A » B » C » D » E
F » G » H » I » J
K » L » M » N » O
P » R » S » T
U » V » W » Z

- Links

Thrilling Holiday Gift Book: A Controversial, True Story - One Man Caught in U.S. Government Psychic Spy Experiments
SACRAMENTO, Calif. -- The ideal Christmas gift for those intrigued by governmental conspiracy, OPERATION BLUE LIGHT: My Secret Life Among Psychic Spies (Cherubim Publishing, ISBN 978-0-9816024-0-0), is one of the most scintillating memoirs ever to be written. A true story of deception and subterfuge, it took Philip Chabot 40 years to tell us about his amazing experience.

New Children's Book from Jeremy Zilber Lets Kids Know 'Mama Voted for Obama!'
MADISON, Wis. -- Building on the success of 'Why Mommy is a Democrat,' author and political activist Jeremy Zilber announces the release of his third self-published children's book, 'Mama Voted for Obama!' (ISBN: 978-0-9786688-2-2). With its Seuss-like use of repetition, rhythm, and rhyme, Mama Voted for Obama offers a whimsical celebration of Obama's historic presidential campaign while providing his supporters an entertaining way to let their kids know how they voted in 2008.

Epic Fantasy Book Series Website Honored in 2008 National Best Books Awards
LANCASTER, Texas -- The Green Stone of Healing(R) epic fantasy website is among the finalists of the 2008 National Best Books Awards sponsored by USABookNews, HealingStone Books announced today. The award-winning website is honored in the Best Website Design category. The site provides much-needed background for a complex saga packed with romance, intrigue, mysticism, and adventure.

Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper

A >> Agnes Sapper >> Die Familie Pfaeffling

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17


"Vater!" rief Wilhelm, "o Vater!" und in diesem Ausruf klang die ganze
Qual, die Angst und die ganze Wonne der Erloesung. Herr Pfaeffling fasste
ihn bei Hand. "Ich habe mich doch auf eine Viertelstunde los gemacht,"
sagte er, "jetzt komm nur schnell herein, dass wir bald fertig werden!"

Im Zimmer Nr. 12 sass ein Polizeiamtmann.

Nach einigen Fragen und Antworten kam die Hauptsache zur Sprache:
Wilhelm war angezeigt worden, weil er Herrn Sekretaer Flossmann mit
Schneeballen getroffen, darnach in frecher Weise gelacht und das
Schneeballenwerfen in unmittelbarer Naehe fortgesetzt habe.

"So hat sich's verhalten, nicht wahr?" fragte der Amtmann.

"Getroffen habe ich einen Herrn aus Versehen," sagte Wilhelm, "aber
weiter nichts." Nun mischte sich Herr Pfaeffling ins Gespraech: "Du hast
mir erzaehlt, dass du dich ausdruecklich entschuldigt habest und sofort
heimgegangen seiest." Da laechelte der Amtmann und sagte: "Damit sollte
wohl der Vater besaenftigt werden, in Wahrheit verhielt sich's aber, nach
der Aussage des Herrn Sekretaers und des Schutzmanns ganz anders, und Sie
werden begreifen, dass ich diesen mehr Glauben schenke als dem
Angeklagten; es liegt auch gar nicht in der Art des Herrn Sekretaer
Flossmann, einen Jungen zur Anzeige zu bringen, der sich wegen eines
Vergehens entschuldigt hat."

"Ich darf wohl behaupten," sagte Herr Pfaeffling, "dass sowohl Frechheit
als Luege auch nicht im Wesen dieses Kindes liegen. Ich waere sonst nicht
mit ihm gekommen, sondern haette mich seiner geschaemt. Waere es nicht
moeglich, den Herrn Sekretaer oder den Schutzmann zu sprechen?"

"Gewiss," sagte der Amtmann, "Herr Sekretaer hat seine Kanzlei oben und
der Schutzmann Schmidt war eben erst bei mir." Er rief einen
Polizeidiener. "Bitten Sie Herrn Sekretaer Flossmann, einen Augenblick zu
kommen und rufen Sie den Schutzmann Schmidt herein."

"Wir machen zwar gewoehnlich nicht so viel Umstaende, wenn es sich um
solch eine Bubengeschichte handelt," sagte der Amtmann, "aber wenn Sie
es wuenschen, koennen Sie von den beiden selbst hoeren, wie der Verlauf der
Sache war."

Ein paar Minuten spaeter trat der Sekretaer Flossmann und gleich darnach
der Schutzmann ein. "Da ist der Junge," sagte der Amtmann, "der wegen
der Schneeballengeschichte aufgeschrieben wurde," aber ehe der Beamte
noch weiter sprechen konnte, fiel ihm Herr Sekretaer Flossmann ins Wort,
indem er sich an den Schutzmann wandte: "Aber warum haben Sie denn
gerade _diesen_ Jungen aufgeschrieben, den einzigen, der sofort
aufgehoert hat zu werfen, und der sich in aller Form entschuldigt hat,
der mir selbst noch den Schnee abgeschuettelt hat?" und indem er auf
Wilhelm zuging, sagte er ganz vertraulich zu ihm: "Wir zwei sind in
aller Freundschaft auseinandergegangen, nicht wahr, dich wollte ich
nicht anzeigen." Da wandte sich der Amtmann aergerlich an den Schutzmann:
"Haben Sie Ihre Sache wieder einmal so dumm wie moeglich gemacht?" Der
rechtfertigte sich: "Das ist nicht der Wilhelm Pfaeffling, den ich
aufgeschrieben habe. Der meinige hat einen dicken Kopf und ein rotes
Gesicht. Sag' selbst, habe ich dich aufgeschrieben?"

"Nein, aber es heisst keiner Wilhelm Pfaeffling ausser mir."

"Oho," sagte der Amtmann, "da kommt es auf eine falsche Namensangabe
hinaus, das muss ein frecher Kamerad sein. Kannst du dir denken, wer dir
den Streich gespielt hat?" fragte er Wilhelm. Der besann sich nicht
lange. "Jawohl," sagte er, "es ist nur ein solcher Gauner in unserer
Klasse."

"Wie heisst er?" Da sah Wilhelm seinen Vater an und sagte zoegernd: "Ich
kann ihn doch nicht angeben?"

"Nein," sagte Herr Pfaeffling, "du weisst es ja doch nicht gewiss, und
deine Menschenkenntnis ist nicht gross."

"Den Schlingel finde ich schon selbst heraus, den erkenne ich wieder,"
sagte der Schutzmann, "ich fasse ihn ab um 12 Uhr, wenn die Schule aus
ist."

Nun wandte sich der Amtmann an Herrn Pfaeffling: "Ich bedaure das
Versehen," sagte er, und Wilhelm entliess er mit den Worten: "Du kannst
nun gehen, aber halte dich an bessere Kameraden und pass auf mit dem
Schneeballenwerfen, in den Strassen ist das verboten, dazu habt ihr euren
Schulhof!"

Vater und Sohn verliessen miteinander das Polizeigebaeude. "O Vater," rief
Wilhelm, sobald sie allein waren, "wie bin ich so froh, dass du gekommen
bist! Mir allein haette der Polizeiamtmann nicht geglaubt."

"Du hast dich auch nicht ordentlich verteidigt, hast ja nicht einmal
erzaehlt, wie der Verlauf war. Bei uns zu Hause hast du deine Sache viel
besser vorgebracht."

"Mir geht das oft so, Vater, wenn ich spuere, dass man mir doch nicht
glauben wird, dann mag ich gar nichts zu meiner Verteidigung sagen. Oft
moechte ich etwas erzaehlen oder erklaeren, wie es gemeint war, dann denke
ich: ihr haltet das doch nur fuer Schwindel und Ausreden, und dann
schweige ich lieber."

"Ich kenne das, Wilhelm, es kommt daher, weil es so wenig Menschen genau
mit der Wahrheit nehmen, dann trauen sie auch den andern keine strenge
Wahrhaftigkeit zu. Aber da darf man sich nicht einschuechtern lassen. Wer
recht wahrhaftig ist, darf alles sagen und Glauben dafuer fordern. Halte
du es so, und wird dir etwas angezweifelt, so sage du ruhig zu
demjenigen: 'Habe ich dich schon einmal angelogen?' Aber freilich musst
du sicher sein, dass er darauf 'nein' sagt."

Die Beiden waren inzwischen dem Marktplatz nahe gekommen, wo ihre Wege
auseinandergingen.

"War es dir recht ungeschickt, Vater, aus der Probe wegzukommen?" fragte
Wilhelm. "Hoellisch ungeschickt!" sagte Herr Pfaeffling, "ich mochte den
Grund nicht angeben, ich sagte nur schnell den Naechstsitzenden etwas von
Familienverhaeltnissen und lief davon; wer weiss, was sie sich gedacht
haben. Der junge Lehrer wird mich inzwischen vertreten haben, so gut er
es eben versteht."

"Ich danke dir, Vater," sagte Wilhelm, als er sich trennte, und ganz
gegen die Gewohnheit der Familie Pfaeffling griff er rasch nach des
Vaters Hand, kuesste sie und lief davon.

Als Herr Pfaeffling zu der musikalischen Jugend zurueckkam, sah er viele
freundlich laechelnde Gesichter und dachte sich: Die haben es doch schon
erfahren, dass du mit deinem Wilhelm auf der Polizei warst, es bleibt
nichts verborgen. "Darf man gratulieren?" fragte ihn leise eine
Bekannte, als er nahe an ihr vorbeiging. "Jawohl," sagte er, "es ist gut
voruebergegangen." Nach ein paar Minuten war er mit vollem Eifer bei der
Musik, und Wilhelm in gehobener Stimmung bei seinem griechischen
Schriftsteller.

"Dir ist es offenbar gnaedig gegangen auf der Polizei," sagte der
Professor nach der Stunde zu Wilhelm.

"Ja, Herr Professor, es war eine Verwechslung, ich war gar nicht
aufgeschrieben worden, ein anderer hat meinen Namen statt seinem
angegeben."

"Wer? Einer aus meiner Klasse?"

"Wer das war, will der Schutzmann erst herausbringen," antwortete
Wilhelm.

Der Professor hatte kaum das Schulzimmer verlassen, als alle Kameraden
sich um Wilhelm draengten und naeheres erfahren wollten, auch Baumann war
unter ihnen. Der eine, der schon am Morgen behauptet hatte, dass Baumann
aufgeschrieben worden sei, sagte ihm frei ins Gesicht: "Du hast den
falschen Namen angegeben." Da versuchte er nimmer zu leugnen, sondern
fing an, sich zu entschuldigen: "Dem Pfaeffling hat das doch nichts
geschadet, fuer mich waere es viel schlimmer gewesen. Du musst mir's nicht
uebelnehmen, Pfaeffling, ich habe ja vorher gewusst, dass dir das nichts
macht."

"So? frage einmal meinen Vater, ob ihm so etwas nichts macht?" rief
Wilhelm, "du bist ein Tropf, ein Luegner, das sage ich dir; aber dem
Polizeiamtmann habe ich dich nicht verraten. Wenn dich der Schutzmann
nicht wieder erkennt, dann kann es ja wohl sein, dass du dich
durchgeschwindelt hast." Nun sprang einer der Kameraden die Treppe
hinunter, um zu sehen, ob ein Polizeidiener unten stehe. Richtig war es
so. Da wurde verabredet, Baumann in die Mitte zu nehmen, einige Groessere
um ihn herum und dann in einem dichten Trupp die Treppe hinunter und bis
um die naechste Strassenecke zu rennen. So geschah es. Die meisten Klassen
des Gymnasiums hatten sich schon entleert; der Schutzmann stand lauernd
am Tor. Da, ploetzlich tauchte ein Trupp von Knaben auf und schoss an ihm
vorbei, in solcher Geschwindigkeit, dass er auch nicht _ein_ Gesicht
erkannt hatte. Aergerlich ging er seiner Wege, aber hatte er den
Uebeltaeter auch noch nicht fassen koennen, das war ihm jetzt sicher, dass
er zu dieser Klasse gehoerte, und er sollte ihm nicht entgehen.

Wie war fuer Frau Pfaeffling dieser Vormittag daheim so lang und so
peinlich! Immer musste sie an Wilhelm denken. 'Er hat gewiss nichts getan,
was strafwuerdig ist,' sagte sie sich und dann fragte sie sich wieder:
'warum ist er dann vorgeladen?' Gestern hatte sie in froehlicher Stimmung
alles vorbereitet fuer das Weihnachtsgebaeck, heute haette sie es am
liebsten ganz beiseite gestellt, alle Lust dazu war weg. Sie muehte sich
sonst so gern den ganzen Vormittag im Haushalt und dachte dabei: 'Wenn
Mann und Kinder heimkommen von fleissiger Arbeit, sollen sie es zu Hause
gemuetlich finden.' Aber wenn die Kinder nicht ihre Schuldigkeit taten,
wenn sie draussen Unfug trieben, sollte man dann daheim Zeit und Geld fuer
sie verwenden?

In dieser Stimmung sah Frau Pfaeffling diesen Morgen manches, was ihr
nicht gefiel. Im Bubenzimmer lagen Hausschuhe, nur so leichthin unter
das Bett geschleudert; haesslich niedergetreten waren sie auch, wie oft
hatte sie das schon verboten! Im Wohnzimmer lag ein Brief, den haetten
die Kinder mit zum Schalter nehmen sollen, alle sechs hatten sie ihn
sehen muessen, alle sechs hatten ihn liegen lassen, sogar Marianne, die
doch als Maedchen allmaehlich ein wenig selbst daran denken sollten, ob
nichts zu besorgen waere! Das waren lauter Pflichtversaeumnisse, und wer
daheim die Hausgesetze nicht beachtete, der konnte leicht auch draussen
gegen die Ordnung verstossen. Aber freilich muesste die Mutter ihre Kinder
fester dazu anhalten, strenger erziehen, als sie es tat! Sie selbst war
schuld.

Elschen, die nicht wusste oder nimmer daran dachte, was die Mutter heute
bedrueckte, kam in der froehlichsten Weihnachtsstimmung herbeigesprungen.
Walburg hatte ihr die Teigschuessel ausscharren lassen. "Mutter," rief
die Kleine, "die Backroehre ist schon geheizt!" Aber die Mutter hatte
heute einen unglueckseligen Blick. An dem ganzen kleinen Liebling sah sie
nichts als drei Streifen, Spuren von Teig an der Schuerze.

"Else, dahin hast du deine Finger gewischt," sagte sie mit ungewohnter
Strenge, "gestern erst habe ich dir gesagt, du sollst deine Haende
waschen, und nicht an die Schuerze wischen," und sie patschte fest auf
die kleinen Haende. Das Kind zog leise weinend ab, und die Mutter sagte
sich vorwurfsvoll: 'Deine Kinder sind alle unfolgsam!' Darnach ging sie
aber doch zum Backen in die Kueche, das angefangene musste trotz allem
vollendet werden. Sie wollte den Schluessel zum Kuechenschrank mit
hinausnehmen, fand ihn nicht gleich und dachte bekuemmert: 'Wo die
Hausfrau selbst ihre Ordnung nicht einhaelt, muss freilich die ganze
Wirtschaft herunterkommen!' In dieser schwarzsichtigen Stimmung
vergingen ihr langsam die Stunden, und gegen Mittag sah sie in
aengstlicher Spannung nach den Kindern aus. Diese hatten sich alle auf
dem Heimweg zusammengefunden und in der Fruehlingsstrasse holte auch Herr
Pfaeffling sie ein. Die Losung war nun: "Nur schnell heim zur Mutter, sie
allein ist noch in Angst, hat keine Ahnung, wie gut sich alles geloest
hat. Wie wird sie sorgen und warten, wie wird sie sich freuen!"

Aber nicht nur Frau Pfaeffling passte auf die eilig Heimkehrenden, auch
Frau Hartwig sah heute Mittag nach ihnen aus, freilich aus einem ganz
andern Grund. Sie hatte diesen Morgen an die Haustuere einen grossen Bogen
Papier genagelt, auf dem mit handgrossen roten Buchstaben geschrieben
stand:

Man bittet die Tuere zu schliessen!

Darueber lachte ihr Mann sie aus und versicherte, es wuerde gar nichts
helfen, die Pfaefflinge wuerden die Tuere offen stehen lassen.

Die Hausfrau nahm ihre Mietsleute in Schutz. "Sie sind viel
ordentlicher, als du denkst. Wilhelm und Otto sind ja ein wenig
fluechtig, aber Karl ist immer aufmerksam und auch die Maedchen sind
manierlich; der kleine Frieder sogar wird zumachen, wenn er hoert, dass es
mich sonst friert. Du wirst sehen, die Haustuere wird geschlossen."

Um das zu beobachten stand nun die Hausfrau am Fenster, sah wie die
Familie Pfaeffling sieben Mann hoch heim kam--eifriger sprechend als
sonst, hoerte sie die Treppe hinauf gehen--noch flinker als gewoehnlich,
ging dann hinaus, um nachzusehen und fand die Haustuere offen stehend, so
weit sie nur aufging.

Kopfschuettelnd schloss sie selbst die Tuere. Aber sie verlor nicht den
guten Glauben an ihre Mietsleute. Sie hatte ihnen ja wohl angemerkt, dass
heute etwas besonderes los war.

Im Zimmer fragte Herr Hartwig: "Nun, wer hat denn zugemacht?" Etwas
kleinlaut erwiderte sie: "Zugemacht habe ich."

Droben herrschte nach ueberstandener Angst grosse Freude; auch Frau
Pfaeffling war es wieder leicht ums Herz, gluecklich und dankbar sass die
ganze Familie am Essen. Aber doch--zwischen Suppe und Fleisch--sagte die
Mutter: "Marianne, warum habt ihr den Brief nicht in den Schalter
geworfen?"

"Vergessen!"

"So geht jetzt und besorgt ihn."

"Aber doch _nach_ dem Essen?" fragte fast einstimmig der Kinderchor.

"Nein, nein, eben zwischen hinein, damit ihr es merkt. Ich kann euch
nicht helfen, ich haette gar kein gutes Gewissen, wenn ich es nicht
verlangte." Da widersprach niemand mehr, die Mutter konnte man sich
nicht mit schlechtem Gewissen vorstellen. Die Maedchen gingen mit dem
Brief, Herr Pfaeffling sah seine Frau verwundert an.

Sie ging nach Tisch mit ihm in sein Zimmer. Da sagte sie ihm, wie schwer
es ihr den ganzen Vormittag zumute gewesen sei, und es kamen ihr fast
jetzt noch die Traenen. Sie sprachen lange miteinander, dann kehrte Herr
Pfaeffling in das Wohnzimmer zurueck, wo die Grossen noch beisammen waren.

"Hoert, ich moechte euch dreierlei sagen: Erstens: sorgt jetzt, dass vor
Weihnachten nichts mehr vorkommt, gar nichts mehr, denn bis man weiss,
wie die Sachen hinausgehen, sind sie doch recht unangenehm, besonders
fuer die Mutter. Zweitens: Sagt dem Baumann: er solle sich bei Herrn
Sekretaer Flossmann entschuldigen, sonst werde es schlimm fuer ihn
ausgehen. Drittens: Walburg soll eine Tasse Kaffee fuer die Mutter
machen, es wird ihr gut tun, oder zwei Tassen."

Einer von Herrn Pfaefflings guten Ratschlaegen konnte nicht ausgefuehrt
werden, denn Wilhelm Baumann wurde noch an diesem Nachmittag aus der
Schule weg und auf die Polizei geholt und war von da an aus dem
Gymnasium ausgewiesen.

Am Abend ueberbrachte ein Dienstmaedchen einen schoenen Blumenstock--eine
Musikschuelerin liess Frau Pfaeffling gratulieren.

"Ich werde morgen hinkommen und mich bedanken," liess Herr Pfaeffling
sagen.

Ja, es gibt allerlei Freuden, zu denen man gratulieren kann! Warum nicht
auch, wenn ein unschuldig Verklagter freigesprochen wird? Oder war etwas
anderes gemeint?




6. Kapitel

Am kuerzesten Tag.


Es war der 21. Dezember, der kuerzeste Tag des Jahres. Um dieselbe
Tageszeit, wo im Hochsommer die Sonne schon seit fuenf Stunden am Himmel
steht, sass man heute noch bei der Lampe am Fruehstueckstisch, und als
diese endlich ausgeblasen wurde, war es noch trueb und daemmerig in den
Haeusern. Allmaehlich aber hellte es sich auf und die Sonne, wenn sie
gleich tief unten am Horizont stand, sandte doch ihre schraegen Strahlen
den Menschenkindern, die heute so besonders geschaeftig durcheinander
wimmelten. Es war ja der letzte Samstag vor Weihnachten, zugleich der
Thomastag, ein Feiertag fuer die Schuljugend. Jedermann wollte die
wenigen hellen Stunden benuetzen, um Einkaeufe zu machen. Wieviel Gaense
und Hasen wurden da als Festbraten heimgeholt und wieviel Christbaeume!
Auf den Plaetzen der Stadt standen sie ausgestellt, die Fichten und
Tannen, von den kleinsten bis zu den grossen stattlichen, die bestimmt
waren, Kirchen oder Saele zu beleuchten.

Mitten zwischen diesen Baeumen, von ihrem weihnaechtlichen Duft und
Anblick ganz hingenommen und im Anschauen versunken, stand unser kleiner
Frieder. Er hatte fuer den Vater etwas in der Musikalienhandlung besorgt,
kam nun heimwaerts ueber den Christbaummarkt und konnte sich nicht
trennen. Nun stand er vor einem Baeumchen, nicht groesser als er selbst,
saftig gruen und buschig. Sie mochten vielleicht gleich alt sein, dieser
Bub und dies Baeumchen und sahen beide so rundlich und kindlich aus. Sie
standen da, vom selben Sonnenstrahl beleuchtet und wie wenn sie zusammen
gehoerten, so dicht hielt sich Frieder zum Baum.

"Du! dich meine ich, hoerst du denn gar nichts; _so_ wirst du nicht viel
verdienen!" sagte ploetzlich eine rauhe Stimme, und eine schwere Hand
legte sich von hinten auf seine Schulter. Frieder erwachte wie aus einem
Traum, wandte sich und sah sich zwei Frauen gegenueber. Die ihn angerufen
hatte, war eine grosse, derbe Person, eine Verkaeuferin. Die andere eine
Dame mit Pelz und Schleier. "Pack an, Kleiner, du sollst der Dame den
Baum heimtragen, du weisst doch die Luisenstrasse?" sagte die Frau und
legte ihm den Baum ueber die Schulter.

"Ist der Junge nicht zu klein, um den Baum so weit zu tragen?" fragte
die Dame.

"O bewahre," meinte die Haendlerin, "der hat schon ganz andere Baeume
geschleppt, sagen Sie ihm nur die Adresse genau, wenn Sie nicht mit ihm
heim gehen." "Luisenstrasse 43 zu Frau Dr. Heller," sagte die Dame.
"Sieh, auf diesem Papier ist es auch aufgeschrieben. Halte dich nur
nicht auf, dass dich's nicht in die Haende friert." Da Frieder immer noch
unbeweglich stand, gab ihm die Verkaeuferin einen kleinen Anstoss in der
Richtung, die er einzuschlagen hatte.

Frieder, den Baum mit der einen Hand haltend, den Papierzettel in der
andern, trabte der Luisenstrasse zu. Er hatte so eine dunkle Ahnung, dass
er mehr aus Missverstaendnis zu diesem Auftrag gekommen war, er wusste es
aber nicht gewiss. Die Damen konnten die Baeume nicht selbst tragen, so
mussten eben die Buben helfen. Er sah manche mit Christbaeumen laufen,
freilich meist groessere. Er war eigentlich stolz, dass man ihm einen
Christbaum anvertraut hatte. Wenn ihm jetzt nur die Brueder begegnet
waeren oder gar der Vater!

Wie die Zweige ihn so komisch am Hals kitzelten, wie ihm der Duft in die
Nase stieg und wie harzig die Hand wurde! Allmaehlich drueckte der Baum,
obwohl er nicht gross war, unbarmherzig auf die Schulter, man musste ihn
oft von der einen auf die andere legen, und bei solch einem Wechsel
entglitt ihm das Papierchen mit der Adresse und flatterte zu Boden, ohne
dass die steife, von der Kaelte erstarrte Hand es empfunden haette. Nun
schmerzten ihn die beiden Schultern, er trug den Baum frei mit beiden
Haenden. Aber da wurde Frieder hart angefahren von einem Mann, der ihm
entgegen kam: "Du, du stichst ja den Menschen die Augen aus, halte doch
deinen Baum hinter dich, so!" und der Voruebergehende schob ihm den Baum
unter den Arm. Nach kuerzester Zeit kam von hinten eine Stimme: "Du,
Kleiner, du kehrst ja die Strasse mit deinem Christbaum, halte doch
deinen Baum hoch!" Ach, das war eine schwierige Sache! Aber nun war auch
die Luisenstrasse gluecklich erreicht. Freilich, die Adresse war abhanden
gekommen, aber Frieder hatte sich das wichtigste gemerkt, Nr. 42 oder 43
und im zweiten Stock und bei einer Frau Doktor, das musste nicht schwer
zu finden sein. In Nr. 42a wollte niemand etwas von dem Baum wissen,
aber in Nr. 42b bekam Frieder guten Bescheid, das Dienstmaedchen wusste es
ganz gewiss, der Baum gehoerte nach Nr. 47, die Dame war zugleich mit ihr
auf dem Markt gewesen und hatte einen Baum gekauft. Also nach Nr. 47.
Als man ihm dort seinen Baum wieder nicht abnehmen wollte, kamen ihm die
Traenen, und eine mitleidige Frau hiess ihn sich ein wenig auf die Treppe
setzen, um auszuruhen.

"In der Luisenstrasse wohnt nur _ein_ Doktor," sagte sie, "und das ist
Dr. Weber in Nr. 24, bei dem musst du fragen." Unser Frieder haette nun
lieber in Nr. 43 angefragt, denn er meinte sich zu erinnern, das sei die
richtige Nummer, aber Frieder traute immer allen Leuten mehr zu als sich
selbst, und so folgte er auch jetzt wieder dem Rat, ging an Nr. 43
vorbei bis an Nr. 24 und hoerte dort von dem Dienstmaedchen der Frau Dr.
Weber, sie haetten laengst einen Baum und einen viel schoeneren und
groesseren. Jetzt aber tropften ihm die dicken Traenen herunter, und als er
wieder auf der Strasse stand, wurde ihm auf einmal ganz klar, wo er jetzt
hingehen wollte--heim zur Mutter. Es musste ja schon spaet sein,
vielleicht gar schon Essenszeit. Kam er da nicht heim, so hatte die
Mutter Angst, und der Vater hatte ja gesagt, es duerfe nichts, gar nichts
mehr vorkommen vor Weihnachten. Also nur schnell, schnell heim!

Und es war wirklich hoechste Zeit.

Niemand hatte bis jetzt Frieders langes Ausbleiben bemerkt, als nun aber
Marie und Anne anfingen, den Tisch zu decken, sagte Elschen: "Frieder
hat versprochen, mit mir zu spielen, und nun ist er den ganzen Vormittag
weggeblieben!"

"Er ist gewiss schon laengst bei den Bruedern, im Hof, auf der Schleife.
Sieh einmal nach ihm," sagten die Schwestern.

Aber Frieder war verschollen und die Geschwister fingen an, sich zu
aengstigen, nicht sowohl fuer den kleinen Bruder--was sollte dem
zugestossen sein--, aber wenn er nicht zu Mittag kaeme, wuerden sich die
Eltern sorgen und darueber aergern, dass doch wieder etwas vorgekommen sei.
"Er wird doch kommen bis zum Essen," sagten sie zueinander und, als nun
die Mutter ins Zimmer trat, sprachen sie von allerlei, nur nicht von
Frieder. Elschen stand an der Treppe, nun kam der Vater heim, froehlich
und guter Dinge und fragte gleich: "Ist das Essen schon fertig?"

"Es ist noch nicht halb ein Uhr," entgegnete Karl, der die Frage gehoert
hatte. "Es wird gleich schlagen," meinte der Vater, ging aber doch noch
in sein Zimmer. Im Vorplatz berieten leise die Geschwister: "Wenn man
nur das Essen ein wenig verzoegern koennte," sagte Karl.

"Das will ich machen," fluesterte Marie, ging in die Kueche, zog Walburg
zu sich und rief ihr dann ins Ohr: "Frieder ist noch nicht daheim, der
Vater wird so zanken, und die Mutter wird Angst haben, kannst du nicht
machen, dass man spaeter isst?" Walburg nickte freundlich, ging an den
Herd, deckte ihre Toepfe auf und sagte dann: "Du kannst der Mutter sagen,
den Linsen taete es gut, wenn sie noch eine Weile kochen duerften." Da
sprang Marie befriedigt hinaus, Walburgs Ausspruch ging von Mund zu
Mund, und bis es der Mutter zu Ohren kam, waren die Linsen ganz hart.

"So?" sagte sie verwundert, "mir kamen sie weich vor, aber wir koennen ja
noch ein wenig mit dem Essen warten."

"Ja, harte Linsen sind nicht gut, sind ganz schlecht," sagten die
Kinder.

So vergingen fuenf Minuten. Inzwischen lief unser Frieder, so schnell er
es nur mit seinem Baum vermochte. Jetzt trabte er die Treppe herauf, und
bei seinem Klingeln eilten alle herbei, um aufzumachen. Frau Pfaeffling
merkte jetzt, dass etwas nicht in Ordnung war und ging auch hinaus. Da
stand Frieder ganz ausser Atem, mit gluehenden Backen, den Christbaum auf
der Schulter und fragte aengstlich: "Isst man schon?"

Als er aber hoerte, dass die Mutter ihn nicht vermisst hatte, und sah, wie
man seinen Baum anstaunte und die Mutter so freundlich sagte: "Stell ihn
nur ab, du gluehst ja ganz," da wurde ihm wieder leicht ums Herz. Sie
meinten alle, der Christbaum gehoere Frieder. "Nein, nein," sagte dieser,
"ich muss ihn einer Frau bringen, ich weiss nur nimmer, wie sie heisst und
wo sie wohnt." Da lachten sie ihn aus und wollten alles genau hoeren,
auch Herr Pfaeffling war hinzu gekommen und hoerte von Frieders
Irrfahrten, nahm ihn bei der Hand und sagte: "Nun komm nur zu Tisch, du
kleines Dummerle, du!"

Die Linsen waren nun ploetzlich weich, und wie es Frieder schmeckte, laesst
sich denken.

Beim Mittagessen wurde beraten, wie man den Christbaum zu seiner
rechtmaessigen Besitzerin bringen koenne. "Einer von euch Grossen muss mit
Frieder gehen, ihm helfen den Baum tragen," sagte Frau Pfaeffling.

"Aber wir Lateinschueler koennen doch nicht in der Luisenstrasse von Haus
zu Haus laufen, wie arme Buben, die die Christbaeume austragen,"
entgegnete Karl.

"Wenn mir da z.B. Rudolf Meier begegnete," sagte Otto, "vor dem wuerde
ich mich schaemen."

"So, so," sagte Herr Pfaeffling, "seid ihr zu vornehm dazu? Dann muss wohl
ich meinen Kleinen begleiten," und er nahm den Baum, der in der Ecke
stand, hob ihn frei hinaus, dass er die Decke streifte und sagte
spassend: "So werde ich durch die Luisenstrasse ziehen, eine Schelle
nehmen und ausrufen: 'Wem der Baum gehoert, der soll sich melden.'"

"Ich denke doch," sagte Frau Pfaeffling, "einer von unseren dreien wird
so gescheit sein und sich nicht darum bekuemmern, wenn auch je ein
Kamerad denken sollte, dass er fuer andere Leute Gaenge macht." Sie
schwiegen aber. Da setzte Herr Pfaeffling den Baum wieder ab und sagte
sehr ernst: "Kinder, fangt nur das gar nicht an, dass ihr meint: dies
oder jenes passt sich nicht, das koennten die Kameraden schlecht auslegen.
Mit solchen kleinlichen Bedenken kommt man schwer durchs Leben, fuehlt
sich immer gebunden und haengt schliesslich von jedem Rudolf Meier ab."


Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17