Mary, Erzaehlung - Bjornstjerne Bjornson
MARY, ERZAeHLUNG
von
BJORNSTJERNE BJORNSON
* * * * *
Das Gut und die Familie
Die Kuestenlinie des suedlichen Norwegen ist haeufig unterbrochen. Daran
sind die Berge und die Fluesse schuld. Das Gebirge laeuft in Huegel und
Landzungen aus, denen oft Inseln vorgelagert sind; die Stroeme haben
Taeler gegraben und muenden in Buchten.
In solch einer Bucht, dem "Kroken", lag das Gehoeft. Urspruenglich hiess
der Hof Krokskog, woraus die daenischen Beamten in ihren Protokollen
"Krogskov" machten; jetzt heisst er Krogskog. Die Besitzer nannten sich
einstmals Kroken; Anders oder Hans Kroken, das waren die Hauptnamen.
Spaeter nannten sie sich Krogh, der General vom Geniekorps sogar von
Krogh. Jetzt heissen sie recht und schlecht Krog.
Alle Leute, die auf den kleinen Dampfern von oder nach der nahen Stadt
hier vorbeikamen und an der Landungsbruecke unterhalb der Kapelle
anlegten, wussten davon zu erzaehlen, wie behaglich und traulich geborgen
Krogskog doch dalaege.
Die Berge am Horizont nahmen sich grossartig aus; hier vorn aber waren
sie niedriger. Zwischen zwei vorspringenden, bewaldeten, langgestreckten
Huegelruecken lag der Hof. So dicht draengten sich die Haeuser an die Anhoehe
zur Rechten, dass es den Dampferpassagieren vorkam, als koenne man vom
Dach des Hauses auf den Huegel hinueberspringen; der Westwind fand hier
keinen Einlass; wie beim Versteckspiel konnte man zu ihm sagen: "Ein Haus
weiter!" Das gleiche konnte man auch zum Nord- und Ostwind sagen. Einzig
der Sturm von Sueden her kam zu Gast, aber auch nur in aller
Bescheidenheit. Die Inseln, eine grosse und zwei kleine, hielten ihn auf
und stutzten ihn zurecht, bis sie ihn weiterziehen liessen. Die hohen
Baeume vor dem Hause wiegten nur gerade rhythmisch ihre hoechsten Wipfel;
die Haltung verloren sie nicht.
Diese stille Bucht hatte den besten Badestrand der ganzen Gegend.
Besonders die Jugend kam im Sommer an den Samstagabenden oder Sonntags
aus der Stadt, um im Wasser auf dem sandigen Grunde herumzutollen oder
nach der Grossen Insel hin und zurueck zu schwimmen. Von Krogskog aus
gesehen, lag der Badestrand zur Linken, da, wo der Fluss muendete, wo die
Landungsbruecke war, und wo, ein wenig hoeher und dem Huegel naeher, auch
die Kapelle sich befand, umgeben von den Krogschen Familiengraebern. Von
da bis hinauf zu den Haeusern rechts war es ein gutes Stueck. Hier oben
war kaum je der Laerm der Badenden und Spielenden zu hoeren. Anders Krog
aber kam gern selbst hinunter, um ihnen zuzusehen, wenn sie auf der
Sandbank oder im Walde draussen auf der Landspitze Feuer angezuendet
hatten. Er kam vermutlich, um ein Auge aufs Feuer zu haben. Aber davon
hoerte und merkte niemand etwas. Er war bekannt als "der hoeflichste Mann
der Stadt", oder "der erste Gentleman der Stadt." Seine grossen,
eigentuemlich leuchtenden Augen glitten wie ein freundlicher Willkommgruss
ueber alle Gesichter; die wenigen Worte, die er sprach, enthielten nichts
als gute Wuensche. Er selbst stieg den Huegel weiter hinan auf seinem
gewohnten, langsamen Rundgang. Seine hohe, leicht vornuebergebeugte
Gestalt war oben im Wald zu sehen, und so lange blieb es still. Aber was
hatten sie hier sonst fuer einen Spass. Meist waren es Arbeiter und
Handwerker aus der Stadt, Turnvereine, Gesangvereine, Kinder. Sie
scharten sich bei der Landungsbruecke und bei der Kapelle; da zogen sie
sich aus.
Die Strandstrasse fuehrte unmittelbar daran vorbei. Aber im Sommer fuhr
selten jemand dort entlang; da fuhr man lieber mit den kleinen Dampfern
oder in Booten. Wenn die Badenden oben auf dem Huegel einen Posten
aufstellten, waren sie sicher, dass keiner sie ueberrasche.
Oben auf dem Hof selbst war es still, immer still. Die schoenste
Vorderfront des Hauptgebaeudes sah nicht einmal auf die Bucht hinaus,
sondern aufs Feld. Das Haus bestand aus zwei hohen Stockwerken mit
abgestumpften Dachecken. Ein langes, breites Haus.
Die Grundmauer vorn war ziemlich hoch; eine bequeme Treppe fuehrte
hinauf. Das ganze Gebaeude war weissgestrichen, die Grundmauer aber und
die Fenster schwarz. Die Nebenhaeuser lagen naeher dem Huegel zu; vom
Dampfer aus waren sie nicht zu sehen. Zu beiden Seiten des Hauptgebaeudes
grosse Gaerten. Der Garten nach der See zu stand voller Obstbaeume, der
links vom Hause war ausschliesslich Blumen- und Kuechengarten.
Zwischen den Hoehen lag ein laenglicher Streifen flachen Wiesenlandes. Es
war vorzueglich bestellt. Die grossen hollaendischen Kuehe hatten es gut
hier.
Die Geschichte des Gutes und der Familie hatte der Wald vorausbestimmt.
Der Wald war gross und ueppig und war gluecklicherweise fruehzeitig unter
hollaendische Pflege und Sparsamkeit geraten, damals als hollaendische
Kuffs die Waldbesitzer in Norwegen aufsuchten. Hier bekamen sie ihre
Holzladung und versorgten die Norweger dafuer mit ihrer Kultur und deren
Erzeugnissen. Krogskog hatte besonderes Glueck dabei; denn vor nun
dreihundert Jahren geschah es, dass der Besitzer eines Kuffs, der in der
Bucht lag und lud, sich in des Bauern blondhaarige Tochter verliebte.
Das Ende vom Liede war, dass er die ganze Herrlichkeit kaufte. Ein
wundervoll gemaltes Bild von ihm und ihr haengt noch in der guten Stube,
der Eckstube nach der Bucht hinaus. Das Portraet zeigt einen langen,
hageren Mann mit ungewoehnlich leuchtenden Augen. Er war dunkelhaarig und
ein wenig krummnackig. Der Stamm muss kraeftig gewesen sein, denn so sehen
die Krogs noch heutigentags aus. Der erste hollaendische Besitzer hiess
nicht Krog; er wohnte auch nicht hier; aber der Sohn, der den Hof
uebernahm, war nach seinem Grossvater muetterlicherseits Anders Krog
getauft, und er nannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Hans.
Fortan wechselten die beiden Namen miteinander ab. Wenn noch mehr Soehne
da waren, hiess einer Klas und einer Juerges, woraus im Lauf der Zeit
Klaus und Juergen wurde. Die Mischehen mit den hollaendischen Verwandten
setzten sich naemlich fort, so dass die Familie zu gleichen Teilen
hollaendisch und norwegisch war; der Haushalt wurde lange Zeit ganz
hollaendisch gefuehrt.
Aber es war, als wenn sich die Rassen trotzdem nicht vermischten.
Wahrscheinlich weil das hollaendische Element nicht rein hollaendisch
war,--in diesem Falle haette es sich leichter mit dem norwegischen
Element verschmolzen,--sondern mit spanischem Blut durchsetzt war. Das
schwarze Haar, die leuchtenden Augen, der hagere Koerper vererbten sich
von Glied zu Glied bei den Maennern; das blonde Element aber und die
kraeftig gebaute Gestalt blieb den Frauen eigen; in ihnen floss
norwegisches Blut, vermengt mit hollaendischem. Selten sah man ein andres
Zugestaendnis der maennlichen Linie an die weibliche oder umgekehrt, als
dass helles und dunkles Haar sich in rotem fanden, oder dass die
leuchtenden Augen auch einmal auf ein Frauenantlitz uebergingen.
Es war eine Eigentuemlichkeit der Familie, dass in allen Ehen mehr Maedchen
als Knaben geboren wurden. Die Krogs waren schoene Menschen und
durchgehend wohlhabend; infolgedessen war die Familie weitverbreitet und
angesehen. Man sagte ihnen nach, sie hielten ihre Leute und ihre Habe
gut zusammen.
Ihnen allen gemeinsam war ein weises Masshalten. In Norwegen ist es ja
allgemein, dass ein Vermoegen nicht durch drei Generationen besteht. Wird
es nicht in der zweiten vergeudet, dann sicherlich in der dritten. Hier
hielt es sich. Fuer den Hauptsitz der Familie waren die Waelder heute eine
ebensolche Quelle des Reichtums wie vor dreihundert Jahren.
Erblich in der Familie war der Hang zum Wandern. In der Bibliothek des
Hofes waren mehr Reisebeschreibungen als Werke aus anderen Gebieten, und
es wurden ihrer bestaendig mehr. Schon die Kinder hatten am Reisen
Interesse, d.h. sie machten Plaene nach Buechern, Bildern und Karten. Sie
spielten reisen auf den Tischen. Sie wanderten von der einen Stadt, die
aus farbigen Papierhaeusern aufgebaut war, zu den andern gleicher Art.
Sie schoben Schiffe hin und her, die auch aus buntem Papier waren und
die Bohnen, Kaffee, Salz und Hoelzer fuehrten. Draussen auf der Bucht
ruderten, segelten und schwammen sie von der Landungsbruecke zu den
Inseln hinueber. Von Europa nach Amerika, von Japan nach Ceylon. Oder sie
zogen ueber die Huegelruecken, d.h. ueber die Kordilleren zu den
allerdenkwuerdigsten Indianerstaedten.
Kaum waren sie erwachsen, so ging es auf die Wanderschaft; es fing
meistens mit einer Reise zu den hollaendischen Verwandten an. So kam vor
vielleicht zweihundert Jahren ein Mann dahin, der freilich sofort mit
einem hollaendischen Ostindienfahrer weiterreiste, aber nach Amsterdam
zurueckkehrte in dem Wunsch, Baumeister und Ingenieur zu werden, was
damals zusammengehoerte. Er zeichnete sich aus und wurde spaeter als
Lehrer in seinem Fach nach Kopenhagen berufen. Da ging er zum Heer ueber
und wurde schliesslich General im Geniekorps. Durch Erbschaft und Arbeit
hatte er sich ein Vermoegen erworben, nahm den Abschied und siedelte sich
in Krogskog an, das er einem kinderlosen Bruder abkaufte. Er nannte sich
Hans von Krogh. Er baute das jetzige Hauptgebaeude aus Stein, eine wenig
gebraeuchliche Bauart in einer norwegischen Waldgemeinde. Der alte
Ingenieur wollte seinen Spass haben. Obwohl er nicht verheiratet war,
baute er es geraeumig "fuer die Kommenden." Alle Haeuser des Gehoefts baute
er um; er grub und pflanzte; er liess einen Gaertner aus Holland kommen,
den alten Siemens, von dessen strengem Wesen und heissem Streben nach
Reinlichkeit und Ordnung noch heute berichtet wird. Fuer ihn baute der
General das Treibhaus und die Gaertnerwohnung.
Der General wurde sehr alt. Nach ihm geschah nichts Besonderes, bis der
Juengere von zwei Bruedern nach Amerika ging und sich dicht am Michigansee
ansiedelte, wo damals noch Neuland war. Das wurde als ein grosses
Ereignis angesehen. Er hiess Anders Krog, und es ging ihm gut da drueben.
Nur wunderte man sich, dass er sich nicht verheiratete. Er wollte einen
seiner Neffen zu sich nehmen, um ihm seinen Besitz zu ueberlassen. So kam
es, dass der aeltere Bruder des jetzigen Eigentuemers von dannen zog. Er
hiess Hans.
Aber siehe da, ein jung norwegisch Maedchen, auch eine Verwandte, kam
genau zur selben Zeit hin, und in sie verliebte sich der alternde Onkel.
Er bot seinem Neffen an, ihm die Kosten der Rueckreise zu erstatten. Dem
jungen Mann aber erschien das unwuerdig. Er blieb und fing ein eigenes
Geschaeft an, und zwar einen Holzhandel, denn darauf verstand er sich.
Das Geschaeft ging ausserordentlich gut. Als er nach dem Tode seines
Vaters nach Hause sollte und den Hof uebernehmen, wollte er nicht. Der
juengere Bruder Anders war inzwischen Kaufmann geworden; er betrieb das
groesste Kolonialwarengeschaeft der Stadt. Jetzt musste er auch den Hof
uebernehmen.
Ein eigentlicher Geschaeftsmann war der junge Anders Krog nicht. Aber
seine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen und sein ruecksichtsvolles Wesen
bewirkten, dass bald alle bei ihm kauften. Ein andrer haette reich dabei
werden muessen; aber das wurde er nicht. Als er Krogskog uebernahm, war
sowohl das Geschaeft in der Stadt wie vor allem auch der Hof erheblich
verschuldet. Keins von beiden hatte er billig bekommen. Reisen hatte er
freilich auch muessen, aber es waren jedes Jahr nur vier Wochen gewesen,
einmal nach England, ein andermal nach Frankreich usw. Sein groesster
Wunsch war allerdings, einmal bis nach Amerika zu kommen, aber dazu
hatte er denn doch nicht den Mut. Er begnuegte sich damit, von dem neuen
Wunderlande zu lesen; Lesen war seine groesste Freude; nach ihr kam das
Hantieren im Garten. Das verstand er besser als der Gaertner.
Dieser stille Mann mit den leuchtenden Augen war schuechtern wie ein
Maedchen von vierzehn Jahren. An jedem Werktag morgen suchte er sich
einen einsamen Platz--d.h. wenn so einer da war--auf dem kleinen
Dampfer, der ihn nach der Stadt brachte, solange die Bucht nicht
zugefroren war. Beim Aussteigen war er voll Ruecksicht gegen die andern;
ehrerbietig gruessend eilte er an ihnen vorbei, wenn er an Land gekommen
war,--und war dann in seinem Hause am Markt zu finden bis zum Abend, wo
er auf die gleiche Weise heimkehrte. Das heisst: wenn er nicht radelte.
Im Winter fuhr er mit dem Wagen oder uebernachtete in der Stadt, wo er in
seinem eigenen Hause zwei bescheidene Mansardenstuben bewohnte.
Er hatte das Zeug zu dem besten Ehemann, den man sich in der Stadt
vorstellen konnte. Aber seine unueberwindliche Bescheidenheit machte jede
Annaeherung unmoeglich,--bis die rechte kam. Da war er aber schon ueber
vierzig Jahr. Es ging ihm wie seinem Namensvetter, dem Onkel am
Michigansee, dass ein junges Maedchen aus seiner eigenen Familie erschien
und ihn eroberte. Und das war ausgerechnet das einzige Kind dieses
Onkels.
Er stand eines Sonntag morgens in Hemdsaermeln in seinem Kuechen- und
Blumengarten an der Nordseite des Hauses, als ein junges Maedchen mit
einem grossen Strohhut die beiden unbehandschuhten Haende auf das weisse
Staket legte und zwischen den grossen Knaufen des Gitters
hindurchschaute.
Anders Krog, der vor einem Blumenbeet kauerte, hoerte ein schelmisches
"Guten Tag" und fuhr in die Hoehe. Seine Augen nahmen das Maedel wie eine
Offenbarung in sich auf. Sprachlos und unbeweglich stand er mit seinen
erdigen Haenden da und starrte sie an.
Sie lachte und sagte: "Wer bin ich?" Da kam ihm die Besinnung zurueck.
"Sie sind--Sie sind sicher--", er kam nicht weiter, aber sein Laecheln
hiess sie willkommen. "Wer bin ich?"--"Marit Krog aus Michigan." Er hatte
von seiner Schwester, die jenseits des linken Huegelrueckens wohnte,
gehoert, Marit Krog sei unterwegs. Aber er hatte nicht geahnt, dass sie
schon da war.--"Und Sie sind der Bruder meines Vaters", antwortete sie
in etwas englischem Tonfall. "Wie Ihr beide Euch aehnlich seid!--Nein,
wie Ihr Euch aehnlich seid!"--Sie stand und starrte ihn an. "Darf ich
nicht hineinkommen?"--"Ja, selbstverstaendlich,--aber erst--erst muss ich
doch--", er blickte auf seine Haende und auf die Hemdsaermel.--"Ich kann
ja ins Haus gehen?" sagte sie unternehmungslustig. "Das koennen
Sie,--selbstverstaendlich! Gehen Sie bitte durch die Haupttuer hinein. Ich
werde das Maedchen schicken",--und er begab sich eilig nach der Kueche.
Sie lief vorn vor das Gebaeude und die Treppe hinauf. Sie musste einen
ungeheuer grossen Schluessel, der wie der ganze Eisenbeschlag ein altes
Kunstwerk war, umdrehen, um in das Vorzimmer zu gelangen, das sehr viel
Licht hatte. In ihr steckte ein Stueck von einem Maler, sie hatte Augen
fuer so etwas. Sie sah sofort, dass all diese grossen und kleinen Schraenke
wunderschoene hollaendische Arbeit waren, und dass das Zimmer groesser war,
als es den Anschein hatte; denn die Moebel nahmen viel Platz ein. Eine
schoene altertuemliche Treppe mit Schnitzwerk fuehrte zu ihrer Rechten in
das zweite Stockwerk hinauf. Geradeueber musste der Eingang in die Kueche
sein; sie dachte es sich und sie roch es auch. Das bestaetigte sich ihr,
als das Maedchen herauskam. Durch die offne Tuer sah sie in eine Kueche
hinein, deren Fussboden mit Marmorfliesen belegt war; die Waende waren mit
blaubemalten Kacheln bekleidet, und auf dem Gesims, das die Wand in zwei
Haelften teilte, stand blankgeputztes Kupfergeschirr in allen Groessen.
Eine hollaendische Kueche.
Hier im Vorzimmer stand sie auf Teppichen so dick, wie sie noch nie
welche betreten hatte. Ebenso schwer waren die Teppiche auf der Treppe,
die von Messingstangen gehalten wurden, wie sie dicker nie welche
gesehen hatte. Hier gehen die Menschen auf Kissen, dachte sie, und ihr
kam gleich das Bild in den Sinn, das Haus sei ein ungeheures Bett.
Spaeter nannte sie es immer "das Bett." "Wollen wir jetzt nach Hause ins
Bett?" sagte sie dann lachend. Zu beiden Seiten sah sie Tueren und malte
sich die Zimmer dahinter aus. Links von ihr, d. h. an der rechten Seite
des Hauses, komme erst ein kleineres Zimmer nach vorn und dahinter, nach
der Bucht hinaus, ein grosser Raum ueber die ganze Breite des Hauses. Und
das traf zu. Zur Rechten stellte sie sich das Haus der Laenge nach in
zwei Zimmer geteilt vor. Auch das stimmte. Es war nicht weiter
verwunderlich, denn ihres Vaters Haus am Michigansee war nach diesem Bau
eingerichtet. Oben dachte sie sich einen breiten Gang quer durch das
Haus und kleinere Zimmer zu beiden Seiten des Flurs. Waren aber hier
unten schon unglaublich dicke Teppiche, so waren sie da oben womoeglich
noch dicker, richtige Kissen. Dies Haus liess kein Geraeusch aufkommen.
Hier lebten stille Menschen.
Das Maedchen hatte die Tuer an der Seite geoeffnet, die zur See hinausging.
Marit trat ein und sah sich alle Malereien und Schnurrpfeifereien im
Zimmer an; es war allerdings ueberladen, aber jedes einzelne Stueck war
sorgfaeltig ausgesucht, zum Teil mit intimem Geschmack; das sah sie
sofort. Hier waren unter anderem Gemaelde, die einen hohen Wert haben
mussten. Was sie aber besonders beschaeftigte, war der Gedanke, dass sie
erst jetzt ihren alten Vater verstand, obwohl sie von klein an mit ihm
zusammengelebt hatte, ganz allein mit ihm; ihre Mutter hatte sie frueh
verloren. Aus so viel Feinem und Kostbarem war er zusammengesetzt. Ein
bisschen bunt durcheinander und daher unbeachtet. War's nicht, als komme
er jetzt und stelle sich neben sie und laechele sein diskretes, warmes
Laecheln, weil er sich verstanden wusste?
Da kam er ja! Durch die offne Tuer sah sie ihn die Treppe
herunterkommen. Juenger zwar, aber das tat nichts, die Augen waren nur
noch schoener und inniger,--er kam daher mit demselben Gang, denselben
Armbewegungen, genau so vornuebergebeugt und behutsam sich naehernd. Und
wie er sie jetzt ansah und mit ihr sprach und sie willkommen hiess ...
mit den gleichen abgetoenten Worten, da ahnte sie in alldem die tiefe
Achtung vor dem Individuellen, die in ihren Augen ihren Vater vor allen
auszeichnete, die sie kannte. Der Vater hatte duenneres Haar, sein
Gesicht war runzlig, der Mund hatte nicht mehr alle Zaehne, die Haut war
verschrumpft ... Gerade diese Erinnerung fuellte ihre Augen mit Traenen.
Sie blickte empor in seine juengeren Augen, hoerte seine frischere Stimme,
fuehlte den Druck seiner waermeren Hand. Sie konnte nicht dafuer, sie
schlang beide Arme um Anders Krogs Hals, schmiegte sich an seine Brust
und weinte.
Nun, damit war es entschieden. Er stand fuer nichts mehr.
Nach einer Weile sassen sie beide zusammen in dem Boot, mit dem sie
gekommen war. Sie ruderte um die Landspitze herum. Teils um seiner
selbst willen, teils auch wegen der Badenden, die zusahen, hatte er ein
paar schuechterne Versuche gemacht, ihr das Ruder abzunehmen. Aber seit
dem Augenblick, da sie beide Arme um seinen Hals legte, hatte er sich
seiner Macht begeben. Er wusste im voraus, dass er so tun musste, wie dies
reiche rote Haar es wuenschte. Er sass und sah in ihr sommersprossiges
Gesicht und auf die sommersprossigen Haende, auf ihre praechtige Gestalt
und ihren frischen Mund. Er sah ueber dem Halskragen die feinste weisse
Haut; es war etwas in den Augen, das genau dazu passte. Er wurde nicht
fertig, bis sie am Ziel waren. Auch auf dem Wege zum Hof der Schwester
wurde er nicht fertig, weder mit ihrer weichen Stimme, noch mit ihrem
Gang, noch mit ihren Fuessen, noch mit ihrer Kleidung, noch mit den Zaehnen
und dem Laecheln und am allerwenigsten mit dem, was sie da
holterdipolter erzaehlte,--es war etwas Verwirrendes in allem.
Am naechsten Morgen fuhr er nicht in die Stadt. Sowie der Dampfer, auf
dem er haette sein muessen, um die Landspitze herum war, kam ihr weisses
Boot. Sie hatte eine Magd bei sich, die Wache halten sollte, denn jetzt
wollte auch sie baden.
Als sie fertig war, kam sie herauf. Sie wollte bis Mittag bleiben.
Nachher gingen sie zusammen ueber den Huegelsattel zurueck, das Boot hatten
sie nach Hause geschickt.
Am andern Tage fuhr sie mit ihm in die Stadt. Tags darauf musste auch die
Tante mit, aber diesmal wollte sie mit dem Wagen fahren. Und so jeden
Tag etwas Neues. Die beiden Geschwister lebten nur fuer sie. Sie nahm es
hin, als muesse es so sein.
Als sie drei Wochen so mit ihnen gelebt hatte, kam ein Kabeltelegramm
vom Bruder Hans mit der Nachricht, Onkel Anders sei ploetzlich gestorben;
Marit solle vorbereitet werden.
Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,--ueber den
Huegelruecken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade
als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshaeusern und
Baeumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hoerte er die
Essensglocke vergnueglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustoenen. Da
wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefuehl, als
koenne er nicht weiter. Er musste ja hinunter und den frohen Tag morden.
Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen
Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertuer hinein.
Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinnoetigte.
Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere
Natur und uebernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden
Augenblick kommen musste, die Mitteilung zu machen.
Vom Hinterzimmer aus hoerte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen
Aufschrei, den er nie wieder vergass. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut
auf, konnte sich aber nicht ueberwinden, das Zimmer zu verlassen; ein
wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde staerker und
staerker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare
Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube
umher, bis die Schwester die Tuer oeffnete: "Sie moechte Dich sehen."
Da musste er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich
dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er liess sich kaum sehen, als sie sich
aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein
Vater."--Er eilte hin und beugte sich ueber sie; sie legte den Arm um
seinen Hals und drueckte ihn fest an sich; er musste hinknien.
"Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er
feierlich. Sie drueckte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr
Gesicht lag feucht und gluehend an seinem. "Du darfst mich nie
verlassen!"--"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die
Arme um sie.
Sie legte sich wie getroestet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde
ruhiger. Wenn die Anfaelle kamen und er sich mit zaertlichen Worten ueber
sie beugte, wirkte es besaenftigend.
Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht ueber da. Sie
konnte nicht schlafen, und er musste bei ihr sitzen bleiben.
Erst am naechsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen
solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm hoechst
unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu
widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu
bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie
an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und
nun beschaeftigte sie das so stark, dass es sie von ihrem Schmerz
ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht
noetig.
Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begraebnis des
Onkels geordnet und erzaehlte, in welcher Weise. Er erbot sich, das
Geschaeft und den Besitz des Onkels zu uebernehmen.
Anders hatte zu seinem Bruder unbegrenztes Vertrauen; er nahm das
Angebot an, und damit wurde die Reise ueberfluessig. Sobald Hans einen
Ueberblick ueber den ganzen Nachlass hatte, setzte er die Kaufsumme fest
und fragte bei dem Bruder an, ob er sich mit diesem Betrage an Hansens
Geschaeft beteiligen wolle. Der Betrag, der in Bankguthaben und Aktien
bestand, wurde sofort ausgezahlt. Schon diese Summe war gross genug, um
nicht allein Anders schuldenfrei zu machen, sondern um auch Marit zu
gestatten, nach Herzenslust herumzuwirtschaften und zu reformieren. Er
wuenschte, sie solle das ganze Erbe fuer sich behalten, aber darueber
lachte sie. Er wurde also Kompagnon seines Bruders und war fuer
norwegische Verhaeltnisse fortan ein recht wohlhabender Mann.
In ihrer Ehe ging nach einigen Monaten eine Veraenderung mit Marit vor.
Sie gab sich wunderlichen Einfaellen hin; die Grenzen zwischen Traum und
Wirklichkeit verwischten sich. Dabei wollte sie alles umgestalten, was
unter ihrer Aufsicht stand, sowohl in ihrem Heim hier draussen, wie in
dem Stadthause. Aus diesem Hause mussten die Mieter hinaus. Sie wollte es
fuer sich allein haben.
Seine Zeit war ausgefuellt von all ihren Einfaellen, besonders aber von
ihr selbst. Seine Dankbarkeit fand nur kaergliche Worte, aber sie lag in
seinen Augen, in seiner Hoeflichkeit, die an Umfang noch zugenommen
hatte; vor allem aber lag sie in seiner sorglichen Achtsamkeit. Er hatte
Angst, das wieder zu verlieren, was so unerwartet gekommen war; oder
dass irgend etwas Schaden nehmen koenne. Seiner bescheidenen Natur schien
das Glueck unverdient.
Sie schmiegte sich auch immer enger an ihn. Sie hatte eine Formel
gefunden, die sie haeufig wiederholte: "Du bist mein Vater--und mehr!"
Und eine andere: "Du hast die herrlichsten Augen von der Welt, und die
gehoeren mir." Mit der Zeit gab sie manches von dem auf, womit sie sich
beschaeftigte; statt dessen wollte sie ihm vorlesen. Von klein auf hatte
sie ihrem Vater vorgelesen; das sollte wieder aufgenommen werden. Sie
las ihm englisch-amerikanische Buecher vor, besonders Verse. Sie hatte
die klangvolle Vortragsweise, in der englische Verse gesprochen werden
muessen, und machte sie wahr durch ihre eigene glaubwuerdige Art. Sie
hatte eine weiche Stimme, die die Worte behutsam und still wie aus der
Erinnerung heraus anfasste.