Mary, Erzaehlung - Bjornstjerne Bjornson
Ja, was nun?
Solange die "Hundereise", die "Hundegeschichte" ihr wie ein Befehl
erschienen war, wie etwas um ihrer Ehre willen unumgaenglich Notwendiges,
hatte sie an die letzte, an die allerletzte Zufluchtsstaette nicht im
Ernst gedacht.
Jetzt war es ernst.
Sie sah traurig in die treuherzigen Augen des Hundes, als suche sie auch
hier einen Ausweg. Sie begegnete der unverfaelschtesten Lebenslust und
Anhaenglichkeit. Sie schmiegte ihren Kopf in sein Fell und weinte. Sie
war noch so jung,--sie hatte keine Lust zu sterben.
Zum erstenmal weinte sie ueber sich selbst; sie tat sich leid. Sie konnte
nicht begreifen, womit sie dies verdient habe. Auch konnte sie sich
nicht klar werden, wie es gekommen war.
Der Hund merkte, dass sie nicht froh sei. Er leckte ihr die Haende und
guckte ihr in die Augen. Er winselte, weil er hochwollte und sie
troesten.
Da nahm sie ihn auf und beugte sich ueber ihn, was er als Spiel auffasste.
Er schnappte nach ihren Haenden. Darauf ging sie ein. Die froehlichste
Kinderei begann zwischen den beiden und wollte gar kein Ende nehmen,
weil er nicht genug bekommen konnte; immer wenn sie aufhoerte, fing er
wieder an.
Da begann sie mit ihm zu plaudern: "Kleiner, schwarzer John, Du kommst
mir wie ein Neger vor. Du erinnerst mich daran, dass Dein Name die Neger
befreit hat. Befreit von der Sklaverei. Du hast mich davor bewahrt, in
die Sklaverei zu kommen.
"Aber es ist eine schlechte Befreiung, weisst Du, wenn ich nicht mit Dir
weiter leben darf. Findest Du das nicht auch?" Und dann weinte sie
wieder.----Mit dichtverschleiertem Gesicht fuhr sie durch die Stadt von
einem Bahnhof zum andern, den Hund neben sich auf dem Sitz. Sie sah
keinen Bekannten. Aber wenn die wuessten--?
Oh, diese gerichtete und getoetete Kraehe, die Joergen aufheben wollte, und
vor der sie weglief,--sie wusste gar nicht, dass sie die so genau gesehen
hatte! Den zerfetzten Hals, den zerhackten Bauch, die leeren
Augenhoehlen,--das rote Fleisch grinste sie an, sie kam waehrend dieser
ganzen schrecklichen Fahrt nicht davon los.
Hier draussen war's Winter. Sie hatte seit vielen Jahren keinen Winter
mehr gesehen. Die absterbende, hinwelkende Natur hatte sie gesehen, aber
nicht die Umwandlungskraft des Winters, die die Veroedung mit dem
allerweissesten Weiss zudeckt und in Wald und Feld willkuerlich
Veraenderungen schafft. Der Fjord war noch nicht zugefroren; er rauschte
schwarzgrau von allen Seiten heran, herausfordernd, hart, wie ein
Ungeheuer, das nach Kampf duerstet.
Die Fahrt durch die Stadt hatte ihre Phantasie aufgeruehrt, die jetzt in
die Gewalt der Naturkraefte geriet. Ihre Ohnmacht wurde ihr umso tiefer
fuehlbar. Konnte _sie_ den Kampf aufnehmen? Konnte sie ans Ziel kommen,
bis die Zeit der Umwandlung da war? Sie musste sich vorher ins Wasser
stuerzen.
Wie sie mit diesen Gedanken spielte,--sah sie ihres Vaters Gesicht vor
sich. Wie konnte sie leben, ohne ihm zu sagen, was bevorstand? Nie, nie
konnte sie ihm das sagen. Sie konnte ihm nicht einmal sagen, dass es mit
Joergen aus sei. Er wuerde das nicht ertragen koennen.
Wenn sie statt zu reden--verschwaende?! Du ewiger Himmel; das wuerde ihn
auf der Stelle toeten.
Auf der ganzen Fahrt keine Angst mehr vor den andern und nicht ein
bisschen Angst vor sich selber, einzig und allein vor ihm.--
--So ermattet, so voller Seelenangst kam sie heim, dass sie zu weinen
anfing, als sie das Haus erblickte. Einen so schweren Gang waren wohl
nicht viele gegangen. Selbst die Freudenspruenge des Hundes, als er
festen Boden unter sich hatte, konnten sie nicht ablenken. Sie ging nach
oben, um sich zu waschen und umzukleiden, und bat, man moege ihren Vater
und Frau Dawes benachrichtigen, dass sie wieder da sei. Das kleine
Maedchen war mit in ihrem Zimmer und half ihr; es war Mary nicht
angenehm, dass Nanna in jedem freien Augenblick mit dem Hunde spielte;
aber sie sagte nichts.
Sie sah sehr angegriffen aus. Dass sie geweint hatte, war deutlich zu
sehen.
Aber das war vielleicht ganz gut. Dann merkte er doch gleich, dass es
nicht gut stehe. Wenn er es nur ueberstaende! Sie musste ihm dann schnell
auseinandersetzen, dass die Reise lang und beschwerlich gewesen sei, und
dass Joergen das Vermoegen in ihrer Stellung nicht ausreichend finde, um
sich daraufhin zu verheiraten. Sie muessten auf Onkel Klaus warten.
Wenn sie weinen musste, und das musste sie sicher, so muede und verzagt,
wie sie jetzt war, so war das eine Vorbereitung fuer das naechste Mal.
Wenn er es nur ueberstaende.
Aber was sollte sie anders tun? Wenn sie nicht sofort kam, ahnte er
Unheil und aengstigte sich, und das konnte er auch nicht vertragen.
Sie zitterte, als sie vor der Tuer stand. Nicht bloss aus Angst vor ihm,
nein, auch weil sie nicht vor ihm niedersinken und ihm alles sagen und
sich bei ihm ausweinen durfte. Wie schrecklich das alles war.--
Aber das Leben ist manchmal barmherzig.
Er war nicht von ihrer Ankunft benachrichtigt worden, weil er schlief.
Die Pflegerin stand draussen auf dem Flur, um Mary Bescheid zu sagen,
wenn sie komme. Warum sie nicht anklopfte und es ihr durch die Tuer
zurief? Weil das nun einmal so ihre Art war. Als Mary jetzt herauskam,
stand aber die Pflegerin nicht auf dem Flur, sondern auf der Treppe. Das
Maedchen brachte naemlich das Mittagessen fuer den Kranken; das holte die
Pflegerin sonst immer selbst, und geniert, dass sie es heute nicht hatte
tun koennen, wollte sie ihr doch wenigstens entgegengehen und es ihr auf
der Treppe abnehmen.
Gerade in diesem Augenblick oeffnete Mary die Tuer zu ihres Vaters Zimmer.
Sie blieb auf der Schwelle stehen, weil die Pflegerin jetzt auf sie
zukam und fluesterte: "Er schlaeft, gnaediges Fraeulein!"
Der Hund aber kuemmerte sich nicht darum. Der war schon drin, hatte die
Pfoten auf den Bettrand gelegt und das Gesicht war dicht vor dem Antlitz
des Kranken, der gerade aufwachte. Aufwachte, wo diese schwarze Fratze
ihm in die Augen starrte. Sie oeffneten sich weit und schweiften voll
Entsetzen durch das Zimmer, wo sie Marys Blick begegneten. Sie stand
bleich und wie gelaehmt vor Schreck in der Tuer. Er wandte den Kopf nach
ihr hin, seine Augen blieben an ihr haengen, es kam ein Seherblick in
sie. Dann sank der Kopf zurueck.
"Er stirbt!" schrie die Pflegerin hinter ihr auf. Sie setzte das Tablett
hin und eilte zu ihm.
Mary konnte es zuerst nicht glauben; aber als sie es begriff, warf sie
sich mit einem herzzerreissenden Schrei ueber ihn. Der fand im Zimmer
nebenan bei Frau Dawes einen Widerhall. Als sie dorthin eilten, lag sie
ohne Bewusstsein. Sie kam nachher so weit zu sich, dass sie die Zunge
bewegen konnte. Sie stammelte allerhand in einem krausen Englisch, das
keiner verstand;--der Arzt aber sagte, es sei mit ihr gewiss auch bald
aus. Der Vater war tot.
Mary klammerte sich an ihren Verstand, als halte sie ihn in ihren
Haenden. Jetzt galt es, jetzt galt es; nur nicht nachgeben. Nicht
schreien, nicht denken. Denn sie hatte ihn ja nicht getoetet! Es hiess:
fassen und begreifen, was die andern sagten, und dem Vorschlag
beistimmen, dass ihres Vaters Schwester geholt werden solle. Es galt,
ihrem eigenen Jammer nicht freien Lauf zu lassen, als sie die Trauer der
Tante sah. Es galt, es galt! "Hilf mir, hilf mir," schrie sie, "dass ich
nicht wahnsinnig werde!" Und zum Doktor sagte sie: "Ich habe ihn nicht
getoetet,--oder doch?"
Er schickte sie zu Bett, machte ihr kalte Umschlaege und verliess sie
nicht. Auch er versicherte, es gelte!
Erst als die kleine Nanna am andern Morgen frueh mit dem Hunde zu ihr kam
und der bei ihr im Bett liegen wollte, konnte sie weinen.
Im Lauf des Tages wurde es besser; denn durch das Telephon stroemte eine
so gewaltige Menge von Telegrammen ins Haus, und es war eine so
herzliche, oft tiefbewegte Teilnahme in ihnen ausgedrueckt, dass ihre
Trauer davor schmolz. Dieses Mitgefuehl, diese Bewunderung fuer ihren
Vater und der innige Wunsch, sie zu troesten und zu staerken, halfen ihr.
Durch die unvorsichtige Abschrift einer dieser telephonischen Depeschen
erfuhr sie, dass auch Frau Dawes tot war. Man hatte sich nicht getraut,
es ihr zu sagen. Aber die grosse allgemeine Teilnahme half ihr auch
darueber hinweg. Jetzt erst verstand sie die Teilnahme ganz. Alle ausser
ihr hatten gewusst, dass sie die beiden verloren hatte, und dass sie nun
ganz allein stand.
Am meisten erschuetterte sie ein Telegramm aus Paris, das folgenden
Wortlaut hatte: "Meine geliebte Mary! Wenn Dich in Deinem grossen Schmerz
das Bewusstsein troesten kann, dass Du bei mir ausruhen kannst, so bestimme
ueber mich; ich will mit Dir reisen, ich will zu Dir kommen, ganz wie Du
wuenschst! Treulich Deine Alice."
Sie ahnte, wer Alice benachrichtigt hatte.
Auch Joergen telegraphierte: "Wenn ich Dir im geringsten nuetzlich sein
oder Dich troesten kann, so komme ich sofort. Ich bin zerschmettert und
verzweifelt."
Die gleiche ruehrende und ehrenvolle Teilnahme zeigte sich auch beim
Begraebnis, das drei Tage spaeter stattfand. Man hatte es um Marys willen
moeglichst frueh angesetzt.
Es kamen Blumensendungen ohne Ende, vor allem aber ein Kranz von Alice.
Frische norwegische Blumen.
Er wurde zu Mary hinaufgebracht, sie wollte ihn sehen. Das ganze Haus
war von Blumenduft erfuellt, mitten im Winter; der Hauch der Liebe
breitete sich ueber die Schlummernden.
Sie war nicht unten; sie mochte die Saerge und die Blumen und die
Vorbereitungen nicht sehen. Unten in den Zimmern wurden denen, die
weither kamen, Erfrischungen gereicht.
Aber es erschienen viel mehr Menschen, als das Haus fassen konnte, und
unten an der Kapelle war ein noch groesserer Andrang.
Der Pfarrer fragte, ob er zu dem gnaedigen Fraeulein hinaufkommen duerfe.
Sie liess ihm danken, sagte aber nein.
Gleich darauf fragte die kleine Nanna, ob "Onkel Klaus" sie begruessen
duerfe. Er hatte ein ruehrendes Telegramm geschickt und angefragt, ob er
ihr irgendwie behilflich sein koenne. Ausserdem war der Kranz von ihm so
grossartig,--wie die Dienstboten versicherten--dass man auch den nach oben
gebracht hatte, damit sie sich ihn ansehen solle.
Sie sagte ja. Und herein kam der grosse Mann im schwarzen Anzug,
schnaufend, als falle ihm das Atmen schwer. Kaum war er im Zimmer und
sah Mary wie eine Elfenbeinstatue mit dem schwarzen Kleid neben ihrem
Bett stehen, da setzte er sich auf den naechsten Stuhl und brach in
Traenen aus. Es klang, als wenn in einer grossen Uhr die Feder springt und
das ganze losschnarrt. Es war das Weinen eines Mannes, der seit seiner
Kindheit nicht mehr geweint hatte. Ein Weinen, das sich ueber sich selbst
entsetzte. Er sah nicht auf.
Aber er hatte etwas auf dem Herzen, das merkte sie. Es war, als wolle er
ein paarmal einen Anlauf nehmen, aber dann packte ihn das Weinen noch
schlimmer. Da winkte er mit der Hand ab. Das galt nicht ihr, das galt
ihm selbst; er konnte nicht. Er stand auf und ging. Die Tuer machte er
nicht hinter sich zu. Sie hoerte ihn schluchzen den Flur entlang und die
Treppe hinunter. Vermutlich brach er jetzt sofort auf.
Mary war ergriffen. Sie wusste, ihr Vater war sein bester, vielleicht
sein einziger Freund gewesen. Aber sie ahnte, dass das Weinen nicht nur
ihrem Vater galt; es lag auch unmittelbare Teilnahme darin und Reue.
Sonst waere er unten am Sarge geblieben.
Die schoene Glocke der Kapelle begann zu laeuten. Der Hund, der den ganzen
Tag bei ihr im Zimmer hatte bleiben muessen und sehr unruhig gewesen war,
stuerzte jetzt ans Fenster, das auf die See hinausging, und legte die
Pfoten aufs Fensterbrett, um hinauszusehen. Mary trat zu ihm.
Im selben Augenblick fuhr Onkel Klaus fort. Unten in den Zimmern aber
wurde ein Choral angestimmt, das Trauergefolge kam. Die beiden Saerge
wurden von Bauern der Umgegend getragen. Als der erste herauskam, sank
Mary in die Knie und weinte, als solle das Herz ihr brechen. Weiter sah
sie nichts.
Sie lag auf dem Bett, das Glockengelaeute schnitt ihr ins Herz; sie hatte
das Gefuehl, es muesse Furchen durch die Seele ziehen. Ihre Sinne
verwirrten sich immer mehr; sie war ueberzeugt, ihr Vater habe, als sie
in der Tuer stand, in sie hineingesehen, und daran sei er gestorben. Frau
Dawes war ihm wie immer gefolgt. Er war die einzige, grosse Liebe ihres
Lebens gewesen. Jetzt waren sie beide bei ihr. Auch ihre Mutter in einem
weissen, schleppenden Kleide. "Du frierst, Kind!" Sie nahm sie in die
Arme, denn Mary war wieder ein kleines Kind und ganz unschuldig. Darueber
schlief sie ein.
Aber als sie aufwachte und draussen und drinnen keinen Laut hoerte,--das
Haus war leer ... da faltete sie die Haende und sagte halblaut: "Es war
das beste fuer uns drei. Das Schicksal war barmherzig mit uns."
Sie sah sich nach dem Hund um; sie brauchte Teilnahme. Aber irgendeiner
musste ihn hinausgelassen haben, waehrend sie schlief.
Das genuegte, um wieder in Traenen auszubrechen. Perle auf Perle aus der
unerschoepflichen Schmerzensquelle rann ihr ueber Wangen und Haende, wie
sie so dalag und den schweren Kopf stuetzte.
"Jetzt kann ich anfangen, wieder an mich selbst zu denken. Jetzt bin ich
allein."
* * * * *
Entscheidung
Am naechsten Tage ging sie zu den Graebern hinunter. Ihr Schmerz wurde
durch einen kleinen Zwischenfall abgelenkt.
Es war Sonnabend und morgen war einer der wenigen Sonntage des Jahres,
da in der Kapelle Gottesdienst stattfand. Zu solchen Tagen pflegten wohl
die Graeber geschmueckt zu werden. Da das rechte Nachbargehoeft frueher zu
Krogskog gehoert hatte, hatten die Leute hier ihren Begraebnisplatz. Die
Frau war hingekommen, um ein frisches Grab zu schmuecken, und der alte
Wolfshund hatte sie begleitet. Natuerlich flog Marys kleiner Pudel
treuherzig auf ihn zu, und zu Marys und der Frau Erstaunen nahm der alte
Hund nach einer umstaendlichen und vorsichtigen Beriechung den kleinen
Narren in seine Freundschaft auf. Er, der sonst keine jungen Hunde
leiden mochte, verliebte sich in ihn. Er litt, dass er ihn an den Ohren
zerrte und ihn in die Beine biss, ja, er legte sich vor ihm nieder und
spielte den Ueberwundenen. Mary machte das solche Freude, dass sie die
Frau ein Stueck begleitete, um dem Spiel zuzusehen. Und sie wurde dafuer
belohnt; denn sie hoerte warme Lobesworte ueber ihren Vater und einen
Widerhall all dessen, was in diesen Tagen in der Umgegend gesprochen
worden war und den Grund zu seinem Nachruhm legte.
Als sie mit dem Hunde, der jetzt sehr aufgekratzt war, wieder nach Hause
ging, dachte sie: werde ich wohl Mutter aehnlich? Ist irgend etwas in
mir, das bisher keinen Platz gehabt hat? Etwas Idyllisches?
Es warteten ihrer an diesem Tage zwei Dinge.
Das eine war ein Brief von Onkel Klaus, er nannte sie "Hochverehrtes,
liebes Patenkind, Fraeulein Mary Krog."
Dass er ihr Pate war, hatte sie nicht geahnt. Das hatte ihr Vater ihr nie
gesagt; wahrscheinlich wusste er es gar nicht.
Onkel Klaus schrieb:
"Es gibt Gefuehle, die zu stark fuer Worte sind, zumal fuer geschriebene.
Ich bin kein Held der Feder; ich nehme mir nur die Freiheit, Dir
schriftlich mitzuteilen,--weil ich es muendlich nicht konnte,--dass ich an
demselben Tage, da mein unvergesslicher Freund, Dein Vater, starb, und
Frau Dawes, Deine edle Pflegemutter, gleichfalls starb, und Du allein
zurueckbliebst, Dich, mein liebes Patenkind, zu meiner Erbin eingesetzt
habe.
Mein Vermoegen ist bei weitem nicht so gross, wie allgemein angenommen
wird; ich habe auch in der letzten Zeit viel Pech gehabt. Aber es ist
schliesslich doch genug fuer uns beide, wenn Du Deinen Teil verwaltest und
nicht Joergen. Ich gehe naemlich davon aus, dass Ihr jetzt heiratet.
Seit vielen Jahren habe ich Frau Dawes' Testament bei mir liegen, wie
ich auch ihr Geld in Verwaltung gehabt habe. Gestern habe ich das
Testament geoeffnet. Sie hat Dir alles vermacht, was sie besitzt. Es sind
wohl an sechzigtausend Kronen. Aber es ist mit diesem Gelde ebenso
bestellt wie mit dem Gelde Deines Vaters: es traegt zurzeit so gut wie
keine Zinsen.
Dein Pate Klaus Krog."
Mary antwortete sofort:
"Mein lieber Pate!
Dein Brief hat mich tief geruehrt. Ich danke Dir von ganzem Herzen.
Aber Dein grosses Geschenk darf ich nicht annehmen.
Joergen ist doch Dein Pflegesohn, und ich moechte ihm in keiner Weise im
Wege stehen.
Du darfst mir das nicht uebelnehmen. Ich kann unmoeglich anders handeln.
Ueber Frau Dawes' Testament werde ich spaeter meine Bestimmungen treffen
und sie Dir dann mitteilen.
Deine dankbare
Mary Krog."
Als sie den Brief fertig hatte, hoerte sie einen Wagen vorfahren. Gleich
darauf wurde ihr eine Visitenkarte ueberbracht; darauf stand: Margrete
Roey, cand. med.
Es dauerte eine Weile, bis sie hereinkam; sie hatte ihren Reisemantel
abgenommen; es war ein kalter Tag. Das erhoehte Marys Spannung
betraechtlich, so dass sie, als die hohe, kraeftige Frauengestalt mit den
guten Augen in der Tuer stand, blass wurde und zitterte. Sie merkte, was
das auf die guten Augen fuer einen Eindruck machte, die jetzt ihr ganzes
Mitgefuehl ueber sie hinstroemten. Als kennten sie beide sich seit vielen
Jahren, ging Mary ihr entgegen, legte den Kopf an ihre Schulter und
weinte. Margrete Roey zog das unglueckliche Maedchen warm an ihre Brust.
Sie setzten sich. Sie wollte sich erkundigen, wann Mary ins Ausland
gehe. Mary war sehr erstaunt: "Habe ich darueber mit jemandem
gesprochen?"--Margrete Roey erklaerte ihr, sie habe es von der Pflegerin
erfahren. "Ach," antwortete Mary, "was ich in dem Zustand gesagt habe,
weiss ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls nachher nicht wieder daran
gedacht."
"Also Sie wollen nicht fort?" Mary bedachte sich eine Weile. "Ich kann
es wirklich noch nicht sagen. Soweit bin ich noch nicht wieder zu mir
selbst gekommen." Margrete Roey wurde verlegen. Das sah Mary, oder
richtiger, sie fuehlte es. "Wollen Sie etwa auch ins Ausland?" fragte
sie. "Ja. Ich wollte hoeren, ob ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann,
dann wollte ich meine Reise nach Ihrer einrichten."--"Wohin reisen Sie
denn?"--"Ich reise im Interesse meines Studiums und fange mit Paris an.
Die Pflegerin sagte mir, dahin wollten Sie auch", fuegte sie hinzu. Sie
war ganz schuechtern geworden. Sie hatte Mary helfen wollen und kam sich
nun aufdringlich vor. "Ich weiss, Sie meinen es gut", antwortete Mary.
"Es kann ja sein, dass ich von Paris gesprochen habe. Ich erinnere mich
nicht. In Wirklichkeit habe ich noch nichts beschlossen."--"Ja, dann
muessen Sie schon verzeihen. Dann beruht alles auf einem Missverstaendnis."
Fraeulein Roey stand auf.
Mary hatte das Gefuehl, sie muesse sie zurueckhalten; aber sie hatte nicht
die Kraft. Erst an der Tuer vertrat sie Fraeulein Roey den Weg. "Ich moechte
in den naechsten Tagen einmal mit Ihnen sprechen, Fraeulein Roey." Sie
sagte es sehr leise und blickte nicht auf. "Heute fuehle ich mich nicht
kraeftig genug", fuegte sie hinzu.--"Das sehe ich. Das habe ich auch
angenommen. Deshalb habe ich Ihnen etwas mitgebracht, wovon Sie
vielleicht Gebrauch machen koennen. Es ist das beste Kraeftigungsmittel,
das ich kenne."
Nein, wie sympathisch ihr ganzes Wesen Mary beruehrte. Sie dankte ihr
herzlich.
"Wenn ich etwas gesunder bin, komme ich also."--"Sie sollen mir
willkommen sein."--"Ja," sagte Mary erroetend, "es ist Ihnen doch nicht
unangenehm, zu mir zu kommen?"--"In Ihr Haus am Markt?" fragte Margrete
Roey; sie wurde auch rot.--"In unser Haus am Markt, ja. Aber ich kann
wohl gar nicht mehr 'unser' sagen?" Ihr kamen wieder die Traenen. "Wenn
Sie mich nur verstaendigen, komme ich hin."
Acht Tage spaeter kam sie.
In einem wuetenden Novembersturm, wie man ihn schlimmer in jener Gegend
nie erlebt hatte. Das Wasser war noch nicht zugefroren, so dass Dampfer
verkehren konnten. Aber nur mit Not und Muehe. Und bei der Stadt mussten
sie Halt machen.
Margrete Roey war hoechlichst erstaunt, als sie an diesem Tage die
Nachricht erhielt, sie moege in das Krogsche Haus am Markt kommen.
Sie kam in ein warmes behagliches Haus hinein und war doch gewohnt, es
ausgestorben mit heruntergelassenen Vorhaengen zu sehen. Sie wurde eine
breite, altmodische Treppe hinaufgefuehrt; es war die ganze Stilart der
alten Stadthaeuser zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.
Mary sass in einem roten Boudoir, das seit den Lebzeiten ihrer Mutter
unveraendert geblieben war. Sie sass auf dem Sofa unter einem grossen
Portraet der Mutter. Als sie aufstand in ihrem schwarzen Kleide, bleich
und mit mueden Augen unter dem roten Haar, da erschien sie Margrete Roey
wie die Verkoerperung des Schmerzes, die schoenste, die man sich
vorstellen konnte. Es lag eine Feiertagsruhe auf ihrem Wesen. Sie sprach
so leise, wie der Sturm draussen es irgend gestattete.
"Ich fuehle, Sie ehren das Leid eines anderen Menschen. Ich bin auch
ueberzeugt, dass Sie verschwiegen sind."--"Das bin ich."--Es dauerte eine
Weile, bis Mary sagte: "Was fuer ein Mensch ist Joergen Thiis?"--"Was fuer
ein Mensch er ist?"
"Aus verschiedenen Gruenden nehme ich an, dass Sie mir das sagen
koennen."--"Da muss ich aber erst fragen: sind Sie nicht mit Joergen Thiis
verlobt?"--"Nein."--"Man hat es gesagt."--Mary schwieg.--"Ja, sind Sie
denn auch nicht mit ihm verlobt gewesen?"--"Doch."--Da sagte Margrete
rasch und freudig: "Aber Sie haben die Verlobung aufgehoben?"--Mary
nickte.--"Das wird manchem eine Freude bereiten; Joergen Thiis ist Ihrer
nicht wuerdig." Das schien Mary nicht in Erstaunen zu setzen. "Sie wissen
etwas?" fragte sie.--"Ein Frauenarzt, liebes Fraeulein, weiss mehr, als er
erzaehlen kann."--"Aber ich glaube doch, er hat mich geliebt", sagte
Mary, um sich zu entschuldigen.--"Das haben wir alle gemerkt",
antwortete Margrete. "Er liebte Sie sicher mehr als je eine zuvor." Und
sie fuegte hinzu: "Das war nicht zu verwundern ... Aber in Kristiania
habe ich ein junges, suesses Maedel gekannt, die damals seine Einzige war!
Sie war ganz aus dem Haeuschen, und da sie sich nicht heiraten konnten,
gab sie sich ihm hin."--"Was tat sie?" Mary schrak auf; hatte sie recht
gehoert? Es stuermte draussen so sehr, dass man einander schwer verstehen
konnte. Margrete wiederholte deutlich und mit Betonung: "Sie war ein
warmherziges Ding und glaubte, sie sei wirklich seine Einzige."--"Sie
konnten sich nicht heiraten?"--"Sie konnten sich nicht heiraten. Da gab
sie sich ihm hin."
Mary fuhr in die Hoehe, blieb aber stehen. Sie hatte etwas sagen wollen,
hielt aber inne.
"Erschrecken Sie nicht so, Fraeulein Krog, das ist nichts Seltenes." Bei
dieser Auslegung war es Mary, als sinke sie in eine tiefere Klasse
herab. Sie setzte sich langsam wieder hin. "Sie haben gewiss in solchen
Dingen gar keine Lebenserfahrung, Fraeulein Krog."--Mary schuettelte den
Kopf.--"Dann wundert es mich, dass Sie beizeiten von Joergen Thiis
losgekommen sind; der hat Routine."--Mary antwortete nicht. "Wir nahmen
an, Sie wuerden noch vor dem Herbst heiraten. Besonders als Ihr Vater und
Frau Dawes krank wurden."--"Das wollten wir auch, aber es stellte sich
als unmoeglich heraus."
Margrete konnte nicht ergruenden, was hinter dieser raetselhaften Antwort
steckte. Aber sie sagte mit forschenden Augen: "Da wuchs wohl seine
Begierde ganz bedeutend?"--Es bebte in Mary, aber sie zwang es nieder.
"Sie scheinen ihn zu kennen?"--Margrete bedachte sich eine Weile: "Ja,"
sagte sie, "ich bin ja aelter als Sie,--auch aelter als er. Aber--zu
meiner Schande sei's gesagt,--in Kristiania vergaffte ich mich auch in
ihn. Das merkte er--und versuchte sein Heil." Sie lachte.
Mary wurde bleich, sie erhob sich und trat ans Fenster. Draussen
peitschten Sturm und Regen mit wachsender Gewalt gegen die Scheiben; sie
mussten jetzt ganz laut sprechen. Mary stand eine Weile und blickte in
das Unwetter hinaus, kam dann zurueck und stellte sich aufgeregt und
unruhig vor Margrete hin.
"Wollen Sie mir versprechen: niemals einem Menschen zu sagen, worueber
wir heute geredet haben?--Unter keinen Umstaenden?"--Margrete sah sie
verwundert an: "Ich soll niemandem erzaehlen, dass Sie mich nach Joergen
Thiis gefragt haben?"--"Ich wuensche absolut, dass keiner es
erfaehrt."--"Auf wen geht das?"--Mary sah sie an: "Auf wen das geht?" Sie
verstand die Frage nicht. Margrete aber stand auf: "Ein Mensch kam
eigens in diese Stadt, um Ihnen zu sagen, dass Joergen Thiis Ihrer nicht
wuerdig sei. Er kam zu spaet. Aber mir scheint, er verdient zu erfahren,
dass Sie jetzt selbst dahintergekommen sind, was fuer ein Mensch Joergen
Thiis ist."--Mary antwortete eifrig: "Dem sagen Sie's! Dem koennen Sie es
sagen.--So ist er deshalb gekommen?" fuegte sie langsam hinzu. "Es ist
mir lieb, dass Sie mir das gesagt haben! Mein zweites Anliegen war
naemlich ... (sie hielt einen Augenblick inne); das zweite, was ich Ihnen
zu sagen hatte, war ... Sie sollen Ihren Bruder gruessen. Von mir."--"Das
will ich tun. Und ich danke Ihnen dafuer! Sie wissen, was Sie meinem
Bruder sind." Marys Augen wichen ihr aus. Sie kaempfte eine Weile mit
sich. "Ich bin eine von den Ungluecklichen," sagte sie, "die ihr eigenes
Leben nicht ins Lot bringen koennen,--nicht das, was geschehen ist. Ich
kann den Faden nicht finden. Aber mir ist, als wenn Ihr Bruder Anteil
daran habe."--Sie wollte wohl noch mehr sagen, vermochte es aber nicht.
Sie trat statt dessen wieder ans Fenster und blieb da stehen. Das
Unwetter draussen drang mit tausendstimmiger Wut ins Zimmer. Es schrie
foermlich nach ihr. "Herrgott, was fuer ein Wetter", sagte Margrete mit
lauter Stimme. "Ich freue mich, in das Wetter hinauszukommen", sagte
Mary, indem sie sich mit leuchtenden Augen umwandte. "Sie wollen in
diesem Wetter hinaus?" rief Margrete. "Ich will nach Hause gehen!"
antwortete Mary. "Noch obendrein gehen?!" Mary kam heran und stellte
sich vor sie hin, als wolle sie etwas Gewaltiges, Ungestuemes sagen. Sie
hielt freilich inne; aber das Unausgesprochene stuermte empor in ihre
Augen, in ihr Gesicht, in ihre Brust, dass sie die Arme in die Luft
reckte und mit einem lauten Aufstoehnen auf das Sofa ihrer Mutter
niedersank. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Haenden.