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Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper

A >> Agnes Sapper >> Die Familie Pfaeffling

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Nach dem Essen wurde Herr Hartwig um das Adressbuch gebeten und mit Hilfe
dessen und Frieders Erinnerung war bald festgestellt, dass der Baum in
die Luisenstrasse Nr. 43 zu Frau Dr. Heller gehoerte.

Die drei grossen Brueder standen beisammen und berieten. "Ich mache mir
nichts daraus, den Baum zu tragen," sagte Wilhelm, "ich haette gar nicht
gedacht, dass es dumm aussieht, wenn ihr es nicht gesagt haettet."

"Aber wenn du hinkommst, musst du dich darauf gefasst machen, dass man dir
ein Trinkgeld gibt," sagte Karl.

"Um so besser, wenn's nur recht gross ist, ich habe ohnedies keinen
Pfennig mehr."

Die Beratung wurde unterbrochen durch die Mutter, die mit Frieder ins
Zimmer kam und sagte: "Die Dame wird gar nicht begreifen, wo ihr Baum so
lang bleibt, tragt ihn jetzt nur gleich fort. Otto, du gehst mit, deinem
alten Mantel schadet es am wenigsten, wenn der Baum wetzt."

Diesem bestimmten Befehl gegenueber gab es keinen Widerspruch mehr. Otto
musste sich bequemen, Frieder zu begleiten.

Sie gingen nebeneinander und waren bis an die Luisenstrasse gekommen, als
Otto ploetzlich seinem Frieder den Baum auf die Schulter legte und sagte:
"Da vornen kommen ein paar aus meiner Klasse, die lachen mich aus, wenn
sie meinen, ich muesse den Dienstmann machen. Das letzte Stueck kannst du
doch den Baum selbst tragen? Und kannst dich auch selbst entschuldigen,
nicht?"

"Gut kann ich," sagte Frieder und ging allein seines Weges. Wie einfach
war das nun. Am Glockenzug von Nr. 43 stand angeschrieben: "Dr. Heller",
das stimmte alles ganz gut mit dem Adressbuch und oben im zweiten Stock
stand noch einmal der Name. Diesmal war Frieder an der rechten Tuere.

Otto hatte sich inzwischen seinen Kameraden angeschlossen und war ein
wenig mit ihnen herumgeschlendert, denn er wollte nicht frueher als
Frieder nach Hause kommen. Als er sich endlich entschloss, heim zu gehen,
war es ihm nicht behaglich zumute; es reute ihn doch, dass er den Kleinen
zuletzt noch im Stich gelassen hatte. In der Fruehlingsstrasse wollte er
mit dem Bruder wieder zusammentreffen. Er wartete eine Weile vergeblich
auf ihn, dann ging ihm die Geduld aus, vermutlich war Frieder schon
laengst daheim. Er hoffte ihn oben zu finden, aber es war nicht so, das
konnte er gleich daran merken, dass er von allen Seiten gefragt wurde:
wie es mit dem Baum gegangen sei? Nun musste er freilich erzaehlen, dass er
nur bis in die Naehe des Hauses Nr. 43 den Baum getragen, und dann mit
einigen Freunden umgekehrt sei. Aber nun hoerte man auch schon wieder
jemand vor der Glastuere, das konnte Frieder sein, und dann war ja die
Sache in Ordnung. Sie machten auf: da stand der kleine Ungluecksmensch
und hatte wieder seinen Christbaum im Arm! Sie trauten ihren Augen kaum.
"Ja Frieder, hast du denn die Wohnung nicht gefunden?" riefen sie fast
alle zugleich. Da zuckte es um seinen Mund, er wuergte an den Traenen, die
kommen wollten, und presste hervor: "Neunmal geklingelt, niemand zu
Haus!" Sie waren nun alle voll Mitleid, aber sie konnten auch nicht
verstehen, warum er nicht oben oder unten bei anderen Hausbewohnern
angefragt haette. Daran hatte er eben gar nicht gedacht. "Deshalb gibt
man solch einem kleinen Dummerle einen groesseren Bruder mit," sagte Frau
Pfaeffling, "aber wenn der freilich so treulos ist und vorher umkehrt,
dann ist der Kleine schlecht beraten."

"Jetzt wird der Sache ein Ende gemacht," rief Wilhelm, "ich gehe mit dem
Baum und das duerft ihr mir glauben, ich bringe ihn nicht mehr zurueck,"
und flink fasste er den Christbaum, der freilich schon ein wenig von
seiner Schoenheit eingebuesst hatte, und sprang leichtfuessig davon.

In der Luisenstrasse Nr. 43 wurde ihm aufs erste Klingeln aufgemacht und
sofort rief das Dienstmaedchen: "Frau Doktor, jetzt kommt der Baum doch
noch!" Eine lebhafte junge Frau eilte herbei und rief Wilhelm an: "Wo
bist du denn so lang geblieben, Kleiner? Aber nein, du bist's ja gar
nicht, dir habe ich keinen Baum zu tragen gegeben, der gehoert nicht
mir."

Wilhelm erzaehlte von den Wanderungen, die der Baum mit verschiedenen
jungen Pfaefflingen gemacht hatte.

"Der Kleine dauert mich," sagte die junge Frau. "Das zweite Mal, als er
kam, war ich wohl mit meinem Maedchen wieder auf dem Markt, ich habe
naemlich nicht gedacht, dass er noch kommt, und habe einen andern geholt,
ich brauche ihn schon heute abend zu einer kleinen Gesellschaft, da
konnte ich nicht warten. Was mache ich nun mit diesem Baum? Habt ihr
wohl schon einen zu Haus? Ich wuerde euch den gern schenken."

"Wir haben noch keinen," sagte Wilhelm.

"Also, das ist ja schoen, dann nimm ihn nur wieder mit, und dem netten
kleinen Dicken, der so viel Not gehabt hat, moechte ich noch einen
Lebkuchen schicken, den bringst du ihm, nicht wahr?"

Auch dazu war Wilhelm bereit, und kurz nachher rannte er vergnuegt mit
seinem Baum heimwaerts.

Der kurze Dezembernachmittag war schon zu Ende und die Lichter
angezuendet, als Wilhelm heim kam. Die Schwestern, welche die Ganglampe
geraubt hatten, kamen eilig mit derselben herbei, als Wilhelm klingelte,
und liessen sie vor Schreck fast aus der Hand fallen, als sie den Baum
sahen. "Der Baum kommt wieder!" schrien die Maedchen ins Zimmer.
"Unmoeglich!" rief die Mutter. "Ja doch," sagte Karl, "der Baum, der
unglueckselige Baum!" "Gelt," rief Frieder, "es wird nicht aufgemacht,
wenn man noch so oft klingelt!"

Aber Wilhelm lachte, zog vergnuegt den Lebkuchen aus der Tasche, und gab
ihn Frieder: "Der ist fuer dich von deiner Frau Dr. Heller, und der Baum,
Mutter, der gehoert uns, ganz umsonst!" Als Herr Pfaeffling heim kam,
ergoetzte er sich an der Kinder Erzaehlung von dem Christbaum, aber er
merkte, dass es Otto nicht recht wohl war bei der Sache, und wollte sie
eben deshalb genauer hoeren. "Also so hat sich's verhalten," sagte er
schliesslich, "vor dem Lachen der Kameraden hast du dich so gefuerchtet,
dass du den Bruder und den Baum im Stich gelassen hast? Dann heisse ich
dich einen Feigling!"

Weiter wurde nichts mehr ueber die Sache gesprochen, aber dies eine Wort
"Feigling", vom Vater ausgesprochen, vor der ganzen Familie, das brannte
und schmerzte und war nicht einen Augenblick an diesem Abend zu
vergessen. Es war auch am naechsten Morgen, an dem vierten
Adventssonntag, Ottos erster Gedanke. Es trieb ihn um, er konnte dem
Vater nicht mehr unbefangen ins Gesicht sehen. Da trachtete er, mit der
Mutter allein zu sprechen, und sie merkte es, dass er ihr nachging, und
liess sich allein finden, in dem Bubenzimmer. "Mutter," sagte er, "ich
kann gar nicht vergessen, was der Vater zu mir gesagt hat. Soll ich ihn
um Entschuldigung bitten? Was hilft es aber? Er haelt mich doch fuer
feig."

"Ja, Otto, er muss dich dafuer halten, denn du bist es gewesen und zwar
schon manchmal in dieser Art. Immer abhaengig davon, wie die anderen ueber
dich urteilen. Da hilft freilich keine Entschuldigung, da hilft nur
ankaempfen gegen die Feigheit, Beweise liefern, dass du auch tapfer sein
kannst."

Am Montag nachmittag, als die Kinder alle von der Schule zurueckkehrten,
fehlte Otto. Er kam eine ganze Stunde spaeter heim und dann suchte er
zuerst den Vater in dessen Zimmer auf. Herr Pfaeffling sah von seinen
Musikalien auf. "Willst du etwas?"

"Ja, dich bitten, Vater, dass du das Wort zuruecknimmst. Du weisst schon
welches. Ich bin deswegen heute nachmittag lang auf dem Christbaummarkt
gestanden und habe dann fuer jemand einen Baum heimgetragen. Drei von
meiner Klasse haben es gesehen. Und da sind die 20 Pfennig Trinkgeld,
die ich bekommen habe." Da sah Herr Pfaeffling mit froehlichem, warmem
Blick auf seinen Jungen und sagte: "Es gibt allerlei Heldentum, das war
auch eines; nein, Kind, du bist doch kein Feigling!"




7. Kapitel

Immer noch nicht Weihnachten.


Der letzte Schultag vor Weihnachten war gekommen. Wer sich von der
Familie Pfaeffling am meisten freute auf den Schulschluss, das war gerade
das einzige Glied derselben, das noch nicht zur Schule ging, das
Elschen. Ihr war die Schule die alte Feindin, die ihr, solange sie
zurueckdenken konnte, alle Geschwister entzog, die unbarmherzig die
schoensten Spiele unterbrach, die ihre dunkeln Schatten in Gestalt von
Aufgaben ueber die ganzen Abende warf und die auch heute schuld war, dass
die Geschwister, statt von Weihnachten, nur von den Schulzeugnissen
redeten, die sie bekommen wuerden.

Sie sassen jetzt beim Fruehstueck, aber es wurde hastig eingenommen, die
Schulbuecher lagen schon bereit, und gar nichts deutete darauf hin, dass
morgen der heilige Abend sein sollte. Die Kleine wurde ganz ungeduldig
und missmutig. "Vater," sagte sie aus dieser Stimmung heraus, "gibt es
gar kein Land auf der ganzen Welt, wo keine Schule ist?"

"O doch," antwortete Herr Pfaeffling, "in der Wueste Sahara zum Beispiel
ist zurzeit noch keine eroeffnet."

"Da musst du Musiklehrer werden, Vater," rief die Kleine ganz energisch.
Aber da alle nur lachten, sogar Frieder, merkte sie, dass der Vorschlag
nichts taugte, und sie sah wieder, dass gegen die Schule ein fuer allemal
nichts zu machen war.

Heute sollte sie das besonders bitter empfinden. Als sie nach der
letzten Schulstunde den grossen Bruedern froehlich entgegenkam, wurde sie
nur so beiseite geschoben; die Drei waren in eifrigem, aber leise
gefuehrtem Gespraech und verschwanden miteinander in ihrem Schlafzimmer.
Es waren naemlich die Zeugnisse ausgeteilt worden, und da zeigte es sich,
dass Wilhelm in der Mathematik die Note "4" bekommen hatte, die geringste
Note, die gegeben wurde. Das war noch nie dagewesen, die Zahl 4 war
bisher in keinem Zeugnisheft der jungen Pfaefflinge vorgekommen. "So dumm
sieht der Vierer aus," sagte Wilhelm, "was hilft es mich, dass ein paar
Zweier sind, wo das letztemal Dreier waren, der Vater sieht doch auf den
ersten Blick den Vierer."

"Ja," sagte Karl, "gerade so wie unser Professor auch in der schoensten
Reinschrift immer nur die eine Stelle sieht, wo etwas korrigiert ist."

"Wenn wir es nur einrichten koennten, dass wir die Zeugnishefte erst nach
Weihnachten zeigen muessten. Meint ihr, das geht?"

"Nein," sagte Karl, "man hat sonst jeden Tag Angst, dass der Vater
darnach fragt. Aber es kann freilich die Freude verderben; haettest du es
nicht wenigstens zu einem schlechten Dreier bringen koennen?"

Wilhelm blieb darauf die Antwort schuldig. Die Schwestern waren
inzwischen auch mit ihren Zeugnissen heimgekommen und suchten die Brueder
auf. Marie warf nur einen Blick auf die Gruppe, dann sagte sie: "Gelt,
ihr seid schlecht weggekommen?" und da keine Antwort erfolgte, fuhr sie
fort: "Unsere Zeugnisse sind gut, besser als das letztemal, und der
Frieder hat auch gute Noten. Dann wird der Vater schon zufrieden sein."

"Nein," sagte Wilhelm, "er wird nur meinen Vierer sehen."

"O, ein Vierer?" "O weh!" riefen die Schwestern.

"So jammert doch nicht so," rief Wilhelm, "sagt lieber, was man machen
soll, dass der Vater die Zeugnisse vor Weihnachten nicht ansieht?"

Sie berieten und besannen sich eine Weile, ein Wort gab das andere und
zuletzt wurde beschlossen, die Noten sollten alle zusammengezaehlt und
dann die Durchschnittsnote daraus berechnet werden. Diese musste, trotz
des fatalen Vierers, ganz gut lauten, so dass die Eltern wohl befriedigt
sein konnten. Die Mutter hatte ueberdies selten Zeit, die Heftchen
anzusehen, und dem Vater wollte man die schoene Durchschnittsnote in
einem geschickten Augenblick mitteilen, dann wuerde er nicht weiter
nachfragen; erst nach Neujahr mussten die Zeugnisse unterschrieben
werden, bis dahin hatte es ja noch lange Zeit, so weit hinaus sorgte man
nicht. Wilhelm war sehr vergnuegt ueber den Gedanken, Otto, der das beste
Zeugnis hatte, war zwar weniger damit einverstanden, wurde aber
ueberstimmt, und sie machten sich nun an die Durchschnittsberechnung.

Wilhelm holte Frieder herbei, der hatte der Mutter schon sein Zeugnis
gezeigt, nun wurde es ihm von den Bruedern abgenommen. "Seht nur," sagte
Wilhelm, "wie der sich diesmal hinaufgemacht hat!"

"Dafuer kann ich nichts," sagte Frieder, "die Mutter sagt, das kommt nur
von der Harmonika. Wahrscheinlich, wenn ich eine neue zu Weihnachten
bekomme, werden die Noten wieder schlechter. Gibst du mir mein Heft
wieder, Karl?"

"Nein, das brauchen wir noch, sei nur still, dass ich rechnen kann."

"Geh lieber hinaus, Frieder," sagte Marie muetterlich, "das Elschen hat
sich so gefreut auf dich," und sie schob den Kleinen zur Tuere hinaus.

Es ergab sich eine gute Durchschnittsnote, und Marie wollte es
uebernehmen, sie dem Vater so geschickt mitzuteilen, dass er gewiss nicht
nach den Heften fragen wuerde. Sie wartete den Augenblick ab, wo Herr
Pfaeffling sich richtete, um zum letztenmal vor dem Fest in das
Zentralhotel zu gehen. An seinen raschen Bewegungen bemerkte sie, dass er
in Eile war. "Vater," sagte sie, "wir haben alle unsere Zeugnisse
bekommen und die Noten zusammengezaehlt. Dann hat Karl berechnet, was wir
fuer eine Durchschnittsnote haben, weisst du, was da herausgekommen ist?
Magst du raten, Vater?"

"Ich kann mich nicht mehr aufhalten, ich muss fort, aber hoeren moechte ich
es doch noch gerne, eine Durchschnittsnote von allen Sechsen? Zwei bis
drei vielleicht?"

"Nein, denke nur, Vater, eins bis zwei, ist das nicht gut?"

"Recht gut," sagte Herr Pfaeffling; er hatte nun schon den Hut auf und
Marie bemerkte noch schnell unter der Tuere: "Die Zeugnisheftchen will
ich alle in der Mutter Schreibtisch legen, dass du sie dann einmal
unterschreiben kannst." "Ja, hebe sie nur gut auf," rief Herr Pfaeffling
noch von der Treppe herauf.

Die kleine List war gelungen, die Heftchen wurden sehr sorgfaeltig, aber
sehr weit hinten im Schreibtisch geborgen; ungesucht wuerden sie da
niemand in die Haende fallen.

Herr Pfaeffling freute sich jedesmal auf die Stunden im Zentralhotel,
denn es war dort mehr ein gemeinsames Musizieren als ein Unterrichten
und so betrat er auch heute in froehlicher Stimmung das Hotel. Diesmal
stand die grosse Fluegeltuere des untern Saales weit offen, Tapezierer
waren beschaeftigt, die Waende zu dekorieren, der Besitzer des Hotels
stand mitten unter den Handwerksleuten und erteilte ruhig und bestimmt
seine Befehle. "Das ist auch ein General," dachte Herr Pfaeffling,
nachdem er einige Augenblicke zugesehen hatte. Grosse Taetigkeit herrschte
in den untern Raeumen. An der angelehnten Tuere des Speisezimmers stand
ein kleiner Kellner, die Serviette ueber dem Arm, einige Flaschen in der
Hand und sah zu, wie eben zwei hohe Tannenbaeume in den Saal getragen
wurden. Aber ploetzlich fuhr der kleine Bursche zusammen, denn hinter ihm
ertoente eine scheltende Stimme: "Was stehst du da und hast Maulaffen
feil, mach dass du an dein Geschaeft gehst!" Es war Rudolf Meier, der den
Saeumigen so anfuhr. Als er Herrn Pfaeffling gewahrte, gruesste er sehr
artig und sagte: "Man hat seine Not mit den Leuten, heutzutage taugt das
Pack nicht viel." Eine Antwort erhielt Rudolf nicht auf seine Rede, ohne
ein Wort ging Herr Pfaeffling an ihm vorbei, die Treppe hinauf.

Rudolf sah ihm nachdenklich nach. Es kam ihm oefters vor, dass er auf
seine verstaendigsten Reden keine Antwort bekam, und zwar gerade von den
Leuten, die er hoch stellte. Andere ruehmten ihn ja oft und sagten ihm,
er spreche so klug wie sein Vater; ob wohl solche Leute, wie Herr
Pfaeffling noch groessere Ansprueche machten? Rudolf stellte sich die
Brueder Pfaeffling vor. Wie kindisch waren sie doch im Vergleich mit ihm,
sogar Karl, der aelteste; diesen Unterschied musste ihr Vater doch
empfinden, es musste ihm doch imponieren, dass er schon so viel weiter
war! Der kleine Kellner konnte es wohl noch bemerkt haben, wie
geringschaetzig Herr Pfaeffling an ihm voruebergegangen war: so etwas
erzaehlten sich dann die Dienstboten untereinander und spotteten ueber
ihn, das wusste er wohl. Ja, er hatte keine leichte Stellung im Haus.

Indessen war Herr Pfaeffling die ihm laengst vertraute Treppe
hinaufgesprungen. Droben empfing ihn schon das flotte Geigenspiel seiner
Schueler, und nun wurde noch einmal vor Weihnachten ausgiebig musiziert.

"Es wird ein Ball im Hotel arrangiert zur Weihnachtsfeier," erzaehlte ihm
die Generalin am Schluss der Stunde, "es soll sehr schoen werden."

"Ja," sagte der General, "der Hotelier gibt sich alle Muehe, seinen
Gaesten viel zu bieten, er ist ein tuechtiger Mann und versteht sein
Geschaeft ausgezeichnet, aber sein Sohn _spricht_ nur von Arbeit und tut
selbst keine! Der Sohn wird nichts."

Als Herr Pfaeffling sich fuer die Weihnachtsferien verabschiedet hatte und
hinausging, sah er am Fenster des Korridors eben _den_ Sohn stehen, ueber
den einen Augenblick vorher das vernichtende Urteil gefaellt war: "Er
wird nichts." Kann es ein traurigeres Wort geben einem jungen
Menschenkind gegenueber? Herr Pfaeffling konnte diesmal nicht teilnahmslos
an ihm voruebergehen. Rudolf Meier stand auch nicht zufaellig da. Er wusste
vielleicht selbst nicht genau, was ihn hertrieb. Es war das Beduerfnis,
sich Achtung zu verschaffen von diesem Mann. Ein anderes Mittel hiezu
kannte er nicht, als seine eigenen Leitungen zur Sprache zu bringen.

"Wuensche froehliche Feiertage," redete er Herrn Pfaeffling an. "Fuer
andere Menschen beginnen ja nun die Ferien, fuer uns bringt so ein Fest
nur Arbeit."

Herr Pfaeffling blieb stehen. "Ja," sagte er, "ich sehe, dass Ihr Vater
sehr viel zu tun hat, aber wenn die Gaeste versorgt sind, haben Sie doch
wohl auch Ihre Familienfeier, Ihre Weihnachtsbescherung?"

"Ne, das gibt es bei uns nicht. Frueher war das ja so, als ich klein war
und meine Mutter noch lebte, aber ich bin nicht mehr so kindisch, dass
ich jetzt so etwas fuer mich beanspruchte. Ich habe auch keine Zeit. Sie
begreifen, dass ich als einziger Sohn des Hauses ueberall nachsehen muss.
Die Dienstboten sind so unzuverlaessig, man muss immer hinter ihnen her
sein."

"Lassen sich die Dienstboten von einem fuenfzehnjaehrigen Schuljungen
anleiten?"

Rudolf Meier war ueber diese Frage verwundert. Wollte es ihm denn gar
nicht gelingen, diesem Manne verstaendlich zu machen, dass er eben kein
gewoehnlicher Schuljunge war?

"Ich habe keinen Verkehr mit Schulkameraden," sagte er, "in jeder freien
Stunde, auch Sonntags, bin ich hier im Hause beschaeftigt."

"Sie kommen wohl auch nie in die Kirche?"

"Ich selbst nicht leicht, aber ich bin sehr gut ueber alle Gottesdienste
unterrichtet. Wir haben oft Gaeste, die sich dafuer interessieren, und ich
weiss auch allen, gleichviel ob es Christen oder Juden sind, Auskunft zu
geben ueber Zeit und Ort des Gottesdienstes, ueber beliebte Prediger,
feierliche Messen und dergleichen. Man muss allen dienen koennen und darf
keine Vorliebe fuer die eine oder andere Konfession merken lassen. Wir
duerfen ja auch Auslaender nicht verletzen und muessen uns manche
spoettische Aeusserung ueber die Deutschen gefallen lassen. Das bringt ein
Welthotel so mit sich."

Herr Pfaeffling sagte darauf nichts und Rudolf Meier war zufrieden. Das
"Welthotel" war immer der hoechste Trumpf, den er ausspielen konnte, und
der verfehlte nie seine Wirkung, auch auf Herrn Pfaeffling hatte er
offenbar Eindruck gemacht, denn der geringschaetzige Blick, den er vor
der Stunde fuer ihn gehabt hatte, war einem andern Ausdruck gewichen.

Unten, im Hausflur, stand noch immer die Tuere zu dem grossen Saal offen,
die Dekoration hatte Fortschritte gemacht, Herr Rudolf Meier sen. stand
auf der Schwelle und ueberblickte das Ganze, und im Vorbeigehen hoerte
Herr Pfaeffling ihn zu einem Tapezierer sagen:

"An diesem Fenster ist noch Polsterung anzubringen, damit jede Zugluft
von den Gaesten abgehalten wird."

Unser Musiklehrer, dem sonst, wenn er von seinen russischen Schuelern
kam, die schoensten Melodien durch den Kopf gingen, war heute auf dem
Heimweg in Gedanken versunken. Er sah vor sich den tuechtigen
Geschaeftsmann, der in unermuedlicher Taetigkeit sein Hotel bestellte, der
von seinen Gaesten jeden schaedlichen Luftzug abhielt, und der doch nicht
merkte, wie der einzige Sohn, dem dies alles einst gehoeren sollte, in
Gefahr war, zugrunde zu gehen. Herr Pfaeffling war eine Strasse weit
gegangen, da trieben ihn seine Gedanken wieder rueckwaerts. "Sprich mit
dem Mann ein Wort ueber seinen Sohn," sagte er sich, "wenn seinem Haus
eine Gefahr drohte, wuerdest du es doch auch sagen, warum nicht, wenn du
siehst, dass sein Kind Schaden nimmt, dass es hoechste Zeit waere, es den
schlimmen Einfluessen zu entziehen? Es sollte fortkommen vom Hotel, von
der grossen Stadt, in einfache, harmlose Familienverhaeltnisse!" Waehrend
sich Herr Pfaeffling dies ueberlegte, ging er raschen Schritts ins
Zentralhotel zurueck, und nun stand er vor Herrn Meier, in dem grossen
Saal.

Der Hotelbesitzer meinte, der Musiklehrer interessiere sich fuer die
Dekoration und forderte ihn hoeflich auf, alles zu besehen. "Ich danke,"
sagte Herr Pfaeffling, "ich sah schon vorhin, wie huebsch das wird, aber
um Ihren Sohn, Herr Meier, um Ihren Sohn ist mir's zu tun!"

Aeusserst erstaunt sah der so Angeredete auf und sagte, indem er nach
einem anstossenden Zimmer deutete: "Hier sind wir ungestoert. Wollen Sie
Platz nehmen?"

"Nein," sagte Herr Pfaeffling, "ich stehe lieber," eigentlich haette er
sagen sollen, "ich renne lieber," denn kaum hatte er das Gespraech
begonnen, so trieb ihn der Eifer im Zimmer hin und her.

"Ich meine," sagte er, "ueber all Ihren Leistungen als Geschaeftsmann
sehen Sie gar nicht, was fuer ein schlechtes Geschaeft bei all dem Ihr
Kind macht. Ist's denn ueberhaupt ein Kind? War es eines? Es spricht wie
ein Mann und ist doch kein Mann. Ein Schuljunge sollte es sein, der
tuechtig arbeitet und dann froehlich spielt. Er aber tut keines von
beiden. In dem Alter, wo er gehorchen sollte, will er kommandieren, den
Herrn will er spielen und hat doch nicht das Zeug dazu. Er wird kein
Mann wie Sie, er wird auch kein Deutscher, wird kein Christ, denn er
duenkt sich ueber alledem zu stehen. Der sollte fort aus dem Hotel, fort
von hier, in ein warmes Familienleben hinein, da koennte noch etwas aus
ihm werden, aber so nicht!"

Herr Pfaeffling hatte so eifrig gesprochen, dass sein Zuhoerer dazwischen
nicht zu Wort gekommen war. Er sagte jetzt anscheinend ganz ruhig und
kuehl: "Ich muss mich wundern, Herr Pfaeffling, dass Sie mir das alles
sagen. Wir kennen uns nicht und meinen Sohn kennen Sie wohl auch nur
ganz fluechtig. Mir scheint, Sie urteilen etwas rasch. Andere sagen mir,
dass mein Sohn der geborene Geschaeftsmann ist und schon jetzt einem Haus
vorstehen koennte. Wenn er Ihnen so wenig gefaellt, dann bitte kuemmern Sie
sich nicht um ihn, ich kenne mein eigenes Kind wohl am besten und werde
fuer sein Wohl sorgen."

Herr Pfaeffling sah nun seinerseits ebenso erstaunt auf Herrn Meier, wie
dieser vorher auf ihn. Endlich sagte er: "Ich sehe, dass ich Sie gekraenkt
habe. Das wollte ich doch gar nicht. Wieder einmal habe ich vergessen,
was ich schon so oft bei den Eltern meiner Schueler erfahren habe, dass es
die Menschen nicht ertragen, wenn man offen ueber ihre Kinder spricht und
wenn es auch aus der reinsten Teilnahme geschieht. Sagen Sie mir nur das
eine, warum wuerden Sie es mir danken, wenn ich Ihnen sagte: 'Ihr Kind
ist in Gefahr, ins Wasser zu fallen,' und warum sind Sie gekraenkt, wenn
ich sagte: 'dem Kind droht Gefahr fuer seinen Charakter?' Darin kann ich
die Menschen nie verstehen!"

Diese Frage blieb unbeantwortet, denn zwei Handwerksleute kamen herein,
verlangten Bescheid, und Herr Pfaeffling machte rasch der Unterredung ein
Ende, indem er sagte: "Wie ungeschickt bin ich Ihnen mit dieser Sache
gekommen, ich sehe, Sie sind draussen unentbehrlich und will Sie nicht
aufhalten." Er ging, der Hotelbesitzer hielt ihn nicht zurueck.

"Diese Sache ist misslungen," sagte sich Herr Pfaeffling, "ich habe nichts
erreicht, als dass sich der Mann ueber mich aergert." Und nun aergerte auch
er sich, aber nur ueber sich selbst. Warum hatte er sich seine Worte
nicht erst in Ruhe ueberlegt und schonend vorgebracht, was er sagen
wollte, statt diesen ahnungslosen Vater mit hageldicken Vorwuerfen zu
ueberschuetten? Nun ging er mit sich selbst ebenso streng ins Gericht:
"Nichts gelernt und nichts vergessen; immer noch gerade so ungestuem wie
vor zwanzig Jahren; immer vorgetan und nachbedacht, trotz aller
Lebenserfahrung: wenn du es nicht besser verstehst, auf die Leute
einzuwirken, so lass die Hand davon; kuemmere dich um deine eigenen
Kinder, wer weiss, ob sie andern Leuten nicht auch verkehrt erscheinen."

Nachdem sich Herr Pfaeffling so die Wahrheit gesagt hatte, beruhigte er
sich ueber Rudolf Meier, und versetzte sich in Gedanken zu seinen eigenen
Kindern. Nun kam ihm wieder die Pfaefflingsche Note in den Sinn: eins bis
zwei. Er dachte in dieser Richtung noch weiter nach, und die Folge davon
war, dass er nach seiner Rueckkehr dem ersten, der ihm zu Hause in den Weg
lief, zurief:

"Legt mir alle sechs Zeugnishefte aufgeschlagen auf meinen Tisch, ich
will sie sehen!"

Das gab nun eine Aufregung in der jungen Gesellschaft! "Die Zeugnisse
muessen her, der Vater will sie sehen!" fluesterte eines dem andern zu.
"Warum denn, warum?" Niemand wusste Antwort, aber jetzt half keine List
mehr, Marie musste die Heftchen hervorholen aus ihrem sichern Versteck
und sie hinuebertragen in des Vaters Zimmer.


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