Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper
"'Direktor her, Direktor hin,
Wir haben dennoch frohen Sinn.'"
Der letzte Schluck Kaffee war noch nicht genommen, da klingelte es. Frau
Pfaeffling horchte und rief erschrocken: "Kann das Fraeulein Vernagelding
sein?"
"Donnerstag? Freilich, das ist ihr Tag. O, die unglueckselige Stunde, die
hatte ich total vergessen, muss die auch gerade heute sein! Wenn ich die
jetzt vertrage, Caecilie, dann bewundere ich mich selber. Du glaubst
nicht, wie unmusikalisch das Fraeulein ist!" Frau Pfaeffling hatte das
Kaffeegeschirr rasch auf das Brett gestellt und war laengst damit
verschwunden, bis Fraeulein Vernagelding im Vorplatz am Kleiderhalter und
Spiegel Toilette gemacht und ihre niedlichen Loeckchen zurechtgesteckt
hatte. Herr Pfaeffling nahm sich gewaltig zusammen, als diese
unbegabteste aller Schuelerinnen sich neben ihn ans Klavier setzte und
mit holdem Laecheln sagte: "Heute duerfen Sie es nicht so streng mit mir
nehmen, Herr Pfaeffling, ich konnte nicht so viel ueben, denken Sie, ich
war gestern auf meinem ersten Ball. Es war ganz reizend. Ich war in
Rosa."
"Freut mich, freut mich," sagte Herr Pfaeffling und trippelte bereits
etwas nervoes mit seinem rechten Fuss. "Aber jetzt wollen wir gar nicht
mehr an den Ball denken, sondern bloss an unsere Tonleiter. G-dur. Nicht
immer wieder f nehmen statt fis, das lautet greulich fuer mich. Schon
wieder f! Wieder f! Aber Sie nehmen ja jedesmal f, Sie denken wieder an
den gestrigen Ball!" "Nein, Herr Pfaeffling," entgegnete sie und sah ihn
strahlend an, "ich denke ja an den morgigen Ball, was sagen Sie dazu,
dass ich morgen schon wieder tanze! Diesmal in Meergruen. Ist das nicht
suess?" Herr Pfaeffling sprang vom Stuhl auf. "Suess, ja suess!"
wiederholte er, "aber zwischen zwei Baellen Sie mit der G-dur Tonleiter
zu plagen, das waere grausam, vielleicht auch gegen mich. Da gehen Sie
lieber heim fuer heute."
"Ja, darf ich?" sagte sie aufstehend, und die hoffnungsvolle Schuelerin
empfahl sich mit dankbarem Laecheln und Knix.
Als Frau Pfaeffling durch den Vorplatz ging, sah sie mit Staunen, dass
Fraeulein Vernagelding schon wieder am Spiegel stand. Sie hatte diesmal
entschieden mehr Zeit am Spiegel als am Klavier verbracht.
Herr Pfaeffling erzaehlte, dass ihm die Geduld ausgegangen sei, er glaube
aber nicht, dass es das Fraeulein uebelgenommen habe.
"Aber Frau Privatiere Vernagelding wird um so mehr gekraenkt sein," sagte
Frau Pfaeffling besorgt.
Unnoetige Sorge! Als das tanzlustige Fraeulein daheim von der abgekuerzten
Stunde berichtete, sagte die Mutter: "Dies ist ein einsichtsvoller Herr.
Er goennt doch auch der Jugend ihr unschuldiges Vergnuegen. Wir muessen ihm
gelegentlich ein Praesent machen, Agathe."
3. Kapitel
Der Leonidenschwarm.
Samstag nachmittag war's und eifrige Taetigkeit in Haus und Hof. Frau
Pfaeffling und Walburg hatten viel zu putzen und zu ordnen und auf die
Hilfe von Marie und Anne wurde dabei schon ganz ernstlich gerechnet. Ob
sie gerne das Geschirr in der Kueche abtrockneten und mit Vorliebe den
Staub wischten, ob sie mit Lust die Leuchter putzten und mit Freuden die
Lampen, das wusste niemand, aber das wussten alle, dass diese Arbeiten
geschehen mussten und Walburg nicht mit allem allein fertig werden
konnte.
Die Brueder hatten auch fuer etwas einzustehen im Haus: Sie mussten sorgen,
dass in der Holzkammer stets fein gespaltenes Holz vorraetig war. Das
hatten sie aber heute schon besorgt und nun waren sie in froehlicher
Taetigkeit auf dem Balkenplatz. Der Schreinersgeselle, Remboldt, der als
Soldat diente und durch den Zaun die Freundschaft mit den jungen
Pfaefflings pflegte, hatte gesehen, wie sie sich muehsam ein Sprungseil zu
spannen versuchten und nicht zurecht damit kamen. Darauf hatte er ihnen
versprochen, ihnen zu helfen, sobald er frei habe, und nun war er
heruebergekommen. Mit seiner Hilfe ging die Sache anders vonstatten. Zwei
Pfaehle wurden eingerammelt, an denen sich das Seil in verschiedener Hoehe
spannen liess, ganz wie drueben auf dem Militaerturnplatz, nur dass auf
kleinere Turner gerechnet werden musste. Frieder wurde herbeigeholt. Er
war fuer einen Achtjaehrigen noch ein kleiner Kerl und nicht so gewandt
wie seine leichtfuessigen Brueder. Es zeigte sich, dass man das Seil noch
viel naeher am Boden spannen musste, und als er seine ersten
Sprungversuche machte und fest auf das Seil, anstatt darueber sprang,
lachten sie alle und nannten ihn, wie in seinen frueheren Kinderjahren,
das kleine Dummerle. Er nahm das aber nicht uebel, um so weniger als
Remboldt, der inzwischen Frieders Harmonika genommen und umsonst
probiert hatte, etwas Wohlklingendes herauszulocken, bewundernd sagte:
"Wie der Kleine nur so umgehen kann mit dem grossen Instrument, gestern
haben ihm viele Soldaten zugehoert, da hat's geklungen wie das Lied:
'Wachet auf, ruft uns die Stimme'." "Ja, das war's," sagte Frieder, "das
lernen wir jetzt in der Schule."
"Was sagt denn dein Lehrer dazu, wenn du die Lieder so spielen kannst?"
"Ich nehme doch die Harmonika nicht mit in die Schule!" sagte Frieder
ganz erstaunt. "Nimm sie doch einmal mit," entgegnete Remboldt, "da
wirst du sehen, wie der Lehrer Respekt vor dir bekommt und alle deine
Mitschueler." Frieder machte grosse Augen. Daheim war eigentlich immer nur
eine Stimme des Aergers ueber sein Spiel, und nun meinte Remboldt, er
sollte seine Harmonika absichtlich dahin mitnehmen, wo recht viele sie
hoeren wuerden? Zweifelnd sah er auf seine alte, treue Begleiterin. Bisher
hatten sie sich immer moeglichst miteinander entfernt von allen Menschen,
und nun sollten sie sich vordraengen? Ihm kam es unbescheiden vor, aber
doch auch lockend, und so ging er nachdenklich davon, waehrend seine
Brueder sich noch mit Remboldt unterhielten. Dieser erzaehlte gern von
seinem Soldatenleben, bei dem er mit Leib und Seele war. Und heute hatte
er Neues zu berichten: "Heute nacht war ich auf der Wache," sagte er,
"vor dem Kasernentor. Da blaest einem der Wind eisig um die Ohren und die
Fuesse werden steif, wenn man nicht immerzu hin und her laeuft. Man hoert
auch gern seinen eigenen Tritt, weil's so totenstill ist, man meint, man
sei ganz allein auf der Welt. Es war so eine finstere Nacht, kein
Mondschein am Himmel und im Westen eine schwarze Wand, nur im Osten
war's hell und ein paar Sterne am Himmel. Vor mir war der weite, leere
Kasernenhof, hinter mir die lange, schwarze Kasernenmauer, ganz
unheimlich, sage ich euch. Da, nach Mitternacht, hat sich der Wind
gelegt und der Himmel ist klarer geworden. Wie ich nun so hinausschaue,
wie immer mehr Sterne herauskommen, da fliegt einer in grossem Bogen ueber
den halben Himmel, und wie ich dem nachschaue, kommt wieder einer und
zwei auf einmal und so ging's fort und mir war's gerade, wie wenn mir
zuliebe so ein himmlisches Feuerwerk veranstaltet waere, denn, dachte
ich, es sieht's ja sonst niemand als du. Mir war's ganz feierlich
zumute. Ich nahm mir aber vor: den Kameraden erzaehlst du das nicht, sie
meinen sonst, du flunkerst. Aber da kam morgens eine Abteilung von einer
naechtlichen Felddienstuebung heim und die hatten es auch beobachtet und
fingen gleich davon an zu erzaehlen. Ihnen hat ihr Hauptmann erklaert, dass
alle Jahre in den Naechten um den 12. bis 15. November herum so ein
Sternschnuppenschwarm sei, der heisse der Leonidenschwarm. In manchen
Jahren sei er besonders reich und so in diesem. Aber erst nach
Mitternacht und man sehe es nur selten so schoen wie in der vergangenen
Nacht, weil die Novembernaechte meistens trueb seien. Wenn's heute nacht
hell waere, ich wollte gleich wieder auf die Wache ziehen um den Preis."
Karl, der grosse, Wilhelm, der zweite, Otto, der dritte, sie kamen alle
mit _einem_ Gedanken vom Hof herauf: den Leonidenschwarm mussten sie
sehen! Heute oder morgen wollten sie nach Mitternacht hinuntergehen und
von dem Balken aus die Sternschnuppen beobachten. Wenn nur die Erlaubnis
der Eltern zu bekommen war. Oder konnte man's ungefragt unternehmen? Es
war ja nichts Schlimmes. Sie berieten miteinander. Die Schwestern kamen
dazu und wurden eingeweiht in den Plan. Da entschied Marie, das
praktische Hausmuetterchen: "Ohne Erlaubnis geht das nicht, weil es nicht
ohne Hausschluessel geht, die Haustuere wird nachts geschlossen." Also
musste man bittend an die Eltern kommen. Der Vater wollte nicht gern der
Jugend den Hausschluessel anvertrauen und die Mutter meinte, so vom Bett
in die Novembernacht hinaus wuerden sie sich erkaelten. Und alle beide
fuerchteten sie, die Hausleute moechten bei Nacht gestoert werden. Dagegen
sagte der Vater, seine Buben duerften nicht so zimperlich sein, dass sie
nicht eine Stunde draussen in der Winternacht aushalten koennten, und die
Mutter erzaehlte, dass sie schon von ihrer Jugend an den Wunsch gehabt
haette, so einen Sternschnuppenschwarm zu sehen, die drei Brueder
versicherten, dass sie lautlos die Treppe hinunterschleichen wuerden. Da
machte die kleine Else, die gespannt zugehoert hatte, ob die Brueder mit
ihrer Bitte wohl durchdringen wuerden, den Schluss, indem sie erklaerte:
"Also dann duerft ihr!" Da lachten sie alle und niemand widersprach. Aber
doch war es nur so eine halbe Erlaubnis, und die Brueder hielten es fuer
klug, nimmer auf das Gespraech zurueckzukommen. Ueberdies fing es am Abend
an zu regnen, ja es regnete auch noch den ganzen Sonntag und niemand
dachte mehr an die Sternschnuppen. Als aber am Sonntag abend Karl zu
Bett ging, bemerkte er, dass am Himmel ein paar Sterne sichtbar waren.
Wenn es nun doch moeglich wuerde? Er richtete seine Weckuhr auf 1 Uhr und
konnte vor Erwartung kaum einschlafen. Waehrend nun Stille im ganzen Haus
wurde und die Nacht weiter vorrueckte, loesten und verteilten sich am
Himmel immer mehr die schweren Wolken, ein Stern nach dem andern
leuchtete hervor und als, vom Wecker aufgeschreckt, Karl ans Fenster
huschte um zu sehen, ob etwas zu hoffen waere, strahlte ihm der klarste
Himmel entgegen, ja, er meinte sogar ein kurzes Leuchten wie von einer
fliegenden Kugel gesehen zu haben.
Es war nun keine kleine Aufgabe, Wilhelm und Otto zu wecken, ohne dabei
das ganze Haus aufzumuntern. Zum Glueck lag das Bubenzimmer nicht neben
dem Schlafzimmer der Eltern. Die verschlafenen Brueder hatten nicht
einmal mehr Lust zu dem naechtlichen Unternehmen, aber die stellte sich
wieder ein, sobald sie ganz wach waren, und nun richteten sich die Drei
in aller Stille. Nebenan schliefen die Schwestern. Ploetzlich ging die
Tuere leise auf, ein Arm streckte sich herein und ein geheimnisvolles:
"Gelt ihr geht? Da habt ihr unsern Schal!" wurde gefluestert; das grosse
warme Tuch flog herein, die Tuere ging leise wieder zu. Mit klopfendem
Herzen nahm Karl den Hausschluessel vom Nagel, in Struempfen, die Stiefel
in der Hand, schlichen sie alle Drei ueber den Gang, und die Treppe
hinunter. Aber ehe sie hinaustraten in den nassen Hof, mussten doch die
Stiefel angezogen werden und das ging nicht so ganz ohne jegliches
Geraeusch, nicht ohne Gefluester. Auch der Schluessel bewegte sich nicht
ohne metallenen Klang im Schloss und die Tuere nicht ohne Knarren in den
Angeln. Hingegen ging sich's lautlos auf dem bodenlosen Weg nach dem
Balken, und als die Drei erst hinter den Brettern, nahe dem Kasernenzaun
waren, schien ihnen das Unternehmen gelungen.
Das wachsame Ohr von Frau Hartwig, der Hausfrau, hatte aber etwas
gehoert. Sie wusste zunaechst selbst nicht, an was sie erwacht war, aber
sie hatte das Gefuehl: Irgend etwas ist nicht in Ordnung. Sie setzte sich
im Bett auf, horchte, vernahm ganz deutlich den ihr wohlbekannten Ton
der sich schliessenden Haustuere und dann ein Fluestern ausserhalb
derselben. "Es ist jemand hinausgegangen," sagte sie sich, "wer hat
nachts um 1 Uhr hinauszugehen?" Sie besann sich, es war ihr
unerklaerlich. "Es ist ungehoerig," sagte sie sich, "wer solch naechtliche
Spaziergaenge macht, der soll nur draussen bleiben," und rasch
entschlossen ging sie hinaus und schob den Nachtriegel an der Haustuere
vor. Dann legte sie sich beruhigt wieder, nun konnte niemand ins Haus
herein, ohne anzuklingeln; auf diese Weise wollte sie schon
herausbringen, wer hinausgeschluepft war. War es jemand mit gutem
Gewissen, der mochte klingeln.
Auf Frieders hohem Brettersitz sassen die drei Brueder in der Stille der
Nacht und sahen erwartungsvoll hinauf nach dem Sternenhimmel. In
wunderbarer Klarheit woelbte er sich ueber ihnen. Das war ein Schimmern
und Leuchten aus unendlichen Fernen! Keiner von ihnen hatte es je so
schoen gesehen. "Wenn auch weiter gar nichts zu sehen waere," sagte Karl,
"so wuerde mich's doch nicht reuen, dass ich aufgestanden bin." "Mich
reut's auch nicht," sagte Wilhelm, "obwohl ich's gar nicht glaube, dass
einer von den Sternen auf einmal anfaengt zu fliegen. Die stehen da
droben alle so fest!"
"Seht, seht da!" rief in diesem Augenblick Otto und deutete nach Osten.
Ein heller, weissglaenzender Stern schoss am Firmament in weitem Bogen
dahin und war dann ploetzlich verschwunden. In einem Nu hatte er die
riesige Bahn durchflogen, wie weit wohl? Ja, das mochte wohl eine
Strecke gewesen sein, groesser als das ganze Deutsche Reich. Staunend
sahen die Kinder hinauf: da--schon wieder eine Sternschnuppe, groesser als
die vorige, in gelbem Licht strahlend, und nach wenigen Minuten wieder
eine. Die meisten kamen aus derselben Himmelsgegend und flogen in
gleicher Richtung. Die Kinder fingen an zu zaehlen, aber als die Zeit
vorrueckte und es auf den Turmuhren 2 Uhr geschlagen hatte, wurden die
Sternschnuppen immer haeufiger, oft waren zwei oder drei zugleich
sichtbar, es war ueber alles Erwarten schoen. Allmaehlich schoben sich aber
von Westen herauf immer groessere Wolkenmassen und fingen an, die Sterne
zu verdunkeln. Endlich kam das Gewoelk bis an die Himmelsgegend, von der
die meisten Sternschnuppen ausgingen, und wie wenn den staunenden
Blicken nicht laenger das schoene Schauspiel vergoennt sein sollte, zog
sich eine dichte Decke ueber die ganze Herrlichkeit.
Noch standen die Kinder auf ihrem Posten und hofften, die Wolken wuerden
sich wieder verteilen. Da und dort schimmerte zwischendurch ein
einzelner Stern. "Sie sind alle noch da und fliegen herum," sagte Otto,
"nur die Wolken sind davor." Nun wurde es vollstaendig Nacht, und die
Brueder empfanden auf einmal, dass es kalt war und sie selbst mued und
schlaefrig. Jetzt ins warme Bett zu schluepfen, musste koestlich sein! Also
kletterten sie herunter und gingen in der Stockfinsternis dem Haus zu.
"Hast du doch den Schluessel, Karl?" "Jawohl, da ist er."
"Das waere kein Spass, wenn du den verloren haettest und wir muessten da
draussen bleiben in der Kaelte!"
Sie kamen nun nahe an das Haus, schlichen sich leise und schweigend an
die Tuere. Karl schloss auf und klinkte an der Schnalle, aber die von
innen verriegelte Tuere ging nicht auf. "Was ist denn das?" fluesterte
Karl, drehte den Schluessel noch einmal im Schloss auf und zu und klinkte
und drueckte gegen die Tuere, aber die gab nicht nach.
"Lass doch mich probieren," sagte Wilhelm leise, "du hast wohl falsch
herumgedreht," er brachte ebensowenig zustande und Otto nicht mehr.
"Lasst doch, ihr verdreht das Schloss noch," sagte Karl, "ihr seht doch,
es geht nicht. Was kann denn aber schuld sein? Das Schloss ist doch in
Ordnung, was haelt die Tuere zu?"
In leisem Fluesterton gingen nun die Vermutungen hin und her. "Jemand hat
etwas vor die Tuere gestellt, damit wir nicht hereinkoennen." "Oder den
Riegel vorgeschoben."
"Ja, ja, den Riegel. Natuerlich, der Riegel ist vorgeschoben! Wer hat das
getan? Wer hat uns hinausgeriegelt?" Da meldete sich das Gewissen:
"Vielleicht der Vater, weil wir nichts gesagt haben!"
"Aber er hat es doch erlaubt!"
"Ich weiss nicht mehr so recht, hat er's wirklich erlaubt?"
"Wir haetten vielleicht um den Hausschluessel bitten sollen."
"So wird's sein: Der Vater hat den Wecker gehoert, hat gemerkt, dass wir
ungefragt fortgehen und hat hinter uns zugeriegelt. Es muss ja so sein,
wer haette es sonst tun sollen?"
Nach einigem Nachdenken ueber diese traurige Lage sagte Karl: "Klingeln
duerfen wir nicht, gehen wir wieder hinter auf den Platz, wickeln uns in
den warmen Schal und legen uns auf ein Brett, da kann man schon
schlafen."
So schlichen sie noch einmal wie drei kleine Suender ums Haus herum und
suchten sich ein Lager zu machen auf den Brettern. Wenn es nur nicht so
stockfinster gewesen waere und die Bretter so nass und so hart und so
unbequem und wenn es nur vor allem nicht so bitter kalt gewesen waere!
Karl blieb nur einen Augenblick liegen, dann sprang er auf: "Der Schal
reicht doch nicht fuer drei, ihr koennt ihn haben und ich laufe lieber hin
und her, wie wenn ich Wache haette. Wer weiss, in drei Jahren muss ich's
ganz im Ernst tun." Er wickelte die Brueder in das Tuch, wanderte stramm
hin und her, war ganz wohlgemut und dachte an das Soldatenleben. Aber
nach einer kleinen Weile hoerte er einen seltsamen Ton. Was war denn das?
Er kam naeher zu den Bruedern her--wahrhaftig, Otto schluchzte und weinte
ganz laut. Er hatte ein wenig geschlafen und war nun aufgewacht und
klagte, es tue ihm alles weh. Auch Wilhelm erhob sich wieder aus seiner
unbequemen Lage und schien ebenso nahe am Weinen. Da fuehlte sich Karl
als Aeltester verantwortlich: "Die muessen ins Bett," sagte er sich,
"sonst werden sie krank. Kommt, wir wollen sehen, ob wir nicht die
Marianne wach rufen koennen, damit sie uns ausriegelt." Da waren die
Verschlafenen gleich wieder munter. Sie gingen nach der Seite des
Hauses, wo das Schlafzimmer der Maedchen lag, und nun galt es so laut zu
rufen, dass diese aufwachten, und zugleich so leise, dass Hartwigs, die
unter ihnen schliefen, nichts hoerten. "Marianne, Marianne," klang es
zuerst leise und allmaehlich lauter. Es ging aber umgekehrt, als es haette
gehen sollen, die Schwestern hoerten nichts und die Hausleute wachten
auf.
Die Hausfrau laechelte ganz befriedigt. "Aha," sagte sie sich, "nun
moechte man wieder herein." Sie erzaehlte ihrem Mann von der verriegelten
Tuere. Er machte das Fenster auf: "Wer ist da?" rief er. Die Brueder
erschraken, als sie des Hausherrn Stimme hoerten. Keiner ruehrte sich,
keiner antwortete. Der Hausherr starrte in die Dunkelheit hinaus,
lauschte--sah nichts, hoerte nichts und schloss das Fenster. Eine gute
Weile blieben unsere drei Ausgestossenen wie angewurzelt stehen. "Wir
wollen etwas an das Fenster hinaufwerfen," schlug Karl vor, und sie
tasteten nach Steinchen und warfen. Aber sie trafen ganz schlecht in der
Dunkelheit, fingen wieder an "Marianne" zu rufen und fanden es
unbegreiflich, dass die Schwestern so fest schliefen.
"Ich habe ganz deutlich die Stimme von einem Pfaeffling erkannt," sagte
die Hausfrau zu ihrem Mann, "es wird doch keines von den Kindern draussen
sein in der kalten Nacht? Lass mich mal rufen, mich kennen sie besser!"
und leise oeffnete sie das Fenster und rief freundlich: "Seid Ihr es,
Kinder?" Auf diesen Lockton gingen sie. "Ja wir sind's," riefen sie
dreistimmig, naeherten sich dem Fenster und sagten: "Wir wollten nur
Marianne rufen, damit sie uns hereinlaesst." Die Hausfrau erschrak. So
hatte sie die Kinder hinausgeschlossen. An die Boesen hatte sie gedacht,
denen es recht geschah, an die Guten, die klingeln wuerden, aber nicht an
die Bescheidenen, die nicht klingeln mochten.
"Ich mache euch gleich auf, Kinder," sagte sie, "wie kommt ihr nur
hinaus?"
"Wir haben den Leonidenschwarm angesehen." "Aber Kinder!" rief sie
vorwurfsvoll und schloss das Fenster.
"Was haben sie angesehen? Den Leonidenschwarm?" fragte der Hausherr,
"was ist denn das wieder? Eine Studentenverbindung? Ein Verein? Und da
schwaermen die Buben hinaus ohne ihren Vater und bleiben bis gegen
Morgen?"
Herr Hartwig war sehr aufgebracht. "Bleibe du nur da," sagte er zu
seiner Frau, "ich will selbst hinaus, und ihnen sagen, was noetig ist.
Wenn man nicht mehr seine Nachtruhe hat, nicht weiss, ob das Haus nachts
geschlossen bleibt, dann hoert ja alles auf. Fuer solche Mietsleute
bedanke ich mich!"
Mittlerweile hatte der Hausherr sich angekleidet, kam heraus und schob
den Riegel der Haustuere zurueck. Die drei frierenden, uebernaechtigen
Kameraden sahen nicht erfreulich aus und Schreiner Hartwig mass sie mit
so veraechtlichem Blick, dass ihnen sogar die gewohnte Entschuldigung
entfiel, sie standen vor ihm wie das boese Gewissen. Er schob sie von der
Tuere weg und den Riegel mit Gewalt wieder vor und dann sprach er ruhig
und deutlich den _einen_ Satz: "Sagt eurem Vater, auf ersten Januar sei
ihm die Wohnung gekuendigt."
Ach, auf den nassen, harten Brettern draussen in der Winterkaelte war es
den drei Bruedern nicht so elend zumute gewesen als in den eigenen
Betten, in die sie ganz vernichtet sanken. Sie waren ja noch immer der
Meinung, der eigene Vater habe den Riegel vorgeschoben; hatte er ihr
Fortgehen schon so schlimm aufgenommen, wie musste er erst zuernen, wenn
er erfuhr, was daraus entstanden war! Und wie deutlich erinnerten sie
sich der Wohnungsnot vor zwei Jahren, wo der Vater von einem Haus zum
andern gegangen und von jedem Hausherrn abgewiesen war, weswegen? Wegen
der sieben Kinder! Und nun war durch sie die Kuendigung herausbeschworen,
in ihren Augen das groesste Familienunglueck!
Wilhelm und Otto schliefen trotz allem bald ein, denn sie fuehlten sich
ein wenig gedeckt dadurch, dass Karl, der grosse, der Anfuehrer gewesen
war. Um so schwerer lag diesem die Sache auf, und er konnte sich nicht
vorstellen, wie er am Morgen den Eltern unter die Augen treten sollte.
Er fand nur einen kurzen, unruhigen Schlaf.
Frieder hatte von allem, was seine Schlafkameraden erlebt hatten, keine
Ahnung. Er wunderte sich aber am Morgen, dass sie alle schwer aus dem
Bett kamen, bedrueckt und einsilbig waren, und wunderte sich noch mehr,
als die Schwestern durch die Tuerspalte hereinriefen: "War's recht schoen
heute nacht?" Als er aber gern erfahren haette, von was die Rede sei,
bekam er ungeduldige Antwort: "Sei nur still, du wirst noch genug davon
hoeren." Sie waren sonst alle flinker als Frieder, heute aber kam dieser
zuerst ins Wohnzimmer, wo die Eltern schon mit den Schwestern beim
Fruehstueck waren und von Marie und Anne wussten, dass die Brueder in der
Nacht fort gewesen waren. Diese zoegerten aber immer noch, zu kommen.
Endlich sagte Karl: "Es hilft uns ja doch nichts, einmal muss es gesagt
werden, kommt!"
Er ging tapfer voran, Wilhelm und Otto hinter ihm. So traten sie in das
Wohnzimmer, wo Herr Pfaeffling sich gleich lebhaft nach ihnen umwandte.
"Nun," fragte er, "ist eure Expedition geglueckt? Heute nacht um 11 Uhr
hat sich der Himmel so schoen aufgeklaert, da dachte ich an euch, war aber
der Meinung, ihr wuerdet die Zeit verschlafen. War's denn nun schoen?"
Die drei waren so betroffen ueber die unerwartet freundliche Anrede, dass
sie zunaechst gar keiner Antwort faehig waren. Frau Pfaeffling ahnte gleich
Boeses. "Ihr seht alle so schlecht aus," sagte sie, "ist's euch nicht
gut? Oder habt ihr den Hausschluessel verloren?"
"Das nicht."
"Also, was sonst, redet doch!" rief der Vater. Da trat Karl naeher und
sagte: "Ich will es ganz erzaehlen wie es war. Um ein Uhr sind wir
hinunter gegangen, ganz leise, ohne Stiefel. Sind auf den Balken
gewesen--wie schoen es da war, sage ich spaeter. Um halb drei Uhr etwa
wollen wir wieder ins Haus, da ist die Tuere von innen zugeriegelt."
"Aber wie abscheulich! wer hat das getan!" riefen die Schwestern wie aus
einem Mund.
"Klingeln mochten wir nicht, so gingen wir wieder zurueck, wollten auf
den Brettern schlafen, aber es war zu kalt. So schlichen wir unter
Mariannens Fenster und wollten sie wecken. Wir riefen ihr leise, das
hoerte die Hausfrau und fragte durch's Fenster, ob wir's seien. Wir
sagten, wo wir herkaemen und dass wir nicht hereinkoennten. Da riegelte
Herr Hartwig die Haustuere auf und liess uns herein." Karl hielt inne.
"So habt ihr richtig die Hausleute gestoert!" sagte Frau Pfaeffling.
"Haettet ihr mir doch gesagt, dass ihr in dieser Nacht fort wollt, ich
wuerde euch vorher hinunter geschickt haben, damit sie davon wissen. So
aber waren sie wohl aengstlich, als sie etwas hoerten und haben deshalb
geriegelt. Habt ihr euch recht entschuldigt?"
"Er hat uns dazu gar keine Zeit gelassen." Sie senkten die Koepfe. Herr
Pfaeffling sah seine Soehne aufmerksam an. "Kinder, ihr habt noch nicht
alles gesagt."
"Nein." Da trat eine bange Stille ein, bis Karl sich ermannte und die
schlimme Botschaft aussprach: "Der Hausherr laesst dir sagen, auf
1. Januar sei gekuendigt."
Ein Ausruf des Schreckens entfuhr der Mutter, und den Schwestern der
Jammerschrei: "O haetten wir doch das Rufen gehoert, waeren wir doch
aufgewacht!" Herr Pfaeffling aber straeubte sich, die Nachricht zu
glauben. "Es ist doch gar nicht moeglich, dass das sein Ernst ist, glaubst
du das, Caecilie? Kann das wirklich sein? Kuendigt man, weil man einmal im
Schlaf gestoert wird? Taeten wir das? Mich duerfte man zehnmal wecken und
ich daechte noch gar nicht an so etwas. War er denn im Zorn, was hat er
denn sonst noch gesagt?"
"Kein Wort weiter, aber das so langsam und deutlich, wie wenn er sich's
schon vorher ausgedacht haette."