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Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper

A >> Agnes Sapper >> Die Familie Pfaeffling

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Das sagte Otto und noch etwas dazu, was ihm nicht der Bruder, sondern
der Aerger eingegeben hatte: "Du bist nichts als ein rechter Schwindler."
So ging die Sache aus und die Kinder waren nur froh, dass sie darueber
geschwiegen hatten. Sie dachten laengst nicht mehr daran, als eines
Nachmittags Wilhelm meldete: "Vater, der Diener vom Zentralhotel hat
diesen Brief fuer dich abgegeben, er soll auf Antwort warten."

Frau Pfaeffling begriff nicht die Blicke gluecklichen Einverstaendnisses,
die die Kinder wechselten, waehrend ihr Mann die Karte las, auf der
hoeflich angefragt wurde, ob er sich im Zentralhotel wegen Violin- und
Klavierstunden vorstellen moechte. Die Karte war an Herrn Direktor
Pfaeffling adressiert, und als die Brueder diese Aufschrift bemerkten,
fluesterten sie lachend einander zu: Ein Schwindler ist er trotzdem, der
Rudolf Meier!

Der Diener des Zentralhotels bekam fuer die Ueberbringung einer so
erwuenschten Botschaft ein so schoenes Trinkgeld, wie er es von dem
schlichten Musiklehrer nie erwartet haette, und als er Herrn Meier senior
ausrichtete, dass Herr Direktor Pfaeffling noch diesen Nachmittag
erscheinen werde, fuegte er hinzu: "Es ist ein sehr feiner Herr."

Bei Pfaefflings war grosse Freude. Otto erzaehlte alles, was Rudolf Meier
von dem Fremden berichtet hatte, die Eltern und Geschwister hoerten ihm
zu, er war stolz und gluecklich und konnte gar nicht erwarten, bis der
Vater sich auf den Weg nach dem Zentralhotel machte. Aber so schnell
ging das nicht, im Hausgewand konnte man dort nicht erscheinen. Herr
Pfaeffling suchte hervor, was er sich neulich zu seiner Vorstellung in
Marstadt angeschafft hatte. "Wenn es nur nicht wieder eine Enttaeuschung
gibt," sagte er, waehrend er sich eine seine Krawatte knuepfte, "wer weiss,
wie die hohen Aristokraten sich in der Naehe ausnehmen, mit denen dieser
Rudolf Meier prahlt!" Frau Pfaeffling hatte aber gute Zuversicht: "Das
erste Hotel hier ist es immerhin," sagte sie, "und die Russen gelten fuer
ein sehr musikalisches Volk, da wirst du hoffentlich bessere Schueler
bekommen als Fraeulein Vernagelding."

"Ach, die Unglueckselige kommt ja heute nachmittag," seufzte Herr
Pfaeffling, "ich werde aber zu rechter Zeit wieder zurueck sein, fuer meine
Marterstunde."

Er ging, und sie sahen ihm voll Teilnahme nach, Otto noch mehr als die
andern, er fuehlte sich doch als der Anstifter des ganzen.

Unser Musiklehrer blieb lange aus. Der kurze Dezembernachmittag war
schon der Abenddaemmerung gewichen, die Lampe brannte im Zimmer, auch die
Ganglampe war schon angezuendet und von Marie und Anne in ihr Stuebchen
geholt worden. Um fuenf Uhr war Fraeulein Vernageldings Zeit. Frau
Pfaeffling wurde unruhig. So gewissenhaft ihr Mann sonst war, heute
schien er sich doch zu verspaeten. Nun schlug es fuenf Uhr, es klingelte,
Marie und Anne eilten mit der geraubten Lampe herbei.

Zwischen Fraeulein Vernagelding und den Zwillingen hatte sich allmaehlich
eine kleine Freundschaft angesponnen. Wenn die Schwestern so eilfertig
herbeikamen mit der Lampe und gefaellig Hilfe leisteten bei dem Anziehen
der Gummischuhe, dem Zuknoepfen der Handschuhe und dem Aufstecken des
Schleiers, so freute dies das Fraeulein und es plauderte mit den viel
juengern Maedchen wie mit ihresgleichen. Als sie nun heute hoerte, dass
Herr Pfaeffling noch nicht da sei, schien sie ganz vergnuegt darueber,
lachte und spasste mit den Schwestern.

"Herr Pfaeffling ruft immer 'Marianne'," sagte sie, "welche von Ihnen
heisst so?"

"So heissen wir bloss miteinander," antworteten sie, "wir koennen es
eigentlich nicht leiden, jede moechte lieber ihren eigenen Namen, Marie
und Anne, aber so ist's eben bei uns."

Das fand nun Fraeulein Vernagelding so komisch, dass ihr etwas albernes
Lachen ueber den ganzen Gang toente. Sie hatte inzwischen abgelegt.

"Mutter sagte, Sie moechten nur einstweilen anfangen, Klavier zu
spielen," richtete Marie aus.

"Ach nein," entgegnete das Fraeulein, "ich moechte viel lieber mit Ihnen
plaudern. Klavierspielen ist so langweilig. Aber es muss doch sein. Es
lautet nicht fein, wenn man gefragt wird: Gnaediges Fraeulein spielen
Klavier? und man muss antworten: nein. So ungebildet lautet das, meint
Mama. Mein voriger Klavierlehrer war so unfreundlich, er sagte immer,
ich sei unmusikalisch. Herr Pfaeffling ist schon mein vierter Lehrer. Die
Herrn wollen immer nur musikalische Schuelerinnen, es kann aber doch
nicht jedermann musikalisch sein, nicht wahr? Man muss es doch auch den
Unmusikalischen lehren, finden Sie nicht?"

"Bei uns ist das anders," sagte Anne, "wir sind sieben, da waere es doch
zuviel fuer den Vater, wenn wir alle Musik treiben wollten; er nimmt bloss
die, die recht musikalisch sind."

Die drei Maedchen, an der Tuere stehend, fuhren ordentlich zusammen, so
ploetzlich stand Herr Pfaeffling bei ihnen. Im Bewusstsein seiner
Verspaetung war er mit wenigen grossen Saetzen die Treppe heraufgekommen.
Fraeulein Vernagelding tat einen kleinen Schrei und rief: "Wie haben Sie
mich erschreckt, Herr Pfaeffling, aber wie fein sehen Sie heute aus, so
elegant." Herr Pfaeffling unterbrach sie: "Wir wollen nun keine Zeit mehr
verlieren, bitte um Entschuldigung, dass ich Sie warten liess."

"O, es war ein so reizendes Viertelstuendchen," hoerte man sie noch sagen,
ehe sie mit ihrem Lehrer im Musikzimmer verschwand und einen Augenblick
nachher wurde G-dur gespielt ohne jegliches Fis, was immer ein sicheres
Zeichen war, dass Fraeulein Vernagelding am Klavier sass.

"Habt ihr dem Vater nichts angemerkt, ob er befriedigt heimgekommen
ist?" wurden Marie und Anne von den Bruedern gefragt. Sie wussten nichts
zu sagen, man musste sich noch eine Stunde gedulden. Das fiel Otto am
schwersten, und er passte und spannte auf das Ende der Klavierstunde, und
im selben Augenblick, wo Fraeulein Vernagelding durch die eine Tuere das
Zimmer verliess, schluepfte er schon durch den andern Eingang hinein und
fragte: "Vater, wird etwas aus den Russenstunden?" Herr Pfaeffling lachte
vergnuegt. "Wo ist die Mutter," sagte er, "komm, ich erzaehle es euch im
Wohnzimmer," und schon unter der Tuer rief er: "Caecilie, Caecilie," und
seine Frau konnte nicht schnell genug aus der Kueche herbeigeholt werden.
Sie kannte aber schon seinen Ton und sagte: "Wenn ich kaum meine Tassen
abstellen darf, dann muss es auch im Zentralhotel gut ausgefallen sein!"

"Ueber alles Erwarten," rief Herr Pfaeffling, "eine durch und durch
musikalische Familie, die beiden Soehne feine Violinspieler, ich glaube
kaum, dass wir _einen_ solchen Schueler in der Musikschule haben, und ihre
Mutter spielt Klavier mit einer Gewandtheit, dass es ein Hochgenuss sein
wird, mit ihr zusammen vierhaendig zu spielen. Aber nun will ich euch
erzaehlen. Im Vorplatz des Zentralhotels hat mich ein junges Herrchen
empfangen, den ich nach deiner Beschreibung, Otto, gleich als Rudolf
Meier erkannt habe. Der fuehrt mich nun in einen kleinen Salon, spricht
mit mir wie ein Herr, das versteht er wirklich, der Schlingel, kein
Mensch denkt, dass man einen Schuljungen vor sich hat, der von so einem
Knirps, wie du daneben bist, seine Aufgaben abschreibt. Der sagte mir
nun, er habe es fuer besser gehalten, mich als Herr Direktor einzufuehren,
und ich moechte nur auch meine Honoraransprueche darnach richten, die
Familie wuerde sonst nicht an den Wert meiner Stunden glauben, solchen
Leuten gegenueber muesse man hohe Preise machen. Dann geleitete er mich
die breite, mit dicken Teppichen belegte Treppe hinauf. Rudolf Meier
fuehlte sich ganz als mein Fuehrer, klopfte fuer mich an und stellte mich
dem russischen General als Herrn Direktor Pfaeffling vor. Eine Weile
blieb er noch im Zimmer, als aber niemand von ihm Notiz nahm, empfahl er
sich.

"Der General ist schon ein aelterer Herr mit grauem Bart und ist nicht
mehr im Dienst, aber er hat eine imponierende Haltung und einen
durchdringenden Blick. Er stellte mich seiner Frau und seinen zwei
jungen Soehnen vor und bot mir einen Platz an. Aber sie waren alle
ziemlich zurueckhaltend, vielleicht hatten sie nicht viel Vertrauen in
die Empfehlung von Rudolf Meier. Sie sprachen nur ganz unbestimmt davon,
dass die Soehne spaeter vielleicht einige Violinstunden nehmen sollten, und
ich hatte das Gefuehl: es wird nichts daraus werden. Die Unterhaltung war
auch ein wenig schwierig, sie sprechen nicht gelaeufig Deutsch,
versuchten es mit Franzoesisch, als sie aber mein Franzoesisch hoerten, da
meinte die Dame, es gehe eher noch Deutsch.

"Mir wurde die Sache ungemuetlich, es beengten mich auch die ungewohnten
Glacehandschuhe, dazu musste ich in einem weich gepolsterten, niedrigen
Lehnsessel ruhig sitzen und wusste gar nicht, wohin mit meinen langen
Beinen, dabei war es mir immer, als muessten sie mir ansehen, dass ich kein
Direktor bin. Endlich hielt ich es nimmer aus, sprang auf, worueber
allerdings die Dame ein wenig erschrak, zog meine Handschuhe herunter
und sagte: 'Ich denke, es ist besser, wir machen ein wenig Musik, dabei
lernt man sich viel schneller kennen,' und ich fragte die Dame, fuer
welchen deutschen Komponisten sie sich interessiere? Sie schien etwas
ueberrascht, nannte aber gleich Wagner, was mir recht war. Da ging ich
ohne weiteres an das Instrument, machte es auf und fragte, aus welcher
Oper sie etwas hoeren wollte? 'Bitte, etwas aus den Nibelungen, Herr
Direktor,' antwortete sie, da drehte ich mich rasch noch einmal nach ihr
um und sagte: 'Nennen Sie mich nur mit meinem Namen Pfaeffling; ich waere
allerdings fast Direktor geworden, werde es auch vielleicht einmal, aber
zur Zeit habe ich noch kein Recht auf diesen Titel.' Dann spielte ich.

"Es war ein praechtiges Instrument; die beiden jungen Herren kamen immer
naeher heran und hoerten mit sichtlichem Interesse zu, ich merkte, dass
wir uns verstanden, und bald war alles gewonnen. Sie spielten dann
Violine, und die Dame versicherte mich, dass vierhaendiges Klavierspiel
ihre groesste Passion sei und endlich wurde ich aufgefordert, jeden Tag
ein bis zwei Stunden zu kommen. Zuletzt fragte der General noch nach dem
Preis, der war ihnen auch recht, eine unbescheidene Forderung mochte ich
nicht machen; das kann Herr Rudolf Meier tun, wenn er seine Hotelrechnung
stellt, aber ich kann das nicht so. Als ich fortging, begleiteten die
Herren mich ganz freundlich an die Tuere, alle Steifheit war vorbei und
die Dame reichte mir noch die Handschuhe, die ich vergessen hatte.

"Hinter einem Pfeiler im Treppenhaus kam Rudolf Meier zum Vorschein. Er
hat offenbar die Verhandlungen von aussen beobachtet und wird morgen in
der Klasse wieder versichern, zum Arbeiten habe er keine Zeit gehabt. Er
ist aber, wie mir scheint, nebenbei ein gutmuetiger Mensch, schien sich
wirklich zu freuen, dass die Sache gut abgelaufen war, und fluesterte mir
zu: 'Sie sind von allen drei Herren zur Tuere begleitet worden, diese
Ehre ist keinem der Professoren zuteil geworden.' Ich habe ihm auch
gedankt fuer seine Vermittlung, und wenn ich ihn oefter sehe, werde ich
ihm einmal sagen: Sei doch froh, dass du noch ein junger Bursch bist, gib
dich wie ein solcher und wolle nicht mehr vorstellen, als du bist! Er
macht sich ja nur laecherlich; wer verlangt von ihm das Auftreten eines
Geschaeftsmannes? Der General hat ihn natuerlich laengst durchschaut."

"Ja, ja," stimmte Frau Pfaeffling zu, "er soll von dir lernen, dass man
sich sogar klein macht, wenn andere einen zum Direktor erhoeht haben."

"Ja," sagte Pfaeffling vergnuegt, "und dass man trotz allem Stunden
bekommt. Kinder, kommt mit herueber, jetzt muss noch ein gehoeriges
Jubellied gesungen werden!"

Waehrend im Haus Pfaeffling in froehlichem Chor gesungen wurde, sagte der
General im Zentralhotel zu seiner Familie: "Der Mann ist ein ehrlicher
Deutscher."

Rudolf Meier sagte zu sich selbst: "Der Pfaeffling wird mir morgen meinen
Aufsatz machen."

Und Fraeulein Vernagelding sprach an diesem Abend zu ihrer Mama: "Die
Marianne ist suess, ich moechte ihr etwas schenken." Da ueberlegte Frau
Privatiere Vernagelding und entschied: "Das beste sind immer
Glacehandschuhe."




5. Kapitel

Schnee am unrechten Platz.


Der Dezember war schon zur Haelfte vorueber, bis endlich, endlich der
erste Schnee fiel. Der richtige Schnee, der in feinen, dichten Floeckchen
stundenlang gleichmaessig zur Erde faellt und in einem einzigen Tag das
ganze Land ueberzieht mit seiner weichen, weissen Decke; der alles
verhuellt, was vorher braun und haesslich war, der alles rundet und
glaettet, was rauh und eckig aussah. Immer ist sie schoen, die
Schneelandschaft, aber am allerschoensten doch, wenn das lautlose Fallen
des Schnees sich verbindet mit dem geheimnisvollen Reiz der deutschen
Weihnacht.

Dezember--Schnee--Tannenbaum--Weihnacht, ihr gehoert zusammen bei uns in
Deutschland. In manchen Laendern hat man versucht, unsere Feier
nachzumachen, und wir wollen ihnen auch die Freude goennen, aber solch
eine Sitte muss aus dem Boden gewachsen sein. Wenn man sie kuenstlich
verpflanzt, wird etwas ganz anderes daraus.

Es wurde einmal eine junge Deutsche in die Fremde verschlagen, um die
Weihnachtszeit. "Wir kennen auch den Christbaum," sagten die fremden
Kinder zu ihr, "wir bekommen einen." Die Deutsche freute sich. Aber wie
wurde es? Viele Kinder waren eingeladen worden und fuhren an in hellen
Kleidern. Sie versammelten sich, und als der Baum hineingetragen wurde,
klatschten sie Beifall wie im Theater. Sie nahmen die kleinen Geschenke
herunter, die man fuer sie hinaufgehaengt hatte. Dann wurden die Lichter
ausgeblasen, damit kein Aestchen anbrenne und der Diener gerufen, dass er
sogleich den Baum, der in einem Kuebel voll Erde steckte, zuruecktrage zu
dem Gaertner, von dem er gemietet war. Keine Stunde war der Christbaum im
Haus gewesen, keinen Duft hatte er verbreitet.

"Bei uns bleibt der Christbaum bis nach Neujahr," sagte die junge
Deutsche und sah ihm wehmuetig nach. Es wurde ihr entgegnet, das sei doch
unpraktisch, er nehme ja so viel Platz weg.

Ja, das tut er allerdings, aber welche deutsche Familie goennt dem
Christbaum nicht den Platz?

* * * * *

Im Dunkel des fruehen Dezembermorgens waren die jungen Pfaefflinge durch
den frischgefallenen Schnee in ihre Schulen gegangen und mit
dickbeschneiten Maenteln und Muetzen angekommen. Im Schulhof flogen die
Schneeballen hin und her, und bis zu der grossen Pause um 10 Uhr waren
die zahllosen Spuren der Kinderfuesse schon wieder von frischem Schnee
bedeckt und die groessten Schneeballenschlachten konnten ausgefuehrt
werden.

Daheim hatte Elschen sich einen Stuhl ans Fenster gerueckt, kniete da und
sah vom Eckzimmer aus hinunter nach den Brettern und Balken, die wie ein
grosser weisser Wall vor dem Kasernenzaun aufgetuermt lagen. Und von diesem
Zaun hatte jeder Stecken sein Kaeppchen, jeder Pfosten seine hohe Muetze
auf.

Frau Pfaeffling suchte die Kleine. "Elschen, komm, du darfst etwas
sehen," und schnell fuehrte sie das Kind mit sich in das Wohnzimmer und
oeffnete das Fenster. Eine frische Winterluft strich herein. Am Haus
vorbei, nach der Stadt zu, fuhr eine ganze Reihe von Leiterwagen, alle
beladen mit Christbaeumen.

"Christbaeume, Christbaeume," jubelte Elschen so laut, dass einer der
Fuhrleute, der selbst wie ein Schneemann aussah, herausschaute, und als
er das glueckselige Kindergesicht bemerkte, rief: "Fuer dich ist auch
einer dabei!" Die Kleine ergluehte vor Freude und winkte dem Schneemann
nach.

Aber alles auf der Welt ist nur dann schoen und gut, wenn es an seinem
richtigen Platz ist, das gilt auch von dem Schnee. Eine einzige Hand
voll von diesem schoenen Dezemberschnee kam an den unrichtigen Platz und
richtete dadurch Unheil an.

Das ging so zu: Im Heimweg von der Schule an einer Strassenecke, wo
einige Lateinschueler mit Realschuelern zusammentrafen, gab es ein
hitziges Schneeballengefecht. Wilhelm Pfaeffling war auch dabei. Einer
der Realschueler hatte ihn und seine Kameraden schon mehrfach getroffen,
indem er sich hinter der Strassenecke verbarg, dann rasch hervortrat,
seinen Wurf tat und wieder hinter dem Eckhaus verschwand, ehe die
anderen ihm heimgeben konnten. Nun aber wollten sie ihn aufs Korn
nehmen. Es waren ihm einige tuechtige Schneeballen zugedacht, wurfbereit
warteten sie gespannt, bis er sich wieder blicken liesse. Jetzt wurde
eine Gestalt sichtbar, die Ballen sausten auf sie zu. Aber es war nicht
der Realschueler gewesen, sondern ein gesetzter Herr. Zwei Schneeballen
flogen dicht an seinem Kopf vorueber, zwei trafen ihn ganz gleichmaessig
auf die rechte und linke Achsel. Und das war nicht der richtige Platz
fuer den Schnee!

Herr Sekretaer Flossmann, der so ahnungslos um die Ecke gebogen war und so
schlecht empfangen wurde, stand still, warf boese Blicke und kraeftige
Worte nach den Jungen. Dass sie ihn getroffen hatten, war ja nur aus
Ungeschick geschehen, dass nun aber einige laut darueber lachten und dicht
an ihm vorbei weiter warfen, das war Frechheit.

Zu den ungeschickten hatte auch Wilhelm gehoert, zu den frechen nicht.
Nach Pfaefflingscher Art ging er zu dem Herrn, entschuldigte sich und
erklaerte das Versehen, half auch noch die Spuren des Schnees
abschuetteln. Der Herr schien die Entschuldigung gelten zu lassen und
Wilhelm ging nun seines Wegs nach Hause. Er sah nicht mehr, dass Herr
Sekretaer Flossmann, als er ein paar Haeuser weit gegangen war, einem
Schutzmann begegnete, sich bei ihm beschwerte und verlangte, er solle
die Burschen aufschreiben und bei der Polizei anzeigen. Das war nun
freilich nicht so leicht zu machen, denn alle, die den Schutzmann kommen
sahen, liefen auf und davon.

Aber einen von Wilhelms Kameraden fasste er doch noch ab und fragte nach
seinem Namen. Der zoegerte mit der Antwort und sah sich um, keiner der
Kameraden war noch so nahe, um seine Antwort zu hoeren.

"Also, dein Name," draengte der Schutzmann. "Wilhelm Pfaeffling," lautete
die Antwort, die vom Schutzmann aufgeschrieben wurde.

"Die Wohnung?"

"Fruehlingsstrasse."

"Jetzt rate ich dir, heim zu gehen, wenn du nicht lieber gleich mit mir
auf die Polizei willst." Er liess sich's nicht zweimal sagen. Ein
"Wilhelm" war er allerdings auch, aber kein Pfaeffling. Baumann war sein
Name.

"Das hast du klug gemacht," sagte er bei sich selbst. "Dem Pfaeffling
schadet das nichts, der ist ueberall gut angeschrieben, aber bei mir ist
das anders, wenn ich noch eine Rektoratsstrafe bekomme, dann heisst's:
fort mit dir. Ich sehe auch gar nicht ein, warum gerade ich
aufgeschrieben werden sollte, der Pfaeffling hat ebensogut geworfen wie
ich."

Ahnungslos und mit dem besten Gewissen sass am naechsten Abend unser
Wilhelm an seiner lateinischen Aufgabe. Vielleicht war er ein wenig
zerstreuter als sonst, denn er hatte sich heute bemueht, seinen Frieder,
mit der Harmonika in der Hand, abzuzeichnen, und da war Frieders Gesicht
so ausgefallen, dass allen davor graute. Nun musste er unwillkuerlich auf
seinem Fliessblatt Studien machen ueber des kleinen Bruders gutmuetiges
Gesichtchen, das sich ueber die biblische Geschichte beugte, die vor ihm
lag. Dazu kam, dass die Mutter und Elschen nicht am Stricken und Flicken
sassen, wie sonst, sondern Zwetschgen und Birnenschnitze zurichteten zu
dem Schnitzbrot, das alle Jahre vor Weihnachten gebacken wurde. So waren
Wilhelms Gedanken heute zwischen Weihnachten und Latein geteilt; er
achtete gar nicht darauf, dass Herr Pfaeffling eintrat und gerade hinter
seinen Stuhl kam.

"Du, Wilhelm, sieh mich einmal an!" sagte er. Der wandte sich, sah
ueberrascht auf und begegnete einem scharfen, durchdringenden Blick. "Was
ist's, Vater?" fragte er.

"Das frage ich dich," sagte Herr Pfaeffling, "ein Polizeidiener war da
und hat dich vorgeladen, fuer morgen, auf die Polizei. Was hast du
angestellt?"

"Gar nichts," rief Wilhelm und dann, nach einem Augenblick: "es kann
doch nicht sein, weil wir gestern beim Schneeballen einen Herrn
getroffen haben, der gerade so ungeschickt daher gekommen ist?"

"Der Herr wird wohl nicht ungeschickt gekommen sein, sondern ihr werdet
ungeschickt geworfen haben. Koennt ihr nicht aufpassen?" rief Herr
Pfaeffling, und bei dieser Frage kam Wilhelms Kopf auch so ungeschickt an
des Vaters Hand, dass es klatschte.

"Aber, Wilhelm," rief die Mutter und schob ihr Weihnachtsgeschaeft
beiseite, "warum hast du dich denn wieder nicht entschuldigt?" Aber auf
diesen Vorwurf versicherte Wilhelm so eifrig, er habe darin sein
Moeglichstes getan, dass man ihm glauben musste. Die ganze Geschwisterschar
fing nun an, aufzubegehren ueber den unguten Mann, der trotzdem auf der
Polizei geklagt habe, bis die Mutter sie zur Ruhe wies; sie wollte noch
genau hoeren, wie die Sache sich zugetragen, und woher man seinen Namen
gewusst habe. Das letztere konnte aber Wilhelm nicht erklaeren. "Muss ich
denn wirklich auf die Polizei?" fragte er, "um welche Zeit?"

"Um 11 Uhr."

"Aber da kann ich doch nicht, da haben wir Griechisch. So muss ich es dem
Professor sagen, dann erfaehrt es der Rektor und schliesslich kommt die
Sache noch ins Zeugnis!"

"Natuerlich erfaehrt das der Rektor," sagte Herr Pfaeffling, "die anderen
sind jedenfalls auch vorgeladen. Warum machst du so dumme Streiche!"

Es war eine Weile still, jedes dachte ueber den Fall nach. "Koenntest du
nicht etwa mit ihm auf die Polizei gehen," sagte Frau Pfaeffling zu ihrem
Mann, "und ein gutes Wort fuer ihn einlegen?"

Herr Pfaeffling ueberlegte. "Morgen, Freitag? Da ist Probe in der
Musikschule, da kann ich unmoeglich fort. Das muss er schon allein
ausfechten. Es kann ihm auch nicht viel geschehen, wenn es sich nur um
einen Schneeballen an die Schulter handelt; war auch gewiss sonst gar
nichts dabei, Wilhelm, ich kann es kaum glauben!"

"Gar nichts, als dass die andern gelacht und ungeniert weitergeworfen
haben, dicht um den Herrn herum, das hat ihn am meisten geaergert.
Besonders der Baumann war so frech, du kennst ihn ja, Karl."

"Warum treibst du dich auch mit solchen herum? Da heisst es mitgefangen,
mitgehangen." Elschen drueckte sich an die Mutter und sagte klaeglich:
"Jetzt wird Weihnachten gar nicht schoen." Und es widersprach ihr
niemand, fuer diesen Abend wenigstens war die ganze Weihnachts-Vorfreude
aus dem Hause gewichen.

Noch spaet abends, im Bett, fluesterten die beiden Schwestern zusammen,
berieten, ob Wilhelm bei Wasser und Brot in den Arrest gesperrt wuerde,
und als Anne eben im Einschlafen war, rief Marie sie noch einmal an und
sagte: "Das aergste ist mir erst eingefallen! Wenn Herr Hartwig von der
Polizei hoert, dann kuendigt er uns!"

Da war es denn schon wieder in der Familie Pfaeffling, das
Schreckgespenst, die Kuendigung!

So bangen Herzens, wie am naechsten Morgen, hatte sich Wilhelm noch nie
auf den Schulweg gemacht. Zwar hatte der Vater ihm an den Professor ein
Briefchen mitgegeben, und die Mutter hatte ihm gesagt: "Habe nur keine
Angst, ein Unrecht ist's nicht, was du getan hast," aber er hatte ihr
doch angemerkt, wie unbehaglich es ihr selbst zumute war, und hatte
zufaellig gehoert, wie der Vater zu ihr gesagt hatte: "Eine Mutter von
vier Buben muss sich auf allerlei gefasst machen."

In der Schule war es sein erstes, sich nach den anderen Uebeltaetern zu
erkundigen. "Muesst ihr auch auf die Polizei?" fragte er Baumann und die
uebrigen Kameraden, die mitgetan hatten. Kein einziger war vorgeladen!

"Du wirst wohl auch noch vorgeladen werden," sagte ein dritter zu
Baumann, "dich hat der Schutzmann aufgeschrieben."

"Es ist nicht wahr."

"Freilich ist's wahr, ich war doch noch ganz in der Naehe und habe es
deutlich gesehen."

Baumann leugnete und wurde grob, und es war ein erbitterter Streit, als
der Professor in die Klasse trat. Er bemerkte gleich die Erregung seiner
Schueler und hatte keine Freude daran. Als ihm Wilhelm nun Herrn
Pfaefflings Brief reichte und er las, um was es sich handelte, erkundigte
er sich gleich, ob noch mehrere vorgeladen seien, und als er hoerte, dass
Pfaeffling der einzige sei, sagte er: "Dann moechte ich mir auch
ausbitten, dass die anderen sich nicht darum kuemmern. Es ist schon
stoerend genug, dass einer vor Schluss der Stunde fort muss, gerade heute,
wo die letzte griechische Arbeit vor Weihnachten gemacht wird. Wer sich
sein Zeugnis nicht noch verderben will, der nehme seine Gedanken
zusammen!"

So wurde aeusserlich die Ruhe in der Klasse hergestellt, und es war nicht
zu bemerken, wie dem einen Schueler das Herz klopfte vor innerer
Entruestung, dass er allein zur Strafe gezogen werden sollte, dem anderen
vor Angst darueber, dass sein Betrug an den Tag kommen wuerde.

Kurz vor elf Uhr verliess Wilhelm auf einen leisen Wink des Professors
das Zimmer. Unheimlich still kam es ihm vor auf den sonst so belebten
Gaengen und auf der breiten Treppe, die nicht fuer so ein einzelnes
Buerschlein berechnet war, sondern fuer einen Trupp froehlicher Kameraden.
Heute begleitete ihn keiner, den sauern Gang auf die Polizei musste er
ganz allein tun. Und nun betrat er das grosse Gebaeude, in dem er ganz
fremd war, hielt sein Vorladungsformular in der Hand und las: Erster
Stock, Zimmer Nr. 12. Leute gingen hin und her, keiner kuemmerte sich um
ihn; vor mancher Zimmertuere standen Maenner und Frauen und warteten. Nun
war er bei Nr. 10, die uebernaechste Tuere musste die richtige sein,
Nr. l2. Vor diesem Zimmer stand ein Mann--und das war Herr Pfaeffling.


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