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Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper

A >> Agnes Sapper >> Die Familie Pfaeffling

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Dieser Bescheid war eine grosse Enttaeuschung fuer die Familie. Herr
Pfaeffling konnte wieder einmal den Hausherrn nicht begreifen. "Wenn ich
sehe, dass jemand nicht auskommt, lasse ich ihn doch lieber sechs
Zimmerherrn nehmen, als in Geldnot stecken," rief er, indem er lebhaft
den Tisch umkreiste. "Nicht mehr 'ja' sagen duerfen, weil man vorher
'nein' gesagt hat? Soll sich darin die Maennlichkeit zeigen? Dann waere
jedes eigensinnige Kind 'maennlich'. Glaubt das nicht, ihr Buben," sagte
er, vor Karl stehen bleibend, "ich will euch sagen, was maennlich ist:
Nicht nachgeben, wenn es gegen besseres Wissen und Gewissen geht; aber
_nachgeben_, sobald man einsieht, dass man falsch oder unrecht geurteilt
hat."

Als zwei Tage ueber die Sache hingegangen waren, ohne dass mit den
Hausleuten weiter darueber gesprochen worden waere, traf Frau Pfaeffling
zufaellig oder vielleicht absichtlich mit Herrn Hartwig im Hausflur
zusammen.

"Es war uns so leid," sagte sie zu ihm, "dass wir keinen Zimmerherrn
nehmen durften, denn wir sind durch den Diebstahl ein wenig in die Enge
geraten. Aber da Sie einmal 'nein' gesagt haben, moechte ich Sie nicht
plagen, und es ist ja wahr, dass manche Zimmerherrn spaet in der Nacht
heimkommen, Laerm machen und dergleichen. So muessen wir uns eben jetzt
entschliessen, eine aeltere Dame als Zimmermieterin aufzunehmen, da fallen
ja alle diese Schattenseiten weg. Es ist nur fuer uns unbequemer und auch
schwerer zu finden als ein Zimmerherr. Wenn Sie uns ein wenig behilflich
sein moechten, eine passende Hausgenossin zu finden, waeren wir Ihnen
recht dankbar. Meinen Sie, wir sollen es in die Zeitung setzen?"

"Ja," sagte Herr Hartwig, "das wird am schnellsten zum Ziel fuehren." Sie
besprachen noch ein wenig die naeheren Bedingungen und ohne recht zu
wissen wie, war Herr Hartwig dazu gekommen, sich selbst um eine elfte
Hausbewohnerin fuer den obern Stock zu bemuehen.

Das seitherige Zimmer der beiden Maedchen wurde huebsch hergerichtet und
sie bezogen ihre Bodenkammer. Ein Inserat in der Zeitung erschien, und
nun kamen wieder einmal Tage, in denen sich die Kinder darum stritten,
wer die Tuere aufmachen durfte, um etwaigen Liebhaberinnen das Zimmer zu
zeigen. Allzuviele erschienen nicht und Frau Pfaeffling musste erfahren,
dass die Fruehlingsstrasse "keine Lage" sei. Ihr selbst war auch nicht jede
von den wenigen, die sich meldeten, erwuenscht; sie wollte nur das Zimmer
vermieten, nicht eine Kostgaengerin an ihrem einfachen Mittagstisch
haben, kein fremdes Element in den vertrauten Familienkreis aufnehmen.
Aber als auf wiederholte Ankuendigung die Rechte sich nicht finden
wollte, wurde Frau Pfaeffling kleinmuetig und sagte zu ihrem Mann: "Mir
scheint, wir muessen froh sein, wenn ueberhaupt irgend jemand das Zimmer
mietet, ich muss mich entschliessen, auch die Kost zu geben. Aber niemand
begnuegt sich heutzutage mit so einfachem Mittagstisch, wie wir ihn
haben."

"So machst du eben immer besondere Leckerbissen fuer solch eine
anspruchsvolle Dame und deckst fuer sie in ihrem eigenen Zimmer, dann
stoert sie uns nicht," lautete Herrn Pfaefflings Rat.

Drei Tage spaeter bezog Fraeulein Bergmann das Zimmer. Pfaefflings durften
sich gluecklich schaetzen ueber diese Mieterin. Sie war eine fein gebildete
Dame, etwa Mitte der Vierziger. Erzieherin war sie gewesen, meist im
Ausland, hatte vorzuegliche Stellen innegehabt und so viel zurueckgelegt,
dass sie sich jetzt, nach etwa fuenfundzwanzig Jahren fleissiger Arbeit,
zur Ruhe setzen und von ihrer Rente leben konnte. Sie war gesund und
frisch und wollte nun ihre Freiheit geniessen, sich Privatstudien und
Liebhabereien widmen, zu denen ihr das Leben bis jetzt wenig Musse
gelassen hatte. Was andere Mieter abschreckte, der Kinderreichtum der
Familie Pfaeffling, das war fuer sie ein Anziehungspunkt, denn in der
Wohnung, die sie zuerst nach dem Austritt aus ihrer letzten Stelle
bezogen hatte, war es ihr zu einsam gewesen. Sie hatte es nur kurze Zeit
dort ausgehalten und suchte jetzt eine Familie, in der sie mehr Anschluss
faende. Mit schwerem Herzen machte ihr Frau Pfaeffling das Zugestaendnis,
dass sie am Mittagstisch der Familie teilnehmen duerfe.

"Ich konnte es ihr nicht verweigern," sagte sie zu ihrem Mann und fuegte
seufzend hinzu: "Urspruenglich wollten wir freilich einen Herrn, der den
ganzen Tag fort waere und nun haben wir eine Dame, die den ganzen Tag da
ist, aber ich glaube, dass sie keine unangenehme Hausgenossin sein wird."

Nach den ersten gemeinsamen Mahlzeiten war die ganze Familie fuer
Fraeulein Bergmann eingenommen. Sie war viel in der Welt herumgekommen,
wusste in anregender Weise davon zu erzaehlen und interessierte sich doch
auch fuer den Familienkreis, in den sie nun eingetreten war. Deutlich war
zu bemerken, dass sie sich von Frau Pfaefflings sinnigem Wesen angezogen
fuehlte, dass sie Verstaendnis hatte fuer des Hausherrn originelle
Lebhaftigkeit und Anerkennung fuer der Kinder Bescheidenheit. Freilich
waren auch alle sieben voll Zuvorkommenheit gegen die neue Hausgenossin.
Hatte diese doch das Zimmer gemietet trotz der vielen Kinder, und
trotzdem die Fruehlingsstrasse "keine Lage" war. Ueberdies floessten ihnen
die feinen Umgangsformen und das sichere Auftreten der ehemaligen
Erzieherin Achtung ein. So ging anfangs alles aufs beste und waere auch
wohl so weiter gegangen, wenn Fraeulein Bergmann nicht das Wort
"ehemalig" vergessen haette. Aber es dauerte gar nicht lange, so gewann
es den Anschein, als ob sie die Erzieherin der Kinder waere; sie ermahnte
und tadelte sie, fragte nach den Schularbeiten, rief die Schwestern zu
sich in ihr Zimmer und liess sie unter ihrer Anleitung die Aufgaben
machen. Die Maedchen, um deren Arbeiten sich bisher niemand bekuemmert
hatte, fanden das vorteilhaft und kamen gerne, auch Frau Pfaeffling war
anfangs dankbar dafuer, aber die neue Einrichtung passte doch nicht zum
Ganzen.

So waren auch eines Nachmittags die beiden Schwestern schon geraume Zeit
in Fraeulein Bergmanns Zimmer, als Elschen bescheiden anklopfte.
"Marianne soll herueber kommen," richtete sie aus, "es gibt Ausgaenge zu
machen." Die Maedchen standen augenblicklich auf, aber Fraeulein Bergmann
hielt sie zurueck: "Das eilt doch nicht so," sagte sie, "die Schularbeit
geht allem vor, das habe ich allen meinen Zoeglingen eingepraegt. Die
Ausgaenge koennten doch auch von dem Dienstmaedchen gemacht werden."

"Walburg hat keine Zeit," entgegnete Elschen altklug, "und sie hoert auch
nicht genug fuer manche Besorgungen."

"Dies taube Maedchen ist in jeder Hinsicht eine ungenuegende Hilfe," sagte
Fraeulein Bergmann. "Nun geh nur, Elschen, und bitte deine Mama, sie
moechte den Schwestern noch ein halb Stuendchen Zeit goennen."

Es dauerte aber noch eine ganze Stunde, bis die Kinder herueberkamen.

"Ihr braucht laenger zu den Aufgaben, als wenn ihr allein arbeitet,"
sagte Frau Pfaeffling aergerlich, "woher kommt denn das?"

"Weil Fraeulein Bergmann immer zuerst das alte wiederholt und das neue
voraus erklaert. Sie sagt, so koennten wir bald alle Mitschuelerinnen
ueberfluegeln, und in der Schule wuerde jedermann staunen ueber unsere
Fortschritte."

"Das kann sein," entgegnete Frau Pfaeffling, "aber dann haette ich gar
keine Hilfe von euch und das geht nicht an, auch ist die Schule zum
lernen da und nicht zum prahlen. Nun eilt euch nur, dass ihr nicht in die
Dunkelheit kommt mit den Ausgaengen." Sie kamen aber doch erst heim, als
es finster war. "Finden Sie das passend?" fragte Fraeulein Bergmann die
Mutter, "sollten Sie nicht das Dienstmaedchen schicken?"

"Walburg kann nicht alles besorgen."

"Nun ja, mit dieser Walburg kann es nicht mehr lange gut tun, wenn sie
vollends ganz taub ist, muss sie doch fort."

Diese Worte hoerte auch Frieder, und sie gingen ihm zu Herzen. Er suchte
Walburg in der Kueche auf und wollte sie sich daraufhin ansehen, ob sie
wohl bald ganz taub wuerde? Sie bemerkte seinen forschenden,
teilnehmenden Blick. "Willst du mir was?" fragte sie und beugte sich zu
ihm. Er zog ihren Kopf ganz zu sich und sagte ihr ins Ohr: "Ich mag
Fraeulein Bergmann nicht, magst du sie?" Walburg antwortete ausweichend:
"Man muss froh sein, dass man sie hat."

Ja, man war froh, dass man sie hatte, und nahm geduldig manche
Einmischung hin. Da und dort zeigte sich bald eine kleine Veraenderung im
Pfaeffling'schen Haushalt. So am Mittagstisch. Dieser war bisher immer
mit einem hellen Wachstuch bedeckt worden.

"Ich habe noch ueberall, wo ich war, weisse Tischtuecher getroffen,"
bemerkte Fraeulein Bergmann.

"Vielleicht waren Sie noch nie in einem so einfachen und kinderreichen
Haus," entgegnete Frau Pfaeffling, "wir muessen jede unnoetige Arbeit
vermeiden und die grossen Tischtuecher machen viel Arbeit in der Waesche."

"Aber das Essen mundet besser auf solchen."

"Dann will ich ein Tischtuch ausbreiten, es soll Ihnen gut schmecken an
unserem Tisch."

Kurz darauf beanstandete Fraeulein Bergmann, dass die Tuere zum Nebenzimmer
regelmaessig offen stand. "Wir koennen dadurch beide Zimmer mit _einem_
Ofen heizen," erklaerte Frau Pfaeffling.

"Aber dann sollten Sie die Tuere aushaengen und eine Portiere anbringen,
das wuerde sich sehr fein machen."

"Ja gewiss, aber ich habe keine Portiere und auf solche Einkaeufe kann ich
mich nicht einlassen. Sie muessen bedenken, dass Sie nun nicht mehr bei
reichen Leuten leben, sondern bei solchen, die recht dankbar sind, wenn
es nur immer zum taeglichen Brot reicht."

"Sie haben recht, ich merke jetzt selbst erst, wie ich verwoehnt bin, und
ich habe mich schon oft gewundert, dass Sie so heitern Sinnes auf vieles
verzichten, woran Sie gewiss zu Hause gewoehnt waren. Ich weiss, dass Sie
aus fein gebildeter Familie stammen."

"Vielleicht kann ich mich gerade deshalb leicht in andere Verhaeltnisse
schicken. Die aeussere Einfachheit macht mir wirklich nichts aus, mein
Glueck ruht auf ganz anderem Grund, Portieren und dergleichen haben damit
gar nichts zu tun."

Ein paar Tage spaeter brachte Fraeulein Bergmann als Geschenk den Stoff zu
einer Portiere, auch den Tapezierer hatte sie bestellt. Die Tueroeffnung
wurde nun elegant verkleidet und sah in der Tat huebsch aus, die Kinder
standen voll Bewunderung. Aber der schoene Stoff passte nicht so recht zum
Ganzen, Fraeulein Bergmann selbst war die erste, die das bemerkte. "Es
sehen nun allerdings die Moebelbezuege verblichen aus," sagte sie, "aber
ueber kurz oder lang muessten diese doch erneuert werden."

Herr Pfaeffling war sehr ueberrascht, als er zum erstenmal durch die
Portiere schritt. Sie streifte dem grossen Mann das Haar. Er sah sie
missliebig an.

"Es ist ein Geschenk von Fraeulein Bergmann," sagte Frau Pfaeffling, "du
solltest ihr auch ein Wort des Dankes sagen, wenn sie zu Tisch kommt."

"Auch noch danken?" entgegnete Herr Pfaeffling, "ich habe ja gar keinen
Sinn fuer so etwas, es faengt nur den Staub auf und stimmt auch nicht zu
unserer uebrigen Einfachheit. Fraeulein Bergmann mag sich Portieren in ihr
Zimmer haengen so viel sie will, aber unsere Zimmer muessen ihr schoen
genug sein, so wie sie sind."

Bei Tisch sass er gerade der Portiere gegenueber; sie kam ihm wie etwas
Zudringliches, Fremdes vor. Er wollte aber die Hoeflichkeit wahren und
sich nichts anmerken lassen. Da kam noch ein kleiner Aerger zum ersten
hinzu. Walburg hatte eben die Suppe abgetragen und drei Teller
gewechselt. Die Kinder bekamen immer nur _einen_ Teller.

"Finden Sie nicht, dass es gegen den Schoenheitssinn verstoesst, wenn die
Kinder alles auf einem und demselben Teller essen?" wandte sich Fraeulein
Bergmann fragend an Frau Pfaeffling.

"Es geschieht eben, um Arbeit zu sparen," antwortete sie, "sieben Teller
mehr aufzudecken, abzuwaschen und aufzuraeumen ist schon ein Geschaeft."

"So viel koennte diese Walburg wohl noch leisten," entgegnen das
Fraeulein, "das ist doch solch eine Kleinigkeit."

Da fiel ihr Herr Pfaeffling ungeduldig in die Rede: "Aber ich bitte Sie,
geehrtes Fraeulein, meine Frau als Hausfrau muss doch am besten wissen,
was in unsere Haushaltung passt oder nicht, und wenn Sie bei uns sind,
muessen Sie mit unserer Art vorlieb nehmen."

"Gewiss, das tue ich ja auch, es ist mir nur wegen der Kinder leid, zu
sehen, wie der Schoenheitssinn so ganz vernachlaessigt wird. Aber ich
werde gewiss nicht mehr darein reden, kein Wort mehr."

"Ja, darum moechte ich Sie recht freundlich bitten," sagte Herr
Pfaeffling, "und uebrigens ist an meiner Frau und ihrem Tun alles
ordentlich, schoen und rein und ich moechte durchaus nicht, dass sie sich
noch mehr Arbeit macht, und wenn meine Kinder ihr nachschlagen, wird man
sie ueberall gern sehen."

"Aber bitte, wer bestreitet denn das?" sagte das Fraeulein und fuegte
gekraenkt hinzu: "Ich schweige ja schon!" Der Schluss der Mahlzeit verlief
in unbehaglicher Stille, und sobald das Essen vorueber war, zog sich
Fraeulein Bergmann zurueck.

"Sie ist beleidigt," fluesterte bekuemmert eines der Maedchen dem andern
zu.

"Das ist nur ihre eigene Schuld," behaupteten die Brueder, "warum mischt
sie sich ein!"

"Aber es ist doch wahr, dass Teller schnell abgewaschen sind!"

"Nein, es ist nicht wahr. Ihr glaubt alles, was Fraeulein Bergmann sagt
und haltet gar nicht zur Mutter!"

Dieser Vorwurf kraenkte die Schwestern tief, sie weinten beide. Herr
Pfaeffling bemerkte es: "Sie macht uns auch noch die Kinder uneins,"
sagte er zu seiner Frau. Die beruhigte ihn: "Fraeulein Bergmann wird sich
jetzt schon besser in acht nehmen, wenigstens in deiner Gegenwart, und
mir ist ihr Dareinreden nicht so unangenehm, man macht doch seine Sache
nicht vollkommen und da ist es gar nicht uebel, einmal zu erfahren, wie
andere darueber urteilen. Sie hat auch viel mehr von der Welt gesehen als
ich."

Mit Frau Pfaeffling verstand sich Fraeulein Bergmann am besten. Die beiden
Frauen standen eines Morgens vor dem Buecherschrank, Fraeulein Bergmann
machte von der Erlaubnis Gebrauch, sich ein Buch auszuwaehlen.

"Es ist merkwuerdig," sagte sie, "wie langsam der Tag vergeht, wenn man
keinen eigentlichen Beruf hat! Seit Jahren habe ich mich gefreut auf
diese Zeit der Freiheit, habe mich in meinen Stellen gesehnt, so recht
nach Herzenslust lesen, zeichnen, studieren zu koennen, und nun, seitdem
ich Musse dazu habe, so viel ich nur will, hat es seinen Reiz verloren."

Frau Pfaeffling sagte nach einigem Besinnen:

"Ob es Sie wohl befriedigen wuerde, wenn Sie sich an gemeinnuetziger
Arbeit beteiligten? Es gibt hier manche wirklich nuetzliche Vereine."

"Nein, nein," wehrte Fraeulein Bergmann lebhaft ab, "dazu passe ich gar
nicht. Ich werde mich schon allmaehlich zurecht finden in meiner
veraenderten Lebenslage. Haben Sie ein wenig Geduld mit mir, ich fuehle
selbst, dass ich unausstehlich bin."

Frau Pfaeffling uebte Geduld, aber manchmal hatte sie den Eindruck, dass
Fraeulein Bergmann im Vertrauen auf diese Nachsicht sich immer mehr
Kritik und Einmischung gestattete.

Es war kein schoener Monat, dieser Maerz! Draussen in der Natur wollte sich
kein Fruehlingslueftchen regen, ein kalter Ostwind hielt alles zurueck und
brachte Erkaeltungen mancherlei Art in die Familie. Nach Fraeulein
Bergmanns Ansicht waren all diese kleinen Uebelbefinden selbst
verschuldet, sie behauptete, solches bei ihren Zoeglingen durch
sorgfaeltige Aufsicht immer verhuetet zu haben.

"Heute steht Fruehlingsanfang im Kalender," sagte Karl am 21. Maerz,
"weisst du noch, Vater, heute vor einem Jahr bist du mit uns allen sieben
ausgezogen, Veilchen zu suchen und Palmkaetzchen heim zu bringen. Aber
dieses Jahr ist es so kalt."

"Ja, voriges Jahr war es viel schoener," darin stimmten alle ueberein,
schoener war es draussen gewesen, schoener auch im friedlich geschlossenen
Familienkreis.

Sie sassen wieder einmal an dem weiss gedeckten Mittagstisch, nachdem Herr
Pfaeffling sich die Fransen der Portiere hatte durch die Haare streichen
lassen, und seine Frau ein Tischgebet gesprochen hatte.

"Wie wunderlich," begann Fraeulein Bergmann, "dass Sie nicht ein
feststehendes Tischgebet haben! Das ist mir noch in keinem Haus
vorgekommen. Das heutige hat kein gutes Versmass. Wie vielerlei haben Sie
eigentlich?"

"Eine ganze Sammlung," sagte Frau Pfaeffling. "Ich denke, dass man
leichter mit dem Herzen und den Gedanken bei dem Tischgebet ist, wenn es
nicht jeden Tag das gleiche ist, und mir tut es immer leid, wenn ein
Gebet gedankenlos gesprochen wird."

"Ach, das koennen Sie doch nicht aendern. Ich bin nicht fuer solche
Neuerungen. Das Tischgebet ist eben eine Form, weiter nichts." Nun war
es mit Herrn Pfaefflings Geduld schon wieder zu Ende. "Aber meiner Frau
liegt daran, in diese Form einen Inhalt zu giessen," sagte er lebhaft,
"und wenn Sie lieber die leere Form haben, so brauchen Sie ja auf den
Inhalt nicht zu horchen."

"Aber, lieber Mann," sagte Frau Pfaeffling und legte beschwichtigend ihre
Hand auf seine trommelnde, "Fraeulein Bergmann hat das gar nicht schlimm
gemeint!"

"Dann meine ich es auch nicht schlimm," sagte Herr Pfaeffling beguetigend.
Im Weiteren verlief die Mahlzeit friedlich, wenn auch einsilbig. Aber
nach Tisch rief Herr Pfaeffling seine Frau zu sich in das Musikzimmer.
"Das ist ein unleidlicher Zustand," begann er, "dieses Frauenzimmer ist
die verkoerperte Dissonanz und stoert jegliche Harmonie im Hause. So etwas
kann ich nicht vertragen. Tu mir's zuliebe und mache der Sache ein Ende.
Wir finden wohl auch wieder eine andere Mieterin."

"Aber nach so kurzer Zeit ihr schon die Tuere weisen, das tut mir doch
leid fuer sie, wie soll ich denn das machen?"

"Ganz wie du willst, du bringst das schon zustande, ohne sie zu kraenken.
Aber je eher, je lieber, nicht wahr? Kannst du nicht gleich hinueber und
mit ihr reden? Vielleicht ginge sie dann schon morgen!"

"Nein, so ploetzlich laesst sich das doch nicht machen, bis zum 1. April
musst du dich schon noch gedulden!" sagte Frau Pfaeffling, und waehrend
sie ihrer Arbeit nachging, ueberlegte sie, wie sie die Kuendigung schonend
begruenden koennte. Fraeulein Bergmann tat ihr leid, aber die Ruecksicht
auf ihren Mann, auf Harmonie und Frieden im Hause musste doch vorgehen.

Noch am selben Nachmittag kam ihr ein Umstand zu Hilfe. Fraeulein
Bergmann suchte sie auf und bat sie, in ihr Zimmer zu kommen. Auf dem
Tisch lagen Papiere ausgebreitet. "Ich moechte Ihnen etwas zeigen," sagte
das Fraeulein, "hier habe ich die Zeugnisse von meinen letzten Stellen
hervorgesucht, moechten Sie diese nicht lesen? Ich muss Ihnen sagen, dass
ich mich ordentlich schaeme ueber die Zurechtweisung, die ich heute mittag
erfahren habe; so etwas ist mir nicht vorgekommen in den vielen Jahren,
die ich in Stellung war. Aber ich fuehle ja selbst, dass ich unleidlich
bin; was ist es denn nur? Ich war doch sonst nicht so, bitte, lesen
Sie!"

Fraeulein Bergmann hatte als stellvertretende Hausfrau und Mutter viele
Jahre in ein und demselben Haus zugebracht und neben ihrer Tuechtigkeit
war in den Zeugnissen ausdruecklich ihre Liebenswuerdigkeit, ihr Takt
hervorgehoben.

Indem Frau Pfaeffling dieses las und ueberdachte, kam ihr ploetzlich die
Erklaerung dieses Widerspruches und der Gedanke, wie Fraeulein Bergmann
wieder in das richtige Geleise zu bringen waere.

"Ich glaube, Sie haben sich viel zu fruehe in den Ruhestand begeben, und
das ist wohl der Grund fuer Ihre 'Unausstehlichkeit', wie Sie es nennen.
Sie stehen im gleichen Alter wie mein Mann; wie kaeme es Ihnen vor, wenn
er schon aufhoeren wollte, in seinem Beruf zu wirken? Er will erst noch
sein Bestes leisten, und so stehen auch Sie noch in der vollen Kraft,
und haben eine reiche Lebenserfahrung dazu. Sie koennten ein ganzes
Hauswesen leiten, eine Schar Kinder erziehen, und wollen hier in einem
Stuebchen hinter den Buechern sitzen! Das ertragen Sie einfach nicht und
das wird wohl der Grund sein, warum Sie nun in unser Hauswesen unberufen
eingreifen. Ihre besten Kraefte liegen brach! Wenn ich Ihnen einen Rat
geben darf, so ist es der: Suchen Sie wieder eine Stelle, und zwar eine
solche, die Sie vollauf in Anspruch nimmt!"

Fraeulein Bergmann hatte nachdenklich zugehoert. "Ja," sagte sie jetzt,
"so wird es wohl sein. Ich kann die Untaetigkeit nicht ertragen. Dass Sie
mir noch solch eine Leistungsfaehigkeit zutrauen, das freut mich. Nur
schaeme ich mich vor all meinen Bekannten, denen ich mit Stolz meinen
Entschluss mitgeteilt habe, zu privatisieren. Es war mir damals eine
verlockende Stelle als Hausdame angetragen, ich habe sie abgelehnt."

"Ist sie wohl schon besetzt?"

"Vielleicht nicht. Es hiess, der Eintritt koenne auch erst spaeter
erfolgen."

"Wollen Sie sich nicht darnach erkundigen?"

"Nachdem ich die Stelle so stolz abgewiesen habe? Allerdings haette ich
keine passendere finden koennen. Meinen Sie, ich soll schreiben?"

"ueberlegen Sie es sich noch, lassen Sie eine Nacht darueber hingehen."

Eine halbe Stunde spaeter hoerte man Fraeulein Bergmann mit eiligen,
elastischen Schritten die Treppe hinuntergehen, nach der Post.

"Ich bin Fraeulein Bergmann begegnet," sagte Wilhelm, der eben heimkam,
"sie ist gesprungen wie ein Wiesel und hat mir ganz fidel zugenickt;
warum sie wohl gerade heute so vergnuegt ist?"

Mit der Stelle kam es nach einigem Hin- und Herschreiben in Richtigkeit.
Schon zum 1. April sollte Fraeulein Bergmann sie antreten. Das letzte
gemeinsame Mittagsmahl war vorueber, die Kinder freuten sich unten, im
Freien, der langersehnten warmen Fruehlingsluft, Frau Pfaeffling war mit
der Sorge um das Gepaeck der Reisenden beschaeftigt, diese sass allein noch
mit Herrn Pfaeffling am Esstisch.

"Wenn ich einmal alt und pflegebeduerftig bin," begann Fraeulein Bergmann,
"dann frage ich wieder an, ob Sie mich aufnehmen moechten in Ihr Haus.
Ich kenne niemand, dem ich mich in hilfloser Lage so gern anvertrauen
moechte, als Ihrer lieben Frau und den seelenguten Zwillingsschwestern.
Dann duerften Sie ja keine Angst mehr haben vor meiner kritischen Art."
Herr Pfaeffling, der nach seiner Gewohnheit um den Tisch gewandelt war,
machte jetzt Halt und sagte: "Die Kritik ist ja sehr viel wert, wenn sie
nicht bloss aus schlechter Laune entspringt. Solange Sie _alles_
tadelten, wehrte ich mich dagegen, aber jetzt, wo wir in friedlicher
Stimmung auseinandergehen, jetzt wuerde ich auf Ihr Urteil viel geben.
Sie sagten neulich, es sei alles unschoen und unfein bei uns--"

"Nein," fiel sie ihm ins Wort, "so sagte ich doch nicht und ueberdies
wissen Sie wohl, dass alles nur aus einer gewissen Streitlust gesprochen
war."

"Aber etwas Wahres lag doch wohl Ihren Aeusserungen zugrunde. Moechten Sie
mir nicht sagen, was Ihnen unschoen erscheint in unserem Hauswesen,
unseren Gewohnheiten?"

Fraeulein Bergmann ueberlegte. "Ich kann meine Behauptung wirklich nicht
aufrecht erhalten," und mit einem gutmuetigen, aber doch ein wenig
spoettischen Laecheln fuegte sie hinzu: "Unschoen ist eigentlich nur
_eines_."

"Und zwar?"

"Darf ich es sagen? Nun denn: unschoen kommt mir vor, wenn Sie so wie
jetzt eben im Laufschritt den Tisch umkreisen, an dem man sitzt."

Herr Pfaeffling hielt betroffen mitten in seinem Lauf inne.

"Ihr Wilhelm faengt das naemlich auch schon an," fuhr sie fort, "haben Sie
es noch nicht bemerkt? Neulich lief er ganz in Ihrem Schritt hinter
Ihnen, immer die gleiche Entfernung einhaltend, wahrscheinlich um einen
Zusammenstoss zu vermeiden, da Sie oft mit einem ploetzlichen Ruck
stehenbleiben. Es war sehr drollig anzusehen, nur wurde mir schwindelig
dabei."

"Das begreife ich!" sagte Herr Pfaeffling, "und wenn mir schliesslich alle
Kinder folgen wuerden wie ein Kometenschweif, so ginge das zu weit. Ich
werde es mir abgewoehnen, sofort und mit aller Energie. Wie man nur zu
solchen uebeln Gewohnheiten kommt?" Er versank in Gedanken darueber--und
nahm seinen Lauf um den Tisch wieder auf.

Fraeulein Bergmann verliess laechelnd das Zimmer.

Im Vorplatz uebergab Frau Pfaeffling den vollgepackten Handkoffer an
Walburg. "Ist er nicht zu schwer?" fragte sie.

"O nein," entgegnete Walburg in ungewoehnlich lebhaftem Ton, "ich trage
ihn _gern_ fort."

Hatte sie auch nie die unfreundlichen Aeusserungen gehoert, die Fraeulein
Bergmann ueber sie tat, so hatte sie doch in ihr eine Feindin gewittert
und war froh, dass diese so unerwartet schnell abzog. Warum, wusste sie
nicht, fragte auch nicht darnach, es genuegte ihr, dass offenbar niemand
ungluecklich darueber war, Marianne vielleicht ausgenommen, aber die wuerde
sich bald troesten, und eine neue Mieterin konnte sich nach Ostern
finden.

Frau Pfaeffling begleitete die Reifende und Elschen durfte diesmal mit
zur Bahn. Die kleine Reisegesellschaft war kaum zur Haustuere hinaus, als
Herr Pfaeffling seine drei Grossen herbeirief: "Nun helft mir die Portiere
abnehmen, dass man wieder Luft und Licht hat und frei durch die Tuere
kann. Aber vorsichtig, die Mutter sagt, sie koenne den schoenen Stoff gut
verwenden!"

So standen sie bald zu viert auf Tisch und Stuehlen und hantierten lustig
darauf los, als heftig geklingelt wurde und gleichzeitig durch das
offene Fenster von der Strasse herauf Elschens Stimme ertoente, die nach
den Bruedern rief. Otto sah durchs Fenster und fuhr blitzschnell wieder
herein: "Fraeulein Bergmann hat ihren Schirm vergessen, sie kommt selbst
herauf!"


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