Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper
"So behalte du deine Violine," rief nun lebhaft der Vater, "hier hast du
auch den Bogen dazu, du kannst spielen, solang du magst. Aber unser Kind
bist du erst wieder, wenn du sie uns gibst," und indem er die Tuere zum
Vorplatz weit aufmachte, rief er laut und drohend: "Geh hinaus, du
fremdes Kind!" Da verliess Frieder das Zimmer.
Draussen stand er regungslos in einer Ecke des Vorplatzes, innen
schluchzten die Schwestern, ergriffen waren alle von dem Vorfall. Herr
Pfaeffling ging erregt hin und her und dann hinaus in den Vorplatz, wo er
Walburg mit so lauter Stimme, dass es bis ins Zimmer drang, zurief: "Das
Kind da soll gehalten werden wie ein armes Bettelkind. Es darf hier
aussen im Vorplatz bleiben, es kann da auch essen und man kann ihm nachts
ein Kissen hinlegen zum Schlafen. Geben Sie ihm den Kuechenschemel, dass
es sich setzen kann. Es dauert mich, weil es keinen Vater und keine
Mutter mehr hat."
Hierauf ging er hinueber in sein Zimmer. Frau Pfaeffling zog Elschen an
sich, die sich nicht zu fassen vermochte. "Sei jetzt still, Kind," sagte
sie, "Frieder wird bald einsehen, dass er folgen muss. Wir lassen ihn
jetzt ganz allein, dass er sich besinnen kann. Er wird dem Vater die
Violine bringen, dann ist alles wieder gut."
Als die Zeit des Nachtessens kam, deckten die Schwestern auch fuer
Frieder. Sie rechneten alle, dass er kommen wuerde. Herr Pfaeffling, der
zum Essen gerufen war, ging zoegernd, langsam an Frieder vorbei, der als
ein jammervolles Haeufchen auf dem Schemel sass und die Gelegenheit, die
ihm der Vater geben wollte, voruebergehen liess. Er kam nicht zu Tisch.
"Tragt ihm zu essen hinaus, soviel er sonst bekommt," sagte Herr
Pfaeffling, "der Hunger soll ihn nichts zu uns treiben, die Liebe soll es
tun und das Gewissen."
So ass der Kleine aussen im Vorplatz und so oft die Zimmertuere aufging,
kamen ihm Traenen, denn er sah die Seinen um die Lampe am Tisch sitzen
und sein Platz war leer. Aber er hatte ja seine Violine, nach dem Essen
wollte er spielen, immerzu spielen.
Im Zimmer horchten sie ploetzlich auf. "Er spielt!" fluesterte eines der
Kinder. Von draussen erklang ein leiser Geigenton. Sie lauschten alle.
Drei Striche--dann verstummte die Musik. Die drei Toene hatten Frieder
wehgetan, er wusste nicht warum. Der kleine Geiger hatte frueher noch nie
mit traurigem Herzen nach seinem Instrument gegriffen, darum hatte er
auch keine Ahnung davon, wie schmerzlich die Musik das Menschenherz
bewegen kann.
Nach einer Weile begann er noch einmal zu spielen, aber wieder brach er
mitten darin ab. Denen, die ihm zuhoerten, ging es nahe, vor allem den
Schwestern.
"Die Marianne moechte hinaus zu Frieder," sagte die Mutter. Herr
Pfaeffling verwehrte es nicht. Sie fanden ihn auf dem Schemel kauernd,
wie er die Geige auf seinen Knieen liegend mit schmerzlichem Blick
ansah. Sie setzten sich zu ihm und fluesterten mit ihm. Eine Weile
spaeter, als Herr Pfaeffling in seinem Musikzimmer war, kam ein
sonderbarer Zug zu ihm herein: Voran kam Frieder und trug mit beiden
Haenden etwas, das eingehuellt war in Mariannens grossen, schwarzgrauen
Schal. Es war fast wie ein kleiner Sarg anzusehen; ernst genug sah auch
der kleine Traeger aus, die Schwestern folgten als Trauergeleite.
"Da drinnen ist die Violine," sagte Frieder zu seinem Vater, der fragend
auf die merkwuerdige Umhuellung sah. Da nahm ihm Herr Pfaeffling rasch den
Pack ab, legte ihn beiseite, ergriff seinen kleinen Jungen, zog ihn an
sich und sagte in warmem Ton: "Nun ist alles gut, Frieder, und du bist
wieder unser Kind!" Und Frieder weinte in des Vaters Armen seinen
Schmerz aus.
Spaeter erst vertrauten die Schwestern dem Vater an: "Solang Frieder
seine Violine gesehen hat, war es ihm zu schwer, sie herzugeben, erst
wie wir sie zugedeckt haben und ganz eingewickelt, hat er sie nimmer mit
so traurigen Augen angesehen!"
Als Frieder laengst schlief, sprachen seine Eltern noch ueber ihn. "Wie
kann man nur so leidenschaftliche Liebe fuer die Musik haben," sagte Frau
Pfaeffling, "mir ist das ganz unverstaendlich."
"Von dir hat er es wohl auch nicht," entgegnete Herr Pfaeffling und fuegte
nachdenklich hinzu: "Ganz ohne Musik kann ich ihn nicht lassen, das
waere, wie wenn ich einem Hungrigen die Speise versagen wollte. Ich
denke, am besten ist, ich lehre ihn Klavierspielen. Danach hat er bis
jetzt kein Verlangen und wird es leichter mit Massen treiben."
"Ja, und lernen muss er es doch, denn daran wird man kaum zweifeln
koennen, dass er einmal ein Musiker wird."
Unser Musiklehrer sagte schwermuetig: "Es wird wohl so kommen."
12. Kapitel
Ein Haus ohne Mutter.
So ganz allmaehlich und unmerklich war es gekommen, dass von Frau
Pfaefflings Reise zur Grossmutter gesprochen wurde als von einer
ausgemachten Sache, obwohl niemand haette sagen koennen, an welchem Tag
sie die Ansicht aufgegeben hatte, dass die Reise ganz unmoeglich sei.
Nur "auf alle Faelle" entschloss sie sich zum Einkauf eines Kleiderstoffs,
und als die Schneiderin das Kleid anfertigte, hoerte man Frau Pfaeffling
sagen: "Nicht zu lang, damit es noetigenfalls auch als Reisekleid
praktisch ist."
"Auf alle Faelle" nahm sie eines Tages das Kursbuch zur Hand, um zu
sehen, wie sich die Reise praktisch machen liesse, und was sie gesehen,
trug sie "auf alle Faelle" in ihr Notizbuch ein. Wer wird aber nicht
reisen, wenn das Reisekleid fertig im Schrank haengt und die besten
Zugverbindungen herausgefunden sind? So war es denn wirklich soweit
gekommen, dass sich Frau Pfaeffling anfangs Februar fuer einen bestimmten
Tag bei ihrer Mutter ansagte. Darauf erfolgte eine Karte, die mit
herzlichem Willkommruf begann und mit der Anfrage schloss, ob Frau
Pfaeffling nicht mit leichterem Herzen reisen wuerde, wenn sie ihr Elschen
mitnaehme? Das Kind zahle ja nur den halben Fahrpreis.
Diese Karte, die Herr Pfaeffling im Zimmer vorlas, brachte grosse
Aufregung in die Kinderschar, und ungefragt gaben sie alle ihre Gefuehle
und Meinungen kund, bis der Vater die Tuere weit aufmachte und den ganzen
aufgeregten Schwarm hinausscheuchte.
"Du haettest es gar nicht vor den Kindern vorlesen sollen, ehe wir
entschlossen sind," sagte Frau Pfaeffling.
"Freilich, aber ich kann dich auch nicht bei jeder Gelegenheit zu mir
herueberrufen, und wo du bist, sind immer ein paar Kinder."
"Ja, ja," erwiderte Frau Pfaeffling laechelnd, "und warten, bis sie in der
Schule sind oder bis am Abend, warten kann man nicht, wenn man Pfaeffling
heisst!"
Sie berieten zusammen, waren sehr bald entschlossen und riefen die
Kinder zurueck. Frau Pfaeffling sah den Blick der Kleinen gespannt auf
sich gerichtet. Sie zog das Kind an sich. "Es kann nicht sein, Elschen,"
sagte sie, "und ich will dir auch erklaeren warum. Bei einer so weiten
Reise ist auch der _halbe_ Fahrpreis schon teuer und selbst, wenn ihn
die gute Grossmutter fuer dich zahlen wollte, koennte ich dich doch nicht
mitnehmen, denn wer sollte denn daheim die Tuere aufmachen, wenn es
klingelt, waehrend alle in der Schule sind? Walburg hoert das ja nicht und
sie versteht nicht, was die Leute sagen, die kommen. Du musst unsere
Pfoertnerin sein, solange ich fort bin; wenn du nicht daheim waerest,
koennte ich gar nicht reisen."
Das kleine Juengferchen war verstaendig, es sah ein, dass es zurueckbleiben
musste. Der Traum hatte nur kurz gedauert und war undeutlich gewesen,
denn was wusste Elschen von fremden Laendern und Menschen, von Reiselust
und Erlebnissen? Fuer sie war die Heimat noch die Welt, die Neues und
Merkwuerdiges genug brachte. So kam es zur Verwunderung der grossen
Geschwister nicht einmal zu ein paar Traenen bei der kleinen Schwester,
die doch heute nach Tisch geweint hatte, weil sie nicht mit hinunter
gedurft hatte auf die Balken in dem nassen Hof!
Der letzte Tag vor der Abreise war gekommen, Frau Pfaeffling war es
schwer ums Herz. Gut, dass Tag und Stunde laengst festgesetzt waren, sonst
haette sie ihren Koffer wohl wieder ausgepackt. Aber sie wusste, wie
sehnlich sie erwartet wurde, es gab kein Zurueck mehr, es musste jetzt
sein. Geschaeftig ging sie heute, alles voraus bedenkend, hin und her im
Haus. Aber ueberall, wo sie auch war, in Kueche, Keller und Kammern,
folgte ihr Frieder. Er stoerte sie nicht, wenn sie raeumte, ueberlegte oder
anordnete, er verlangte nichts, als bei ihr zu sein, nahe, so nahe wie
moeglich. Sie spuerte sein Heimweh. Es war ein langes, stummes
Abschiednehmen. Einmal kam es auch zur Aussprache, in einem Augenblick,
wo sie oben, in der Bodenkammer, allein mit ihm war.
"Mutter, gelt, du glaubst das nimmer, was du neulich gesagt hast?"
"Was denn, Kind?"
Es wollte nicht ueber seine Lippen.
"Was, mein Kind, komm, sage es mir!"
"Dass ich die Violine lieber habe als dich und den Vater."
"Nein, Herzkind, das glaube ich schon lange nimmer, du hast ja dem Vater
deine Violine gegeben. Ich weiss gut, wie lieb du uns hast. Darum tut dir
ja auch der Abschied weh. Aber es muss doch auch einmal sein, dass ich zu
meinem eigenen Muetterlein wieder gehe, eben weil man seine Mutter so
lieb hat, das verstehst du ja. Und denke nur, das Freudenfest, wenn wir
wieder zusammen kommen! Wie wird das koestlich werden!"
So troestete die Mutter den Kleinen und troestete sich selbst zugleich.
Und dann nahm sie die Gelegenheit wahr und sprach mit Karl allein ein
Wort: "Nimm dich ein wenig um Frieder an, er ist immer noch traurig
wegen seiner Violine, darum faellt ihm auch der Abschied besonders
schwer."
"Ja, er geigt oft ohne Violine ganz in der Stille, Mutter, hast du es
schon gesehen? Er stellt sich so hin, wie wenn er seine Geige haette,
neigt den Kopf nach links, biegt den Arm und streicht mit dem rechten,
wie wenn er den Bogen fuehrte, und dann hoert er die Melodien, das sieht
man ihm gut an. Da tut er mir oft leid."
"Ja, mir auch. Aber morgen, wenn ich fort bin, will ihm der Vater die
erste Klavierstunde geben, darueber wird er die Violine vergessen. Und
wenn nun der Schnee vollends geschmolzen ist und ihr wieder am
Kasernenhof turnen koennt, dann nimm nur auch Frieder dazu und mache ihm
Lust. Und noch etwas: ich meine, deine Mathematikstunden mit Wilhelm
werden nimmer regelmaessig eingehalten."
"O doch, Mutter."
"Oder sie sind so kurz, dass man nicht viel davon bemerkt?"
"Das kann sein, auf die Uhr schauen wir gewoehnlich nicht."
"Ich glaube, eure Stunde hat manchmal nur fuenfzehn Minuten; das ist aber
nicht genug, ihr muesst eure Zeit einhalten; denke nur, wenn Wilhelm
wieder eine so schlechte Note bekaeme!"
"Die bekommt er nicht noch einmal, Mutter, du kannst dich darauf
verlassen!"
Bald nachher rief Frau Pfaeffling Wilhelm und Otto zu sich hinunter in
die Holzkammer.
"Ihr habt ja gar keinen Vorrat gespaltenes Holz mehr," sagte sie, "daran
duerft ihr es nicht fehlen lassen, solange ich fort bin. Walburg muss in
dieser Zeit alle meine Arbeit tun, sie kann nicht auch fuer Holz und
Kohlen sorgen."
Und nun ging's an die Maedchen. "Marianne, ihr muesst Walburg soviel wie
moeglich alle Gaenge abnehmen, solange ich fort bin."
"Ja, ja, Mutter, das tun wir doch immer!"
"Manchmal sagt ihr doch: wir haben zuviel Aufgaben, oder: wir haben die
Stiefel schon ausgezogen. Ihr muesst lieber die Stiefel dreimal aus- und
anziehen, als es darauf ankommen lassen, dass Walburg mitten am Vormittag
vom Kochen fortspringen muss."
So ging der letzte Tag mit Vorsorgen und Ermahnungen aller Art hin und
am Morgen der Abreise, schon im Reisekleid, nahm Frau Pfaeffling noch
einmal Nadel und Fingerhut zur Hand, um einen eben entdeckten Schaden an
einem Kinderkleid auszubessern. Sie sorgte noch auf dem Weg zur Bahn, ja
aus dem Wagenfenster kamen noch hausmuetterliche Ermahnungen, bis endlich
der Zug durch eine kaum hoerbare erste Bewegung zur fertigen Tatsache
machte, dass Frau Pfaeffling verreist war.
Sie konnte ihre Gedanken nicht gleich losmachen, die gingen noch eine
Weile im alten Geleise. Dann kam die Einsicht, dass all dies Denken ihr
selbst nur das Herz schwer machen und den Zurueckgebliebenen nichts
nuetzen konnte. Zugleich verschwanden auch die letzten Haeuser und Anlagen
der Stadt, freie, noch mit Schnee bedeckte Aecker und Felder tauchten
auf, eine stille, einfoermige Natur. Da machte sie es sich bequem in dem
Wagen, lehnte sich behaglich zurueck, ergab sich darein, dass sie nicht
sorgen und nichts leisten konnte, und empfand eine wohltuende Ruhe, ein
Gefuehl der Erholung, waehrend sie der Staette ihrer Taetigkeit mit
gewaltiger Eile immer weiter entfuehrt wurde.
Manches Dorf war schon an Frau Pfaeffling voruebergesaust, bis ihr Mann
mit den Kindern nur wieder in die Fruehlingsstrasse zurueckgekehrt war. Sie
machten sich an ihre Arbeit wie sonst und alles ging seinen geregelten
Gang. Nur Elschen lief an diesem Vormittag mit Traenen durch die stillen
Zimmer, die andern empfanden die Luecke erst so recht bei dem
Mittagessen. Es verlief auffallend still. Eigentlich war ja Frau
Pfaeffling keine sehr gespraechige Frau, ihr Mann und ihre Kinder waren
lebhaftere Naturen; heute haette man das Gegenteil glauben koennen, eine
so schweigsame Mahlzeit hatte es noch selten an diesem Tisch gegeben.
Freilich war der Vater auch von der ihm ungewohnten Beschaeftigung
hingenommen, das Essen auszuteilen. Er merkte jetzt erst, wieviel das zu
tun machte, und es dauerte gar nicht lange, so fuehrte er den Brauch ein,
dass Karl fuer Wilhelm die Suppe ausschoepfen musste, Wilhelm fuer Otto und
so nacheinander herunter, immer das aeltere unter den Geschwistern dem
juengern. Anfangs machte es den Kindern Spass, aber es ging nicht immer so
friedlich und so saeuberlich zu wie bei der Mutter, und Walburg wunderte
sich, dass sie bald eine noch fast gefuellte, bald eine ganz leere
Suppenschuessel abzutragen hatte; da war gar kein regelmaessiger Verbrauch
mehr wie bisher.
Ganz kurios erschienen Herrn Pfaeffling und Karl die spaeten Abendstunden,
wo sie allein beisammen sassen. Sie waren sich so nahe gerueckt und wussten
doch nicht viel miteinander anzufangen, so glich das Zimmer oft einem
Lesesaal, in dem die Vorschrift befolgt wird: Man bittet, nicht zu
sprechen. Das wurde aber besser nach den ersten Tagen. Es kamen ja auch
Briefe von der Mutter, und diese bildeten ein gemeinsames Interesse
zwischen Vater und Sohn.
Die Briefe brachten gute Nachrichten. Es war ein beglueckendes
Wiedersehen zwischen Mutter, Tochter und Geschwistern, wenn auch nicht
ganz ohne Wehmut. Was war es fuer ein gealtertes, pflegebeduerftiges
Grossmuetterlein, das da im Lehnstuhl sass, nicht mehr imstande, ohne Hilfe
von einem Zimmer in das andere zu gehen! Und wiederum, wo war Frau
Pfaefflings Jugendbluete geblieben? Welch deutliche Spuren hatte die
Muehsal des Lebens auf ihren feinen Zuegen eingegraben!
Aber dieser erste wehmuetige Eindruck verwischte sich bald. Schon nach
einigen Stunden hatten sie sich an die Veraenderung gewoehnt und fanden
wieder die geliebten, vertrauten Zuege heraus. Es war auch kein Grund zu
trauriger Empfindung da, denn die _alte_ Frau hatte keine Schmerzen zu
leiden, sie genoss dankbar ein friedliches Alter unter der treuen Pflege
der unverheirateten Tochter, die bei ihr und fuer sie lebte. Und die
_junge_ Frau, wenn man Frau Pfaeffling noch so nennen wollte, sprach mit
solcher Liebe von ihrem grossen Familienkreis und schien so gereift durch
reiche Lebenserfahrung, dass es allen deutlich zum Bewusstsein kam, das
Leben habe ihr mit all seiner Muehe und Arbeit Koestliches gebracht.
Am wenigsten veraendert hatte sich Frau Pfaefflings Schwester, Mathilde,
die noch ebenso frisch und kraeftig erschien, wie vor Jahren. Sie fuehrte
die Schwester in das freundliche, sonnig gelegene und wohldurchwaermte
Gastzimmer, zog sie an sich, kuesste sie herzlich und sagte: "Caecilie, nun
soll dir's gut gehen! Du wirst sehen, wie ich dich pflege!"
"Ich bin ja gar nicht krank, Mathilde."
"Nein, das ist ja eben das Gute, dass du nur ueberanstrengt bist. Nichts
tue ich lieber als solche abgearbeitete Menschenkinder zur Ruhe bringen
und herausfuettern. Es ist eine wahre Lust, zu sehen, wie rasch das
anschlaegt, da kann man viel erreichen in vier Wochen."
Frau Pfaeffling wurde nachdenklich. "Mathilde," sagte sie, "kannst du das
nicht in _drei_ Wochen erreichen?"
"Warum? Nein, das ist zu kurz, du hast doch vier Wochen Urlaub?"
"Ja, mein Mann und die Kinder denken auch gar nicht anders, als dass ich
vier Wochen wegbleibe, aber ich selbst habe mir im stillen von Anfang an
vorgenommen, nach drei Wochen zurueckzukommen, und habe gehofft, dass du
mich darin unterstuetzest, denn sieh, es ist zu lange, einen solchen
Haushalt, Mann, sieben Kinder und ein fast taubes Maedchen zu verlassen.
Es kommt so oft etwas vor bei uns!"
"Was soll denn vorkommen? Was fuerchtest du?"
"Das kann ich dir nicht sagen, ich weiss es ja selbst nicht vorher, aber
es ist so. Bald schreiben die Kinder einen Brief, der unangenehme Folgen
haben koennte, bald hoert einer nicht auf zu musizieren, wenn er einmal
anfaengt, und selbst, wenn nichts Besonderes vorkaeme, das Alltaegliche
bringt schon Schwierigkeiten genug: Elschen muss vormittags immer allein
die Tuere aufmachen und Bescheid geben, das ist unheimlich in einer
grossen Stadt. Und wenn du immer noch nicht ueberzeugt bist, Mathilde,
dann will ich dir noch etwas sagen: Ich meine, wenn mein Mann
einundzwanzigmal mit Karl abends allein am Tisch gesessen ist, so ist
das wirklich genug und es waere an der Zeit, dass ich wieder kaeme!"
"So sollen wir dich ziehen lassen, ehe nur dein Urlaub abgelaufen ist?"
"Ich habe mir das so nett ausgedacht und freue mich darauf, Mathilde,
wenn ich etwa nach zwei Wochen heimschreibe, dass ich schon in der
naechsten Woche komme. Du kennst ja meinen Mann, er ist noch gerade so
lebhaft wie frueher und die meisten unserer Kinder haben sein
Temperament. Da gibt es nun bei solch einer Nachricht immer gleich einen
Jubel, das solltest du nur einmal mit ansehen und hoeren koennen!"
Frau Pfaeffling sah im Geist ihre froehliche Schar, und ein glueckliches
Leuchten ging ueber ihr Gesicht. In diesem Augenblick sah sie ganz
jugendlich, gar nicht pflegebeduerftig aus.
Als die Schwestern das Gastzimmer verliessen, hatten sie sich auf drei
Wochen geeinigt.
Die ersten Tage vergingen in stillem, gluecklichem Beisammensein. Es war
fuer Frau Pfaeffling eine Wonne, so ganz ohne haeusliche Sorgen bei der
Mutter sitzen zu duerfen und zu erzaehlen. Teilnahme und volles
Verstaendnis war da zu finden fuer alles, was ihr Leben erfuellte, und doch
stand die Mutter selbst schon fast _ueber_ dem Leben. Einen weiten Weg
hatte sie in achtzig Jahren zurueckgelegt und nun, nahe dem Ziel,
ueberblickte sie das Ganze wie aus der Ferne. Da sieht sich manches
anders an, als wenn man mitten darinsteht. Von der Hoehe herab erkennt
man, was Irrwege sind oder richtige Wege, und wer hoeren wollte, der
konnte hier manch guten Rat fuer den eigenen Lebensweg bekommen. Frau
Pfaeffling war von denen, die hoeren wollten.
In die zweite Woche ihres Aufenthalts fiel der achtzigste Geburtstag. Zu
diesem Familienfest fand sich unter andern Gaesten auch Frau Pfaefflings
einziger Bruder ein mit seiner Frau und einer fuenfzehnjaehrigen Tochter,
einem lieblichen, fein erzogenen Maedchen. Diesen Bruder, der Professor
an einer norddeutschen Universitaet war, hatte Frau Pfaeffling auch seit
vielen Jahren nimmer gesehen, aber aus der Ferne hatte eines an des
andern Schicksal und Entwicklung stets Anteil genommen, und so war es
beiden eine besondere Freude, sich einmal wieder ins Auge zu sehen.
"Wir muessen auch ein Stuendchen herausfinden, um allein miteinander zu
plaudern," sagte der Bruder waehrend des festlichen Mittagsmahls zu
seiner Schwester. Und als nach Tisch, waehrend die Geburtstaegerin ruhte,
eine Schlittenfahrt unternommen wurde, sassen Bruder und Schwester in
einem kleinen Schlitten allein. Hier, im noerdlichen Deutschland, lag in
diesem Februar noch ueberall Schnee, die Bahn war glatt, die Kaelte nicht
streng, die Fahrt eine Lust. Frau Pfaeffling sah nach dem Schlitten
zurueck, in dem mit andern Gaesten ihre junge Nichte sass. "Wie reizend ist
sie," sagte Frau Pfaeffling, "und so wohlerzogen. Wenn du meine Kinder
daneben sehen wuerdest, kaemen sie dir ein wenig ungehobelt vor."
"Zum Abhobeln hast du wohl keine Zeit, meine Frau hat es leichter als
du, sie gibt sich auch viel Muehe mit der Erziehung."
"Ja, bei sieben geht es immer nur so aus dem groebsten, und man wird
damit oft kaum fertig."
"Unsere drei haben trotzdem auch ihre Fehler. Sie streiten viel
miteinander, wie ist das bei euch?"
"Es kommt auch vor, aber meistens sind sie doch vergnuegt miteinander.
Sie haben ihres Vaters frohe Natur und sind leicht zu erziehen, nur
sollte man sich eben mehr mit dem einzelnen abgeben koennen."
"Hat man fuer die deinigen zu wenig Zeit, so fuer die unserigen zu viel.
Ich fuerchte, dass sie gar zu sorgfaeltig beachtet werden. Jederzeit ist
das Fraeulein zu ihrer Verfuegung, ausserdem haben wir noch zwei
Dienstmaedchen, und mit unserem Jungen werden sie oft alle drei nicht
fertig."
So besprachen die Geschwister in alter Vertraulichkeit miteinander die
haeuslichen Verhaeltnisse, und dann wollte Frau Pfaeffling Naeheres hoeren
ueber einen Reiseplan, den ihr Bruder schon bei Tisch erwaehnt hatte. Er
beabsichtigte in den Osterferien eine Reise nach Italien zu machen,
dabei durch Sueddeutschland zu kommen und die Familie Pfaeffling zu
besuchen.
An diesen Plan schloss sich noch ein weiterer an, den der Professor nach
dieser Schlittenfahrt fasste und zunaechst mit seiner Frau allein
besprach. Wenn auf der einen Seite viele Kinder waren, auf der anderen
wenig, auf der einen Seite Zeit, Bedienung und Geld knapp, auf der
andern alles reichlich, warum sollte man nicht einen Ausgleich
versuchen? Bruder und Schwaegerin machten den Vorschlag, einen der jungen
Pfaefflinge auf Jahr und Tag zu sich zu nehmen. Die Sache wurde ueberlegt,
und es sprach viel fuer den Plan. Frau Pfaeffling wollte mit ihrem Mann
darueber sprechen, und wenn er einverstanden waere, sollte der Bruder auf
der Osterreise sich selbst umsehen und waehlen, welches der Kinder am
besten zu den seinigen passen wuerde. Das Auserlesene sollte er dann auf
der Heimreise gleich mit sich nehmen. Mit dieser Aussicht auf ein
baldiges Wiedersehen reiste der Bruder mit seiner Familie wieder ab, und
in der Umgebung der achtzigjaehrigen Mutter wurde es still wie vorher.
Frau Pfaeffling erhielt treulich Berichte von den Ihrigen, aber sie
erfuhr doch nicht alles, was daheim vor sich ging. Ihr Mann hatte die
Losung ausgegeben: "Nur was erfreulich ist, wird brieflich berichtet,
sonst ist der Mutter der Aufenthalt verdorben, alles andere wird erst
muendlich erzaehlt." So gingen denn Nachrichten ab ueber gelungene
Mathematikarbeiten und neue Klavierschueler, ueber einen Maskenzug und
Fastnachtskrapfen, ueber Frieders regelmaessiges Klavierspiel und ueber der
Hausfrau freundliche Teilnahme, aber worin sich zum Beispiel diese
Teilnahme Frau Hartwigs gezeigt hatte, das und manches andere blieb
verschwiegen.
Mit der Hausfrau hatte sich das so verhalten: Eines Mittags, als Herr
Pfaeffling von der Musikschule heimkam, sprach ihn Frau Hartwig an:
"Haben Sie heute nacht nichts gehoert, Herr Pfaeffling, nicht ein Stoehnen
oder dergleichen?"
"Nein," sagte Herr Pfaeffling, "ich habe gar nichts Auffallendes gehoert."
"Aber es muss doch aus Ihrer Wohnung gekommen sein. Nun ist es schon die
zweite Nacht, dass ich daran aufgewacht bin. Kann es sein, dass eines der
Kinder so Heimweh hat, dass es bei Nacht laut weint? Aus einem der
Schlafzimmer kommt der schmerzliche Ton. Irgend etwas ist nicht in
Ordnung, ich habe schon die Kinder danach gefragt, aber nichts erfahren
koennen."
"Das will ich bald herausbringen," sagte Herr Pfaeffling und ging hinauf.
Er fragte zunaechst nicht, sah sich aber bei Tisch aufmerksam die
Tafelrunde an. Frische, froehliche Gesichter waren es, die nichts
verrieten von naechtlichem Kummer. Oder doch? Ja, eines sah allerdings
blass und ueberwacht aus, ernst und fast wie von Schmerz verzogen. Das war
Anne. Ihr musste etwas fehlen. Er beobachtete sie eine Weile und machte
sich Vorwuerfe, dass er das bisher uebersehen hatte. Wenn die Mutter
dagewesen waere, die haette es bemerkt, auch ohne der Hausfrau Mitteilung.
Nach Tisch, als sich die Kinder zerstreut hatten, hielt er die
Schwestern zurueck.
"Ist dir's nicht gut, Anne?" fragte er.
"O doch!" erwiderte sie rasch und wurde ueber und ueber rot.
"Du meinst wohl, in dem Punkt duerfe man luegen," entgegnete Herr
Pfaeffling, "weil ich lieber hoere, dass du wohl bist. Aber ich moechte
doch auch darueber gern die Wahrheit hoeren." Da senkte sie schon mit
Traenen in den Augen den Kopf, und Herr Pfaeffling wusste, woran er war.
"Warum hast du denn geweint heute nacht?" fragte er, "wenn die Mutter
nicht da ist, muesst ihr mir euren Kummer anvertrauen." Das geschah nun
auch und er erfuhr, dass Anne wieder an Ohrenschmerzen litt. Diese waren
bei Nacht heftig geworden. Marie hatte ihr ein Mittel eingetraeufelt, das
noch vom vergangenen Jahr dastand, und Umschlaege gemacht, aber das hatte
alles nichts geholfen und erst gegen Morgen waren die Schwestern
eingeschlafen. So war es schon zwei Naechte gewesen. Sie hatten es dem
Vater verschweigen wollen, denn Anne mochte nicht zum Ohrenarzt
geschickt werden, sie fuerchtete die Behandlung, fuerchtete auch die grosse
Neujahrsrechnung.