Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper
"Ich habe das deinige ein wenig versteckt," sagte sie zu Wilhelm, als
sie wieder herueberkam, "vielleicht uebersieht es der Vater."
Herr Pfaeffling kannte seine Kinder viel zu gut, als dass er ihre kleine
List mit der guten Durchschnittsnote nicht durchschaut haette. "Irgend
etwas ist sicher nicht in Ordnung," sagte er sich, "gewiss sind ein paar
fatale Dreier da, oder eine schlechte Bemerkung ueber das Betragen." Er
ueberblickte die kleine Ausstellung auf seinem Tisch. Da lag zuvorderst
Karls Zeugnisheft. Dies hielt sich so ziemlich gleich, jahraus, jahrein,
nie vorzueglich, immer gut. Es gab das Bild eines gewissenhaften
Schuelers, aber nicht eines grossen Sprachgelehrten.
Dann Otto. In den meisten Faechern I. So einen konnte man freilich gut
brauchen, wenn sich's um eine Durchschnittsnote handelte, der konnte
viele Suenden anderer gut machen.
Maries Heftchen zeigte die groesste Verschiedenheit in den Noten. Wo die
Geschicklichkeit der Hand in Betracht kam und der praktische Sinn, da
war sie vorzueglich, in Handarbeit, Schoenschreiben, Zeichnen, da tat sie
sich hervor, aber bei der rein geistigen Arbeit war selten eine gute
Note zu sehen. Und von Anne konnte man das auch nicht erwarten, denn sie
war von der Natur ein wenig verkuerzt, das Lernen fiel ihr schwer, ohne
Maries Hilfe waere sie wohl nicht mit ihrer Klasse fortgekommen, aber die
Lehrer und Lehrerinnen hatten sich laengst darein gefunden, bei diesen
Zwillingsschwestern das gemeinsame Arbeiten zu gestatten und die
Marianne als ein Ganzes zu betrachten. So schlugen sie sich schlecht und
recht miteinander durch und unter Annes Noten glaenzten doch immer zwei I,
durch alle Schuljahre hindurch: im Singen und im Betragen.
Bis jetzt hatte Herr Pfaeffling noch nichts Neues oder Besonderes
entdecken koennen und nun hielt er Frieders Zeugnis in der Hand und
staunte. Was fuer gute Noten hatte sich der kleine Kerl diesmal erworben!
Fast in jedem Fach besser als frueher und in einer Bemerkung des Lehrers
waren seine Fortschritte und sein Fleiss besonders anerkannt! Wie kam das
nur? Es musste wohl mit der Harmonika zusammenhaengen, die ihm frueher alle
Gedanken, alle freie Zeit in Anspruch genommen hatte! Herr Pfaeffling
hatte seine Freude daran und es kam ihm der Gedanke, seine Kinder seien
vielleicht doch nur durch die besseren Zeugnisse auf den Einfall
gekommen, eine Durchschnittsnote herauszurechnen. Wieviel Heftchen hatte
er schon gesehen? Fuenf, eines fehlte noch, Wilhelms Zeugnis, wo war denn
das? Ah, hinter den Buechern, hatte es sich wohl zufaellig verschoben? Er
warf nur einen Blick hinein und die ungewohnte Form der Zahl IV sprang
ihm ins Auge. Also das war's! Mathematik IV. Das war stark. Herr
Pfaeffling lief im Zimmer hin und her. Wie konnte man nur eine so
schlechte Note heimbringen! Und wie feig, sie so zu verstecken, und wie
dumm, zu meinen, der Vater liesse sich auf diese Weise ueberlisten!
Schlechtere Noten konnte Rudolf Meier auch nicht heimbringen.
Er nahm das Heftchen noch einmal in die Hand. Im ganzen war das Zeugnis
etwas besser als die frueheren, also Faulheit oder Leichtsinn war es wohl
nicht, aber fuer die Mathematik fehlte das Verstaendnis.
Eine Weile war Herr Pfaeffling auf und ab gegangen, da hoerte er jemand an
seiner Tuere vorbeigehen und oeffnete rasch, um Wilhelm zu rufen. Es war
Elschen. Als sie den Vater sah, sprang sie auf ihn zu, sah ihm fragend
ins Gesicht und sagte dann betruebt: "Vater, du denkst gar nicht daran,
dass morgen Weihnachten ist!" und sie schmiegte sich an ihn und folgte
ihm in sein Zimmer. Er zog sie freundlich an sich: "Es ist wahr,
Elschen, ich habe nicht daran gedacht, es ist gut, dass du mich
erinnerst."
"Die andern denken auch nicht daran," klagte die Kleine, "sie reden
immer nur von ihren Zeugnissen und freuen sich gar nicht."
"So?" sagte Herr Pfaeffling und wurde nachdenklich, "am Tag vor
Weihnachten freuen sie sich nicht? Nun, dann schicke sie mir einmal
alle sechs herueber, ich will machen, dass sie sich freuen!"
Wie der Wind fuhr die Kleine durch die Zimmer und brachte ihre
Geschwister zusammen. Nun standen sie alle ein wenig aengstlich auf einem
Trueppchen dem Vater gegenueber. Es fiel ihm auf, wie sie sich so eng
aneinander drueckten. Aus diesem Zusammenhalten war auch die
Durchschnittsnote hervorgegangen.
"Ihr haltet alle fest zusammen," sagte er, "das ist ganz recht, nur
gegen mich duerft ihr euch nicht verbinden, mit List und
Verschwiegenheit, das hat ja keinen Sinn! Gegen den _Feind_ verbindet
man sich, nicht gegen den _Freund_. Habt ihr einen treuern Freund als
mich? Halte ich nicht immer zu euch? Wir gehoeren zusammen, zwischen uns
darf nichts treten, auch kein Vierer!"
Da loeste sich die Gruppe der Geschwister und in der lebhaften, warmen
Art, die Wilhelm von seinem Vater geerbt hatte, warf er sich diesem um
den Hals und sagte: "Nein, Vater, ich habe dir nichts verschweigen
wollen, nur Weihnachten wollte ich abwarten, damit es uns nicht
verdorben wird, du bist doch auch mit mir auf die Polizei gegangen,
nein, vor dir moechte ich nie etwas verheimlichen!"
"Recht so, Wilhelm," antwortete Herr Pfaeffling, "was kaeme denn auch
Gutes dabei heraus? Es ist viel besser, wenn ich alles erfahre, dann
kann ich euch helfen, wie auch jetzt mit dieser schlechten Note. Was
machen wir, dass sie das naechste Mal besser ausfaellt? Nachhilfstunden
kann ich euch nicht geben lassen, die sind unerschwinglich teuer, mit
meinen mathematischen Kenntnissen ist es nicht mehr weit her, aber wie
waere es denn mit dir, Karl? Du bist ja ein guter Mathematiker und hast
das alles erst voriges Jahr gelernt, du koenntest dich darum annehmen.
Jede Woche zwei richtige Nachhilfstunden." Karl schien von diesem
Lehrauftrag nicht begeistert. "Ich habe so wenig Zeit," wandte er ein.
"Das ist wahr, aber du wirst auch keinen bessern Rat wissen und den
Vierer muessen wir doch wegbringen, nicht? Gebt einmal den Kalender her.
Von jetzt bis Ostern streichen wir fuenfundzwanzig oder meinetwegen auch
nur zwanzig Tage an fuer eine Mathematikstunde. Faellt eine aus, so muss
sie am naechsten Tag nachgeholt werden. Ich verlasse mich auf euch. Macht
das nur recht geschickt, dann werdet ihr sehen, im Osterzeugnis gibt es
keinen Vierer mehr." Die Brueder nahmen den Kalender her, suchten die
geeigneten Wochentage aus und ergaben sich in ihr Schicksal, Lehrer und
Schueler zu sein.
"So," sagte Herr Pfaeffling, "und jetzt fort mit den Zeugnissen, fort mit
den Mathematik-Erinnerungen; Elschen, jetzt ist's bei uns so schoen wie
in der Sahara, wo es keine Schule gibt! Wer freut sich auf Weihnachten?"
Waehrend des lauten, lustigen Antwortens, das nun erklang, und Elschens
froehlichem Jauchzen ging leise die Tuere auf, ein Lockenkoepfchen erschien
und eine zarte Stimme wurde vernommen: "Ich habe schon drei Mal
geklopft, Herr Pfaeffling, aber Sie haben gar nicht 'herein' gerufen."
Es war Fraeulein Vernagelding, die zu ihrer letzten Stunde kam. Noch
immer hatte sie Herrn Pfaeffling allein im Musikzimmer getroffen, als sie
nun unerwartet die Kinder um ihn herum sah, machte sie grosse, erstaunte
Augen und rief: "Nein, wie viele Kinder Sie haben!" aber noch ehe sie
langsam diese Worte gesprochen hatte, waren alle sieben schon
verschwunden. "Und jetzt sind alle fort! Wie schnell das alles bei Ihnen
geht, Herr Pfaeffling, ich finde das so reizend!"
Die fliehende Schar suchte die Mutter auf und fand sie in der Kueche. Als
aber Frau Pfaeffling die Kinder kommen hoerte, liess sie sie nicht ein,
machte nur einen Spalt der Tuere auf und rief: "Niemand darf
hereinschauen," und sie sah dabei so geheimnisvoll, so verheissungsvoll
aus, dass das Verbot mit lautem Jubel aufgenommen wurde. Ja, jetzt
beherrschte die Weihnachtsfreude das ganze Haus und sogar aus dem
Musikzimmer ertoente nicht die Tonleiter, sondern "Stille Nacht, heilige
Nacht". Aber falsch wurde es gespielt, o so falsch!
"Fraeulein," sprach der gepeinigte Musiklehrer, "Sie greifen wieder nur
so auf gut Glueck, aber Sie haben einmal kein Glueck, Sie muessen _die_
Noten spielen, die da stehen."
"Ach Herr Pfaeffling," bat das Fraeulein schmeichelnd, "seien Sie doch
nicht so pedantisch! Das ist ja ein Weihnachtslied, dabei kommt es doch
nicht so auf jeden Ton an!" Nach diesem Grundsatz spielte sie froehlich
weiter und nun, als der Schlussakkord kommen sollte, hoerte sie ploetzlich
auf und sagte: "Ich habe mir auch erlaubt, Ihnen eine kleine Handarbeit
zu machen zum taeglichen Gebrauch, Herr Pfaeffling."
"Den Schlussakkord, Fraeulein, bitte zuerst noch den Akkord!" Da sah sie
ihren Lehrer schelmisch an: "Den letzten Akkord spiele ich lieber nicht,
denn Sie werden immer am meisten boese, wenn der letzte Ton falsch wird."
"Aber Sie koennen ihn doch nicht einfach weglassen?"
"Nicht? Das Lied koennte doch auch um so ein kleines Stueckchen kuerzer
sein?"
Darauf wusste Herr Pfaeffling nichts mehr zu sagen. Er nahm ein in
rosenrotes Seidenpapier gewickeltes Paeckchen in Empfang und sagte
zuletzt zu Fraeulein Vernagelding, er wolle ihr nicht zumuten, vor dem 8.
Januar wieder zu kommen. Darueber hatte sie eine kindliche Freude, und
diese Freude, vierzehn Tage lang nichts mehr miteinander zu tun zu
haben, war wohl die einzige innere Gemeinschaft zwischen dem Musiklehrer
und seiner Schuelerin.
In vergnuegter Ferienstimmung kam er in das Wohnzimmer herueber. Er hielt
hoch in seiner Rechten das eine Ende eines buntgestickten Streifens, das
ueber einen Meter lang herunter hing.
"Da seht, was ich erhalten habe!" sagte er, "was soll's denn wohl sein?
Zu einem Handtuch ist's doch gar zu schoen, kannst du es verwenden,
Caecilie?" Da wurde es mit Sachkenntnis betrachtet und als eine
Tastendecke fuer das Klavier erkannt.
"Und das soll ich in taeglichen Gebrauch nehmen, immer so ein Tuechlein
ausbreiten?" rief Herr Pfaeffling erschreckt; "nein, Fraeulein
Vernagelding, das ist zu viel verlangt. Ich bitte dich, Caecilie, ich
bitte dich, nimm mir das Ding da ab!"
Herr Pfaeffling hatte bis zum spaeten Abend keine Gelegenheit gefunden,
seiner Frau von dem Gespraech mit Herrn Rudolf Meier sen. zu erzaehlen.
Nun waren die Kinder zu Bett gegangen, Karl allein sass noch mit den
Eltern am Tisch, und Herr Pfaeffling berichtete getreulich die Vorgaenge
im Zentralhotel. Er stellte sich selbst dabei nicht in das beste Licht,
aber Frau Pfaeffling war der Ansicht, dass Herr Meier die Kritik seines
Sohnes wohl auch in milderer Form uebelgenommen haette. "Es gibt so wenig
Menschen, die sich Unangenehmes sagen lassen," meinte sie. "Und wenige,
die es taktvoll anfassen," sprach Herr Pfaeffling und fuegte laechelnd
hinzu: "wo aber zwei solche zusammen kommen, gibt es leicht ein
glueckliches Paar, nicht wahr?"
Frau Pfaeffling wusste, was ihr Mann damit sagen wollte, aber Karl sah
verstaendnislos darein. "Du weisst nicht, was wir meinen," sagte der Vater
zu ihm, "soll ich es dir erzaehlen, oder ist er noch zu jung dazu,
Caecilie?"
"O nein," rief Karl, "bitte, erzaehle es!"
"Soll ich? Nun also: Wie die Mutter noch ein junges Maedchen war und dein
Grossvater Professor, da kam ich als blutjunger Musiklehrer in die kleine
Universitaetsstadt und machte ueberall meine Aufwartung, um mich
vorzustellen. Fast zuerst machte ich bei deinen Grosseltern Besuch. Es
war Regenwetter und ich trug einen langen braunen Ueberrock und hatte den
Regenschirm bei mir."
"Du musst auch sagen, was fuer einen Schirm," fiel Frau Pfaeffling ein,
"einen dicken baumwollenen gruenen, so ein rechtes Familiendach, wie man
sie jetzt gar nicht mehr sieht. Mit diesem Ueberrock und diesem Schirm
trat dein Vater in unser huebsches, mit Teppichen belegtes
Empfangszimmer, und er behielt den Schirm auch fest in der Hand, als
mein Vater ihn aufforderte, Platz zu nehmen. Meine Mutter war nicht zu
Hause, so war ich an ihrer Stelle, und mir, die ich noch ein junges,
dummes Maedchen war, kam das so furchtbar komisch vor, dass ich alle Muehe
hatte, mein Lachen zu unterdruecken."
"Ja," sagte Herr Pfaeffling, "du hast es auch nicht verbergen koennen,
sondern hast mich fortwaehrend mit strahlender Heiterkeit angesehen, und
um deine Mundwinkel hat es immerwaehrend gezuckt. Ich aber hatte keine
Ahnung, was die Ursache war. Dein Vater verwickelte mich gleich in ein
gelehrtes Gespraech, und wenn ich dazwischen hinein einen Blick auf dich
warf, so kam es mir wunderlich vor, dass du wie die Heiterkeit selbst
dabei warst. Aber nun pass auf, Karl, nun kommt das Grossartige. Als ich
wieder aufstand, aeusserte ich, dass ich im Nebenhaus bei Professer Lenz
Besuch machen wollte."
"Ja," sagte Frau Pfaeffling "und ich wusste, dass Lenzens zwei Toechter
hatten, so kleinlich lieblos und spoettisch, dass jedermann sie fuerchtete.
Ich dachte bei mir: wenn der junge Mann im Ueberrock und mit dem Schirm
in der Hand bei Professer Lenz in den Salon tritt, so wird er zum
Gespoett fuer den ganzen Kreis. Da dauerte er mich, und ich sagte mir, ich
sollte ihn aufmerksam machen, doch war ich schuechtern und ungeschickt."
"Du hast mich auch bis an die Tuere gehen lassen," fiel Herr Pfaeffling
ein, "ich hatte schon die Klinke in der Hand, da riefst du mich an,
wurdest dunkelrot dabei und sagtest: 'Herr Pfaeffling, wollen Sie nicht
lieber ihren Ueberrock und Schirm ablegen?' Ich verstand nicht gleich,
was du meintest, wollte dir doch zu Willen sein und machte Anstalt,
meinen Ueberrock auszuziehen. Da war es aus mit deiner Fassung, du
lachtest laut und riefst: 'Ich meine nicht, wenn Sie gehen, sondern wenn
Sie kommen!' Dein Vater aber wies dich zurecht mit einem strengen Wort
und setzte mir hoeflich auseinander, dass es allerdings gebraeuchlich sei,
im Vorplatz abzulegen; du aber warst noch immer im Kampf mit der
Lachlust."
"Ja," sagte Frau Pfaeffling, "so lange bis du freundlich und ohne jede
Empfindlichkeit zu mir sagtest: 'Lachen Sie immerhin ueber den Ruepel, Sie
haben es doch gut mit ihm gemeint, sonst haetten Sie ihm das nicht
gesagt.' Da verging mir das Lachen, weil die Achtung kam."
"Ja, Karl, so haben sich deine Eltern kennen gelernt," schloss Herr
Pfaeffling.
8. Kapitel
Endlich Weihnachten.
Gibt es ein schoeneres Erwachen als das Erwachen mit dem Gedanken: Heute
ist Weihnachten? Die jungen Pfaefflinge kannten kein schoeneres, und an
keinem anderen kalten, dunkeln Dezembermorgen schluepften sie so leicht
und gern aus den warmen Betten, als an diesem und nie waren sie so
dienstfertig und hilfsbereit wie an diesem Vormittag. Man musste doch der
Mutter helfen aus Leibeskraeften, damit sie ganz gewiss bis abends um 6
Uhr mit der Bescherung fertig wurde. An gewoehnlichen Tagen schob gerne
eines der Kinder dem andern die Pflicht zu, aufzumachen, wenn geklingelt
wurde; heute sprangen immer einige um die Wette, wenn die Glocke
ertoente, denn an Weihnachten konnte wohl etwas Besonderes erwartet
werden, so z.B. das Paket, das noch jedes Jahr von der treuen Grossmutter
Wedekind angekommen war und durch das viele Herzenswuensche befriedigt
wurden, zu deren Erfuellung die Kasse der Eltern nie gereicht haette.
Zunaechst kam aber nicht jemand, der etwas bringen, sondern jemand, der
etwas holen wollte: Es war die Schmidtmeierin, eine Arbeitersfrau aus
dem Nebenhaus, die manchmal beim Waschen und Putzen half und fuer die
allerlei zurechtgelegt war. Sie brachte ihre zwei Kinder mit. Aber damit
war Frau Pfaeffling nicht einverstanden. "Marianne," sagte sie, "fuehrt
ihr die Kleinen in euer Stuebchen und spielt ein wenig mit ihnen, bis ich
sie wieder hole." Als die Kinder weg waren, sagte Frau Pfaeffling: "Sie
haetten die Kinder nicht bringen sollen, sonst sehen sie ja gleich, was
sie bekommen; hat Walburg Ihnen nicht gesagt, dass wir einen Puppenwagen
und allerlei Spielzeug fuer sie haben?" "Ach," entgegnete die Frau,
"darauf kommt es bei uns nicht so an, die Kinder nehmen es, wenn sie's
kriegen, und wenn man ihnen ja etwas verstecken will, sie kommen doch
dahinter und dann betteln sie und lassen einem keine Ruhe, bis man ihnen
den Willen tut. Bis Weihnachten kommt, ist auch meist schon alles
aufgegessen, was man etwa Gutes fuer sie bekommen hat. Ich weiss wohl, dass
es anders ist bei reichen Leuten, aber bei uns war's noch kein Jahr
schoen am heiligen Abend."
"Wir sind auch keine reichen Leute, Schmidtmeierin, aber wenn ich auch
noch viel aermer waere, das weiss ich doch ganz gewiss, dass ich meinen
Kindern einen schoenen heiligen Abend machen wuerde. Meine Kinder bekommen
auch nicht viel--das koennen Sie sich denken bei sieben--aber weil keines
vorher ein Stueckchen sieht, so ist dann die Ueberraschung doch gross.
Glauben Sie, dass irgend eines von uns einen Lebkuchen oder sonst etwas
von dem Weihnachtsgebaeck versuchen wuerde vor dem heiligen Abend? Das
kaeme uns ganz unrecht vor. Und wenn der Christbaum geputzt wird, darf
keines von den Kinder hereinschauen, erst wenn er angezuendet ist und
alles hingerichtet, rufen wir sie herbei, mein Mann und ich, und dann
sind sie so ueberrascht, dass sie strahlen und jubeln vor Freude, wenn
auch gar keine grossen Geschenke daliegen."
"Bei Ihnen ist das eben anders, Frau Pfaeffling, mein Mann hat keinen
Sinn fuer so etwas und will kein Geld ausgeben fuer Weihnachten."
"Haben Sie kein Baeumchen kaufen duerfen?" fragte Frau Pfaeffling.
"Das schon," sagte die Schmidtmeierin, "er hat selbst eines heimgebracht
und Lichter dazu."
"Nun sehen Sie, was braucht es denn da weiter? Ein sauberes Tuch auf den
Tisch gebreitet und die kleinen Sachen darauf gelegt, die ich Ihnen hier
zusammen gerichtet habe, das waere schon genug fuer Kinder, aber ich denke
mir, dass Sie noch von anderen Familien, denen Sie aushelfen, etwas
bekommen, oder nicht?"
"Frau Hartwig hat mich angerufen, ich solle nachher zu ihr herein
kommen, sie habe etwas fuer mich und die Kinder."
"So lange lassen Sie die Kleinen bei uns, und in einem andern Jahr
tragen Sie alles heimlich nach Hause, dann wird bei Ihnen der Jubel
gerade so gross wie im reichsten Haus, und Ihr Mann wird sich dann schon
auch daran freuen."
"Es ist wahr," sagte die Schmidtmeierin, "er hat am vorigen Sonntag
gezankt, weil ich den Kindern die neuen Winterkleider, die sie von der
Schulschwester bekommen haben, vor Weihnachten angezogen habe. Aber sie
haben so lang gebettelt und nicht geruht, bis ich ihnen den Willen getan
habe."
"Aber Schmidtmeierin, da wuerde ich doch lieber tun, was der Mann will,
als was die Kinder verlangen und erbetteln! Was waere das jetzt fuer eine
Freude, wenn die Kleidchen noch neu auf dem Tisch laegen! So wuerde mein
Mann auch den Sinn fuer Weihnachten verlieren. Das muessen Sie mir
versprechen, Schmidtmeierin, dass Sie meine Sachen, und die von Frau
Hartwig, und was etwa sonst noch kommt, verstecken, und dann eine schoene
Bescherung halten. Wo koennen denn Ihre Kinder bleiben, solange Sie
herrichten, ist's zu kalt in der Kammer?"
"Kalt ist's, aber ich stecke sie eben ins Bett so lang!"
"Ja, das tun Sie. Und noch etwas: koennen die Kinder nicht unter dem
Christbaum dem Vater ein Weihnachtslied hersagen, aus der Kinderschule?
Das gehoert auch zur rechten Feier. Und wenn Sie noch von Ihrem Waschlohn
ein paar Pfennige uebrig haetten, dann sollten Sie fuer den Mann noch einen
Kalender kaufen, oder was ihn sonst freut, und dann erzaehlen Sie mir,
Schmidtmeierin, ob er wirklich keine Freude gehabt hat am heiligen
Abend, und ob es nicht schoen bei Ihnen war."
"Ich mach's wie Sie sagen, Frau Pfaeffling, und ich danke fuer die vielen
Sachen, die Sie mir zusammengerichtet haben."
"Es ist recht, Schmidtmeierin, aber glauben Sie mir's nur, die Sachen
allein, und wenn es noch viel mehr waeren, machen kein schoenes Fest, das
koennen nur Sie machen fuer Ihre Familie; fremde Leute koennen die
Weihnachtsfreude nicht ins Haus bringen, das muss die Mutter tun, und die
Reichen koennen die Armen nicht gluecklich machen, wenn die nicht selbst
wollen."
Frau Pfaeffling hielt die fremden Kinder noch eine gute Weile zurueck; als
diese endlich heimkamen, waren alle Schaetze im Schrank verborgen und der
Schluessel abgezogen.
Da sich aber die Kinder schon darauf gefreut hatten, fingen sie an,
darum zu betteln und schliesslich laut zu heulen. Damit setzten sie
gewoehnlich bei der Mutter ihren Willen durch. Heute aber nicht; "bruellt
nur recht laut," sagte die Schmidtmeierin, "damit man es im Nebenhaus
hoert. Nichts Gutes gibt's heute, nichts Schoenes, erst am Abend, wenn ihr
dem Vater eure Lieder aufsagt. Bei Pfaefflings ist's auch so."
Da ergaben sich die Kinder.
Frau Pfaeffling und Walburg hatten noch alle Haende voll zu tun mit
Vorbereitungen auf das Fest. Aber die Arbeit geschah in froehlicher
Stimmung. "Man muss sich seine Feiertage verdienen," sagte Frau Pfaeffling
und rief die Kinder zu Hilfe, die Buben so gut wie die Maedchen.
"Oben auf dem Boden haengen noch die Struempfe von der letzten Waesche,"
sagte sie, "die sollten noch abgezogen werden. Das koennt ihr Buben
besorgen." Wilhelm und Otto sprangen die Treppe hinauf. Auf dem freien
Bodenraum war ein Seil gespannt, an dem eine ungezaehlte Menge
Pfaeffling'scher Struempfe hing. Walburg war eine grosse Person und pflegte
das Seil hoch zu spannen, die Kinder konnten die hoelzernen Klammern
nicht erreichen, mit denen die Struempfe angeklemmt waren. "Einen Stuhl
holen und hinaufsteigen," schlug Otto vor, aber Wilhelm fand das
unnoetig, "Hochspringen und bei jedem Sprung eine Klammer wegnehmen," so
war es lustiger. Er probierte das Kunststueck und brachte es fertig, Otto
gelang es nicht auf den ersten Sprung, und ein Trampeln und Stampfen gab
es bei allen beiden. Sie bemerkten nicht, dass die Tuere von Frau Hartwigs
Bodenkammer offen stand und die Hausfrau, die eben ihren
Christbaumhalter hervorsuchte, ganz erschrocken ueber den ploetzlichen
Laerm herauskam und rief: "Was treibt ihr denn aber da oben, ihr Kinder?"
"Wir nehmen bloss die Struempfe ab", sagte Otto. "So tut es doch nicht,
wenn man Struempfe abzieht," entgegnete Frau Hartwig. "Wir muessen eben
darnach springen," sagte Wilhelm, "sehen Sie, so machen wir das," und
mit einem Hochsprung hatte er wieder eine Klammer gluecklich erfasst, der
Strumpf fiel herunter.
"Aber Kinder, so fallen sie ja alle auf den Boden!" sagte die Hausfrau.
"Es sind ja nur Struempfe," entgegnete Wilhelm, "die sind schon vorher
grau und schwarz, denen schadet das nichts."
Eine kleine Weile stand Frau Hartwig dabei und machte sich ihre
Gedanken. Welche Arbeit, fuer soviel Fuesse sorgen zu muessen! Fast alle
Struempfe schienen zerrissen! Und welche Koerbe voll Flickwaesche mochten
sonst noch da unten stehen und auf die Haende der vielbeschaeftigten
Hausfrau warten, die doch kein Geld ausgeben konnte fuer Flickerinnen! Ob
es nicht Christenpflicht waere, da ein wenig zu helfen?
Es dauerte gar nicht lange, da kamen die Brueder mit dem Bescheid
herunter: Die meisten Struempfe seien noch zu feucht, die Hausfrau meine,
sie muessten noch haengen bleiben. Frau Pfaeffling achtete im Drang der
Arbeit kaum darauf und dachte nicht, dass Frau Hartwig kurz entschlossen
den ganzen Schatz Pfaeffling'scher Struempfe heruntergenommen hatte, und
ihnen nun mit Trocknen und Buegeln viel mehr Ehre erwies, als diese es
sonst erfuhren. Dann stapelte sie den Vorrat auf, legte sich das
Noetige zum Ausbessern zurecht und sagte sich: Das gibt auch
eine Weihnachtsueberraschung und wird nach Jesu Sinn keine
Feiertags-Entheiligung sein.
Inzwischen war es Mittag geworden. Heute gab es bei Pfaefflings ein
kaergliches Essen. Mit Wassersuppe fing es an, und die Mutter redete den
Kindern zu: "Haltet euch nur recht an die Suppe, es kommt nicht viel
nach!" "Warum denn nicht?" fragte Elschen bedenklich. Die Antwort kam
von vielen Seiten zugleich. "Weil Weihnachten ist. Weisst du das noch
nicht? Vor dem heiligen Abend gibt es nie etwas ordentliches zu essen.
Die Walburg hat auch keine Zeit zu kochen." "Ja," sagte Frau Pfaeffling,
"und selbst wenn sie Zeit haette, heute Mittag muesste das Essen doch knapp
sein, damit man sich recht freut auf die Lebkuchen und auf den
Gansbraten, den es morgen gibt." Walburg brachte noch gewaermte Reste vom
gestrigen Tag herein, und als diese alle verteilt waren, sagte Herr
Pfaeffling: "Wer jetzt noch Hunger hat, kann noch Brot haben und darf
dabei an ein grosses Stueck Braten denken!"
"Und nun," sagte die Mutter, "hinaus aus dem Wohnzimmer; wenn ihr wieder
herein duerft, dann ist Weihnachten!" Da stob die ganze Schar jubelnd
davon; wenn man nicht mehr in das Zimmer herein durfte, ja dann wurde es
Ernst!
Die Eltern standen beisammen und putzten den Baum, Frieders Baum. Die
kleinen Schaeden, die er auf seinen vielen Wanderungen erlitten hatte,
wurden sorgfaeltig verdeckt, und bald stand er in seinem vollen Schmuck
da, mit goldenen Nuessen und rotbackigen Aepfeln, mit bunten Lichtern und
oben auf der Spitze schwebte ein kleiner Posaunenengel. Es gab in andern
Haeusern feiner geschmueckte Tannenbaeume mit Winterschnee und Eiszapfen,
es gab auch solche, die mit bunten Ketten und Kugeln, mit Papierblumen
und Flittergold so ueberladen waren, dass das Gruen des Baumes kaum mehr
zur Geltung kam. Pfaefflings Baum hatte von all dem nichts, er war noch
ebenso, wie ihn Grossvater Pfaeffling und Grossmutter Wedekind vor dreissig
Jahren ihren Kindern geschmueckt hatten, und weil ihre seligsten
Kindheitserinnerungen damit verbunden waren, mochten sie nichts daran
aendern. Mit der Krippe, die unter dem Baum aufgestellt wurde, war es
anders. Die feinen Wachsfiguren, die Tiere, die dazu gehoerten, standen
nicht jedes Jahr gleich. Nach den Bildern, die uns schon die alten
deutschen Kuenstler gezeichnet haben, und in denen unsere Maler uns auch
jetzt noch die heilige Nacht darstellen, nach diesen verschiedenen
Bildern wurden die Krippenfiguren in jedem Jahr wieder anders
aufgestellt, das war Herrn Pfaefflings Anteil an dem Herrichten des
Weihnachtszimmers. Wenn aber die Tische gestellt waren, und wenn die
muehsame Arbeit des Einraeumens von Puppenzimmer, Kueche und Kaufladen
begann, dann verschwand der Herr des Hauses aus dem Gebiet und uebernahm
die Aufsicht ueber die mutterlose Kinderschar, damit sie nicht in
Ungeduld und Langeweile auf allerlei Unarten verfiel. Gegen vier Uhr,
als es dunkelte, zogen sie zusammen fort nach der Kirche, in der jedes
Jahr um diese Zeit ein Gottesdienst gehalten wurde, so kurz und doch so
feierlich wie kein anderer im Jahr: Ein Weihnachtslied, das
Weihnachtsevangelium und ein paar Worte, nur wie ein warmer Segenswunsch
des Geistlichen. Es war genug, um in den Herzen der jungen und alten
Zuhoerer die rechte Weihnachtsstimmung zu wecken.