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Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper

A >> Agnes Sapper >> Die Familie Pfaeffling

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"Und ihr habt euch nicht entschuldigt, habt kein Wort gesagt, um ihn zu
beguetigen? Ihr Stoepsel! Und warum habt ihr denn nicht lieber geklingelt?
Ist unsere Hausglocke zum Schmuck da oder zum Laeuten? Die Marianne
rufen! Der Einfall! Die schlafen doch wie Murmeltiere!"

Frau Pfaeffling unterbrach die immer lebhafteren Ausrufe ihres Mannes:
"Es ist gleich Schulzeit und ich meine, wenn es die Buben auch nicht
verdient haben, sollten sie doch einen warmen Schluck trinken, ehe sie
in die Schule gehen, sieh, wie sie aussehen."

"Wie die Leintuecher," sagte der Vater, "schnell, setzt euch,
fruehstueckt!"

So waren die drei doch wieder zu Gnaden am Tisch angenommen und konnten
wirklich ihr Fruehstueck brauchen, nach dieser Nacht! Wilhelm und Otto
verschlangen ihr Teil mit wahrem Heisshunger, und als sie damit fertig
waren, griffen sie noch ueber zu dem Teil ihres Frieders, der vor Horchen
und Staunen noch gar nicht ans Essen gekommen war und sich auch nicht
wehrte gegen den Uebergriff; so etwas kam hie und da vor und heute fuehlte
er, dass es so sein muesse.

Herr Pfaeffling umkreiste noch eine Weile den Tisch in heftiger Erregung,
so dass es seiner Frau schier schwindelte, endlich atmete er tief auf,
seufzte: "O Marstadt, Marstadt!" und verliess das Zimmer, um sich zum
taeglichen Gang nach der Musikschule zu richten. Rascher noch als sonst
eilte er durch den untern Hausflur, er hatte keine Lust, den Hausherrn
zu begegnen. Aber da waere gar keine Gefahr gewesen, auch der Schreiner
wuenschte keine Begegnung und wartete ab, bis alle Glieder der Familie
Pfaeffling auf dem Schulweg waren, ehe auch er das Haus verliess.

So gab es zwei Maenner im Haus, die sich mieden, aber es gab auch zwei
Frauen, die sich suchten. Frau Hartwig tat das Herz weh bei dem Gedanken
an die Sorge, die der Familie Pfaeffling auferlegt wurde, jetzt bei
Beginn des Winters und nach der eben erlebten Enttaeuschung durch die
Direktorsstelle. Und es kraenkte sie, dass ihr Mann mit Recht von der
leichtsinnigen Gesellschaft da droben sprechen konnte. Sie hatte so viel
von der Familie gehalten, ja, sie spuerte es erst jetzt recht deutlich,
eine wahre Liebe hatte sie fuer sie alle empfunden, ganz anders als je
fuer fruehere Mietsleute. Sie musste das alles mit Frau Pfaeffling
besprechen. Aber ihr Mann war dagegen, dass sie hinaufging.

Frau Pfaeffling ihrerseits war ganz irre geworden an den Hausleuten. Sie
hatte so viel Vertrauen in sie gehabt und sie hochgeachtet wegen des
echten christlichen Sinnes, den sie jederzeit bewaehrt hatten. Wie
stimmte dazu die Lieblosigkeit, die Kinder in die kalte Nacht
hinauszuschliessen und dann noch zu kuendigen, und das alles bloss wegen
einer gestoerten Nachtruhe! Sie musste sich das erklaeren lassen von Frau
Hartwig, aber mit ihr _allein_ wollte sie sprechen. So strebten die
beiden Frauen zusammen, und wo ein Wille ist, findet sich bald ein Weg.

Im obersten Stock des Hauses war ein Revier, das beide Familien
benuetzten. Das war der grosse Bodenraum, wo die Seile gezogen waren zum
Waeschetrocknen und die Mange stand, zum Mangen und Rollen des Weisszeugs.
Die Hausfrau war mit einem kleinen Korb Waesche hinaufgegangen, fing an,
das Rad zu drehen und zu mangen.

Frau Pfaeffling konnte das unten gut hoeren. Nicht lange, so stieg auch
sie hinauf. Vom Drehen des Rades war bald nichts mehr zu hoeren.

Nach einer guten Weile kamen die beiden Frauen froehlichen Sinnes
miteinander herunter, zwischen ihnen gab es kein Missverstaendnis mehr und
sie waren der guten Zuversicht, dass sich auch die beiden Maenner
miteinander verstaendigen wuerden.

Frau Hartwig sagte an diesem Mittag zu ihrem Mann: "Hat dir nicht
gestern Remboldt erzaehlt von den vielen Sternschnuppen, die er auf der
Wache gesehen hat?"

"Ja, du warst ja dabei."

"Weisst du, wie man diese Sternschnuppen heisst? Ich habe es heute zum
erstenmal gehoert, die heisst man 'den Leonidenschwarm'." Weiter sagte
Frau Hartwig gar nichts. Aber sie beobachtete, wie dieses Wort ihrem
Mann zu denken gab. Sie wusste ja, dass mit dem richtigen Verstaendnis des
Wortes sein ganzer Zorn gegen die Familie Pfaeffling schwinden musste. Sie
wollte ihm gar nicht zureden, sein eigenes Gefuehl wuerde ihn treiben, zu
tun, was recht war.

Am Nachmittag fasste er die drei Lateinschueler ab, als sie heimkamen. Er
liess sich von ihnen genau erzaehlen, wie herrlich der Sternenhimmel
gewesen sei, und wollte auch wissen, warum die Sternschnuppen der
Leonidenschwarm hiessen. Das wusste Karl: weil diese Sternschnuppen, die
da im November so massenhaft fielen, aus dem Sternbild des Loewen
ausgingen.

Waehrend sie zusammen sprachen, bemerkten die Kinder wohl, dass der
Hausherr sie wieder ganz anders ansah, als in der vergangenen Nacht, und
fingen an, auf seine Verzeihung zu hoffen, und wirklich sagte er nun mit
all seiner frueheren Freundlichkeit: "Seht, ich weiss eben gar nichts von
der Sternkunde, ich habe den Leonidenschwarm fuer einen Verein oder
dergleichen gehalten, mit dem ihr euch nachts herumtreibt. Und so etwas
dulde ich nicht in meinem Haus. Aber ich werde euch doch nicht boes sein,
wenn ihr nach dem Himmel schaut? Nein, wir sind nun wieder gute Freunde.
Sagt nur eurem Vater: die Kuendigung gilt nicht!"

Nach dieser offenen Aussprache herrschte wieder Friede und Eintracht,
Freundschaft und Froehlichkeit im ganzen Haus.

Als gegen Abend die Kinder von ihren Turnuebungen zurueckkehrten, trafen
sie an der Treppe mit Frau Hartwig zusammen, die eben aus dem Keller
einen Vorrat Aepfel herausgeholt hatte. "Ihr kommt mir gerade recht,"
sagte sie und gab jedem einen Apfel.

"Hausfrau," sagte Frieder, "wir haben miteinander etwas ausgemacht,
damit deine Treppe geschont wird, sieh einmal her. Die Schwestern gehen
jetzt immer ganz nahe am Gelaender und wir Buben muessen ganz dicht an der
Wand gehen, dann werden deine Stufen in der Mitte geschont. Sieh, so
hinauf und so wieder herunter." Um recht dicht an der Mauer zu gehen,
setzte er einen Fuss vor den andern, verlor das Gleichgewicht und
kollerte den ganzen Rest der Treppe hinunter, gerade vor die Fuesse der
erschrockenen Hausfrau.

Geschadet hat es ihm nichts. Aber als Frau Hartwig in ihre Wohnung
zurueckkehrte, sagte sie zu sich: "Da ist gar nichts zu machen. Je besser
sie's meinen, um so aerger poltert's."




4. Kapitel

Adventszeit.


"Wer darf den letzten Novemberzettel vom Block reissen, das duenne
Blaettchen, das allein noch den Weihnachtsmonat verhuellt?" Die jungen
Pfaefflinge standen alle in die eine Ecke gedraengt, wo der Kalender hing,
und stritten sich, halb im Spass, halb im Ernst darum, wer den Dezember
aufdecken duerfe. Die Eltern, am Fruehstueckstisch, sahen auf. "Buben,
galant sein!" rief der Vater. Da traten die vier Brueder vom Kampfplatz
zurueck. Elschen konnte den Kalender noch gar nicht erreichen, so kam das
Vorrecht an die Zwillingsschwestern. "Wir machen es miteinander," sagten
sie. Da kam denn der erste Dezember zum Vorschein, und zwar rot, denn es
war Sonntag, und kein gewoehnlicher Sonntag, sondern der erste Advent.
Die schoenste Weihnachtsstimmung stieg auf mit diesem Tag und nicht nur
bei den Kindern. Herr Pfaeffling stimmte unvermutet und ohne Begleitung
an: "Wie soll ich dich empfangen und wie begegnen dir, O aller Welt
Verlangen, o meiner Seele Zier!" Alle Kinder sangen mit, erste Stimme,
zweite Stimme, je nach Begabung, auch die Mutter, aber sie recht leise,
denn sie allein von der ganzen Familie war vollstaendig unmusikalisch und
sang, wie Frieder einmal gesagt hatte etwas anderes als die Melodie.

Bald darauf war es fuer diejenigen, die zur Kirche gehen wollten, Zeit
sich zu richten. Ein Teil pflegte vormittags zu gehen, einige
nachmittags oder in den Kindergottesdienst. Frau Pfaeffling wollte heute
mit ihrem Mann gehen, unter den Kindern gab es ein Beraten und Fluestern.
Als nach einer Weile die Eltern, zum Ausgang gerichtet, an der Treppe
standen und sich von den Zurueckbleibenden verabschieden wollten, fand
sich's, dass es heute gar keine solchen gab, dass alle sieben bereit
standen, mitzugehen. Das war noch nie so gewesen. "Wer soll dann
aufmachen, wenn geklingelt wird?" fragte Frau Pfaeffling bedenklich.

"Es klingelt fast nie waehrend der Kirchenzeit," versicherte der
Kinderchor.

"Aber wir koennen doch nicht zu neunt aufziehen, das ist ja eine ganze
Prozession!" wandte Herr Pfaeffling ein.

"Wir gehen drueben, auf der anderen Seite der Strasse," sagten die Buben.

"Aber Walburg muss wenigstens wissen, dass sie ganz allein zu Hause ist,
hole sie schnell, Elschen," rief Frau Pfaeffling. Als das Maedchen die
ganze Familie im Begriff sah, auszugehen, wusste sie schon, was man von
ihr wollte, und sagte in ihrer ernsthaften Weise: "Ich wuensche gesegnete
Andacht".

Draussen schien die Wintersonne auf bereifte Daecher, Sonntagsruhe
herrschte in der Vorstadt und die Familie, die hier den Weg zur Kirche
einschlug, hatte die Adventsstimmung schon im Herzen. Die vier Buben
liessen aber, ihrem Versprechen gemaess, die ganze Breite der
Fruehlingsstrasse zwischen sich und den Eltern und Schwestern, bis nach
einer Weile Elschen dem Frieder immer dringlicher winkte. Da konnte er
nicht laenger widerstehen und gesellte sich der kleinen Schwester zu.

Adventsstimmung, Weihnachtsahnung wehten heute den ganzen Tag durchs
Haus. Wenn im November eines der Kinder vom nahen Weihnachtsfest
sprechen wollte, hatte die Mutter immer abgewehrt und gesagt: "Das
dauert noch lange, lange, davon reden wir noch gar nicht, sonst werden
die Kleinen ungeduldig." So haette sie auch gestern noch gesagt, aber
heute war das etwas ganz anderes, man feierte Advent, Weihnachten war
ueber Nacht ganz nahe gerueckt. Im Daemmerstuendchen zog Frau Pfaeffling
Elschen zu sich heran und fragte selbst: "Weisst du denn noch, wie schoen
der Christbaum war?"

Sie wusste es wohl noch, und als nun die Geschwister ueber Weihnachten
plauderten, da konnte sie mittun, ja in der Freude auf Weihnachten stand
sie nicht hinter den Grossen zurueck, im Gegenteil, wenn sie mit
leuchtenden Augen vom Christkindlein sprach, so war sie die kleine
Hauptperson, die allen die Freude erhoehte.

Bald taten sich in einer Ecke die Geschwister zusammen und berieten
fluesternd, was sie den Eltern zu Weihnachten schenken koennten. Es durfte
kein Geld kosten, denn Geld hatten sie nicht. Von Geschenken, die Geld
kosteten, sprachen sie ganz veraechtlich. "Es ist keine Kunst, in einen
Laden zu gehen und etwas zu kaufen, aber ohne Geld etwas recht
Eigenartiges, Schoenes und Nuetzliches zu bescheren, das ist eine Kunst!"
Ja, eine so schwere Kunst ist das, dass sich die Beratung sehr in die
Laenge zog. Frieder nahm nicht lange daran teil, ihm klang heute immer
der Adventschoral im Ohr: "Wie soll ich dich empfangen," er musste ihn
ausstudieren. Er fing an zu spielen, und als er merkte, dass ungnaedige
Blicke auf seine Ziehharmonika fielen, zog er sich hinaus in die Kueche,
wo Walburg sass und in ihrem Gesangbuch las. Sie hoerte diese Toene, und da
sie sich in ihrer Taubheit ueber alles freute, was bis an ihr Ohr drang,
schob sie ihm den Schemel hin, zum Zeichen, dass er sich bei ihr
niederlassen sollte. So kam die Adventsstimmung bis in die Kueche.

Am naechsten Tag mussten freilich die Weihnachtsgedanken wieder in den
Hintergrund treten, denn in die Schule passten sie nicht. Nur Frieder
wollte sie auch dorthin bringen; was Remboldt ihm einmal gesagt, hatte
er nicht vergessen, er wollte seine Harmonika mit in die Schule nehmen
und dort den Adventschoral vorspielen. Die Mutter hoerte es und wunderte
sich: Er hatte sich noch nie zeigen oder vordraengen wollen mit seiner
Kunst, nun kam ihm doch die Lust, sich hoeren zu lassen. Sie mochte es
ihm nicht verbieten, aber es war ihr fremd an ihrem kleinen,
bescheidenen Frieder. So zog er mit seiner grossen Harmonika in der Hand,
den Schulranzen auf dem Ruecken, durch die Fruehlingsstrasse.

Freilich, als er sah, welches Aufsehen es bei den Schulkameraden machte,
bereute er es fast. Er hatte sein Instrument verbergen wollen bis zu der
grossen Pause um 10 Uhr, wo die Lehrer ihre Klassenzimmer verliessen und
die Schueler sich in dem weiten Schulhof zerstreuten. Aber es ging nicht
so.

Der Lehrer war kaum in das Schulzimmer getreten, so riefen ihm auch
schon ein paar kecke Buerschchen zu: "Der Pfaeffling hat seine
Ziehharmonika mitgebracht." Da verlangte er sie zu sehen und fragte, ob
Frieder denn mit dem grossen Instrument zurechtkaeme. Nun stiessen ihn die
Kameraden von allen Seiten: "Spiel doch, gelt, du kannst es nicht? Spiel
doch etwas vor!" Darauf spielte Frieder seinen Adventschoral, vergass
seine vielen Zuhoerer, vergass die Schulzeit und sagte, nachdem er fertig
war: "Jetzt kommt: Wachet auf, ruft uns die Stimme."

Der Lehrer liess ihn gewaehren, denn er sah, wie gern ihm alle zuhoerten
und wie der kleine Musiker ganz und gar bei seinen Liedern war. "Hast du
das bei deinem Vater gelernt?" fragte er ihn jetzt. "Nein," sagte
Frieder, "Harmonika muss man nicht lernen, das geht von selbst."

"Das geht vielleicht bei euch Pfaefflingen von selbst, aber bei anderen
nicht. Was meinst du," sagte er zu dem, der am naechsten stand, "koenntest
du das auch?" "O ja," sagte der, "da darf man nur auf- und zuziehen."
"Du wirst dich wundern, wenn du es probierst!" entgegnete der Lehrer,
"aber jetzt: auf eure Plaetze."

Um 10 Uhr, in einer Ecke des Schulhofs, wurde Frieder umringt und musste
spielen. Es kamen auch groessere Schueler von anderen Klassen herbei und
die wollten nicht nur hoeren, die wollten es auch probieren. Die
Harmonika ging von Hand zu Hand. Sie zogen daran mit Unverstand, einer
riss sie dem andern mit Gewalt weg und der sie nun hatte, der sagte: "Sie
geht ja gar nicht, ich glaube, sie ist zerplatzt." Da bekam sie Frieder
zurueck und als er sie ansah, wurde er blass und als er sie zog, gab sie
keinen einzigen Ton mehr. Da wurden sie alle still und sahen betroffen
auf den kleinen Musikanten.

"Wer hat's getan?" hiess es nun. Die Frage ging von einem zum andern und
wurde zum Streit, aber Frieder kuemmerte sich nicht darum, er verwandte
keinen Blick von seiner Harmonika, er strich mit der Hand ueber sie, er
drueckte sie zaertlich an sich, er probierte noch einmal einen Zug, aber
er wusste es ja schon vorher, dass ihre Stimme erloschen war und nimmer
zum Leben zu erwecken.

Nach der Schule lief er all seinen Kameraden, die ihn teilnehmend oder
neugierig umgaben, davon, er mochte nichts hoeren und nichts sehen von
ihnen. Er trug seine Harmonika im Arm, lief durch die lange
Fruehlingsstrasse nach Hause, rief die Mutter und drueckte sich bitterlich
weinend an sie mit dem lauten Ausruf: "Sie ist tot!"

Eine ganze Woche schlich Frieder ruhelos im Hause umher wie ein
Heimatloser. Immer fehlte ihm etwas, oft sah er auf seine leeren Haende,
bewegte sie wie zum Ziehen der Harmonika und liess sie dann ganz
enttaeuscht sinken. Das bitterste an seinem Schmerz war aber die Reue. Er
selbst hatte ja seine Freundin den boesen Buben ausgeliefert. Haette er
sie in der Stille fuer sich behalten und nicht mit ihr Ruhm ernten
wollen, so waere sie noch lange am Leben geblieben. Dagegen half kein
Trost, nicht einmal die Vermutung der Geschwister, dass er vielleicht
eine neue Harmonika zu Weihnachten bekommen wuerde.

Aber etwas anderes half ganz unvermutet.

Es war wieder Sonntag, der _zweite_ Advent, und wieder standen die
Kinder beisammen, noch immer ratlos wegen eines Weihnachtsgeschenks fuer
die Eltern. Diesmal lief aber Frieder nicht weg, wie er vor acht Tagen
getan hatte, er konnte ja kein Adventlied mehr ueben, so zog ihn nichts
ab. Er hatte still zugehoert, wie allerlei Vorschlaege gemacht und wieder
verworfen wurden, nun mischte er sich auch ein: "Unten," sagte er, "auf
den Balken, da kann man sich alles ausdenken, aber da oben nicht."

"So geh du hinunter und denke dir etwas fuer mich aus," sagte eines der
Geschwister. "Fuer mich auch!" "Und fuer mich," hiess es nun von allen
Seiten. Er war gleich bereit dazu. Die Schwestern gaben ihm ihren grossen
Schal mit hinunter. Er ging auf das Plaetzchen, das er so gern mit seiner
Harmonika aufgesucht hatte. Es war kalt heute und er wickelte sich ganz
in das grosse Tuch, sass da allein, war vollstaendig erfuellt von seiner
Aufgabe, zweifelte auch gar nicht daran, dass er sie loesen wuerde. Auf der
Harmonika war ihm hier unten auch alles gelungen, was er versucht hatte.
Der kleine Kopf war fest an der Arbeit.

Als Frieder wieder heraufkam, sammelten sich begierig alle Geschwister
um ihn, und er, der in ihrem Rat noch nie das grosse Wort gefuehrt hatte,
streckte nun seine kleine Hand aus und sagte so bestimmt, wie wenn da
nun gar kein Zweifel mehr sein koennte: "Du, Karl, musst ein Gedicht
erdichten und du, Wilhelm, auf einen so grossen Bogen Papier schoene
Sachen abzeichnen und Otto muss so laut, wie es der Rudolf Meier beim
Maifest getan hat, vom Bismarck deklamieren und Marianne soll das
schoenste Lied vom Liederbuch zweistimmig vorsingen. Aber wir zwei koennen
nichts," sagte er, indem er sich an Elschen wandte, "darum muessen wir
solche Sachen sammeln zum Feuer machen, wie es manchmal Walburg sagt,
Nussschalen und Fadenrollen, Zwetschgensteine und alte Zuendhoelzer, einen
rechten Sack voll."

Jedes der Kinder dachte nach ueber den Befehl, den es erhalten hatte, und
fand ihn ausfuehrbar. "Ich weiss, was ich zeichne!" rief Wilhelm, "dich
zeichne ich ab, Frieder, wie du mit deiner Harmonika immer da gestanden
bist."

"Und ich mache ein Gedicht ueber unsern Krieg in Afrika, wenn der Morenga
darin vorkommt, dann gefaellt es dem Vater." Sie waren alle vergnuegt.
"Frieder," sagte Karl, "es tut mir ja leid fuer dich, dass du deine
Harmonika nimmer hast, aber mir bist du lieber ohne sie." Die andern
stimmten ein und Frieder machte nimmer das trostlose Gesicht, das man
die ganze Woche an ihm gesehen hatte, zum erstenmal fuehlte er sich
gluecklich auch ohne Harmonika.

Zwischen den Adventssonntagen lag ernste Lernzeit, denn da galt es,
viele Probearbeiten anzufertigen, von denen das Weihnachtszeugnis
abhing. Die Fest- und Ferienzeit wollte verdient sein.

Unter den jungen Pfaefflingen war Otto der beste Schueler, und er galt
viel in seiner Klasse. Nun sass hinter ihm ein gewisser Rudolf Meier, der
machte sich sehr an Otto heran, obwohl dieser ihn nicht eben lieb hatte.
Er war der Sohn von dem Besitzer des vornehmen Zentralhotels und machte
sich als solcher gern ein wenig wichtig. Alle Kameraden mussten es
erfahren, wenn hohe Persoenlichkeiten im Hotel abgestiegen waren, und
wenn gar Fuerstlichkeiten erwartet wurden, fuehlte er sich so stolz, dass
sich's die andern zur Ehre rechnen mussten, wenn er sich an solchen Tagen
von ihnen die Aufgaben machen liess. Er war aelter und groesser als alle
andern, weil er schon zweimal eine Klasse repetiert hatte; dessen
schaemte er sich aber keineswegs, sondern sagte gelegentlich von oben
herab: "In solch einem Welthotel muesse selbstverstaendlich die
gewoehnliche Schularbeit manchmal hinter wichtigerem zurueckstehen."

Dieser Rudolf Meier hatte seine guten Gruende, warum er heute ein ganzes
Stueck Weges mit Otto ging, obwohl das Zentralhotel der Fruehlingsstrasse
entgegengesetzt lag.

Sie sahen gar nicht wie Schulkameraden aus, diese beiden. Otto in
kurzem, schlichtem, etwas ausgewaschenem Schulbubenanzug, Rudolf Meier
ein feines junges Herrchen, mit tadellos gestaerkten Manschetten und
Kragen nach neuester Fasson. Und doch wandte sich nun der um einen Kopf
Groessere bittend zu dem Kleinen und sagte: "Ich bin etwas in
Verlegenheit, Pfaeffling, wegen der griechischen Arbeit, die wir morgen
abliefern sollen. Es ist gegenwaertig keine Moeglichkeit bei uns, all dies
Zeug zu machen, ich habe wahrhaftig wichtigeres zu tun. Wuerdest du mir
nicht heute nachmittag dein Heft mitbringen, dass ich einige Stellen
vergleichen koennte?" "Von mir aus," sagte Otto, "nur wenn du mir wieder
einen Klex hineinmachst, wie schon einmal, dann sei so gut und setze
deine Unterschrift unter den Klex."

Rudolf Meier wollte auch die Mathematikaufgabe ein wenig vergleichen.
"Was tust du eigentlich den ganzen Tag, wenn du gar nichts arbeitest?"
sagte Otto aergerlich, "mir ist's einerlei, wenn du auch alles
abschreibst, aber ich kann dich gar nicht begreifen, dass du das magst."

"Weil du nicht weisst, wie es bei uns zugeht, Pfaeffling, anders als bei
euch und das kannst du mir glauben, ich habe oft mehr zu leisten als
ihr. Da ist zum Beispiel vorige Woche eine russische Familie angekommen,
Familie ersten Rangs, offenbar steinreiche Leute, gehoeren zur feinsten
Aristokratie. Haben fuenf Zimmer im ersten Stock vorn heraus gemietet.
Sie beabsichtigen offenbar lange zu bleiben, sieben riesige Koffer.
Werden wohl die Revolution fuerchten, haben ihr Geld gluecklich noch aus
Russland herausgebracht und warten nun in Deutschland ab, wie sich die
Dinge in Russland gestalten. Gegen solche Gaeste ist man artig, das
begreifst du. Da sagt nun gestern die Dame zu meinem Vater, sie moechte
ihren beiden Soehnen Unterricht geben lassen von einem Professor, welchen
er wohl empfehlen koennte? Mein Vater verspricht ihr sofort Auskunft,
kommt natuerlich an mich. Ich sitze an meiner Arbeit. Nun heisst es:
'Rudolf, mach deine Aufwartung droben. Besprich die Unterrichtsfaecher,
gib guten Rat, nenne feine Professoren mit liebenswuerdigen
Umgangsformen. Erbiete dich, die Herrn Professoren aufzufordern und den
Unterricht in Gang zu bringen.'

"Ich mache feinste Toilette, mache meine Aufwartung. So etwas ist keine
Kleinigkeit, besonders bei solchen Leuten. Du spuerst gleich, dass du mit
wirklich Adeligen zu tun hast, und der grosse Herr mit seiner
militaerischen Haltung und strengem Blick, die Dame in kostbarem
Seidenkostuem imponieren dir, du musst dich schon zusammennehmen. Die zwei
jungen Herrn sehen dich auch so an, als wollten sie sagen: Ist das ein
Mensch, mit dem man sich herablassen kann zu reden oder nicht?

"Nun, ich kenne ja das von Kind auf und lasse mich nicht verblueffen. Es
hat ihnen denn doch imponiert, wie ich von meinem Gymnasium und meinen
Professoren gesprochen habe. Aber du kannst dir denken, dass ich genug zu
laufen hatte, bis ich die Sache in Gang brachte, und nun bin ich wohl
noch nicht fertig, denn sie haben gestern ein Pianino gekauft, eine
Violine haben sie auch, da wird sich's um Musikunterricht handeln."

Bei diesem Wort horchte Otto; Musikunterricht--wenn das ein Pfaeffling
hoert, so klingt es ihm wie Butter aufs Brot. "Wer soll den
Musikunterricht geben?" fragte er.

"Weiss ich nicht."

"Meier, da koenntest du meinen Vater empfehlen."

"Warum nicht, das kann man schon machen. Das heisst, fuer solche
Herrschaften muss man immer das feinste waehlen."

"Du kannst dich darauf verlassen, mein Vater gibt feinen Unterricht."

"Wohl, wohl, aber so ein _Titel_ fehlt, Professor oder Direktor oder so
etwas, das hoeren sie gern."

"Jetzt will ich dir etwas anvertrauen, Meier. Mein Vater kommt als
Direktor nach Marstadt, sobald es mit der Musikschule dort im Reinen
ist. Er hat schon seine Aufwartung dort gemacht und alle Stimmen waren
fuer ihn. Nur ist es noch nichts geworden, weil erst gebaut werden muss."

"Dann kann ich wohl etwas fuer ihn tun," sagte Rudolf Meier herablassend,
"vorausgesetzt, dass sie sich bei mir nach dem Musiklehrer erkundigen und
nicht bei den Professoren."

"Dem musst du eben zuvorkommen, gleich jetzt, wenn du heimkommst, musst du
mit den Russen sprechen."

"Meinst du, da koennte ich so aus- und eingehen, wann ich wollte? Du hast
keinen Begriff von Umgangsformen."

"Nein," sagte Otto, "wie man das machen muss, weiss ich freilich nicht,
aber wenn _du das_ nicht zustande bringst, dann moechte ich wohl wissen,
was du kannst: dein Griechisch ist nichts, deine Mathematik ist gar
nichts und dein Latein ist am allerwenigsten, wenn du also nicht einmal
in deinem Zentralhotel etwas vermagst, dann ist deine ganze Sache ein
Schwindel."

"Ich vermag viel im Hotel."

"So beweise es!"

"Werde ich auch. Vergiss nicht, dass du mir deine Hefte versprochen hast."

So trennten sich die Beiden. Otto aber rannte vergnuegt heim, rief die
Geschwister zusammen und erzaehlte von der schoenen Moeglichkeit, die sich
fuer den Vater auftat, die reichen Russen aus dem Zentralhotel zum
Unterricht zu bekommen. Sie trauten aber diesem Rudolf Meier nicht viel
zu und kamen ueberein, dass sie den Eltern zunaechst kein Wort sagen
wollten, es sollte nicht wieder eine Enttaeuschung geben.

Am Nachmittag empfing Rudolf Meier die beiden Hefte. Am naechsten Tag, in
einer Unterrichtspause sagte er leise zu Otto: "Wenn ich deinen Vater
empfehle, gibst du mir dann deinen Aufsatz abzuschreiben?"

"_Zehn_ Aufsaetze," sagte Otto, "mach aber, dass es _bald_ so weit kommt."

Einen Augenblick spaeter traf Otto im Schulhof seinen Bruder Karl und
erzaehlte ihm das. Da wurde Karl nachdenklich, und noch ehe die Pause
vorueber war, fasste er Otto ab, nahm ihn beiseite und sagte: "Du solltest
das zuruecknehmen, so eine Handelsschaft gefiele dem Vater nicht. So
moechte er die Stunden gar nicht annehmen. Sag du dem Rudolf Meier, er
soll seine Aufsaetze selbst machen, zu solch einem Handel sei unser Vater
viel zu vornehm."


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