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Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper

A >> Agnes Sapper >> Die Familie Pfaeffling

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Am 1. November ging die Sache nicht so gut ab. Fraeulein Vernagelding
hatte Stunde, die Ganglampe war weg. Aus der Ferne hoerten die Maedchen
das Spiel. Jetzt wurde es still, rasch gingen sie hinaus mit der Lampe.
Aber die Stunde war noch nicht aus, sie lauschten und hoerten den Vater
noch sprechen: "das ist doch nicht e, wie heisst denn diese Note?"

"Sie sind noch nicht fertig," sagten sich die Schwestern und gingen
wieder an ihre Arbeit. Aber Herr Pfaeffling sagte nur noch etwas rasch zu
seiner Schuelerin: "Ich glaube, es ist genug fuer heute, besinnen Sie sich
daheim, wie diese Note heisst," und gleich darauf kam Fraeulein
Vernagelding heraus und stand in dem stockfinsteren Gang. Jede andere
haette ihren Rueckweg im Dunkeln gesucht, aber das Fraeulein gehoerte nicht
zu den tapfersten, sie kehrte um, klopfte noch einmal am Eckzimmer an
und sagte mit ihrem gewohnten Lachen: "Ach bitte, Herr Pfaeffling, mir
graut so vor dem langen dunkeln Gang, wuerden Sie nicht Licht machen?"

Da entschuldigte sich der Musiklehrer und leuchtete seiner aengstlichen
Schuelerin, aber gleichzeitig rief er gewaltig: "Marianne!" und die
Schwestern mit der Lampe kamen erschrocken herbei. Sie wurden noch in
Gegenwart von Fraeulein Vernagelding gezankt, so dass dieser ganz das
Lachen verging und sie so schnell wie moeglich durch die Treppentuere
verschwand. Das Arbeiten im eigenen Zimmer musste also mit mancher
Aufregung erkauft werden, aber sie mochten doch nicht davon lassen.

So lernten denn die jungen Pfaefflinge an den langen Winterabenden, der
eine mehr, der andere weniger, im ganzen hielten sie sich alle wacker in
der Schule, machten ihre Aufgaben ohne Nachhilfe und brachten nicht eben
schlechte Zeugnisse nach Hause.

An einem solchen Novemberabend war es, dass Herr Pfaeffling in das Zimmer
trat und seiner Frau zurief: "Caecilie, komme doch einen Augenblick zu
mir herueber, aber bitte gleich!" und er hatte kaum hinter ihr die Tuere
zugemacht, als er ihr leise sagte: "Ein hochinteressanter Brief!" Sie
folgte ihm ueber den Gang, dieser war wieder stockfinster, aber sie
beachteten es nicht. Im Musikzimmer, wo die Klavierlampe brannte, lag
auf den Tasten ein Brief. Lebhaft reichte er ihn seiner Frau: "Lies,
lies nur!" und als er sah, dass sie mit der fremden Handschrift fuer seine
Ungeduld nicht schnell genug vorwaerts kam, sprach er: "Die erste Seite
ist nebensaechlich, die Hauptsache ist eben: Kraussold aus Marstadt
schreibt, es solle dort eine Musikschule gegruendet werden, und er wolle
mich, wenn ich Lust haette, als Direktor vorschlagen. Ob ich Lust haette,
Caecilie, wie kann man nur so fragen! Ob ich Lust haette, in einer
groesseren aufbluehenden Stadt eine Musikschule zu gruenden, alles nach
meinen Ideen einzurichten, ein mit festem Gehalt angestellter Direktor
zu werden, anstatt mich mit Vernagelding und aehnlichen zu plagen;
Caecilie, hast du Lust, Frau Direktor zu werden?" Da wiederholte sie mit
froehlichem Lachen seine eigenen Worte: "Ob ich Lust haette? Wie kann man
nur so fragen!"

Und nun setzten sie sich zusammen auf das kleine altmodische Kanapee und
besprachen die Zukunftsaussicht, die sich so ganz unvermutet eroeffnete.
Und sprachen so lang, bis Elschen heruebergesprungen kam und rief:
"Walburg hat das Abendessen hereingebracht und nun werden die Kartoffeln
kalt!"

"Eine ganz pflichtvergessene Hausfrau," sagte Herr Pfaeffling neckend,
folgte Mutter und Toechterchen und war den ganzen Abend voll
Froehlichkeit, ging singend oder pfeifend im Familienzimmer hin und her,
und die glueckliche Stimmung teilte sich allen mit, obwohl nach stiller
Uebereinkunft die Eltern zunaechst vor den Kindern noch nichts von dem
unsicheren Zukunftsplan erwaehnten.

Herr Kraussold aus Marstadt, der durch seinen Brief so freudige Aufregung
hervorgebracht hatte, war Herrn Pfaeffling aus frueheren Jahren gut
bekannt, doch hatte er die Familie Pfaeffling noch nie besucht. Bei
diesem Anlass nun kuendigte er sich zur Vorbesprechung der Angelegenheit
auf den naechsten Mittwoch an. Zeitig am Nachmittag wollte er eintreffen
und mit dem fuenf Uhr Zug wieder abreisen. Herr Pfaeffling war in einiger
Aufregung wegen des Gastes. "Er ist ein etwas verwoehnter Herr," sagte er
zu seiner Frau, "ein Junggeselle, der nicht viel Sinn fuer Kinder hat, am
wenigsten fuer sieben auf einmal. Sie sollten ganz in den Hintergrund
treten."

"Du wirst ihn wohl im Musikzimmer empfangen, dann stoeren die Kinder
nicht," sagte Frau Pfaeffling.

"Aber zum Tee moechte ich ihn herueber ins Esszimmer bringen. Die Kinder
koennen ja irgendwo anders sein, dann richtest du fuer uns drei einen
gemuetlichen Teetisch."

Am Mittwoch wurde bei Tisch den Kindern mitgeteilt, dass sie an diesem
Nachmittag moeglichst unhoerbar und unsichtbar sein sollten wegen des
erwarteten Gastes. Um der Sache mehr Nachdruck zu geben, sagte der Vater
zu den Kleinen: "Lasst euch nur nicht blicken, wer weiss, wie es euch
sonst geht, wenn der Kinderfeind kommt!"

Zunaechst mussten alle zusammen helfen, die schoenste Ordnung herzustellen,
bis der Vater mit dem Fremden vom Bahnhof herein kaeme. Das Wetter war
leidlich, sie wollten sich unten im Hof aufhalten.

Am Fenster stand immer einer der Brueder als Posten und als nun der Vater
in der Fruehlingsstrasse in Begleitung eines kurzen, dicken Herrn
auftauchte, rannte die ganze junge Gesellschaft die Treppe hinunter und
verschwand hinter dem Haus. Dort war der Boden tief durchweicht und mit
dem zaeh an den Fusssohlen haftenden Lehm liess sich nicht gut auf den
Balken klettern. Elschen fiel gleich beim ersten Versuch herunter und
weinte klaeglich, denn sie sah uebel aus. Die Schwestern bemuehten sich,
mit Wischen und Reiben ihr Kleid wieder zu saeubern. Da tat sich ein
Fenster auf im unteren Stock und die Hausfrau rief: "Kinder, ihr macht
das ja immer schlimmer, das kann ich gar nicht mit ansehen, kommt nur
herein, ich will euch helfen. Es ist doch auch so kalt, geht lieber
hinauf!"

"Es ist ja der Kinderfeind droben!" rief Elschen klaeglich.

"O weh!" sagte die Hausfrau mit freundlicher Teilnahme, "was tut auch
ein Kinderfeind bei euch! Dann kommt nur zu mir, aber streift die Fuesse
gut ab."

Die Maedchen liessen sich's nicht zweimal sagen. Aber Frieder wusste nicht
recht, ob er auch mit der Einladung gemeint sei. Er sah sich nach den
Bruedern um, die waren hinter den Balken verschwunden. So wollte er doch
lieber mit hinein zu der Hausfrau. Inzwischen waren aber auch die
Schwestern weg und bis er ihnen nach ins Haus ging, hatten sie eben die
Tuere hinter sich geschlossen. Anklingeln wollte er nicht extra fuer seine
kleine Person. So hielt er sich wieder an seine treueste Freundin, die
Ziehharmonika, und bestieg mit ihr den Thron, hoch oben auf den
Brettern. Im neuen Schuljahr wurden neue Choraele eingeuebt, die wollte er
auf seiner Harmonika herausbringen. Darein vertiefte er sich nun und
hatte kein Verlangen mehr nach den Bruedern, obwohl er sie von seinem
hohen Sitz ans gleich entdeckt hatte. Die drei standen an dem Zaun, der
den Balkenplatz von dem Kasernenhof und Exerzierplatz trennte. Im
Oktober waren neue Rekruten eingerueckt, die nun taeglich ihre Turnuebungen
ganz nahe dem Zaune machten. Unter diesen Soldaten war ein guter
Bekannter, ein frueherer Lehrling des Schreiners Hartwig, der zugleich
ein Verwandter der Hausfrau war und bei ihr gewohnt hatte. Diesen nun in
Uniform zu sehen, ihm beim Turnen und Exerzieren zuzuschauen, war von
grossem Interesse. Er kam auch manchmal an den Zaun und plauderte
freundschaftlich mit Karl.

Aufmerksam sahen die jungen Pfaefflinge nach dem Turnplatz hinueber. Unter
den Rekruten, die jetzt eben am Turnen waren und den Sprung ueber ein
gespanntes Seil ueben sollten, waren drei, die sich gar ungeschickt dazu
anstellten. Der eine zeigte wenigstens Eifer, er nahm immer wieder einen
Anlauf, um ueber die Schnur zu kommen und wenn es ihm fuenfmal misslungen
war, so kam er doch das sechste mal darueber und der Schweiss redlicher
Anstrengung stand ihm auf der Stirne. Die beiden anderen Ungeschickten
machten gleichgueltige, stoerrische Gesichter und traege Bewegungen. Als
die Abteilung zur Kaserne zurueck kommandiert wurde, mussten sie
nachexerzieren. Das war nun kein schoener Anblick. Dazu fing es an zu
regnen, grosse waesserige Schneeflocken mischten sich darunter, und die
kleinen Zuschauer entfernten sich im lebhaften Gespraech ueber die
unbeholfenen Turner. So wollten sie sich einmal nicht anstellen. Sie
wollten all diese Uebungen schon vorher machen, gleich morgen sollte da,
zwischen den Balken, ein Sprungseil gespannt werden. Sie kamen an
Frieder vorbei; der hatte auch bemerkt, dass Schnee und Regen herunter
fielen und kletterte von seinem Brettersitze. Nun besprachen sich die
Brueder ueber ihn. Er wuerde vielleicht auch einmal so ein Ungeschickter.
Welche Schande, wenn ein Pfaeffling so schlecht auf dem Turnplatz
bestuende. Es durfte nicht sein, dass er immer nur Harmonika spielte, sie
wollten ihn auch springen lehren, er musste mittun, gleich morgen. Er
sagte auch ja dazu, aber es war ihm ein wenig bedenklich und mit Recht:
drei eifrige Unteroffiziere gegen _einen_ ungeschickten Rekruten!

Als sie ans Haus kamen, fiel ihnen erst wieder der Gast ein, der droben
die Gegend unsicher machte. War er vielleicht schon fort? Die Maedchen,
die noch bei der Hausfrau waren, wurden gerufen und beschlossen, dass sie
erkundigen sollten, wie es oben stuende. Marie wagte sich hinauf,
erschien bald wieder an der Treppe und winkte den anderen, leise
nachzukommen. Elschen folgte nur zaghaft den Geschwistern, sie stellte
sich den Kinderfeind als eine Art Menschenfresser vor.

"Er ist im Wohnzimmer," fluesterte Marie, "wir gehen in das Musikzimmer,
da hoert man uns nicht."

Auf den Zehen schlich sich die ganze Kindergesellschaft in das
Eckzimmer. Dort fuehlten sie sich in Sicherheit. Nur war von allem, was
sie gerne gehabt haetten, von Buechern und Heften oder Spielen hier nichts
zu haben. So standen sie alle sieben herum, warteten und fingen an, in
dem kuehlen Zimmer zu frieren, denn sie waren nass und durchkaeltet. "Wir
wollen miteinander ringen, dass es uns warm wird," schlug Wilhelm vor und
Otto ging darauf ein. Karl war auch dabei: "Ich nehme es mit der ganzen
Marianne auf," rief er, "kommt, du Marie gegen meine rechte Hand, du
Anne gegen meine linke, Frieder, Elschen, stellt die Stuehle aus dem
Weg." Sie taten es und dann machten sie es den grossen Geschwistern nach.
Das gab ein Gelaechter und Gekreisch und aber auch einen grossen Plumps,
weil Otto und Wilhelm zu Boden fielen.

In diesem Augenblick ging die Tuere auf; Herr Pfaeffling hatte ahnungslos
seinen Besuch aufgefordert, das Klavier zu probieren und so traten sie
miteinander ins Musikzimmer. Nein, auch fuer einen Kinderfreund waere
dieser Knaeuel sich balgender Knaben und ringender Maedchen kein schoener
Anblick gewesen, und nun erst fuer den Kinder_feind_!

Er prallte ordentlich zurueck. Elschen schrie beim Anblick des
gefuerchteten Fremden laut auf und ergriff eiligst durch den anderen
Ausgang die Flucht, alle Geschwister ihr nach. Aber noch unter der Tuere
besann sich Karl, kehrte zurueck, gruesste und sagte: "Entschuldige, Vater,
wir wollten drueben nicht stoeren, deshalb sind wir alle hier gewesen,"
dann stellte er rasch die Stuehle an ihren Platz und rettete dadurch noch
einigermassen die Ehre der Pfaefflinge, die sich wohl noch nie so
unguenstig praesentiert hatten, wie eben diesem Fremden gegenueber.

Eine kleine Weile darnach reiste der Gast ab, von Herrn Pfaeffling zur
Bahn geleitet. Die Kinder nahmen wieder Besitz von dem grossen Tisch im
Wohnzimmer und sassen bald in der gewohnten Weise an ihren Aufgaben, doch
war ihnen allen bang, wie der Vater wohl die Sache aufgenommen habe und
was er sagen wuerde bei seiner Rueckkehr von der Bahn; die Mutter war ja
nicht dabei gewesen, sie konnte es nicht wissen.

Nun kam der Vater heim. Eine merkwuerdige Stille herrschte im Zimmer, als
er ueber die Schwelle trat. Er blieb einen Augenblick stehen und
betrachtete das friedliche Familienbild. Dann sagte er: "Da sitzen sie
nun wie Musterkinder ganz brav bei der Mutter, sanft wie unschuldige
Laemmlein, nicht wieder zu erkennen die wilde Horde von drueben!" Bei
diesem Scherzenden Ton wurde ihnen allen leicht ums Herz, sie lachten,
sprangen dem Vater entgegen und Elschen fragte: "Ist der Herr weit
weggereist, Vater, und bleibt der jetzt schoen da, wo er hin gehoert?"

"Jawohl, du kannst beruhigt sein, er kommt nicht mehr. Und wenn er kaeme
oder wenn ein anderer kommt," setzte Herr Pfaeffling hinzu, indem er sich
an seine Frau wandte, "dann geben wir uns gar keine Muehe mehr, unser
Hauswesen in stiller Vornehmheit zu zeigen und in kuenstliches Licht zu
stellen, denn so ein kuenstliches Licht verloescht doch ploetzlich und dann
ist die Dunkelheit um so groesser."

Ein paar Stunden spaeter, als Elschen laengst schlief, die Schwestern Gute
Nacht gesagt hatten und Frieder mit Wilhelm und Otto im sogenannten
Bubenzimmer ihre Betten aufsuchten, sass Karl noch allein mit den Eltern
am Tisch. Seit seinem fuenfzehnten Geburtstag hatte er dies Vorrecht. Es
wurde allmaehlich still im Haus. Auch Walburg hatte Gute Nacht gewuenscht;
manchmal lag kein anderes Wort zwischen ihrem "Guten Morgen" und "Gute
Nacht".

Die drei, die nun noch am Tische sassen, waren ganz schweigsam und
bewegten doch ungefaehr denselben Gedanken.

Herr Pfaeffling dachte: Wenn nur Karl auch zu Bett ginge, dass ich mit
meiner Frau von Marstadt reden koennte. Die Kinder sollen ja noch nichts
davon wissen. Er zog seine Taschenuhr--es war noch nicht spaet. Dann ging
er auf und ab, sah wieder nach der Uhr und wurde immer ruheloser.

Frau Pfaeffling dachte: Meinem Mann ist es laestig, dass wir nicht allein
sind, aber er moechte Karl doch nicht so frueh zu Bett schicken. Nein,
diese Unruhe! Und dagegen die Ruhe, mit der Karl in sein Buch schaut und
nicht ahnt, dass er stoert.

Darin taeuschte sich aber Frau Pfaeffling, denn Karl dachte: Der Vater
schweigt und die Mutter schweigt. Wenn ich zur Tuere hinausginge, wuerden
sie reden, ueber Herrn Kraussold aus Marstadt, denn mit diesem hat es eine
besondere Bewandtnis. Nun zieht der Vater zum drittenmal in fuenf Minuten
seine Uhr. Er moechte mich fort haben und doch nicht fortschicken. Und
die Mutter auch. Da ist's wohl angezeigt, dass ich freiwillig gehe. Er
klappte das Buch zu, stand auf und sagte: "Gute Nacht, Vater, gute
Nacht, Mutter, ich will jetzt auch gehen."

"Gute Nacht, Karl."

Sie waren ueberrascht, dass er so bald aufbrach. "Es ist Zufall," sagte
Herr Pfaeffling. "Oder hat er gemerkt, dass er uns stoert," meinte die
Mutter. "Woran sollte er das gemerkt haben? Wir haben nichts gesagt und
er hat gelesen."

"Dir kann man so etwas schon anmerken," erwiderte Frau Pfaeffling
laechelnd.

"Das muss ich noch erfahren," sagte Herr Pfaeffling lebhaft und rief
seinen Jungen noch einmal zurueck: "Sage offen, warum du so bald zu Bett
gehst?" Einen Augenblick zoegerte Karl, dann erwiderte er schelmisch:
"Weil du dreimal auf deine Uhr gesehen hast, Vater."

"Also doch? So geh du immerhin zu Bett, Karl, es ist nett von dir, dass
du Takt hast--uebrigens, wenn du Takt hast, dann kannst du ebensogut hier
bleiben, dann wirst du auch nicht taktlos ausplaudern, was wir
besprechen." "Das meine ich auch," sagte Frau Pfaeffling, "er wird nun
bald sechzehn Jahre. Komm, Grosser, setze dich noch einmal zu uns."

Dem Sohn wurde ganz eigen zumute. Mit einemmal fuehlte er sich wie ein
Freund zu Vater und Mutter herbeigezogen, und in dieser Abendstunde
erfuhr er, was seine Eltern gegenwaertig freudig bewegte.

Als er sich aber eine Stunde spaeter leise neben seine Brueder zu Bette
legte, da besann er sich, ob irgend etwas auf der Welt ihn bewegen
koennte, das Vertrauen der Eltern zu taeuschen, und er fuehlte, dass keine
Lockung noch Drohung stark genug waere, ihm das anvertraute Geheimnis zu
entreissen.

In aller Stille reiste am folgenden Sonntag unser Musiklehrer nach
Marstadt, um sich dort den Herren vorzustellen, die ueber die Ernennung
des Direktors fuer die neu zu gruendende Musikschule zu entscheiden
hatten. Es kam noch ein anderer, juengerer Mann aus Marstadt fuer die
Stelle in Betracht, und nun musste sich's zeigen, ob Herr Pfaeffling
wirklich, wie sein Freund Kraussold meinte, die besseren Aussichten habe.
Unterwegs nach der ihm unbekannten Stadt wurde Herr Pfaeffling immer
kleinmuetiger. Warum sollten sie denn ihn, den Fremdling, waehlen, statt
dem Einheimischen? Sie konnten ja gar nicht wissen, wie eifrig er sich
seinem neuen Beruf widmen wollte und wie ihm dabei all seine seitherigen
Erfahrungen an der Musikschule zustatten kommen wuerden!

In Marstadt angekommen, machte er Besuche bei den Herren, die sein
Freund Kraussold ihm nannte. War er bei dem ersten noch verzagt, so wuchs
seine Zuversicht bei jedem weiteren Besuch, denn wie aus _einem_ Munde
lautete das Urteil ueber seinen Mitbewerber: "Zu jung, viel zu jung zum
Direktor" Und einmal, als er in Begleitung seines Freundes ueber die
Strasse ging, sah er selbst den Juengling, der sein Mitbewerber war, und
von da an war er beruhigt; das war noch kein Mann fuer solch eine Stelle,
der sollte nur noch zehn Jahre warten!

In froher Zuversicht konnte unser Musiklehrer die Heimreise antreten. Am
Bahnhof von Marstadt bot ein Maedchen Blumen an. In seiner
hoffnungsfreudigen Stimmung gestattete er sich einen bei ihm ganz
unerhoerten Luxus: Er kaufte eine Rose. Sein Freund Kraussold sah ihn gross
an: "Zu was brauchst _du_ so etwas?"

"Fuer die zukuenftige Frau Direktor," antwortete Herr Pfaeffling froehlich,
und als sein Freund noch immer verwundert schien, setzte er ernst hinzu:
"Weisst du, sie hat es schon manchmal recht schwer gehabt in unseren
knappen Verhaeltnissen."

Sie verabschiedeten sich und Kraussold versprach, am naechsten Donnerstag
gleich nach Schluss der Sitzung ihm den Entscheid ueber die Besetzung der
Stelle zu telegraphieren. Als bei seiner Heimkehr Herr Pfaeffling seiner
Frau die Rose reichte, wusste sie alles, auch ohne Worte: seine
glueckselige siegesgewisse Stimmung, seine Freude, dass er auch ihr ein
schoeneres Los bieten konnte, das alles erkannte sie an der unerhoert
verschwenderischen Gabe einer Rose im November!

Die Sache blieb nicht laenger Geheimnis. Herr Pfaeffling besprach sie mit
seinem Direktor, in der Zeitung kam eine Notiz aus Marstadt ueber die
geplante Musikschule und die zwei Bewerber um die Direktorstelle. Auch
die Kinder hoerten nun davon, die Hausleute erfuhren es und Walburg wurde
es ins Ohr gerufen.

Je naeher der Donnerstag kam, um so mehr wuchs die Spannung auf den
Entscheid. Am Vorabend lief noch ein Brief von Kraussold ein, der keinen
Zweifel mehr darueber liess, dass Pfaeffling einstimmig gewaehlt wuerde.

Gegen Mittag konnte das Telegramm einlaufen. Es war noch nicht da, als
Herr Pfaeffling aus der Musikschule heimkam. So setzten sie sich alle zu
Tisch wie gewoehnlich, aber die Kinder stritten sich darum, wer aufmachen
duerfte, wenn der Telegraphenbote klingeln wuerde. Die Mutter hatte das
aufmerksame Ohr einer Hausfrau, sie legte den Loeffel aus der Hand und
sagte: "Er kommt." Einen Augenblick spaeter klingelte es, und von den
dreien, die hinaus gerannt waren, brachte Wilhelm das Telegramm dem
Vater, der rasch den Umschlag zerriss. Es war ein langes, ein bedenklich
langes Telegramm. Es besagte, dass noch in der letzten Stunde der
Beschluss, im naechsten Jahre schon eine Musikschule zu gruenden,
umgestossen worden sei und man eines guenstigen Bauplatzes wegen noch ein
paar Jahre warten wolle!

Herrn Pfaeffling war zumute, wie wenn man ihm den Boden unter den Fuessen
weggezogen haette, als er las, dass die ganze Musikschule, die er
dirigieren wollte, wie ein Luftschloss zusammenbrach.

O, diese traurige Tischgesellschaft! Wie bestuerzt sahen die Eltern aus,
wie starrten die Buben das unheilvolle Telegramm an, wie flossen den
Maedchen die Traenen aus den Augen, wie schaute Elschen so ratlos von
einem zum andern, weil sie gar nichts von dem allen verstand!

Frieder, der neben der Mutter sass, wandte sich halblaut an sie: "Es waere
viel freundlicher gewesen, wenn sie das mit der Musikschule schon vorher
ausgemacht haetten, und das mit dem Vater erst nachher."

"O Frieder," rief der Vater und fuhr so lebhaft vom Stuhl auf, dass alle
erschraken, "wenn die Marstadter nur so klug waeren wie du, aber die sind
so--ich will gar nicht sagen wie, das _kann_ man ueberhaupt gar nicht
sagen, dafuer gibt es keinen Ausdruck!"

Frau Pfaeffling nahm das Telegramm noch einmal zur Hand: "Ein paar Jahre
wollen sie warten," sagte sie, "vielleicht nur zwei Jahre, dann waere es
ja nicht so sehr ferne gerueckt!"

"Es koennen auch fuenf daraus werden und zehn," entgegnete Herr Pfaeffling,
"inzwischen kommen die, die jetzt noch zu jung waren, ins richtige Alter
und ich komme darueber hinaus. Nein, nein, da ist nichts mehr zu hoffen,
Direktor bin ich _gewesen_."

Mit diesen Worten verliess er das Zimmer, und man hoerte ihn ueber den Gang
in das Musikzimmer gehen. Die Kinder assen, was auf ihren Tellern fast
erkaltet war. "Ich wollte, Herr Kraussold waere gar nie in unser Haus
gekommen!" sagte Anne. Da stimmten alle ein und der ganze Zorn entlud
sich ueber ihn, bis die Mutter wehrte: "Herr Kraussold hat es nur gut
gemeint. Ihr Kinder habt ueberdies allen Grund, froh zu sein, dass wir
hier bleiben. Ihr bekommt es nirgends mehr so gut wie hier aussen in der
Fruehlingsstrasse. Fuer euch waere es kein Gewinn gewesen."

"Aber fuer den Vater und fuer dich," sagte Karl, und er dachte an den
schoenen Abend, an dem die Eltern ihm die frohe Zukunftsaussicht
anvertraut hatten. "Ja," sagte die Mutter, "aber der Vater und ich
kommen darueber weg. In der ersten Viertelstunde ist man wohl betroffen,
aber dann stemmt man sich gegen das Ungemach und sagt sich: dies gehoert
auch zu den Dingen, die uns zum besten dienen muessen, wie alles, was
Gott schickt, und dann besinnt man sich: wie muss ich's anpacken, damit
es mir zum besten dient?" Die Mutter versank in Gedanken.

"Seid ihr satt, Kinder?" fragte sie nach einer kleinen Weile. "Dann
deckt den Tisch ab, ich will ein wenig zum Vater hinuebergehen. Nehmt
auch die Rose mit hinaus, die Blaetter fallen ab."

Im Eckzimmer wanderte Herr Pfaeffling auf und ab und wartete auf seine
Frau, denn er wusste ganz gewiss, dass sie zu ihm kommen wuerde. Sie hatten
schon manches Schwere miteinander getragen, und nun musste auch diese
Enttaeuschung gemeinsam durchgekaempft werden.

Als Frau Pfaeffling eintrat, hatte ihr Mann ein Blatt Papier in der Hand
und reichte es ihr mit schmerzlichem Laecheln: "Da sieh, gestern abend
war ich so zuversichtlich, da habe ich fuer dich ein kleines Lied
komponiert, das wollte ich dir heute abend mit der Guitarre singen. Die
Kinder haetten im Chor den Schlussreim mitsingen duerfen, auf den jeder
Vers ausgeht:

"'Drum rufen wir mit frohem Sinn:
Es lebe die Direktorin!'

"Nun muss es heissen:

"'Schlag dir die Ehre aus dem Sinn
Du wirst niemals Direktorin.'"

"Nein, nein," wehrte Frau Pfaeffling, "du musst es anders umaendern, es
muss ausgedrueckt sein, dass wir trotz allem einen frohen Sinn behalten."

"Fuer den Gedanken finde ich jetzt noch keinen Reim," sagte er truebselig,
"ich brauche auch keinen, mit dem Lied kannst du Feuer machen."

Sie sprachen noch lange von der grossen Enttaeuschung, und dann kamen sie
auf den beginnenden Winter zu sprechen, fuer den noch nicht so viel
Stunden angesagt waren als noetig erschien, um gut durchzukommen. So
erschien ihnen die Zukunft grau wie der heutige Novemberhimmel.

Inzwischen war wohl eine halbe Stunde vergangen. Da fragte vor der Tuere
eine Kinderstimme: "Duerfen wir herein?"

"Was wollt ihr denn?" rief dagegen, wenig ermutigend, der Vater. Unter
der Tuere erschienen die drei Schwestern; voran die Kleine mit
strahlendem Ausdruck, dann Marie und Anne. Sie trugen zwei Tassen,
Kaffee- und Milchkanne und stellten das alles vorsichtig auf den Tisch.
Die zwei Grossen sahen zaghaft aus, wussten nicht recht, wie die
Ueberraschung wohl aufgenommen wuerde. "Was faellt euch denn ein, Kinder?"
fragte die Mutter. Marie antwortete, aber ihre Stimme zitterte und die
Traenen wollten kommen: "Wir haben auf heute einen Kaffee gemacht, weil
ihr fast nichts gegessen habt!" und Anne fluesterte der Mutter zu: "Von
unserem Geld, du darfst nicht zanken." Schnell gingen sie wieder hinaus
und hoerten eben unter der Tuere, wie die Mutter freundlich sagte: "Dann
kann ich freilich nicht zanken," so war also die Ueberraschung gut
aufgenommen worden.

Solch ein Kaffee nach Tisch war eine Liebhaberei von Herrn Pfaeffling,
die er sich nur an Festtagen gestattete. So kam es ihm auch wunderlich
vor, sich gerade heute mit seiner Frau an den Kaffeetisch zu setzen, er
war sich keiner festtaeglichen Stimmung bewusst! Aber man musste es doch
schon den Kindern zuliebe tun, sicher wuerde Marie, das Hausmuetterchen,
gleich nachher visitieren, ob auch die Kannen geleert seien. Diesem
festtaeglichen Kaffee gegenueber wich die graue Novemberstimmung
unwillkuerlich, und bei der zweiten Tasse sagte unser Musiklehrer zu
seiner Frau: "Man muesste eben den Schlussreim so veraendern:


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