Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper
"Geht hinaus, lasst sie nicht herein," rief Herr Pfaeffling, "den
schmerzlichen Anblick soll sie nicht erleben!" Draussen hoerte man auch
schon ihre Stimme: "Ich muss den Schirm im Esszimmer abgestellt haben."
Richtig, da stand er in der Ecke! Wilhelm erfasste ihn, blitzschnell
rannte er durch die Tuere und konnte diese gerade noch hinter sich
schliessen und Fraeulein Bergmann den Schirm hinreichen. Sie hatte nichts
gesehen und eilte davon.
"Wenn sie nun zu spaet zum Zug kommt und wieder umkehrt!" sagte Herr
Pfaeffling ueberlegend und sah nach der Portiere, die, halb oben, halb
unten, einen traurigen Anblick bot. "Wir haetten eigentlich warten koennen
bis morgen."
Nun blieb aber keine Wahl mehr, das Werk musste vollendet werden; bald
sah alles im Haus Pfaeffling wieder aus wie vorher; Fraeulein Bergmann kam
nicht wieder, das fremde Element war ausgeschieden, Frau Pfaeffling
kehrte mit Elschen allein zurueck. "Sie laesst euch alle noch gruessen,"
berichtete sie, "ihr letztes Wort war: 'Vielleicht kann ich Ihnen auch
einmal ein schoenes Tischgebet schicken!'"
Herr Pfaeffling war in froehlicher Stimmung. "Kommt, Kinder," rief er,
"wir singen einmal wieder zusammen, wie lange sind wir nimmer dazu
gekommen." Er stimmte ein Fruehlingslied an, und dass es so besonders
frisch und froehlich klang, das war Fraeulein Bergmann zu danken!
14. Kapitel
Wir nehmen Abschied.
Frau Pfaefflings Bruder wurde noch vor Beginn der Osterferien erwartet,
und das leere Zimmer war fuer ihn als Gastzimmer gerichtet. Keines der
Kinder ahnte etwas davon, dass der Onkel bei seinem Besuch sie kennen
lernen und darnach beschliessen wolle, welches von ihnen er heimwaerts mit
sich nehmen wuerde. Sie wussten nur, dass die Mutter ihren einzigen, innig
geliebten Bruder erwartete, und freuten sich alle auf den seltenen Gast.
Die drei Grossen hatten auch noch aus ihrer fruehesten Kindheit eine
schoene Erinnerung daran, wie Onkel und Tante gekommen waren und durch
schoene Geschenke ihre Herzen gewonnen hatten.
Herr Pfaeffling billigte den Plan, der am achtzigsten Geburtstag gefasst
worden war. Er kannte die Verwandten seiner Frau und schaetzte sie hoch,
auch war es ihm klar, dass in dem Haushalt seines Schwagers dem einzelnen
Kind mehr Aufmerksamkeit zuteil werden konnte als in der eigenen
Familie. Doch wollte er den Aufenthalt nur fuer ein oder hoechstens zwei
Jahre festsetzen, damit keines der Kinder dem Geist des Elternhauses
entfremdet wuerde.
Einstweilen war das Wintersemester zu Ende gegangen, und was waehrend
desselben geleistet worden, sollte sich heute in den Osterzeugnissen
zeigen.
In einem der grossen Gaenge des Gymnasiums wartete Karl auf seinen Bruder
Wilhelm, dessen Zeugnis war ihm diesmal so wichtig wie sein eigenes.
Doch nur fuer die Mathematiknote interessierte er sich. Wenn diese nicht
besser ausfiel als das letzte Mal, dann stund es schlimm um Wilhelm,
schlimm auch um die Ferienfreude. Nachhilfestunden zu geben war nicht
Karls Liebhaberei, der junge Lehrer und der Schueler haetten sie gleich
gerne los gehabt. Darum strebten die Brueder gleich aufeinander zu, als
die Klassentuere sich auftat und die Schueler herausdraengten. Ueber der
andern Koepfe weg reichte Wilhelm schon von der Ferne Karl sein Zeugnis
hin und dieser las: Mathematik III. Ueber diese Note, die wohl schon
manchem Schuler Kummer bereitet hat, waren unsere beiden hochbefriedigt
und beschlossen, rasch nach der Musikschule zu rennen, um den Vater noch
zu erreichen und mit ihm heimzugehen. Das gelang ihnen auch. Als er die
Jungen mit den bekannten blauen Heftchen auf sich zuspringen sah, wusste
er schon, dass es Gutes bedeute. "Diesmal ist wohl keine
Durchschnittsnote noetig?" fragte er und ueberblickte das Zeugnis, und war
zufrieden. Aber eben nur zufrieden. Die Brueder waren enttaeuscht, nach
ihrer Meinung haette der Vater viel vergnuegter sein muessen. "Hast du noch
etwas Besseres erwartet, Vater?" fragten sie.
"Nein, aber ich traue noch nicht recht. Nach drei kommt vier, da sind
wir noch in gefaehrlicher Nachbarschaft. Ich weiss wohl, warum ihr so
vergnuegt seid, ihr meint, die Nachhilfstunden seien nun ueberfluessig,
aber ganz kann ich euch noch nicht davon entbinden, Wilhelm koennte sonst
gleich wieder rueckfaellig werden. Sagen wir _einmal_ statt zweimal in der
Woche." Sie machten lange Gesichter. "Und in den Osterferien gar keine,
zum Lohn fuer den Erfolg," fuegte der Vater hinzu. Da heiterten sich die
Gesichter auf. Wenn man nur wenigstens in den Ferien frei war, im
Schuljahr wurde doch immer gelernt, da ging das mehr in einem hin. Und
uebermorgen war ja der erste Ferientag! Sie waren schon wieder vergnuegt
und kamen in gluecklicher Ferienstimmung nach Hause, wo die Schwestern
begierig auf die Zeugnisse warteten und diesmal mit Lust saemtliche
Heftchen auf des Vaters Tisch ausbreiteten.
"Was wohl unsere Kleine einmal heim bringt?" sagte Karl, als ersah, wie
Elschen ernsthaft die Zeugnisse betrachtete und sich bemuehte, die
geheimnisvollen Ziffern zu deuten.
"Ich bringe lauter Einser," antwortete sie zuversichtlich. Aber diesen
Uebermut hatte sie zu bereuen. "So?" rief Otto, "so sage einmal, was a
plus b ist? Das weisst du nicht einmal? Da bekommst du unbedingt einen
Vierer." Von allen Seiten kamen nun solch verfaengliche Fragen und es
wurden ihr lauter Vierer prophezeit, bis ihr angst und bang wurde, sie
sich zu Frieder fluechtete und sagte: "Du gibst mir dann jeden Tag
Mathematikstunden!"
Die Noten der Schwestern waren gut ausgefallen. Drei Wochen lang hatten
sie eine richtige Hauslehrerin gehabt, dadurch waren sie in guten Zug
gekommen. Sie schrieben an Fraeulein Bergmann eine schoene Karte.
Herr Pfaeffling unterschrieb die Zeugnisse, und als er das von Frieder in
Haenden hatte und sah, dass es besser war als die frueheren, trat ihm
wieder das Bild vor die Seele, wie der Kleine ihm die verhuellte Violine
mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes uebergeben hatte. Er war seitdem ein
gewissenhafter und geschickter Klavierspieler geworden, aber die Liebe,
die er zu seiner Violine und auch zu der Harmonika gehabt hatte, die
brachte er dem Klavier nicht entgegen, mit dem Herzen war er nicht
dabei. Mit keinem Wort hatte das Kind je wieder die Violine erwaehnt. Ob
sie ihm wohl noch immer ein schmerzliches Entbehren war? Der Vater haette
es gerne gewusst, und als am Abend, nach der Klavierstunde, der kleine
Spieler seine Musikhefte beiseite raeumte, redete er ihn darauf an.
"Frieder, macht dir das Klavierspielen jetzt auch Freude? Tut es dir
nicht mehr so leid, dass du deine Geige nimmer hast?" Ein tiefernstes
Gesicht machte das Kind, als diese Wunde beruehrt wurde, dann antwortete
er leise: "Ich moechte sie gar nicht mehr haben."
"Warum nicht, Frieder? Komm, sage du mir das!" "Weil ich nicht aufhoeren
kann, wenn ich angefangen habe, zu spielen." "Du _kannst_ nicht,
Frieder? Du _willst_ nur nicht, weil es dir schwer faellt; aber siehst du
nicht, dass wir alle aufhoeren, wenn wir muessen? Meinst du, ich moechte
nicht lieber selbst weiter spielen, als Fraeulein Vernagelding Stunde
geben, wenn sie jetzt kommt? Meinst du, die Mutter moechte, wenn sie nach
Tisch in ihren schoenen Buechern liest, nicht lieber weiterlesen als schon
nach einer halben Stunde wieder das Buch aus der Hand legen und die
Struempfe stopfen? Und die grossen Brueder moechten nicht lieber auf den
Balken turnen als ihre Aufgaben machen? Und die Schwalben unter unserem
Dach moechten nicht lieber fuer sich selbst Futter auspicken als
ausfliegen und ihre Jungen fuettern, wie es der liebe Gott angeordnet
hat? Und der Frieder Pfaeffling will allein dastehen auf der Welt und
sagen: 'Ich kann nicht aufhoeren'? Nein, der muesste sich ja schaemen vor
den Tierlein, vor den Menschen, vor dem lieben Gott muesste er sich
schaemen!"
"Ich kann auch aufhoeren," sagte Frieder, "bei allem andern, nur beim
Geigen nicht."
"Da gibt es keine Ausnahmen, Frieder, wer einen festen Willen hat, kann
mitten im Geigenstrich aufhoeren und das musst du auch lernen. Gib dir
Muehe, und wenn du dann fuehlst, dass du einen festen Willen hast, so sage
es mir, dann will ich dir jeden Sonntag fuer eine Stunde deine Geige
geben."
Da leuchtete es in Frieders Gesicht, und nach dem grossen Schrank
deutend, der in der Ecke des Musikzimmers stand, sagte er mit zaertlichem
Ton: "Da innen ist sie!"
"Ja, da ist sie und wartet, ob ihr kleiner Freund bald einen festen
Willen bekommt und sie erloest aus der Einsamkeit. Aber nun geh, Kind;
Fraeulein Vernagelding ist im Vorplatz, ich hoere sie schon lange plaudern
mit Marianne, ich weiss nicht, warum sie nicht herein kommt."
Unser Musiklehrer oeffnete die Tuere nach dem Vorplatz, die drei
plaudernden Maedchen fuhren auseinander, Fraeulein Vernagelding kam zur
Stunde. Noch rosiger und laechelnder erschien sie als sonst, und hatte
solch eine wichtige Neuigkeit unter vielem Erroeten mitzuteilen! Die
Karten waren ja schon in der Druckerei, auf denen zu lesen stand, dass
Fraeulein Vernagelding Braut war! Solch einen schoenen, jungen, reichen,
blonden Bankier hatte sie zum Braeutigam! Aber unmusikalisch war er
leider sehr, denn obwohl sie ihm vorgespielt hatte, war er doch der
Meinung, sie solle nicht mehr Klavier spielen.
"Graemen Sie sich darueber nicht," sagte Herr Pfaeffling zu seiner
Schuelerin, "vielleicht ist er sogar sehr musikalisch."
"Meinen Sie?" fragte Fraeulein Vernagelding, "das waere schoen! Und nicht
wahr, wenn ich auch nicht mehr zur Stunde komme, bleiben wir doch gute
Freunde und Ihre Fraeulein Toechter muessen zu meiner Hochzeit kommen. Das
gibt zwei suesse Brautfraeulein!"
"Meine Toechter?" fragte Herr Pfaeffling verwundert. "Sie meinen die
Marianne? Das sind doch keine Brautfraeulein? Da muessen Sie mit meiner
Frau sprechen."--
Der Tag war gekommen, an dem Frau Pfaefflings Bruder eintreffen sollte.
Alle Haende hatten sich fleissig geruehrt, um fuer das Osterfest und
zugleich fuer den Gast das Haus festlich zu bereiten. Die letzten Spuren
des langen Winters waren mit den trueben Doppelfenstern, mit Kohleneimern
und Ofenruss aus den Zimmern verschwunden, die Fruehlingssonne durfte die
hintersten Winkel bestrahlen, Walburg brauchte die Pruefung nicht zu
fuerchten, alles war blank und rein. Eine muehevolle Zeit war das gewesen,
aber nun war sie gluecklich ueberstanden, Feststimmung breitete sich schon
ueber das Haus und heute sollte der Gast ankommen.
"Die Mutter sieht so aus wie am heiligen Abend vor der Bescherung,"
sagte Karl, als die beiden Eltern miteinander zum Bahnhof gingen. Ja,
Frau Pfaeffling freute sich innig. War das Zusammensein mit dem Bruder in
der alten Heimat schoen gewesen, so musste es doch noch viel beglueckender
sein, ihn im eigenen Familienkreis zu haben.
Die Kinder daheim berieten, wie sie den Onkel empfangen, ob sie ihm alle
miteinander entgegenkommen sollten? Sie entschieden sich aber dagegen,
er war nicht an so viele Kinder gewoehnt, sie wollten sich verteilen und
nur allmaehlich erscheinen, damit es keinen Laerm und kein Gedraenge gaebe.
Als es Zeit war, standen sie alle an den Fenstern des Wohnzimmers und
sahen begierig die Strasse hinunter. Da tauchten schon die drei Gestalten
auf, und jetzt waren sie deutlich zu erkennen. Der Onkel, fast einen
Kopf kleiner als der Vater, ganz aehnlich der Mutter, nur nicht so
schmal. Fein sah er aus im eleganten Reiseanzug und dass er eine voll
gepackte Ledertasche in der Hand hatte, wurde von Elschen besonders
hervorgehoben. Nun mussten auch die Kinder bemerkt worden sein, denn der
Onkel winkte mit der Hand herauf, ja er schwenkte sogar den Hut als
Gruss. Das machte einen gewinnenden Eindruck. "Wir springen doch
entgegen, der ist gar nicht so!" sagte Wilhelm. "Nein, der ist nicht
so," entschied der ganze Chor. Die sieben Kinderkoepfe verschwanden vom
Fenster, und vierzehn Fuesse trabten die Treppe hinunter. "Die Treppe ist
frisch geoelt," rief Marie, "geht an der Seite, dass sie in der Mitte
schoen bleibt!"
Nun kam die Begruessung. Man war sich unbekannt und doch nicht fremd. Die
Kinder beruehrte es merkwuerdig, dass der Onkel der Mutter so aehnlich war,
in den Zuegen, in der Stimme und der Aussprache. Zutraulich begruessten sie
ihn, und auch er fand in ihnen lauter verwandte Gesichter, die einen
seiner Schwester, die andern seinem Schwager aehnlich.
"Nun gebt die Treppe frei, Kinder," draengte Herr Pfaeffling, "wir wollen
den Onkel doch auch hinauf lassen." Sie machten Platz, und liessen den
Gast voran gehen. Auf halber Treppe sah er zurueck nach dem jungen
Gefolge. "Wie komisch sie alle an der Seite gehen," bemerkte er zu der
Mutter.
"Damit die Treppe in der Mitte geschont wird."
"Ah so!" sagte der Professor und sah sichtlich belustigt zurueck.
"Caecilie, nun kenne ich deine Kinder schon. Die heisst du ungehobelt?"
Droben, im Wohnzimmer, war der Mittagstisch gedeckt. "Was fuer eine
stattliche Tafel!" rief der Gast, und dann sah er erstaunt auf die
ungewoehnlich grosse Gestalt Walburgs, die stumm die Suppe auftrug. "Ihr
habt euch wohl eine besonders kraeftige Magd ausgesucht fuer eure grossen
Schuesseln?" sagte er spassend zu den Kindern, "ist das die treue, stumme
Dienerin? Wie schade um das Maedchen!"
"Es wird aber nicht mehr schlimmer bei ihr, Onkel," versicherte Marie,
"ich war mit ihr beim Arzt, er sagt, es kann sogar eher ein wenig besser
werden."
Sie sammelten sich um den Tisch. "Mutter," bat Wilhelm, "du hast einmal
ein Tischgebet gewusst, das muesste heute gut passen und dem Onkel
gefallen, es kommt etwas vom vielverheissenden Tisch vor, weisst du nicht,
welches ich meine?"
Frau Pfaeffling wusste es wohl und sprach es:
In groesserem Kreise stehen wir heute
Am Gutes verheissenden festlichen Tisch.
Aber die richtige froehliche Stimmung
Die musst auch heute Du, Herr, uns geben.
Nahe dich freundlich jedem von uns.
Drei Tage blieb der Onkel im Haus und beobachtete oft im stillen seine
Neffen und Nichten. Er hatte ihnen ein Spiel mitgebracht, an dem sich
alle beteiligen konnten. "Ich will es den Kindern lehren," sagte er,
"die meinigen haben es auch, es ist ein Tischcroquet, ein nettes Spiel,
bei dem es nur leider gar zu leicht Streit gibt unter den Spielern." Sie
machten sich mit Eifer daran und trieben es taeglich fast mit
Leidenschaft. Sie achteten dabei nicht auf den Onkel, der, hinter der
Zeitung sitzend, seine Beobachtungen machte. "Wir muessen die zwei
Parteien so einteilen, dass die guten und schlechten Spieler gleichmaessig
verteilt sind," sagte Karl. "Nimm du Frieder auf deine Seite, Wilhelm,
der ist am ungeschicktesten, und ich will Anne auf meine Partei nehmen,
sonst koennen die nie gewinnen." So war es allen recht und das Spiel auf
seinem Hoehepunkt, als Frau Pfaeffling hereinkam.
"Kinder," sagte sie, "Walburg hat wieder kein Holz, lasst euch doch nicht
immer mahnen." Schuldbewusst legten zwei der Spieler ihre Schlaeger aus
der Hand und gingen hinaus. Der Onkel sah aufmerksam hinter seiner
Zeitung hervor. Das Wort: "Lasst euch doch nicht mahnen" schien noch
weiter zu wirken. "Hat jemand des Vaters Brief auf die Post getragen?"
fragte Marie. Niemand meldete sich. "Das koenntest du besorgen, Frieder,"
sagte die Schwester, "Elschen geht mit dir." So entfernten sich auch
diese Beiden. Die andern spielten weiter, Frau Pfaeffling setzte sich ein
wenig zu ihrem Bruder. Sie sprachen halblaut zusammen. "Es ist ruehrend,"
sagte der Bruder, "wie sich diese Lateinschueler so selbstverstaendlich
zum Holztragen verpflichtet fuehlen und ohne Widerspruch das Spiel
aufgeben. Das taete meiner nie, wie hast du ihnen das beigebracht?"
"Das bringen die einfachen Verhaeltnisse ganz von selbst mit sich. Die
Kinder sehen, wie Walburg und ich uns plagen und doch nicht fertig
werden, so helfen sie mit."
"Mir, als dem Juristen, ist wirklich euer kleiner Staat interessant und
ich sehe ordentlich, wie aus solcher Familie tuechtige Staatsbuerger
hervorgehen. Wie die Starken sich da um die Schwachen annehmen, wie sie
ihr eigenes Ich dem allgemeinen Ganzen unterordnen und welche Liebe und
widerspruchslosen Gehorsam sie den Eltern als dem Staatsoberhaupt
entgegenbringen, wohl in dem Gefuehl, dass sonst das ganze System in
Unordnung geriete. Dazu kommt auch noch, dass dein Mann ein so
leutseliger Herrscher ist und du bist sein verantwortlicher Minister.
Das muss ich dir sagen, wenn ich nun eines eurer Kinder zu mir nehme, in
ein so geordnetes Staatswesen kann ich es nicht versetzen."
Die Kinder hatten nicht auf das leise gefuehrte Gespraech gehorcht; was
kuemmerte sie, wenn vom Staat die Rede war? Aber die letzte Bemerkung des
Onkels, die traf Maries Ohr, die erfasste sie. "Wenn ich eines eurer
Kinder zu mir nehme," hatte er gesagt. Sie haette es offenbar nicht hoeren
sollen, es war nur halblaut gesprochen. Zunaechst liess sie sich nichts
anmerken, aber lange konnte sie diese Neuigkeit nicht bei sich behalten.
Nach Tisch fanden sich die Geschwister alle unten am Balkenplatz
zusammen. Dort konnte man sich aussprechen und Marie vertraute ihnen an,
was sie gehoert hatte. Das ganze Trueppchen stand dicht zusammengedraengt
und besprach in lebhafter Erregung die Moeglichkeit, fortzukommen.
Verlockend war das Neue, lieb war das Alte. Wer ginge gern, wer ungern?
Sie waren zweifelhaft. Wen wuerde der Onkel waehlen? Ein jedes meinte:
"Sicherlich nicht gerade mich." Das war die Bescheidenheit. Aber einer,
der doch auch nicht unbescheiden war, der Frieder, sagte: "Ganz gewiss
will er _mich_ mitnehmen." Das war die Angst, denn Frieder wollte nicht
fort, fuer ihn gab es da nichts Zweifelhaftes, er wollte daheim bleiben,
er fuerchtete die fremde Welt. Und da er so bestimmt aussprach: mich will
er mitnehmen, so glaubten ihm die Geschwister. Schon einmal war er das
fremde Kind gewesen, vor die Tuere gewiesen mit der Violine. Von jeher
war er ein wenig allein gestanden. Nun schauten ihn alle darauf hin an,
dass er fort von ihnen sollte. Sie sahen das gute Gesichtchen, die
seelenvollen Augen, die angsterfuellt von einem zum andern blickten, und
da wurden sich alle bewusst, dass sie doch den Frieder nicht missen
mochten. Karl war es, der aussprach, was alle empfanden: "Unser Dummerle
geben wir nicht her!"
Oben, am Fenster des Musikzimmers, stand der Professor im Gespraech mit
Herrn Pfaeffling und seiner Frau. Nun trat er an das Fenster und sah
hinunter, "Dort steht ja das ganze Trueppchen beisammen," sagte er,
"eines dicht beim andern, keinen Stecken koennte man dazwischen schieben!
Es ist koestlich anzusehen! Und wie sie eifrig sprechen!"
"Ja," sagte Frau Pfaeffling, "irgend etwas muss sie sehr beschaeftigen."
"Das haben eure Kinder doch vor andern voraus, dass jedes sechs treue
Freunde mit fuers Leben bekommt, denn die einmal so warm beieinander im
Nest gesessen waren, die fuehlen sich fuer immer zusammengehoerig. Dass ich
nun aber die Hand ausstrecken soll und ein Voegelein aus diesem Nest
herausnehmen, dazu kann ich mich immer schwerer entschliessen. Geben wir
doch den Plan auf! Lassen wir das froehliche Voelklein beisammen, es kann
nirgends besser gedeihen als daheim!"
"Ich glaube, du siehst bei uns alles in zu guenstigem Licht, wir sind oft
unbefriedigt und haben allen Grund dazu!"
"Das mag sein, an Unvollkommenheiten fehlt es gewiss auch bei euch nicht.
Aber den guten Grund fuehle ich heraus, auf dem alles im Haus aufgebaut
ist, die Wahrhaftigkeit, die Religion, die bei euch Herzenssache ist."
"Das hast du doch kaum in so kurzer Zeit beobachten koennen," meinte Frau
Pfaeffling.
"Aber doch habe ich diesen Eindruck gewonnen, so zum Beispiel von
Wilhelm. Du kannst weit suchen, bis du wieder einen solch lustigen
Lateinschueler findest, der um ein bestimmtes Tischgebet bittet, wie er
neulich tat bei unserem ersten Mittagessen. Ich wollte, es waere bei
meinen Kindern auch etwas von diesem Geist zu spueren! Kehren wir doch
die Sache um! Ich schicke euch lieber meinen Jungen einmal. In euren
einfachen Verhaeltnissen wuerde er ganz von selbst seine Ansprueche fallen
lassen, er waere zufrieden und gluecklich mit euren Kindern."
Es blieb bei dieser Verabredung.
Draussen im Freien hatte sich inzwischen alles veraendert. Die Sonne war
von schweren Wolken verdeckt worden, in echter Aprillaune wirbelten
ploetzlich Schneeflocken herunter und die jungen Pfaefflinge fluechteten
herauf.
"Da kommen sie ja wieder alle miteinander," sagte der Onkel, "wisst ihr
auch, Kinder, mit was fuer Gedanken ich hieher gekommen bin? Eines von
euch wollte ich mir rauben, weil bei mir noch so schoen Platz waere fuer
ein viertes, und eure Eltern haetten es dann leichter gehabt. Aber ich
tue es nicht. Wollt ihr hoeren warum? Weil ihr es so schoen und so gut
habt, dass ihr es nirgends auf der ganzen Welt besser haben koennet. Ihr
lacht? Es ist mein Ernst."
Nun glaubten sie es ihm. Der Onkel, der weitgereiste, musste es ja
wissen.
Elschen drueckte sich schmeichelnd an den Onkel. "Wen von uns haettest du
denn mitgenommen?" fragte sie.
"Musst du das wissen, kleine Neugier? Vielleicht den da," sagte er und
deutete auf Frieder. Der nickte zustimmend. Er hatte es ja gewusst!
Einige Tage spaeter war Frau Pfaefflings Bruder wieder abgereist. Sie
stand mit wehmuetigem Gefuehl im Gastzimmer und war beschaeftigt, es wieder
fuer eine fremde Mieterin zu richten, nach der man sich nun bald umsehen
musste. In ihren Gedanken verloren, hoerte sie doch mit halbem Ohr einen
Mann die Treppe heraufkommen, hoerte klingeln, oeffnen, wieder schliessen,
hoerte Marie zum Vater hinuebergehen. An all dem war nichts besonderes, es
brachte sie nicht aus ihrem Gedankengang.
Aber jetzt?
Sie horchte. "Caecilie, Caecilie!" toente es durch die ganze Wohnung. Sie
wollte dem Ruf folgen, aber da kam schon ihr Mann zu ihr herein, da
stand er vor ihr mit glueckstrahlendem Angesicht und rief frohlockend:
"Caecilie, ich bin Musikdirektor in Marstadt!" und als sie es nicht
fassen und glauben wollte, da reichte er ihr einen Brief, und sie las es
selbst schwarz auf weiss, dass die Marstadter vorlaeufig in einem
gemieteten Lokal die Musikschule eroeffnen wollten und den Musiklehrer
Pfaeffling zum Direktor ernannt haetten. Es fehlte nichts mehr als seine
Einwilligung, und auf diese brauchten die Marstadter nicht lange zu
warten!
Der jubelnde Ruf: "Caecilie!" hatte die Kinder aus allen Zimmern
herbeigelockt. Zu verschweigen war da nichts mehr. Vom Vater hoerten sie
die gute Kunde, sie sahen, wie die Mutter bewegt am Vater lehnte und
immer wieder sagte: "Wie mag ich dir das goennen!"
Und das Glueck war immer groesser, weil es von so vielen Gesichtern
widerstrahlte.
Nur einer war davon ausgeschlossen, einer hatte alles ueberhoert, weil er
mit seinen eigenen Gedanken vollauf beschaeftigt war.
"Wo ist denn der Frieder?" fragte Elschen, "dem muss man es doch auch
sagen!"
Man suchte nach ihm und fand ihn ganz allein im Musikzimmer, vor dem
Schrank stehend, in dem seine Violine aufbewahrt war.
"Was tust du denn da?" fragte Herr Pfaeffling.
"Ich warte auf dich, Vater, schon so lange!"
Dabei draengte er sich dicht an den Vater und fragte schuechtern: "Gibst
du mir am Sonntag meine Geige auf eine Stunde? Ich kann jetzt mitten
darin aufhoeren, ich habe es probiert."
"Wie hast du das probiert, Frieder?"
"Beim Essen. Dreimal. Aufgehoert im aergsten Hunger, auch bei den
Pfannenkuchen. Die andern wissen es."
"Ja, es ist wahr," betaetigten ihm die Geschwister, die als seine
Tischnachbarn Vorteil aus diesen Proben gezogen hatten. Herr Pfaeffling
schloss den Schrank auf. "Wenn es so steht, Frieder," rief er froehlich,
"dann warten wir gar nicht bis zum Sonntag, denn heute ist ohnedies
Festtag bei uns, du weisst wohl noch gar nichts davon? Da hast du deine
Violine, kleiner Direktorssohn!"
Ja, das war ein seliger Tag!
Frau Pfaeffling suchte Walburg auf; diese hatte von den Kindern schon die
Neuigkeit gehoert, und da sie dem Leben nicht viel Gutes zutraute, so
fuerchtete sie auch diese Veraenderung. Aber da kam auch ihre Frau selbst,
sah sie mit herzlicher Freundlichkeit an und rief ihr ins Ohr: "Der Herr
Direktor will auch deinen Lohn erhoehen."
Nun war Walburg getrost, ihr Bleiben war besiegelt, und als sie wieder
allein in ihrer Kueche stand, da legte sie einen Augenblick die fleissigen
Haende ineinander und sagte: "Lobe den Herrn!"
Frau Pfaeffling ging hinunter zur Hausfrau. Diese sollte nicht durch
Fremde die Nachricht erfahren. Lange sprachen die beiden Frauen
zusammen, und waehrend sie sprachen, toente von oben Klavier und Gesang
herunter und Frau Pfaeffling erkannte die frohlockende Melodie: ihr Mann
uebte mit den Kindern den Chor mit dem Endreim:
"Drum rufen wir mit frohem Sinn:
Es lebe die Direktorin!"
Als Frau Hartwig wieder allein war, musste ihr Mann sie troesten: "Leicht
bekommen wir eine bessere Mietspartei, sie haben doch recht viel Unruhe
im Haus gemacht und bedenke nur die Abnuetzung der Treppe!" Dabei suchte
er eine kleine Tafel hervor und gab sie seiner Frau. Sie ging hinaus und
befestigte an der Haustuere die Aufschrift:
_Wohnung zu vermieten_.
Und als sie die Tuere wieder hinter sich schloss, fiel ihr eine Traene auf
die Hand und sie sagte vor sich hin: "Das weiss gar niemand, wie lieb mir
die Familie Pfaeffling war!"