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Die Familie Pfaeffling - Agnes Sapper

A >> Agnes Sapper >> Die Familie Pfaeffling

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Frau Pfaeffling hoerte ihre Schar heimkommen, sie sah ein wenig heraus aus
dem Weihnachtszimmer und schob etwas durch den Tuerspalt, es war eine
Handvoll Backwerk, das etwas Schaden gelitten hatte durch die
Verpackung: "Das ist etwas zum versuchen," rief sie, "das ist zerbrochen
aus der Grossmutter Paket gekommen, teilt euch darein! und dann zieht
frische Schuerzen an und sagt auch Walburg, dass sie sich bereit macht,
nun wird bald alles fertig sein!" Der Mutter Angesicht leuchtete
verheissungsvoll, es rief auf allen Kindergesichtern das gleiche Strahlen
hervor.

Herr Pfaeffling war bei seiner Frau, er half bei den letzten
Vorbereitungen. "Jetzt waeren wir so weit," sagte er, "koennen wir den
Baum anzuenden?"

"Wenn du einen kleinen Augenblick warten wolltest," erwiderte sie, "ich
bin so mued und moechte nur ein ganz klein wenig ruhen, um fuer den grossen
Jubel Kraft zu sammeln."

"Freilich, freilich," sagte Herr Pfaeffling, "die Kinder koennen sich wohl
noch eine Viertelstunde gedulden, setze dich hieher, ruhe ein wenig und
schliesse die Augen."

"O, das tut gut," antwortete sie und lehnte sich still zurueck. Aber nur
drei Minuten, dann stand sie wieder auf. "Nun bin ich schon wieder
frisch, und ich kann jetzt doch nicht ruhen, ich spuere die siebenfache
Unruhe, die klopfenden Herzen der Kinder da draussen, wir wollen
anzuenden." Bald strahlten die Lichter an dem Baum, die grossen Kerzen in
den silbernen Leuchtern, die die Tische erhellten, und die kleinen
Lichtchen in Puppenstube und Kueche. Und nun ein Glockenzeichen und die
Tuere weit auf! Sie draengen alle herein, die Kinder und Walburg hinter
ihnen. Dem Christbaum gelten die ersten Ausrufe der Bewunderung; solange
er die Blicke fesselt, ist's noch eine weihevolle Stimmung, ein Staunen
und seliges Widerstrahlen; dann wenden sich die Augen der Bescherung zu,
nun geht die beschauliche Freude ueber, immer lauter und jubelnder wird
das Kinderglueck.

War denn so Herrliches auf dem Gabentisch? Viel Kostbares war nicht
dabei, aber es war alles ueberraschend und jedes kleine Geschenk war
sinnig auf den Empfaenger berechnet und manches erhielt durch einen
kleinen Vers, den der Vater dazu gemacht hatte, noch einen besonderen
Reiz. Wenn eines der Kinder nach den Eltern aufblickte, so sah es Liebe
und Guete, wenn es einem der Geschwister ins Gesicht sah, so glaenzte dies
in Glueck und Freude, und ueber all dem lag der Duft des Tannenbaums--ja
die Fuelle des Glueckes bringt der Weihnachtsabend!

Frau Pfaeffling beruehrte ihren Mann und sagte leise: "Sieh dort, den
Frieder!" An dem Plaetzchen des grossen Tisches, das ihm angewiesen war,
stand schon eine ganze Weile Frieder unbeweglich und sah mit staunenden,
zweifelnden Augen auf das, was vor ihm lag: Eine Violine! Und nun nahm
er den kleinen Streifen Papier, der daran gebunden war, und las das
Verschen:

Fideln darfst du, kleiner Mann,
Vater will dir's zeigen.
Aber merk's und denk daran:
Immerfort zu geigen
Tut nicht gut und darf nicht sein.
Halte fest die Ordnung ein:
Eine Stund' am Tag, auch zwei,
Doch nicht mehr, es bleibt dabei.

"Mutter!" rief jetzt Frieder, "Mutter, hast du's schon gesehen?" Er
draengte sich zu ihr und zog sie an seinen Platz und fragte: "Darf ich
sie gleich probieren?" Und er nahm die kleine Violine, und da die
Geschwister ihm nicht viel Platz liessen, drueckte er sich hinter den
Christbaum und fing ganz sachte an, leise ueber die Saiten zu streichen
und zarte Toene hervorzulocken. Und er sah und hoerte nichts mehr von dem,
was um ihn vorging, und muehte und muehte sich, denn er wollte _reine_
Toene, dieser kleine Pfaeffling. Die Eltern sahen sich mit gluecklichem
Laecheln an: "Dies Weihnachten vergisst er nicht in seinem Leben," sagte
Frau Pfaeffling. "Ja," erwiderte ihr Mann, "und auf diesen kleinen
Schueler braucht mir wohl nicht bange zu sein!"

"Vater, hast du gesehen?" riefen nun wieder zwei Stimmen. "Was ist's,
Marianne?"

"Ein Paeckchen feinste Glacehandschuhe hat uns Fraeulein Vernagelding
geschickt!"

"Was? Euch Kindern, was tut _ihr_ denn damit?"

"Wir ziehen sie an, Vater, viele Kinder in unserer Schule haben welche."

"Nun, wenn nur ich sie nicht tragen muss!"

Es gab jetzt ein grosses Durcheinander, denn die Brueder probierten ihre
neuen Schlittschuhe an, liefen damit hin und her, fielen auch
gelegentlich auf den Boden. Im untern Stock erzitterte die Haengelampe.
"Man koennte meinen, es sei ein Erdbeben, die da droben sind heute ganz
ausser Rand und Band!" sagte Herr Hartwig zu seiner Frau.
"Weihnachtsabend!" entgegnete sie, und das eine Wort beschwichtigte den
Hausherrn. Auch hoerte das Getrampel der Kinderfuesse ploetzlich auf, es
wurde ganz stille im Haus, nur eine einzelne Stimme drang bis in den
untern Stock: Otto deklamierte. Nacheinander kamen nun all die kleinen
Ueberraschungen fuer die Eltern an die Reihe, zu denen sich an jenem
Adventsonntag Frieder auf den Balken die Eingebung geholt hatte. Alles
gelang zur Freude der Eltern, zum Stolz unserer sieben!

In ihrer Kueche stand Walburg und sorgte fuer das Abendessen. Auch fuer sie
war ein Platz unter dem Christbaum, und sie war freundlich bedacht
worden. Aber die Freude und innere Bewegung, die sich jetzt auf ihren
grossen, ernsten Zuegen malte, hatte einen andern Grund. Schon seit heute
morgen bewegte sie etwas in ihrem Herzen, das sie gern besprochen haette,
aber es hatte sich kein ruhiges Viertelstuendchen finden lassen. Wenn
jetzt Frau Pfaeffling herauskaeme, jetzt haette sie vielleicht einen
Augenblick Zeit fuer sie, aber sie wuerde wohl schwerlich kommen. Waehrend
Walburg sich darnach sehnte, war Frau Pfaeffling ganz von ihren Kindern
in Anspruch genommen, aber einmal, als ihr Blick zufaellig auf Walburgs
Geschenke fiel, die noch auf dem Tisch lagen, dachte sie an das Maedchen.
Warum war es wohl gar so kurz im Weihnachtszimmer geblieben? Es war noch
nicht Zeit, das Abendessen zu bereiten, warum verweilte sie nicht lieber
unter den gluecklichen Kindern, anstatt einsam in der kalten Kueche zu
stehen?

Frau Pfaeffling ging hinaus, nach Walburg zu sehen. Die Mutter wurde
zuerst nicht vermisst, es gab ja so viel anzusehen und zu zeigen, und der
Vater war ja da, aber allmaehlich ging von Mund zu Mund die Frage: "Wo
ist denn die Mutter?" Herr Pfaeffling schickte Frieder hinaus. Er kam
zurueck mit dem Bescheid, die Kuechentuere sei ganz fest zu und Walburg
rede so viel mit der Mutter, wie sonst nie. "Dann lasst sie nur
ungestoert," sagte der Vater, "wenn Walburg einmal redet, muss man froh
sein."

Frau Pfaeffling brachte aus der kalten Kueche einen warmen, sonnigen
Ausdruck mit herein. Die Kinder zogen sie an ihren Tisch heran, aber im
Vorbeigehen drueckte sie unvermerkt ihrem Mann die Hand und sagte leise:
"Ich erzaehle dir spaeter!" Als Walburg das Abendessen auftrug wechselten
sie einen vielsagenden Blick, und Marie sagte: "Unserer Walburg sieht
man so gut an, dass heute Weihnachten ist."

An diesem Abend waren die Kinder gar nicht zu Bett zu bringen, sie
wollten sich nicht trennen von der Bescherung. Es wurde spaet, bis
endlich Herr Pfaeffling mit seiner Frau allein war. "Du wirst nun auch
der Ruhe beduerftig sein," sagte er.

"Ja, aber eines muss ich dir noch erzaehlen, was mir Walburg anvertraut
hat. Sie erhielt heute einen Brief von einer alten Frau aus ihrem
Heimatdorf, die schreibt in schlichten, einfachen Worten, dass vor einem
Jahr ihr Sohn Witwer geworden sei und mit seinen drei Kindern und dem
kleinen Bauerngut hilflos dastehe. Er muesse wieder eine Frau haben, und
weil er Walburg von klein an kenne, moechte er am liebsten sie haben. Er
wisse wohl, dass sie nicht gut hoere, aber das mache weiter nicht viel.
Wenn sie einverstanden sei, moege sie in den Feiertagen einmal
herausfahren, dass man die Verlobung feiern koenne und die Hochzeit
festsetze. Der Sohn hat dann noch an den Brief seiner Mutter unten
hingeschrieben, die Reisekosten wolle er zur Haelfte bezahlen. Walburg
kennt den Mann gut, denn sie waren Nachbarsleute, und sie ist ganz
entschlossen, ja zu sagen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das
freut fuer Walburg!"

"Das ist freilich ein unerhofftes Glueck, aber wird sie denn einem
Haushalt vorstehen koennen bei ihrer Taubheit?"

"Wenn ihr die alte Mutter zur Seite steht, wird sie schon zurecht
kommen. Ein schweres Kreuz bleibt es freilich fuer sie, aber ich finde es
ruehrend, dass der Mann es auf sich nehmen will, um ihrer andern guten
Eigenschaften willen. Uebrigens sagt Walburg, sie verstehe die Leute da
draussen viel besser, weil sie ihren Dialekt reden."

"Das kann wohl etwas ausmachen, und mich freut es fuer die treue Person,
wenn auch nicht fuer uns. Aber wir werden auch wieder einen Ersatz
finden."

"Nicht so leicht! Doch daran denke ich heute gar nicht. Am zweiten
Feiertag moechte sie hinausfahren auf ihr Dorf. Vorher wollen wir mit den
Kindern noch nicht davon sprechen, sondern ihnen erst, wenn Walburg
zurueckkommt, sagen, dass sie Braut ist."

Waehrend unten so von ihr gesprochen wurde, war auch Walburg oben in
ihrer Kammer noch taetig. Sie hatte zuerst in diesem ihrem eigenen
kleinen Revier noch einmal ihren Brief gelesen und nun kniete sie vor
der hoelzernen Truhe, in der ihre Habseligkeiten saeuberlich und sorgsam
geordnet lagen. Sie hatte schon seit Jahren die Bauerntracht nimmer
getragen, die in ihrem Dorf gebraeuchlich war, jetzt wollte sie sie
hervorsuchen, sie sollte ja wieder zu den Landleuten da draussen gehoeren.
Der dicke Rock und das schwarze Mieder, das Haeubchen und die breite
blauseidene Schuerze, das alles lag beisammen, und sollte nun wieder zu
Ehren kommen!

Am zweiten Weihnachtsfeiertag, frueh morgens, noch ehe es tagte, reiste
sie in ihrem laendlichen Staat in ihre Heimat.

Erst wenn Walburg fehlte, merkte man, wie viel sie im Haus leistete. Es
war gar kein Fertigwerden ohne sie. Und nun gar in solchen Ferientagen.
Wenn Frau Pfaeffling drei ihrer Kinder dazu gebracht hatte, schoen
aufzuraeumen, so hatten inzwischen vier andere wieder Unordnung gemacht
und auf dem grossen Weihnachtstisch nahm der Kampf gegen die Nussschalen
und Apfelbutzen kein Ende. Dazu kam der Kinderlaerm. Die Schlittschuhe
lagen bereit, aber das Eis wollte sich bei der geringen Kaelte nicht
bilden, und Frau Pfaeffling hatte doch so viel Feiertagsruhe davon
erhofft! So lockte nichts die Kinder ins Freie, sie trieben sich alle
sieben lachend, spielend oder streitend herum und machten der Mutter
warm. Bis sie das Mittagessen bereitet und auf den Tisch gebracht hatte,
war sie fast zu muede, um selbst davon zu nehmen. Da sah Herr Pfaeffling
nach den Wolken am Himmel, erklaerte, das Wetter helle sich auf und er
wolle einen weiten Marsch mit den grossen Kindern machen. Als eben
beraten wurde, ob Marianne auch mittun koenne, kam eine Schulfreundin und
lud die beiden Maedchen zu sich ein. Das war ein seltenes Ereignis und
wurde mit Freude aufgenommen. So blieben nur die beiden Kleinen uebrig,
die begleiteten ein wenig traurig die Grossen hinunter, kamen dann aber
um so vergnuegter wieder herausgesprungen. Die Hausfrau hatte sie
eingeladen, ihren Christbaum anzusehen und bei ihr zu spielen.

So geschah es, dass Frau Pfaeffling an diesem Nachmittag ganz allein war;
ihr Mann, die Kinder, ja sogar Walburg fort, so dass nicht einmal aus der
Kueche ein Ton hereindrang. Wie wohl tat ihr die unerhoffte Ruhe! Wie
viel liess sich auch an solch einem stillen Nachmittag tun, an das man
sonst nicht kam! Es war schon ein Genuss, sich sagen zu duerfen: was
_willst_ du tun? Meistens draengten sich die Geschaefte von selbst auf und
haetten schon fertig sein sollen, ehe man daran ging. Eine Weile ruhte
sie in traeumerischem Sinnen und ueber dem wurde ihr klar, was sie tun
wollte: "Mutter," sagte sie leise vor sich hin, "Mutter, ich komme zu
dir!"

Frau Pfaefflings Mutter lebte im fernen Ostpreussen, und seit vielen
Jahren hatten sich Mutter und Tochter nimmer gesehen. Die bald 80
jaehrige Frau konnte _nicht mehr_, und die junge Frau konnte _noch_ nicht
die Reise wagen, die Kinder brauchten sie noch gar zu notwendig daheim.
Aber es war doch koestlich, das treue Mutterherz noch zu besitzen, wenn
auch in weiter Ferne. Seit langer Zeit hatte sie den Ihrigen nur kurze,
eilig geschriebene Briefe mit den noetigsten Mitteilungen schicken
koennen, jetzt wollte sie sich aussprechen, wie wenn sie endlich, endlich
einmal wieder bei der geliebten Mutter waere. Und es gab einen langen,
langen Brief, in dem die ganze Liebe zur Mutter sich aussprach, ja, in
dem es fast wie Heimweh klang, aber das konnte doch nicht sein, war Frau
Pfaeffling doch schon 18 Jahre aus dem Elternhaus. Es stand in dem Brief
viel von Glueck und Dankbarkeit, viel von des Tages Last und Hitze und
davon, dass ihr Mann und sie noch immer treulich an dem Trauungsspruch
festhielten: Ein jeder trage des andern Last.

Ihr Brief war fertig geworden beim letzten Schimmer des kurzen
Dezembertags. Jetzt, als es dunkelte, ging sie zum Christbaum und
zuendete ein einziges Lichtchen an. Das warf einen schwachen Schein und
grosse breite Schatten von Tannenzweigen zeichneten sich an der Decke des
Zimmers ab. Es war eine feierliche Stille am Weihnachtsbaum und Frau
Pfaeffling sagte leise vor sich hin: Nahet euch zu Gott, so nahet er sich
zu euch.

Eine Viertelstunde spaeter mahnte die Glocke, dass wieder Leben und
Bewegung Einlass begehre. "Nun werden die Kinder kommen," sagte sich Frau
Pfaeffling. Sie fuehlte sich wieder allen Anforderungen gewachsen,
froehlich ging sie hinaus und sprach zu sich selbst: "Dein Mann soll dich
nicht so matt wiederfinden, wie er dich verlassen hat." Sie ging, ihm
und den Kindern zu oeffnen, sie waren es aber nicht, die geklingelt
hatten, Walburg stand vor der Tuere.

"Du kommst schon?" rief Frau Pfaeffling erstaunt, "wir haben dich erst
mit dem letzten Zug erwartet."

"So kann ich das Abendessen machen," entgegnete das Maedchen. "Kartoffeln
zusetzen?"

"Ja, aber das ist mir jetzt nicht das wichtigste, sage mir doch erst,
wie alles gegangen ist," und da Walburg zoegerte, fuegte sie hinzu, "ich
bin ganz allein zu Hause." Und nun antwortete Walburg: "Er hat sich's
nicht so arg gedacht, er meint, fuer die Kinder waere doch eine besser,
die hoert." Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich um und ging die Treppe
hinauf in ihre Kammer. Sie wollte den braeutlichen Putz ablegen. Sorgsam
faltete sie die blauseidene Schuerze, versenkte sie in die Truhe und
legte den Brief dazu, der sie zwei Tage gluecklich gemacht hatte. Dann
schluepfte sie in ihre alltaeglichen Kleider, setzte sich auf die alte
Truhe und sah mit traurigen, aber traenenlosen Augen auf die kahlen Waende
ihrer Kammer. Es war so kalt und totenstill da oben, es war so oede und
leer in ihrem Herzen.

Da ging die Tuere auf, Frau Pfaeffling kam herein und stand unvermutet
neben dem Maedchen, das ihren Schritt nicht gehoert hatte. "Walburg, du
tust mir so leid," sagte sie und ihre Augen waren nicht traenenleer.
Walburg aber beherrschte ihre Bewegung und erwiderte in ihrer ruhigen
Art: "Draussen habe ich selbst erst gemerkt, wie schlimm das mit mir
geworden ist, ich habe kein Wort verstanden, sie haben mir's auf die
Tafel schreiben muessen und die Kinder haben gelacht. So wird er wohl
recht haben. Er war freundlich mit mir bis zuletzt, das Reisegeld hat
er mir zu zwei Drittel gezahlt und die Alte hat mir noch Kuchenbrot
mitgegeben. Sonst waere alles recht gewesen, nur gerade eben die
Taubheit. Und sie sagen auch, ich koennte gar nicht mehr so reden wie
sich's gehoert. Ich weiss nicht wie das zugeht, Sie verstehe ich doch
auch ohne Tafel und rede ich denn nicht wie frueher auch?"

"Fuer uns redest du ganz recht," entgegnete Frau Pfaeffling, "wir
verstehen uns und darum ist's am besten, wir bleiben zusammen. Uns ist's
lieb, dass du uns nicht verlaesst, Walburg, du hast uns so gefehlt." Da
wich der starre, traurige Zug aus Walburgs Gesicht, und sie sah voll
Liebe und Dankbarkeit auf zu der Frau, die sich so bemuehte, ihr, der
Tauben, Trostreiches zu Gehoer zu bringen. Worte des Dankes fand sie
freilich nicht, aber mit Taten wollte sie danken; eilfertig griff sie
nach ihrer Hausschuerze, band sie um und sagte: "Wenn der Herr heimkommt
und das Essen nicht gerichtet ist!"

Frau Pfaeffling sagte an diesem Abend zu ihren Kindern: "Walburg ist so
traurig aus ihrer Heimat zurueckgekehrt, sie hat weder Eltern noch
Geschwister mehr draussen, wir wollen uns Muehe geben, dass sie sich bei
uns recht heimisch fuehlt."

"Ich gehe mit meiner Violine zu ihr," sagte Frieder, "den Geigenton hoert
sie."

Da warnte Herr Pfaeffling mit dem Finger und sagte: "Nach dem Abendessen
noch geigen? Wie heisst dein Vers?

"'Eine Stund am Tag, auch zwei,
Doch nicht mehr, es bleibt dabei.'"

Aber Frieder konnte nachweisen, dass er heute noch nicht zwei Stunden
gespielt hatte, ging hinaus in die Kueche und machte mit denselben
Violinuebungen, die sonst die Zuhoerer in Verzweiflung bringen, dem
traurigen Maedchen das Herz leichter, denn es erkannte die Anhaenglichkeit
des Kindes, und in die tiefe Vereinsamung, die ihr die Taubheit
auferlegte, drang der Ton der Saiten zu ihr als eine Verbindung mit den
Mitmenschen.




9. Kapitel

Bei grimmiger Kaelte.


Das Neujahrsfest brachte grimmige Kaelte, brachte Eis, mehr als zum
Schlittschuhlaufen noetig gewesen waere. Schon beim Erwachen empfand man
die menschenfeindliche Luftstroemung und es gehoerte Heldenmut dazu, aus
den warmen Betten zu schlupfen. In Pfaefflings kalten Schlafzimmern war
das Waschwasser eingefroren, und man musste erst die Eisdecke
einschlagen, ehe man es benuetzen konnte.

Als die Familie sich mit Neujahrswuenschen am Fruehstueckstisch
zusammenfand, galt Herrn Pfaefflings erster Blick dem Thermometer vor dem
Fenster, und er musste das Quecksilber in ungewohnter Tiefe suchen.
"Zwanzig Grad Kaelte," verkuendete er, "Kinder, das habt ihr noch nie
erlebt; und Walburgs Neujahrsgruss lautete: 'Die Wasserleitung ist ueber
Nacht eingefroren.'"

Die Strassen waren ungewoehnlich still, wer nicht hinaus musste, blieb
daheim am warmen Ofen und wer, wie die Brieftraeger, am Neujahrstag ganz
besonders viel durch die kalten Strassen laufen und vor den Haeusern
stehend warten musste, bis die Tueren geoeffnet wurden, der hoerte manches
teilnehmende Wort. Frau Hartwig brachte ihnen bei jedem Gang eine Tasse
warmen Kaffees entgegen. Auch die Familie Pfaeffling hatte ihr Paeckchen
Glueckwunschkarten und -briefe erhalten und unter diesen Briefen war
einer, der noch mehr als Glueckwuensche enthielt. Es war die Antwort auf
Frau Pfaefflings Weihnachtsbrief und er brachte ihr eine warme, dringende
Einladung, sich zum achtzigsten Geburtstag ihrer Mutter, der im Februar
gefeiert werden sollte, einzufinden, damit nach langen Jahren der
Trennung auch _einmal_ wieder die drei Geschwister mit der Mutter in der
alten Heimat vereinigt waeren. So viel Liebe und Anhaenglichkeit sprach
sich aus in den Briefen von Frau Pfaefflings Bruder und Schwester, denen
ein eigenhaendiger, mit zitternder Hand geschriebener Gruss der alten
Mutter beigesetzt war, dass Frau Pfaeffling tief bewegt war und zu ihrem
Mann wehmuetig sagte: "Ach, wenn es nur moeglich waere, aber es ist ja gar
nicht daran zu denken! So weit fort und auf ein paar Wochen, denn fuer
einige Tage wuerde sich die grosse Reise gar nicht lohnen."

Es kam ganz selten vor, dass Frau Pfaeffling fuer sich einen Wunsch
aeusserte, und so war es nur natuerlich, dass es der ganzen Familie
Eindruck machte, wenn es doch einmal geschah.

"Geht es denn wirklich nicht, Vater?" fragte Karl.

"So ganz unmoeglich kommt mir die Sache nicht vor," antwortete Herr
Pfaeffling, indem er sich an seine Frau wandte, "jetzt, wo die Kinder
gross sind und Walburg so zuverlaessig ist."

Frau Pfaeffling wollte etwas entgegnen, aber der ganze Kinderchor stimmte
dem Vater zu, wollte gar keine Schwierigkeit gelten lassen und
versicherte, es sollte in Abwesenheit der Mutter alles so ordentlich
zugehen, wie wenn sie da waere. Aber sie schuettelte dazu unglaeubig den
Kopf und brach die Beratung ab, indem sie sagte: "Bei solch einer Kaelte
mag man gar nicht an eine Reise denken, wir wollen sehen, was der Januar
bringt!"

Zunaechst brachte er den Abschluss der Ferienzeit, die Schulen begannen
wieder. So warm wie moeglich eingepackt machten sich die Kinder auf den
Weg. Freilich, die drei grossen Brueder besassen zusammen nur zwei
Wintermaentel, bisher waren sie auch immer gut damit ausgekommen, heute
haette jeder gerne einen gehabt. Otto hatte sich einen gesichert, indem
er ihn schon vor dem Fruehstueck angezogen hatte. Nun standen Karl und
Wilhelm vor dem einen, der noch uebrig war. "Dich wird's nicht so arg
frieren wie mich," sagte Wilhelm zum groesseren Bruder und Karl, obwohl er
nicht recht wusste, warum es ihn nicht so frieren sollte, war schon im
Begriff, auf den Mantel zu verzichten, als Otto sich einmischte: "Lass
doch Karl den Mantel. In den obern Klassen hat doch jeder einen, es
sieht so dumm aus, wenn er allein keinen hat!"

"Dumm?" sagte Herr Pfaeffling, "es sieht eben aus, als seien keine grossen
Kapitalien da, mit denen man ungezaehlte Maentel beschaffen koennte. So
ist's und deshalb darf es auch so aussehen. Uebrigens, laenger als
fuenfzehn Minuten braucht ihr nicht zum Schulweg, ist das auch der Rede
wert, wenn man eine Viertelstunde frieren muss? Seid ihr so zimpferlich?"

"Ich nicht," rief Wilhelm, "ich brauche auch nur zwoelf Minuten," er liess
den Mantel fahren und rannte davon.

Elschen war diesmal nicht so ungluecklich wie frueher ueber den
Schulanfang, sie nahm die Schultasche her, die sie zu Weihnachten
bekommen hatte, packte die Tafel aus, fing an zu schreiben, was sie von
Buchstaben kannte, und troestete sich mit der Aussicht, dass nach den
Osternferien auch sie mit den Grossen den Schulweg einschlagen wuerde.

So wohl es Frau Pfaeffling tat, wenn ihre Kinder nach solcher Ferienzeit
wieder zum ersten Male in die Schule gingen, so freute sie sich doch auf
das erste Heimkommen, denn sie wusste aus Erfahrung, dass Mann und Kinder
angeregt und von irgend welchen neuen Mitteilungen erfuellt, zurueckkommen
wuerden. Um so mehr war sie ueberrascht, dass Marianne diesmal weinend nach
Hause kam. Die beiden Maedchen, obgleich sie gut mit Wintermaenteln
versehen waren, weinten vor Kaelte und die Fingerspitzen wurden in der
Waerme nur noch schmerzhafter, so dass sie noch klagend im Zimmer
herumtrippelten, als die Familie sich zu Tisch setzen wollte. "Habt ihr
denn eure Winterhandschuhe nicht angehabt?" fragte Frau Pfaeffling. Da
kam ein kleinlautes "Nein" heraus und das Gestaendnis, dass man sich den
Mitschuelerinnen mit den neuen, knapp anschliessenden Glacehandschuhen
habe zeigen wollen, die Fraeulein Vernagelding zu Weihnachten geschenkt
hatte. Nun wurden die armen Frierenden noch von den Bruedern ausgelacht.

"So, du lachst auch mit, Otto," sagte Frau Pfaeffling. "Wenn du keine
Glacehandschuhe traegst, so kommt es gewiss nur daher, dass du keine hast.
Aber Kinder, wer von euch eitel ist, der hat nichts vom Vater und ist
gar kein rechter Pfaeffling, und das wollt ihr doch alle sein? Nun kommt,
ihr Erfrorenen, jetzt gibt es warme Suppe. Elschen und ich, wir haben
uns so gefreut, bis ihr alle heimkommt und von der Schule erzaehlt.
Kommt, wir wollen beten:

"Herr wie schon vor tausend Jahren
Unsre Vaeter eifrig waren,
Dich als Gast zu Tisch zu bitten,
So verlangt uns noch heute,
Dass Du teilest unsre Freude.
Komm, o Herr in unsre Mitte!"

Bei Tisch kamen nun, wie Frau Pfaeffling erwartet hatte, allerlei
Mitteilungen. Ueber Weihnachten hatte man sich ganz in die Familie
vergraben, jetzt, durch die Beruehrung mit der Aussenwelt, erfuhr man
wieder, was vor sich ging. Herr Pfaeffling hatte vom Direktor der
Musikschule etwas gehoert, was ihn ganz erfuellte: Ein Kuenstlerkonzert
ersten Ranges sollte in diesem Monat stattfinden. Ein Kuenstlerpaar, das
vor Jahren schon die Stadt besucht und alle Musikfreunde hingerissen
hatte, die Frau durch ihren herrlichen Gesang, der Mann durch
meisterhaftes Klavierspiel, wollte auf einer Reise durch die grossen
Staedte Europas sich hoeren lassen, und zwar nahm an dieser Konzertreise
zum erstenmal auch der kleine Sohn des Kuenstlerpaares als Violinspieler
Anteil, und die Zeitungen waren voll von ueberschwaenglichen Schilderungen
des ruehrenden Eindrucks, den das geniale Violinspiel des wunderbar
begabten Knaben mache.

Freilich waren die Preise fuer diesen Kunstgenuss so hoch gestellt, dass
unser Musiklehrer nicht daran gedacht haette, sich ein solch kostbares
Vergnuegen zu goennen, aber das Konzert sollte im Saal der Musikschule
gegeben werden, und in solchem Fall war es ueblich, dass die Hauptlehrer
der Anstalt Freikarten erhielten. So gab er sich jetzt schon der Freude
auf diesen grossen Kunstgenuss hin, umkreiste vergnuegt den Tisch, blieb
dann hinter seiner Frau Stuhl stehen und sagte: "Ich bekomme eine
Freikarte zum Konzert, du bekommst von deinem Bruder eine Freikarte zum
80. Geburtstag der Mutter. Nicht wahr, Kinder, die Mutter muss sich zur
Reise richten?" Sie stimmten alle ein, und es schien der Mutter mit dem
Widerspruch nicht mehr bitterer Ernst zu sein.


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