Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper
Am Nachmittag sassen aber doch die zwei Schwestern im Wartezimmer des
Arztes. Der Vater hatte der Verzagten Mut gemacht und den Schwestern
vorgehalten, dass Anne so schwerhoerig wie Walburg werden koennte, wenn
etwas versaeumt wuerde.
Der Arzt erkannte das Zwillingspaar gleich wieder. Die zwei
Unzertrennlichen ruehrten ihn. Die gesunde Schwester sah gerade so
aengstlich aus wie die kranke, sie zuckte wie diese beim Schmerz, und
doch kam sie immer als treue Begleiterin. Diesmal konnte er beide
troesten. "Es ist nichts Schlimmes," sagte er, "das gibt keine so boese
Geschichte wie voriges Jahr. Aber das alte Mittel schuettet weg, das
macht die Sache nur schlimmer. Ich gebe euch ein anderes. Wenn eure
Mutter verreist ist, so kommt lieber alle Tage zu mir, ich will es
selbst eintraeufeln. Und sagt nur eurem Vater einen Gruss, und das gehe
noch auf die Rechnung vom vorigen Jahr, das ist Nachbehandlung, die
gehoert dazu."
Darueber wurden die Schwestern so vergnuegt, dass sie anfingen, mit dem
gefuerchteten Arzt ganz vertraulich zu plaudern. So erfuhr er denn auch,
dass Anne nicht so taub werden wollte wie Walburg. "Hoert die denn gar
nichts mehr?" fragte er.
"Uns versteht sie schon noch, wenn wir ihr etwas recht laut ins Ohr
sagen, aber es wird alle Jahre schlimmer."
"Geht sie nie zum Arzt?"
Davon hatten die Schwestern nicht reden hoeren, aber sie wussten ganz
gewiss, dass man ihr nicht helfen konnte.
"Manchmal kann man so ein Uebel doch zum Stillstand bringen," sagte der
Arzt, "schickt sie mir nur einmal her, ich will danach sehen und sagt
daheim, das gehe auch noch in die alte Rechnung."
Die Schwestern konnten gar nicht schnell genug heimkommen, so freuten
sie sich, den guten Bescheid dem Vater mitzuteilen. Unverdrossen riefen
sie es auch Walburg ins Ohr, bis diese endlich verstand, dass es sich um
sie handelte, und ihren Auftrag erteilte: "Sagt nur dem Arzt, wenn euere
Mutter zurueckkommt, werde ich so frei sein."
Das naechtliche Stoehnen war bald nimmer zu hoeren.
Die letzte Woche von Frau Pfaefflings Abwesenheit war angebrochen, zum
gestrigen Sonntag hatte sie die froehliche Botschaft gesandt, dass sie
volle acht Tage frueher heimkommen wuerde, als verabredet war.
In dieser Zeit wurde nie, wie sonst manchmal, vergessen, das Blaettchen
vom Kalender rechtzeitig abzureissen. Sie sollte nur schnell vergehen,
diese letzte Februarwoche, zugleich die letzte Woche ohne die Mutter.
"Immer ist das Blatt schon weg, wenn ich zum Fruehstueck komme," sagte
einmal Karl, "das ist doch bisher mein Geschaeft gewesen, wer tut es denn
so zeitig? Der Kalender gehoert eigentlich mir." "Ich," sagte Frieder,
"ich habe es manchmal getan." "Du bist doch gar nicht vor mir zum
Fruehstueck gekommen?" Es wurde noch weiter nachgeforscht, und da stellte
es sich heraus, dass Frieder immer schon abends den Kalenderzettel abzog
und mit ins Bett nahm. "Du meinst wohl, es kommt dann schneller der
1. Maerz und die Mutter mit ihm?" sagte Karl und wehrte dem kleinen Bruder
nicht, dem war ja immer anzumerken, dass er Heimweh hatte. Aber an diesem
Montag morgen ging er vergnuegt seinen Schulweg mit den Geschwistern, die
Heimkehr der Mutter war ja ploetzlich so nahegerueckt.
Nur Elschen wurde heute die Zeit besonders lang, so allein mit Walburg;
ja im Augenblick war sie sogar ganz allein, denn am Samstag hatten die
jungen Kohlentraeger und Holzlieferanten nicht genuegend fuer Vorrat
gesorgt und Walburg musste hinuntergehen, sich selbst welches zu holen.
Waehrend dieser Zeit wurde geklingelt und Elschen lief herzu, um
aufzumachen. Ein Herr fragte nach Herrn Pfaeffling, dann nach dessen Frau
und nach den Geschwistern. Als er hoerte, dass sie alle fort seien,
bedauerte er das sehr und fragte, ob er wohl ein kleines Briefchen an
Herrn Pfaeffling schreiben koenne, er sei ein guter Bekannter von ihm, und
er wolle schriftlich ausmachen, wann er ihn wieder aussuchen wuerde.
Elschen fuehrte den Herrn freundlich in des Vaters Zimmer an den
Schreibtisch, wo das Tintenzeug stand. "Es ist gut, liebes Kind," sagte
der Herr, "du kannst nun hinausgehen, dass ich ungestoert schreiben kann,
den Brief fuer deinen Vater lasse ich hier liegen." Elschen verliess das
Zimmer. Nach einer ganz kurzen Weile kam der Herr wieder heraus.
"Sind Sie schon fertig?" fragte die Kleine verwundert. Aber sie bekam
keine Antwort, der Herr schien grosse Eile zu haben, ging rasch die
Treppe hinunter und hielt sich auch gar nicht bei Walburg auf, die eben
heraufkam.
"Wer war da?" fragte diese.
"Bloss ein Herr, der den Vater sprechen wollte," rief ihr Elschen ins
Ohr; weiteres von diesem Besuch zu erzaehlen war dem kleinen Persoenchen
zu unbequem, Walburg verstand doch immer nicht recht. Aber beim
Mittagessen fiel ihr die Sache wieder ein und sie erzaehlte sie dem
Vater. Dem kam es verdaechtig vor. "Wo ist denn der Brief?" fragte er.
Ja, wo war der Brief? Nirgends war einer zu finden! Und wo war denn--ja,
wo war denn das Geld, das in der kleinen Schublade jahraus, jahrein
seinen Platz hatte? Sie standen zu acht herum, der Vater mit allen
sieben, mit entsetzten Blicken stierten sie alle in den leeren Raum. Oft
schon war er duenn besetzt gewesen, aber so oede hatte es noch nie in
dieser Schublade ausgesehen, in die hinein, aus der heraus das kam, was
die Familie Pfaeffling am Leben erhielt.
Ein Dieb, ein Betrueger, ein schaendlicher Mensch hatte sich
eingeschlichen, hatte alles Geld genommen, nichts zurueckgelassen, keinen
Pfennig fuers taegliche Brot!
Walburg wurde hereingeholt und ueber den "Herrn" ausgefragt. Man brauchte
ihr gar nichts ins Ohr zu rufen, die offenstehende leere Schublade, die
bestuerzten Gesichter sprachen auch fuer sie deutlich genug; sie wurde
kreideweiss im Gesicht und fragte bloss: "Gestohlen?"
Und nun flogen Vorwuerfe hin und her.
"Du bist die rechte Pfoertnerin, fuehrst den Dieb selbst an den
Schreibtisch!" warfen die Brueder der kleinen Schwester vor. "Es war ja
gar kein Dieb, es war ein freundlicher Herr," rief sie weinend. Marie
nahm sie in Schutz. "Sie kann nichts dafuer, aber ihr, weil ihr kein Holz
getragen habt, wegen euch hat Walburg hinunter gemusst!"
"Haette ich den Schluessel abgezogen, o, haette ich ihn doch nicht stecken
lassen!" rief Herr Pfaeffling immer wieder.
Die sich keinen Vorwurf zu machen hatten, waren am ruhigsten; Frieder
wagte zuerst ein Trostwort: "Die Mutter wird schon Geld haben, wir
wollen ihr schreiben," aber der Gedanke an die Mutter schien diesmal
niemand zu beruhigen, es war so traurig, zu denken, dass man sie mit
solch einer Botschaft empfangen sollte! Karl und Marie hatten leise
miteinander gerechnet: "Vater," sagten sie jetzt, "wir alle zusammen
haben doch noch genug fuer eine Woche, und am 1. Maerz kommt wieder dein
Gehalt. Wir sparen recht."
"Ja, ja," sagte Herr Pfaeffling, "verhungern muessen wir nicht, ich habe
auch noch etwas im Beutel, aber alles, was fuer die Miete und fuer die
Steuer zurueckgelegt war, ist weg, und wenn ich meinen Schluessel
abgezogen haette, waere vielleicht alles noch da!" Er rannte aufgeregt hin
und wieder, bis ihn ein Wort Walburgs stillstehen machte, das Wort:
Polizei. Es war ja eine Moeglichkeit, dass der Dieb ausfindig gemacht
werden und ihm das Geld wieder abgenommen werden konnte. Ja, sofort
Anzeige auf der Polizei, das war das einzig richtige. Elschen sollte
mit, um den Eindringling zu beschreiben. Nur schnell, nur schnell, schon
waren viele Stunden verloren!
Kaum wollte sich der Vater gedulden, bis die Kleine gerichtet war. Sie
setzten sie rasch auf den Stuhl, vor ihr knieten die Schwestern, jede
knoepfte ihr einen Stiefel an, Walburg brachte Mantel und Haeubchen, die
Brueder wollten ihr die Handschuhe anziehen, machten es verkehrt,
erklaerten dann Handschuhe fuer ganz uebertrieben und die Kleine sprang
ohne solche dem Vater nach, der schon an der Treppe stand und nun mit so
langen Schritten die Fruehlingsstrasse hinunterging, dass das Kind an
seiner Hand immer halb springend neben ihm hertrippeln musste.
Von der Polizei brachten sie guenstigen Bescheid zurueck. Ein junger
Musiker, der angeblich Arbeit suchte, war am Tag vorher auf Bettel
betroffen worden und mochte wohl der Missetaeter sein. Man hoffte, ihn
aufzufinden.
Es war gut, dass am gestrigen Sonntag ein Brief an Frau Pfaeffling
abgegangen war, denn heute und in den folgenden Tagen haette niemand
schreiben moegen. So aber kam es, dass sie gerade, waehrend ihre Lieben in
grosser Truebsal waren, einen dicken Brief von ihrem Mann erhielt, aus dem
ihr eine ganze Anzahl Briefblaettchen entgegen flatterten, alle voll
Jubel ueber das unerwartet nahe Wiedersehen. Jedes der Kinder hatte seine
Freude selbst aussprechen wollen. Nicht die leiseste Ahnung sagte Frau
Pfaeffling, dass die Stimmung daheim inzwischen vollkommen umgeschlagen
war.
Herr Pfaeffling ging gleich am naechsten Morgen auf die Polizei, um sich
zu erkundigen. Er erfuhr, dass bisher vergeblich nach dem jungen Musiker
gefahndet worden war. Als er aber am Nachmittag nochmals kam und ebenso
am naechsten Tag in fruehester Morgenstunde auf der Polizei erschien,
wurde ihm bedeutet, dass er sich nicht mehr bemuehen moechte, es wuerde ihm
Nachricht zukommen.
Darueber verstrich die halbe Woche und der Gedanke, dass man die Mutter
mit einer so unangenehmen Botschaft empfangen sollte, liess gar nicht die
rechte Freude des Wiedersehens aufkommen. Herr Pfaeffling war
unschluessig, ob er die Nachricht nicht doch vorher schriftlich mitteilen
sollte, zoegerte aber noch immer in der Hoffnung auf Festnahme des Diebes
und fand endlich, als er sich zum Schreiben entschloss, dass der Termin
doch schon verpasst sei und der Brief erst nach der Abreise seiner Frau
ankommen wuerde. So blieb denn nichts uebrig, als der Heimkehrenden
schonend die Hiobspost mitzuteilen.
Fuer Frau Pfaeffling war die Abschiedsstunde gekommen. "Ich wundere mich,"
sagte sie zu Mutter und Schwester, "dass ich nicht noch einen letzten
Gruss von daheim bekommen habe. Es wird doch alles in Ordnung sein?"
"Alles ist nie in Ordnung, wenn die Hausfrau fort war," sagte die
Mutter, "auch dann nicht, wenn die daheim es meinen. Lass dir nur das
Wiedersehen nicht verderben, wenn du nun siehst, dass manches in
Unordnung geraten ist waehrend deiner Abwesenheit. Unser Zusammensein
hier war so schoen, das ist doch auch eines Opfers wert."
"Ja," sagte die Schwester, "du hast ja selbst gesagt, dass jeden Tag
irgend etwas Ungeschicktes vorkommt bei deinen Kindern, auch wenn du
daheim bist. Einundzwanzig Tage warst du fort, also so lang du nicht
mehr als einundzwanzig Dummheiten entdeckst, darfst du dich gar nicht
beklagen, darfst nicht behaupten, dass dein Wegsein daran schuld ist, und
nicht gleich erklaeren: ich reise nie mehr."
Frau Pfaeffling lag freilich in dieser Abschiedsstunde der Gedanke sehr
fern, nie mehr reisen zu wollen, nie mehr hieher zu kommen. Sie riss sich
mit schwerem Herzen los von dem geliebten Muetterlein, von der Schwester,
die sie so treulich gepflegt hatte, und das Wort "auf Wiedersehen" war
ihr letzter Gruss aus dem abfahrenden Zug, als sie die weite Heimreise
antrat.
Noch immer war es draussen in der Natur kahl und winterlich, die drei
Wochen waren anscheinend spurlos voruebergegangen, noch war nirgends ein
Keimen und Sprossen, eine Fruehlingsandeutung zu bemerken. Und doch
schien ihr die Zeit so weit zurueck zu liegen, seitdem sie hieher gereist
war! Jetzt war ihr Herz noch vom Abschiedsweh bewegt, und doch ruehrte
sich schon und draengte gewaltig in den Vordergrund die Freude auf das
Wiedersehen mit Mann und Kindern. Wohl dem, der so von Lieben zu Lieben
kommt, der ungern entlassen und mit Wonne empfangen wird. Wer kann sich
reicher fuehlen als so eine Frau, die von daheim nach daheim reist?
Den Kindern hatte der Schrecken wegen des abhanden gekommenen Geldes
doch nicht lange die Freude auf das Heimkommen der Mutter verderben
koennen. Die Kleinen hatten das fatale Ereignis ohnedies von Montag bis
Samstag schon halb vergessen. Die Grossen dachten ja wohl noch daran,
aber doch mit dem unbestimmten Gefuehl, dass die Mutter um so mehr her
gehoere, je schwieriger die Lage im Haus war.
Herr Pfaeffling sah auch nicht aus wie einer, der sich nicht freut, als
er am Samstagmittag, gleich von der Musikschule aus an den Bahnhof
eilte. Er kam dort fast eine Viertelstunde zu fruehe an, lief in
ungeduldiger Erwartung der Kinder, die von der Schule aus kommen
sollten, vor dem Bahnhofgebaeude hin und her und winkte mit seinen langen
Armen, als er in der Ferne zuerst Wilhelm, dann Karl und Otto auftauchen
sah.
Er hatte angeordnet, dass nicht alle Kinder die Mutter am Bahnhof
begruessen sollten. "Sie ist den Tumult nicht mehr gewoehnt," sagte er,
"und soll nicht gleich so ueberfallen werden. Marianne kann uns bis an
den Marktplatz entgegenkommen, Frieder bis an die Ecke der
Fruehlingsstrasse und Elschen soll die Mutter an der Treppe empfangen,
denn etwas Liebes muss auch noch zu Hause sein."
So war es denn festgesetzt worden, dass bloss die drei Grossen mit dem
Vater an die Bahn kommen sollten, aber bis zum Zug selbst durften auch
sie nicht vordringen, das wahrte sich Herr Pfaeffling als alleiniges
Vorrecht. Sie standen alle drei spaehend hinter dem eisernen Gitter,
waehrend der Zug einfuhr, entdeckten die Mutter schon, als sie noch aus
dem Wagenfenster forschend nach ihren Lieben aussah, und bemerkten, wie
sich dann ploetzlich ihre Zuege verklaerten, als sie den Vater erblickte,
der, dem Schaffner zuvorkommend, die Tuere ausriss und mit froher
Begruessung seiner Frau aus dem Wagen half.
Mitten im Menschengewuehl und Gedraenge gab es ein glueckliches Wiedersehen
und Willkommenheissen und der kleine Trupp schob sich durch die Menge
hinaus auf den Bahnhofsplatz. Schwester Mathilde haette zufrieden sein
koennen mit ihrem Erfolg, denn die Verwunderung ueber der Mutter frisches,
rundliches Aussehen kam zu einstimmigem Ausdruck und haette noch nicht so
schnell ein Ende gefunden, wenn nicht Frau Pfaefflings aengstlich
klingende Frage dazwischen gekommen waere, ob die Kinder alle und auch
Walburg gesund seien. Als sie die Versicherung erhielt, dass sich alle
frisch und wohl befaenden wie bei ihrer Abreise, da kam aus erleichtertem
Herzen ein dankbares: Gottlob!
"Ich habe schon gefuerchtet, da keine Karte kam, es moechte eines von euch
krank sein," sagte sie. "Nein, das war nicht der Grund, warum ich nimmer
geschrieben habe," entgegnete Herr Pfaeffling und seine Antwort lautete
ein wenig bedrueckt. Sie bemerkte es. "Alles andere, was etwa vorgekommen
ist, bekuemmert mich gar nicht," sagte sie und drueckte gluecklich die Hand
ihres Mannes. Das freute ihn. "Hoert nur, Kinder," sagte er lachend, "die
Mutter ist ordentlich leichtsinnig geworden auf der Reise." So kamen
sie, froehlich plaudernd, bis zum Marktplatz, wo ganz brav, der
Verabredung gemaess, die zwei Schwestern gewartet hatten und jetzt der
ueberraschten Mutter jubelnd in die Arme flogen.
Nun nahmen diese beiden der Mutter Haende in Beschlag, bis sie an der
Ecke der Fruehlingsstrasse von einem andern verdraengt wurden. Dort hatte
Frieder gewartet und ausgeschaut, schon eine gute Weile. Aber in dem
Augenblick, als die Familie um die Ecke bog, sah er doch gerade in
anderer Richtung.
"Frieder!" rief ihn die Mutter an. Da wandte er sich. "Mutter, o
Mutter!" rief er, drueckte sich an sie und schluchzte. Sie kuesste ihn
zaertlich und sagte ihm freundlich: "Warum weinst du denn, mein kleines
Dummerle, wir sind ja jetzt wieder beisammen!"
"O, du bist so lang, so furchtbar lang fort geblieben!" sagte er, aber
die Traenen versiegten schon, verklaert sah er mit noch nassen Augen zu
ihr auf, ging dicht neben ihr her und liess ihre Hand nicht los, bis sie,
im Hausflur angekommen, wieder beide Arme frei haben musste, um darin die
Juengste aufzufangen, die ihr in lauter Freude entgegensprang und schon
auf der Treppe mit froehlichem Plappermaeulchen erzaehlte, dass soeben zum
Empfang eine Torte geschickt worden sei von Fraeulein Vernagelding, und
dass Frau Hartwig einen grossen, grossen Kaffeekuchen gebacken habe.
Unter ihrer Kuechentuere stand Walburg und sah noch ernster aus als sonst.
Sie hatte die ganze Woche bei Tag und Nacht den Verlust nicht vergessen
koennen, an dem nach ihrer Ueberzeugung nur sie allein schuld war. Was
konnte man von Kindern erwarten? Auf sie hatte sich Frau Pfaeffling
verlassen, ihr hatte sie das Haus uebergeben, und wenn sie nicht die
Kleine allein im Stockwerk gelassen haette, so waere kein Unglueck
geschehen.
Walburg hatte nicht an die Moeglichkeit gedacht, dass Frau Pfaeffling auf
dem langen Weg von der Bahn bis zum Haus noch nichts von dem Ereignis
erfahren haette. Sie erwartete, dass Frau Pfaefflings erstes Wort ein
Vorwurf sein wuerde. Den wollte sie hinnehmen, aber ein anderes Wort
fuerchtete sie zu hoeren, das sie schon einmal schwer getroffen hatte, das
Wort: "ich will lieber eine, die hoert!" Darum stand sie so starr und
stumm, dass Frau Pfaeffling fast an ihr erschrak, als sie nun an der
Kuechentuere vorueber kam. Einen Augenblick durchzuckte sie der Gedanke: es
ist _doch_ etwas Schlimmes vorgefallen, aber im naechsten Moment sagte
sie zu sich selbst: nein, du hast es nur vergessen, wie gross, wie ernst,
wie stumm sie ist, und sie reichte dem Maedchen mit herzlichem Gruss die
Hand. Walburg hoerte den Gruss nicht, aber den Haendedruck, den
freundlichen Blick deutete sie sich als Verzeihung; es wurde ihr leicht
ums Herz, die Dankbarkeit loeste ihr die Zunge und ihr Gegengruss schloss
mit den Worten: "einen Lohn nehme ich nicht fuer das Vierteljahr."
Das waren freilich unverstaendliche Worte fuer Frau Pfaeffling, aber ehe
sie noch nach Erklaerung fragen konnte, wurde sie von den Kindern
angerufen: "Dein Koffer kommt, wohin soll er gestellt werden?" Sie liess
ihn in das Schlafzimmer bringen und nahm aus ihrem Taeschchen ein
Geldstueck fuer den Dienstmann. Frieder, der neben ihr stand, sah begierig
in den offenen Geldbeutel. "Die Mutter hat noch viel Geld," rief er
freudig den Geschwistern zu. "Seit wann fragt denn mein Frieder nach
Geld?" sagte Frau Pfaeffling und bemerkte, als sie aufsah, dass die Grossen
ihm ein Zeichen machten, still zu sein. Einen Augenblick blieb sie
nachdenklich, dann war es ihr klar: am Geld fehlte es. Man hatte zu viel
verbraucht in ihrer Abwesenheit, und Walburg machte sich darueber
Vorwuerfe. Aber viel konnte das in drei Wochen nicht ausgemacht haben,
dadurch sollte kein Schatten auf das Wiedersehen fallen.
"Ja, ich habe noch Geld," sagte sie heiter zu den Kindern, "aber nun
kommt nur, der Vater wartet ja schon, und der Tisch ist so schoen
gedeckt, Walburg hat gewiss etwas Gutes gekocht."
Nun standen sie alle um den grossen Esstisch. "Heute betet die Mutter
wieder," sagte der Vater, "wir wollen hoeren, was ihr erstes Tischgebet
ist."
"Ich habe mich schon unterwegs auf diese Stunde gefreut," sagte Frau
Pfaeffling und sie sprach mit innerer Bewegung:
"Von Dank bewegt, o Gott, wir heute
Hier vor dir stehen!
Du schenkest uns die schoenste Freude,
Das Wiedersehen.
Nun gehn wir wieder eng verbunden
Durch Lust und Leid,
In guten und in boesen Stunden
Gib uns Geleit!"
Zur Feier des Tages hatte Walburg nach Tisch fuer die Eltern Kaffee
machen muessen, im Musikzimmer hatten die Kinder ein Tischchen dazu
gedeckt. "Sollen wir den Kaffee gleich bringen?" fragte Marie. "Ja,"
sagte die Mutter. "Nein, erst wenn ich rufe," fiel Herr Pfaeffling ein
und schickte die Kinder hinaus. "Zuerst kommt etwas anderes," sagte er
nun zu seiner Frau, "zuerst kommt meine Beichte," und er fuehrte sie an
den Schreibtisch und zog die kleine leere Schublade auf, deckte auch das
leere Kaesschen auf, in dem sonst das Ersparte lag. Dieser Stand der Dinge
war schlimmer, als Frau Pfaeffling gefuerchtet hatte. "Ich habe schon
geahnt, dass mit dem Geld etwas nicht in Richtigkeit ist," sagte sie,
"aber dass _gar_ nichts mehr da ist, haette ich doch nicht fuer moeglich
gehalten, wie _kann_ man denn nur so viel verbrauchen, das braechte ich ja
gar nicht zustande!"
"Verbrauchen? Nein, verbraucht ist das Geld nicht, wir haben redlich
gespart; gestohlen ist es, gestohlen!"
Herr Pfaeffling erzaehlte den Hergang und auch, dass er gestern die
Nachricht erhalten habe, der Dieb sei wegen mehrerer Schwindeleien
festgenommen, aber das Geld habe er verspielt. Es war keine Hoffnung
mehr, es zurueck zu erhalten. Aber unentbehrlich war es und musste auf
irgend eine Weise wieder hereingebracht werden.
Eine lange Beratung folgte zwischen den beiden Gatten. Der Schluss
derselben war, dass Herr Pfaeffling lebhaft rief: "Ja, so kann es
gelingen, das ist ein guter Plan!" Und froehlich klang sein Ruf hinaus:
"Jetzt, Kinder, den Kaffee!"
13. Kapitel
Ein fremdes Element.
Der gute Plan, den die Eltern ausgesonnen hatten, sollte am naechsten Tag
auch den Kindern mitgeteilt werden.
"Marianne wird keine Freude daran haben," meinte Frau Pfaeffling.
"Nein," entgegnete Herr Pfaeffling, "aber man muss ihnen die Sache nur
gleich im rechten Licht darstellen." Er rief die Kinder alle zusammen.
"Hoert einmal," sagte er, "wir haben ein Mittel ausfindig gemacht, durch
das sich der Geldverlust wieder hereinbringen laesst. Zwei von euch koennen
uns allen helfen. Wer sind wohl die zwei Gluecklichen? Ratet einmal!"
Sie sahen sich fragend an "Wenn es gerade zwei sind, wird es Marianne
sein," schlug Karl vor.
"Richtig geraten. Aber wie?"
"Wenn sie nicht immer so schoene Kleider und seidene Zopfbaender tragen,"
meinte Wilhelm. Die Zwillinge musterten sich gegenseitig, und auch die
Blicke aller anderen ruhten auf ihnen. Die beiden Maedchen standen da in
ihren vertragenen schottischen Kleidern, mit grauen Schuerzen, und ihre
blonden Zoepfe waren mit schmalen blauen Baendchen gebunden.
"Da werden wir keine grossen Summen heraus sparen koennen," meinte Herr
Pfaeffling, "eher koenntet ihr Buben in der Kleidung etwas sparen, wenn
ihr eure Anzuege besser schonen wuerdet. Nein, das ist's nicht, wir wissen
etwas anderes."
"Etwas," setzte Frau Pfaeffling hinzu, "das jeden Monat 20 Mark und noch
mehr einbringt."
Nun waren sie alle aufs aeusserste gespannt. "Ihr erratet es nicht, ich
will es euch sagen," und Herr Pfaeffling wandte sich an die Maedchen: "Ihr
Beiden zieht in die Bodenkammer hinauf, dann koennen wir euer Zimmer an
einen Zimmerherrn vermieten und schweres Geld dafuer einnehmen. Ist das
nicht ein feiner Plan? Das muss euch doch freuen? Die Mutter will alles
Geruempel aus der Kammer herausraeumen und eure Betten hineinstellen und
im uebrigen duerft ihr alles ganz nach eurem Belieben einrichten; in eurem
Reich da oben redet euch niemand darein; aus den alten Kisten koennt ihr
Tische machen und Stuehle und was ihr nur wollt."
Die Zwillinge hatten zuerst ein wenig bedenkliche Gesichter gemacht,
aber zusehends hellten sich diese auf; jetzt nickten sie einander zu und
betaetigten: "Ja, es wird sein!"
Gleich darauf erbaten sie sich den Kammerschluessel, der sollte in
Zukunft auch ihr Eigentum sein und nun sprangen sie die Treppe hinauf in
grosser Begleitung. Auch der Vater ging mit, sie aber waren doch die
Hauptpersonen. Sie schlossen ihr kuenftiges Revier auf. Es war ein
kleines Kaemmerchen mit schraegen Waenden und einem Dachfenster. "Kalt
ist's da oben," meinte einer der Brueder. "Aber im Sommer ist's immer
ganz warm, das weiss ich noch vom vorigen Jahr," entgegnete Marie. "Da
hast du recht," bestaetigte laechelnd der Vater, "und seht nur durch das
Fenster, wenn man den Kopf weit hinausstreckt, so hat man die schoenste
Aussicht vom ganzen Haus. Und so gut vermacht ist die Kammer, nirgends
kann Schnee oder Regen durch; wisst ihr noch, wie Frau von Falkenhausen
in ihrer Lebensgeschichte erzaehlt, dass ihr in Afrika der Regen in ihr
Haeuschen gedrungen ist, und die Betten wie in einem Teich standen? Und
wie eine dicke Schlange durch ein Loch am Fenster herein gekrochen ist?
Wie waere sie gluecklich gewesen ueber ein so gutverwahrtes Kaemmerlein!
Ja, Kinder, da habt ihr es schon besser."
Als sie herunter kamen, waren alle ganz von den guten Eigenschaften der
Kammer erfuellt.
Es galt nun einen Zimmerherrn zu suchen und sich der Hausleute Erlaubnis
zu sichern. Frau Pfaeffling besprach die Sache mit der Hausfrau und diese
wiederum mit ihrem Mann. Da stiess die Sache auf Widerstand. Herr Hartwig
wollte nichts davon wissen, durchaus nichts. Er meinte, es sei schon
reichlich genug, wenn zehn Leute den obern Stock bewohnten und
Zimmerherrn seien ihm ganz zuwider. Er habe nie welche gehabt und
geduldet. Frau Hartwig legte viel gute Worte ein fuer die Familie
Pfaeffling und schilderte ganz ideale Zimmerherrn, aber ihr Mann blieb
bei seinem entschiedenen "nein" und sie konnte nicht anders als dieses
Frau Pfaeffling mitteilen.
"Es tut mir so leid," sagte sie, "aber ich kann nichts machen; mein Mann
sagt ja selten 'nein', aber wenn er es einmal gesagt hat, dann bleibt er
dabei. Er meint, wenn ein Mann 'nein' gesagt hat, duerfe er nachher nicht
mehr 'ja' sagen, sogar wenn er's moechte."