"Fahren Sie gleich mit dem Jungen heim und bringen Sie ihn zu Bett,"
sagte der Vater zu dem Fraeulein, "Wilhelm begleitet Sie hinueber zum
Droschkenplatz, nicht wahr?"

Am Schluss des Konzerts sammelten sich viele der begeisterten Zuhoerer vor
dem Kuenstlerzimmer, sie hofften, auch das Kuenstlerkind noch einmal zu
sehen. Umsonst. Es lag schon in dem Bett, das Herr Meier vom
Zentralhotel sorgsam hatte erwaermen lassen.

Am naechsten Tag kam in den Zeitungen eine begeisterte Schilderung des
Konzerts, und am uebernaechsten folgte eine Notiz: der kleine
Geigenspieler sei an den Masern erkrankt.

Acht Tage spaeter lag auch seine kleine Taenzerin Elschen masernkrank
darnieder, und wenn Frau Pfaeffling an ihrem Bettchen sass, dachte sie
manchmal mit Teilnahme an das kleine Menschenkind, das schon oeffentlich
auftreten musste, ehe es noch die Kinderkrankheiten durchgemacht hatte.

Ueber diesen Erlebnissen war der kalte Januar zu Ende gegangen.




11. Kapitel

Geld- und Geigennot.


Seit dem Konzert waren mehrere Tage verstrichen. Herr Pfaeffling hatte
taeglich und mit wachsender Ungeduld auf den verheissenen Abschiedsgruss
des russischen Generals gewartet, dem das Honorar fuer die Stunden
beigelegt sein sollte, aber es kam nichts. So musste die russische
Familie doch wohl ihre Abreise verschoben haben, ja, vielleicht dachte
sie daran, den Winter noch hier zu bleiben und die Musikstunden wieder
aufzunehmen. Immerhin konnte auch ein Brief verloren worden sein. Herr
Pfaeffling wollte sich endlich Gewissheit verschaffen und suchte Herrn
Meier im Zentralhotel auf. Er erfuhr von diesem, dass der General mit
Familie gleich am Morgen nach dem Konzert abgereist sei, zunaechst nach
Berlin, wo er eine Woche verweilen wolle.

Herr Pfaeffling zoegerte einen Augenblick, von dem ausgebliebenen Honorar
zu sprechen, aber der Geschaeftsmann erriet sofort, worum es sich
handelte und sagte: "Der General hat vor seiner Abreise alle
geschaeftlichen Angelegenheiten aufs puenktlichste geregelt und grossmuetig
jede Dienstleistung bezahlt. Er ist durch und durch ein Ehrenmann, so
werden auch sie ihn kennen gelernt haben."

"Ja, aber wie erklaeren Sie sich das: er hat mir beim Abschied gesagt,
seine Soehne wuerden mich noch besuchen und hat dabei angedeutet, dass sie
das Honorar ueberbringen wuerden. Sie sind auch gekommen, aber ohne
Honorar, und sagten, die Abreise sei verschoben worden, die Eltern
wuerden deshalb noch schriftlich ihren Dank machen. Glauben Sie, dass es
von Berlin aus geschehen werde?"

"Nein, nein, nein," erwiderte lebhaft Herr Meier. "Man reist nicht ab,
ohne vorher seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, da liegt etwas
anderes vor. Von einer Verschiebung der Reise war auch gar nie die Rede,
das haben die Soehne ganz aus der Luft gegriffen. Ich fuerchte, das Geld
ist in den Haenden der jungen Herrn haengen geblieben, das geht aus allem
hervor, was Sie mir erzaehlen. Sie sind etwas leichtsinnig, die Soehne,
und werden vom Vater fast gar zu knapp und streng gehalten. Es scheint
mir ganz klar, was sie dachten: Sie wollten sich noch etwas reichlich
mit Taschengeld versehen, bevor sie der Berliner Anstalt uebergeben
wurden, und rechneten darauf, dass Sie, in der Meinung, die Abreise sei
verschoben, sich erst um Ihr Geld melden wuerden, wenn die Eltern schon
ueber der russischen Grenze waeren. Es ist gut, dass Sie nicht noch ein
paar Tage gezoegert haben, diese Woche ist die Familie noch beisammen in
Berlin. Ich habe die Adresse des Hotels und ich will sie Ihnen auch
mitteilen, Herr Pfaeffling. Wenn ich Ihnen raten darf, schreiben Sie
unverzueglich. Sie brauchen ja durchaus keinen Verdacht gegen die jungen
Herrn auszusprechen, es genuegt, wenn Sie den Hergang erzaehlen, der
General ergaenzt sich das uebrige und so wie ich ihn kenne, wird er Ihnen
sofort das Geld schicken. Es war dann ein Versehen und alles ist gut."

In voller Entruestung erzaehlte unser Musiklehrer daheim von dem
offenbaren Betrug seiner jungen Schueler. "Es ist ein Glueck," sagte er
dann, "dass mein Brief die Eltern noch in Berlin erreichen kann. Ich
schreibe gleich. Wir brauchen unser Geld, brauchen es zu Besserem und
Noetigerem als diese leichtsinnigen Burschen."

Aber nach geraumer Weile kehrte Herr Pfaeffling in ganz veraenderter
Stimmung, langsam und nachdenklich zu seiner Frau zurueck. "Caecilie,"
sagte er, "was meinst du zu der Sache? Meine Feder straeubt sich
ordentlich gegen das, was sie schreiben soll. Was hilft es, wenn ich
auch nicht den geringsten Verdacht ausspreche, meine Mitteilung bringt
doch dem General die Nachricht von der verbrecherischen Handlung seiner
Soehne. Dass er ihnen so etwas nie zugetraut haette, sieht man ja, er
haette ihnen sonst das Geld nicht uebergeben. Nun soll er das erfahren
muessen, unmittelbar vor dem Abschied. Er wird seinen Kindern die ehrlose
Handlung nicht verzeihen, er wird sie nie vergessen koennen. Sich so von
seinen Kindern trennen muessen, das ist ein namenloser Schmerz fuer
Eltern. Soll ich ihnen das Leid antun, um uns die hundert Mark zu
retten, was sagst du, Caecilie?"

"Wenn ich auch 'ja' sagte, so glaube ich doch nicht, dass du es ueber dich
bringst," entgegnete Frau Pfaeffling.

"Und du? Wuerdest du es ueber dich bringen? Wuerdest du schreiben, trotz
all dem Leid, was daraus entstehen muss?"

"Ich wuerde vielleicht denken, frueher oder spaeter werden die Eltern doch
erfahren, wie ihre Soehne sind, und fuer die Jungen selbst waere es
heilsam, wenn der Betrug nicht ohne Strafe fuer sie hinginge. Ueberdies
ist ja immerhin die Moeglichkeit, dass wir einen falschen Verdacht haben
und das Geld vergessen oder verloren wurde, obwohl ich mir dann die
unwahre Aussage der Soehne ueber die verschobene Abreise nicht erklaeren
koennte. Die hundert Mark sind uns auch gar so noetig."

"Also du wuerdest schreiben, Caecilie?"

Sie besann sich einen Augenblick und sagte dann: "Ich weiss nicht, ich
wuerde meinen Mann fragen." Darauf hin ging Herr Pfaeffling noch eine
Weile ueberlegend auf und ab. Die Augen seiner grossen Kinder folgten ihm
mit Spannung. Sie waren alle empoert ueber den Betrug, der an ihrem Vater
begangen war, hatten alle den Wunsch, der Vater moechte schreiben. Aber
sie wagten nicht, darein zu reden. Nun machte der Vater halt, blieb vor
der Mutter stehen und sagte bestimmt: "Hundert Mark lassen sich
verschmerzen, nicht aber die Schande der Kinder. Wir wollen das kleinere
Uebel auf uns nehmen. Du machst ja auch sonst Ernst mit dem Wort: Den
Naechsten lieben wie dich selbst." So blieb der Brief an den russischen
General ungeschrieben.

Aber ein anderer Brief wurde in dieser Nacht abgefasst. In ihrem kalten
Schlafzimmer bei schwachem Kerzenlicht hockten Karl, Wilhelm und Otto
beisammen und schrieben an die Soehne des Generals. Ihrer Entruestung ueber
die schnoede Handlungsweise gaben sie in kraeftigen Worten Ausdruck, den
Edelmut des Vaters, der aus Ruecksicht auf den General diesem die
Schandtat nicht verraten wollte, priesen sie in begeisterten Worten,
schilderten dann die vielen Entbehrungen, die die Eltern sich auflegen
mussten, wenn eine so grosse Summe wegfiel, und wandten sich am Schluss mit
volltoenenden Worten an das Ehrgefuehl der jungen Leute mit der
Aufforderung, das Geld zurueckzuerstatten. Otto musste mit seiner schoenen,
schulgemaessen Handschrift den Brief ins Reine schreiben und dann setzten
alle drei ihre Unterschrift darunter. Sie adressierten an Feodor, den
aelteren der beiden Brueder, die Berliner Adresse hatten sie gelesen, es
fehlte nichts mehr an dem Brief, morgen auf dem Weg zur Schule konnte er
in den Schalter geworfen werden. Mit grosser innerer Befriedigung legten
sie sich nun in ihre Betten; auf diesen Ausruf hin musste das Geld
zurueckkommen, an dem Erfolg war gar nicht zu zweifeln, und welche
Ueberraschung, welche Freude musste das geben!

Es ist aber merkwuerdig, wie die Dinge bei nuechternem Tageslicht so ganz
anders erscheinen als in der Abendbeleuchtung. Als die Brueder am
naechsten Morgen auf dem Schulweg waren, warf Karl die Frage auf: "Warum
lassen wir eigentlich den Vater unsern Brief nicht vorher lesen?"
Wilhelm und Otto wussten Gruende genug. "Weil sonst keine Ueberraschung
mehr dabei ist; weil die Eltern so aengstlich sind und keinen Verdacht
aeussern wollen, waehrend doch alles so klar wie der Tag ist; weil der
Vater die schoensten Saetze ueber seinen Edelmut streichen wuerde; weil
dann wahrscheinlich aus dem ganzen Einfall nichts wuerde; nein, wenn man
wollte, dass der Brief abging, so musste man ihn heimlich abschicken,
nicht lange vorher fragen."

Aber das Heimliche, das eben war Karl zuwider. Am ersten Schalter warf
er den Brief nicht ein, es kamen ja noch mehrere auf dem Schulweg. Aber
die Brueder drangen in ihn: "Jede Ueberraschung muss heimlich gemacht
werden, sonst ist's ja keine; du bist immer so bedenklich und aengstlich,
was kann denn der Brief schaden? Gar nichts, im schlimmsten Fall nuetzt
er nichts, aber schaden kann er nichts, das musst du selbst sagen." Karl
wusste auch nicht, was er schaden sollte, und dennoch wollte er durchaus
auch beim zweiten Schalter den Brief nicht herausgeben. "Die Eltern sind
immer so sehr gegen alles Heimliche," sagte er, "und es ist wahr, dass
schon oft etwas schlimm ausgegangen ist, was wir heimlich getan haben.
Ihr habt gut reden: wenn die Sache schief geht, heisst es doch: Karl, du
bist der Aelteste, du haettest es nicht erlauben sollen." Allmaehlich
brachte er mit seinem Bedenken Otto auf seine Seite, nur Wilhelm blieb
dabei dass sie ganz uebertrieben aengstlich seien, und machte bei dem
dritten und letzten Schalter einen Versuch, Karl den Brief zu entreissen.
Es gelang aber nicht, und da nun Schulkameraden sich anschlossen, musste
die Schlussberatung auf den Heimweg verschoben werden. Das Ende derselben
war: sie wollten der Mutter von dem Brief erzaehlen, wie wenn dieser
schon abgeschickt waere. Hatte sie dann nur Freude darueber, dann konnte
man ihn ruhig einwerfen, hatte sie Bedenken, so konnte man ihn
vorzeigen. So wurde Frau Pfaeffling zugefluestert, sie moechte nach Tisch
einen Augenblick in das Bubenzimmer kommen. Dort fand sie ihre drei
Grossen, die ihr nun ziemlich erregt und meist gleichzeitig von dem Brief
erzaehlten, den sie gestern noch bei Nacht geschrieben, an den jungen
Feodor adressiert und heute morgen auf dem Schulweg mitgenommen haetten.
Die kraeftigen Ausdruecke der Verachtung gegen die Handlungsweise der
jungen Russen und die Beschwoerung, das Geld zurueckzuerstatten, wurden
fast woertlich angefuehrt.

Im ersten Augenblick hoerte Frau Pfaeffling mit Interesse zu, aber dann
veraenderte sich ploetzlich ihr Ausdruck, sie sah angstvoll, ja fast
entsetzt auf die drei Jungen und wurde ganz blass. Sie erschraken ueber
diese Wirkung und verstummten.

"Kinder, was habt ihr getan," rief die Mutter schmerzlich, "wenn ihr
auch an Feodor adressiert habt, die Briefe bekommen doch die Eltern in
die Hand, die Soehne sind wohl gar nicht mehr bei ihnen im Hotel, sondern
in der Erziehungsanstalt und das koennt ihr glauben, der General uebergibt
keinen Brief mit fremder Handschrift an seine Soehne, ohne ihn zu lesen.
Nun erfaehrt er durch euch auf die schroffste Weise eben das, was der
Vater vor ihm verbergen wollte. Es ist unverantwortlich, euch so
einzumischen in das, was euch nichts angeht!"

Die Kinder hatten der Mutter, als sie ihren Schrecken sahen, schon ins
Wort fallen, sie beruhigen wollen, aber Frau Pfaeffling war nicht
begierig, Entschuldigungen zu hoeren, und anderes glaubte sie nicht
erwarten zu koennen. Da drueckte ihr Karl den Brief in die Hand und rief:
"Fort ist der Brief noch nicht, Mutter, da hast du ihn, erschrick doch
nicht so!"

"Gott Lob und Dank," rief Frau Pfaeffling, "habt ihr nicht gesagt, er sei
schon abgesandt? O Kinder, wie bin ich so froh! Es waere mir schrecklich
gewesen fuer den Vater, fuer den General und auch fuer euch, denn wir
haetten nie mehr etwas in eurer Gegenwart besprochen, haetten alles
Vertrauen in euch verloren, wenn ihr euch heimlich in solche Dinge
mischt!" Sie standen beschaemt, denn wie waren sie doch so nahe daran
gewesen, das Heimliche zu vollbringen!

"Spaeter, wenn ich Zeit habe, will ich den Brief lesen," sagte Frau
Pfaeffling, "ich kann mir ja denken, dass ihr empoert seid ueber die jungen
Leute, aber was nur ein Verdacht ist, darf man nicht aussprechen, wie
wenn es Gewissheit waere. Wisst ihr nicht, dass oft schon die kluegsten
Richter einen Menschen verurteilt haben, weil der schwerste Verdacht
gegen ihn vorlag, und spaeter stellte sich doch heraus, dass er unschuldig
war? Man kann da gar nicht vorsichtig genug sein."

Herr Pfaeffling bekam den Brief zu lesen. Er wurde nachdenklich darueber.
"So, wie die Kinder gerne geschrieben haetten," sagte er zu seiner Frau,
"so kann man freilich nicht schreiben. Aber der Gedanke, sich an die
Soehne zu wenden, ist vielleicht nicht schlecht. Bisher waren sie noch
unter der steten Aufsicht der Eltern, ich wuesste nicht, wie sie in dieser
Zeit das unterschlagene Geld haette verausgaben sollen. Ich muesste an sie
schreiben, sobald der General und seine Frau abgereist sind. Der
Abschied wird den jungen Leuten gewiss einen tiefen Eindruck machen, der
General wird ernste Worte mit ihnen reden. Wenn sie in dieser Stimmung
einen Brief von mir erhalten und sehen, wie ich ihre Eltern gerne
schonen moechte, ist es nicht unmoeglich, dass sie ihr Unrecht wieder gut
machen. Sie moegen ja schwach sein und leicht einer Versuchung
unterliegen, aber sie sind auch weichen Gemuets und zum Guten zu
bestimmen, ich will wenigstens den Versuch machen."

Frau Pfaeffling sass in dieser Zeit viel am Bett der kleinen
Masernkranken. Ihr Mann musste das Krankenzimmer meiden um seiner Schueler
willen. Aber wie eine Erscheinung stand er eines Tages ploetzlich vor
ihr, warf ihr eine Handvoll Geld in den Schoss, rief vergnuegt: "Das
Russengeld" und war in demselben Augenblick schon wieder verschwunden.

Seine drei grossen Jungen rief er zu sich, las ihnen den reuevollen Brief
der jungen Leute vor und gab in seiner Freude jedem der Drei ein kleines
Geldstueck, weil sie ihn durch ihren Brief auf einen guten Gedanken
gebracht hatten. Aber Wilhelm wollte es nicht annehmen. War er es doch
gewesen, der darauf beharrt hatte, den Brief, ohne vorher zu fragen,
einzuwerfen. "Vater," sagte er, "du weisst nicht so genau, wie die Sache
zugegangen ist. Ich bin schon froh, dass nur kein Unheil entstanden ist
aus unserm Brief, eine Belohnung will ich lieber nicht nehmen, die hat
nur Karl verdient, gib sie nur ihm."

Noch am selben Abend erhielt der Ohrenarzt sein Geld, mit einer
Entschuldigung ueber die Verzoegerung und der aufrichtigen Bemerkung, dass
es Herrn Pfaeffling nicht frueher moeglich gewesen sei, die Summe
zusammenzubringen.

Der Arzt sass schon mit seiner Gemahlin beim Abendessen. "Ist denn der
Pfaeffling nicht der Direktor der Musikschule, der neulich einen Ball
gegeben hat?"

"Bewahre, du bringst auch alles durcheinander," sagte die Gattin, die
sich nicht durch Liebenswuerdigkeit auszeichnete. "Der Pfaeffling ist ja
bloss Musiklehrer. Es ist doch der, von dem man einmal erzaehlt hat, dass
er seine zehn Kinder ausschickt, um Wohnungen zu suchen, weil niemand
die grosse Familie aufnehmen wollte."

"O tausend!" rief der Doktor, "wenn ich das gewusst haette, dem haette ich
keine so gesalzene Rechnung geschickt!"

"Du verwechselst auch alle Menschen!"

"Die Menschen nicht, bloss die Namen; der Direktor heisst ganz aehnlich."

"Gar nicht aehnlich."

"Nicht? Ich meine doch. Wie heisst er eigentlich?"

"Mir faellt der Name gerade nicht ein, aber aehnlich ist er gar nicht."

"Doch!"

"Nein!"

Nachdem sie noch eine Weile ueber die Aehnlichkeit eines Namens gestritten
hatten, den sie beide nicht wussten, schob der Arzt das Geld ein mit
einem bedauernden: "Aendern laesst sich da nichts mehr."

Elschens Krankheit war gnaedig voruebergegangen. Sie war wieder ausser
Bett, hatte aber noch Hausarrest und viel Langeweile. So freute sie sich
ueber den heutigen Lichtmessfeiertag, an dem die Geschwister schulfrei
waren. Am Nachmittag machte sie sich an Frieder heran, der geigend in
der Kueche stand, und bat schmeichelnd, dass er nun endlich aufhoere und
mit ihr spiele. Er nickte nur und spielte weiter. Sie wartete geduldig.
Endlich mahnte ihn Walburg: "Frieder, hoer auf, du hast schon zu lang
gespielt. Frieder, der Vater wird zanken." Da gab er endlich nach, und
Elschen folgte ihm froehlich in das Musikzimmer, wo die Violine ihren
Platz hatte. Als Frieder aber sah, dass der Vater gar nicht zu Hause war,
nahm er schnell die Violine wieder zur Hand und spielte. "Du Boeser!"
rief die kleine Schwester und Traenen der Enttaeuschung traten ihr in die
Augen. Als aber nach einer Weile draussen die Klingel ertoente, sah man
ihr schon wieder die Angst fuer den Bruder an: "Der Vater kommt!" rief
sie und sah gespannt nach der Tuere. Aber ehe diese aufging, war Frieder
mit seiner Violine durch die andere Tuere hinausgegangen und nun
fluechtete er sich in das Bubenzimmer und spielte und spielte. Da holte
sich Elschen den Bruder Karl zur Hilfe. "Frieder," sagte er, "ich rate
dir, dass du jetzt augenblicklich aufhoerst, du hast gewiss schon drei
Stunden gespielt!" Da machte der leidenschaftliche Geiger ein finsteres
Gesicht, wie es noch niemand an dem guten, kleinen Kerl gesehen hatte,
und sagte trutzig zu Karl: "Ich kann jetzt nicht aufhoeren, ich spiele
bis ich fertig bin."

In diesem Augenblick kam Frau Pfaeffling herein, da stuerzte sich Elschen
weinend auf sie zu und rief: "Alle sagen ihm, er soll aufhoeren und er
tut's doch nicht, vielleicht hoert er gar nie mehr auf, sieh ihn nur an!"

Aber durch diesen verzweifelnden Ausruf der Kleinen und vielleicht noch
mehr durch den Anblick der Mutter kam Frieder zu sich, liess die Geige
sinken, legte den Bogen aus der Hand und senkte schuldbewusst den Kopf.

"Hast du gewusst, dass es ueber die Zeit ist und hast dennoch
weitergespielt?" fragte Frau Pfaeffling. "Das haette ich nicht von dir
gedacht, Frieder, wenn du ueber deiner Violine allen Gehorsam vergisst,
dann ist's wohl besser, das Geigenspiel hoert ganz auf. Bleib hier, ich
will hoeren, was der Vater meint."

Frau Pfaeffling ging hinaus, Frieder blieb wie angewurzelt stehen. Die
Geschwister sammelten sich allmaehlich um ihn, sie berieten, was
geschehen wuerde, drangen in ihn, er solle gleich um Verzeihung bitten,
und als nun die Eltern miteinander kamen, war eine schwuele Stimmung im
Zimmer. Frieder wagte kaum aufzusehen, aber trotzig schien er nicht,
denn er sagte deutlich: "Es ist mir leid."

"Das muss dir freilich leid sein, Frieder!" sagte der Vater. "Wenn du
bloss im Eifer vergessen haettest, dass du ueber die Zeit spielst, dann
koennte ich dir das leicht verzeihen, aber wenn du erinnert wirst, dass du
aufhoeren solltest und magst nicht folgen, wenn du mit aller Absicht
tust, was ich dir schon oft streng verboten habe, dann ist's aus mit dem
Geigenspiel. Was meinst du, wenn ihr Kinder alle nicht folgen wolltet,
wenn jeder taete, was ihm gut duenkt? Das waere gerade, wie wenn bei dem
Orchester keiner auf den Dirigenten saehe, sondern jeder spielte, wann
und was er wollte. Nein, Frieder, meine Kinder muessen folgen, mit deinem
Violinspiel ist's vorbei, ich will nicht sagen fuer immer, aber fuer Jahr
und Tag. Gib sie her!"

Frieder, der die Violine leicht in der Hand gehalten hatte, drueckte sie
nun ploetzlich an sich, verschraenkte beide Arme darueber und wich einen
Schritt vom Vater zurueck. Sie waren alle ueber diesen Widerstand so
bestuerzt, dass es fast einstimmig ueber aller Lippen kam: "Aber Frieder!"

Herr Pfaeffling sah mit masslosem Erstaunen den Kleinen an, der immer der
gutmuetigste von allen gewesen war und der jetzt tat, was noch keines
gewagt hatte, sich ihm widersetzte. Einen Moment besann er sich, und
dann, ohne nur dem zurueckweichenden nachzugehen, streckte er rasch seine
langen Arme aus, hob den kleinen Burschen samt seiner Violine hoch in
die Luft und rief, indem er ihn so schwebend hielt: "Mit Gewalt kommst
du gegen mich nicht auf, merkst du das?" und ernst fuegte er hinzu, als
er ihn wieder auf den Boden setzte: "Nun gib du mir gutwillig deine
Violine, Frieder!" Aber die Arme des Kindes loesten sich nicht. Von allen
Seiten, laut und leise, wurde ihm von den Geschwistern zugeredet: "Gib
sie her!" und als Frau Pfaeffling sah, wie er das Instrument
leidenschaftlich an sich presste, fragte sie schmerzlich: "Frieder, ist
dir deine Violine lieber als Vater und Mutter?" Der Kleine beharrte in
seiner Stellung.


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