Mary, Erzaehlung - Bjornstjerne Bjornson
Mary hatte sich die Zeit ueber hinter Alice gehalten, die sie ganz
vergessen hatte. Nun, da Alice allein stand, stieg unwillkuerlich die
Frage in ihr auf: begreift Mary, was sie sieht?
Alice wartete eine Weile, ehe sie zu beobachten anfing. Mary stand jetzt
lange unbeweglich vor der Statue mit dem Ruecken nach Alice. Alice wurde
neugierig. Sie ging auf einem Umwege zwischen andern Skulpturen hindurch
nach drueben, setzte ihr Pincenez auf und sah hin. Marys Augen waren
halbgeschlossen, ihre Brust wogte. Sie ging langsam im Kreise um die
Statue herum, trat etwas zurueck, kam wieder naeher und blieb halb
seitlich davor stehen.
Da sah sie sich nach Alice um und erblickte sie, wie das Pincenez gerade
auf sie gerichtet war; Alice hielt es sogar noch fest, um deutlicher zu
sehen. Man konnte sich nicht taeuschen: Alices Gesicht war ein einziges
Schelmenlachen.
Es gibt Dinge, von denen keine Frau will, dass eine andere sie versteht:
Marys Blut geriet in Wallung; geaergert und gekraenkt, empfand sie Alices
Blick wie eine "insulte"--das Wort wurde franzoesisch gedacht. Sie drehte
schnell dem Athleten den Ruecken und ging nach dem Ausgang zu. Aber sie
blieb hier und da stehen, um sich den Anschein zu geben, als betrachte
sie andere Kunstwerke. In Wirklichkeit, um ihrer Erregung Herr zu
werden. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht. Sie blickte sich nicht
um, ob Alice nachkomme; sie ging in die Vorhalle hinaus und von da
weiter.
Aber gerade, als sie draussen stand, kam Franz Roey dahergestuermt. So
eilig, als sei er hinbestellt und habe sich verspaetet. Franz Roey riss den
Hut vom Kopf, bekam aber kein Nicken als Antwort, nur ein paar kuehle
Augen. "Aber nein, jetzt muessen Sie auch nicht mehr boese sein!" sagte er
gutmuetig und knabenhaft in seinem breitesten Ostlaendisch. Sie taute auf,
ja, sie konnte nicht anders, sie laechelte sogar und war tatsaechlich nahe
daran, seine ausgestreckte Hand zu fassen,--als sie sah, wie seine Augen
blitzschnell an ihr vorbeiglitten und mit einem ganz, ganz kleinen
Triumph wieder zurueckkehrten. Da wandte auch sie den Kopf und begegnete
Alices Augen. In ihnen lag eine ganze Welt von Schelmerei und Freude.
Eine abgekartete Sache also! Da ging eine Verwandlung mit Mary vor. Wie
von der hoechsten Kirchturmspitze blickte sie auf die beiden
hinunter--und liess sie stehen. Ihr Wagen hielt in einiger Entfernung;
sie winkte, und er kam in grossem Bogen heran. Ihr Vater hatte auf seinem
Wagen keinen Diener; sie machte sich selbst den Schlag auf, ehe Franz
Roey hinzuspringen konnte. Sie stieg ein, als sei kein Mensch da. Von
ihrem Sitz aus sah sie sich nach Alice um,--an Franz Roey vorbei. Die
korpulente Alice kam langsam herangewatschelt. Schon von weitem war zu
sehen, dass sie einen harten Kampf mit unterdruecktem Lachen zu bestehen
hatte. Und als sie herangekommen war und Mary vornehm dasitzen sah, den
Kopf nach der andern Seite gewandt, waehrend auf dieser Seite Franz Roey,
der Riese, wie ein verdonnerter Rekrut stand, da konnte sie sich nicht
laenger halten, sie brach in ein Gelaechter aus, das ihre ganze behaebige
Person von Grund auf erschuetterte. Sie lachte, dass ihr die Traenen ueber
die Backen liefen. Sie lachte so, dass sie nur mit Not und Muehe und nicht
ohne Hilfe das Trittbrett fand und sich hinaufzog. Sie sank laut lachend
neben Mary auf den Sitz, dass der Wagen wackelte. Sie hielt das
Taschentuch vors Gesicht und prustete hinein. Sie sah Marys purpurrotes
Beleidigtsein und Franz Roeys blasses Entsetzen, sie lachte nur immer
mehr. Sogar der Kutscher musste mitlachen; er wusste den Teufel warum. So
fuhren sie ab.
Wieder eine missglueckte Expedition nach den kuehnsten Hoffnungen! Es
dauerte lange, bis Alice etwas sagen konnte. Natuerlich fing sie damit
an, Franz Roey zu bedauern. "Du bist zu streng gegen ihn, Mary. Gott, wie
ungluecklich er aussah!" Und wieder ueberkam sie das Lachen. Mary aber,
die die ganze Zeit ueber dagesessen und nur auf eine Gelegenheit gewartet
hatte, brach jetzt los: "Was geht mich Dein Protege an?" Und als sei das
nicht genug, beugte sie sich vor und sah in Alices lustige Augen hinein.
"Du verwechselst uns beide wohl. Du bist selbst in ihn verliebt. Meinst
Du, ich habe das nicht lange gesehen? Ihr muesst ja selbst am besten
wissen, in was fuer einem Verhaeltnis Ihr zueinander steht. Mich geht es
nichts an. Aber das 'Sie', an dem Ihr festhaltet,--ist doch wohl nur ein
Deckmantel?"
Alices Lachen erstarb. Sie wurde blass, so blass, dass Mary erschrak. Mary
wollte die Augen wieder abwenden, konnte es aber nicht. Alices Augen
hielten sie waehrend des schmerzlichen Ueberganges fest, bis sie
erloschen. Da sank Alices Kopf mit einem langen, schweren Seufzer
hintenueber. Wie das Stoehnen eines verwundeten Tieres.
Mary sass daneben, erschrocken ueber den eigenen Schuss.
Aber es war geschehen.
Unerwartet und hastig hob Alice den Kopf und liess den Kutscher halten.
"Ich muss in dies Hotel." Der Wagen hielt, sie oeffnete die Tuer, stieg aus
und schloss sie hinter sich. Mit einem langen Blick auf Mary sagte sie:
"Good bye!"--"Good bye!" war die leise Antwort.
Beide fuehlten, es war fuer immer.
Mary fuhr weiter. Sowie sie zu Hause war, ging sie geradenwegs in den
Salon; sie wollte ihrem Vater etwas sagen. Schon draussen vor der Tuer
hoerte sie Klavierspiel und wusste, dass Joergen Thiis da war. Aber das
hielt sie nicht zurueck. In Hut und Sommermantel stand sie ploetzlich
unerwartet im Zimmer. Joergen Thiis sprang vom Klavier auf und ging ihr
entgegen, seine Augen waren voll Bewunderung; sie gluehte naemlich vor
Erregung. Aber etwas Stolzes und Abweisendes in all dem Funkeln
bewirkte, dass er es aufgab, sich ihr zu naehern. Da bekamen seine Augen
das Saugende, Gierige, das sie so tief verabscheute. Mit leichtem Gruss
ging sie an ihm vorbei auf den Vater zu. Er sass wie gewoehnlich in einem
grossen Stuhl mit einem Buch auf den Knien. "Du Vater, was meinst Du,
wollen wir jetzt nach Hause reisen?"
Alle Gesichter hellten sich auf. Frau Dawes rief: "Denk nur, Joergen
Thiis hat gerade gefragt, wann wir reisen; dann will er mit."--Mary
wandte sich nicht zu Joergen Thiis, sondern fuhr fort: "Ich glaube, das
Schiff faehrt morgen von le Havre ab."--"Ja, ganz recht," antwortete ihr
Vater, "aber bis dahin werden wir wohl nicht fertig?"--"Doch, das werden
wir," sagte Frau Dawes, "wir haben ja den ganzen Nachmittag."--"Ich will
mit Vergnuegen helfen", sagte Joergen Thiis. Dafuer bekam er einen
freundlichen Blick von Mary, ehe sie ueber den Preis Bericht erstattete,
den Alice fuer die hollaendische Kuestenlandschaft, die ihr Vater haben
wollte, angesetzt hatte. Dann ging sie hinaus, um ihre eigenen Sachen
einzupacken.
Sie trafen sich alle vier um halb acht im Hotel beim Diner. Mary fand
sich, etwas abgespannt, auch ein; Joergen Thiis ging ihr entgegen und
sagte: "Gnaediges Fraeulein haben doch diesmal Franz Roey kennen
gelernt?"--Der Vater und Frau Dawes waren ganz Aufmerksamkeit; sie
verrieten dadurch, dass Joergen soeben mit ihnen darueber gesprochen haben
musste. Immer wenn sie die Bekanntschaft eines Herrn machte, bekamen
naemlich die beiden Angst. Mary wurde rot; sie fuehlte es, und daher
vertiefte sich das Rot noch. Die beiden starrten sie an. "Ich habe ihn
bei Miss Clerq gesehen", antwortete Mary. "Miss Clerqs Mutter und sie sind
mehrere Sommer in Norwegen gewesen und dort mit Franz Roeys Familie
zusammengetroffen; sie sind aus einer Stadt. Soll ich noch weitere
Aufklaerungen geben?" Joergen Thiis erschrak. Die andern starrten sie an.
Er sagte eilig: "Ich habe gerade zu Ihrem Vater und zu Frau Dawes
gesagt, dass unter uns juengeren Offizieren Franz Roey als der beste gilt,
den wir ueberhaupt haben. Ich habe es also nicht boese gemeint."--"Das
habe ich auch nicht von Ihnen gedacht. Aber wenn ich selbst von dieser
Bekanntschaft hier nicht gesprochen habe, darf es auch von keinem
Fremden zugetragen werden, finde ich."--Ganz erschrocken sagte Joergen
Thiis, dass ... dass ... dass er keine andere Absicht dabei gehabt habe
als, als, als ... "Das weiss ich", schnitt sie ihm das Wort ab.
Dann gingen sie zusammen hinunter. Bei Tisch--sie hatten einen fuer sich
allein--nahm Joergen Thiis das Thema natuerlich wieder auf. Das koenne
nicht so abgetan werden. Die Offiziere, sagte er, bedauerten, dass Franz
Roey zum Geniekorps uebergegangen sei. Er sei ein hervorragender Stratege.
Ihre Uebungen, sowohl die theoretischen wie die praktischen, haetten ihm
Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Joergen fuehrte Beispiele an, die
sie aber nicht verstanden. Da wartete er mit Anekdoten ueber Franz Roey
auf. Aus dem Leben mit den Kameraden, aus seinem Beruf. Die sollten
beweisen, wie beliebt und wie schneidig er sei; Mary aber fand, sie
bewiesen eher, wie jungenhaft er sei. Joergen trat also den Rueckzug an:
er habe es nur erzaehlen hoeren; Franz Roey sei ja aelter als er. "Wie
finden Sie ihn denn?" fragte er ploetzlich sehr unschuldig. Mary zoegerte,
die aendern blickten auf. "Er redet so sehr viel."--Joergen lachte. "Ja,
was soll er machen? Er hat soviel Kraft."--"Muss die sich an uns andern
auslassen?" Darueber lachten sie alle, und damit war die Spannung geloest,
in der bis jetzt alle befangen waren. Krog und Frau Dawes fuehlten sich
sicher vor Franz Roey. Auch Joergen Thiis.
Sie kamen um halb neun wieder nach oben. Mary entschuldigte sich,--sie
sei muede. Von ihrem Zimmer aus hoerte sie Joergen Thiis spielen. Sie lag
und weinte.
* * * * *
Der naechste Abend auf dem weiten, stillen Meer. Es daemmerte leise der
Sommernacht entgegen; zwei Rauchsaeulen in der Ferne,--sonst nichts. Ein
ununterbrochenes helles Grau oben und unten. Mary lehnte sich an die
Reeling. Kein Mensch weiter war zu sehen; das Stampfen der Maschine war
der einzige Laut.
Sie war eben unten beim Konzert gewesen, war aber vor den andern nach
oben gegangen. Ein Gefuehl unsaeglicher Einsamkeit trieb sie hinauf zu
diesem inhaltlosen Ausblick. Ueberall Wolken als Grenze.
Nichts als Wolken; nicht einmal ein Widerschein der untergegangenen
Sonne.
Was war ihr selbst von dem Glanz der Welt geblieben, aus der sie kam?
War nicht in ihr und um sie herum die gleiche Leere? Das Wanderleben war
jetzt vorbei; weder ihr Vater noch Frau Dawes konnten oder wollten es
fortsetzen; das wusste sie. In der Bucht, wo sie wohnten, war kein
Nachbar, an dem ihr lag. In der Stadt eine halbe Stunde davon kein
Mensch, an dem sie hing. Sie hatte sich keine Zeit dazu gelassen. Sie
war nirgends heimisch. Ihr Leben war keins, das aus der Scholle
herauswaechst und mit allem verknuepft ist, was daran haengt. Wo sie
hinkam, schien die Unterhaltung zu stocken, damit ein anderes Thema, das
ihr angepasst war, aufgenommen werden konnte. Die Globetrotter, die mit
ihr durch die Welt zogen, sprachen von Reiseerlebnissen, von Museen und
Musik an den Orten, die sie zusammen aufgesucht hatten. Manchmal auch
ueber Probleme, die mit ihnen schwammen, wohin sie auch fuhren. Aber kein
einziges darunter, das ihr nahe ging. Die Redensarten, auf die es ankam,
konnte sie auswendig. Es war eigentlich eine Art Sprachuebung oder ein
zweckloses, muessiges Geschwaetz.
Die Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die bisweilen in einen
Kultus ausarteten, fingen schon an, als sie noch ein Kind war und es fuer
Spiel ansah. Spaeter war es ihr so zur Gewohnheit geworden wie die Touren
eines Kontres. Ein einzelner Zwischenfall, der die ganze Familie in
Aufregung gebracht hatte, ein paar Faelle, die weh getan hatten, waren
laengst vergessen; das ganze war jetzt Alltaeglichkeit ohne Ernst. Sie
stand einsam und mit leeren Haenden da.
Es ging ein Zucken durch ihren Koerper, als ihr Franz Roeys riesige
Gestalt vor Augen trat. So deutlich, so scharf in allen Einzelheiten,
dass ihr war, als koenne sie sich nicht vom Fleck ruehren.
Er war nicht wie die anderen. Hatte das sie in Aufregung gebracht?
Bei dem blossen Gedanken an ihn zitterte sie. Ohne dass sie es wollte,
stand Alice neben ihm in ihrer ueppigen Luesternheit, mit frivolen Augen
... In was fuer einem Verhaeltnis standen die beiden? Es wurde ihr dunkel
vor den Augen, es stach, es kochte in ihr. So stand sie und weinte.
Sie hoerte ein dumpfes Brausen von etwas Gewaltigem. Sie wandte sich nach
der Richtung. Ein Ozeansteamer kam ihnen entgegen, so unvermutet und so
ungeheuer gross, dass sie den Atem anhielt. Er wuchs aus dem Meer heraus
ohne Warnungssignal. Er schoss in rasender Fahrt auf sie zu, wurde groesser
und immer groesser, ein Feuerberg von grossen und kleinen Lichtern. Unter
schaeumendem Brausen kam er und zog er vorbei. Nur einen Augenblick, und
er war ein Bild in der Ferne.
Wie das sie ergriff!
Dies vorueberrauschende Leben, das von Erdteil zu Erdteil eilt, voll
Arbeit und Gedanken in ewigem, fruchtbarem Austausch.
Waehrend sie hier in einer kleinen Tonne umherschwamm, die von den Wellen
des Weltkolosses geschaukelt wurde, dass man sich festhalten musste.
Sie stand wieder allein in der grossen Wueste. Wie verraten. Es war doch
wie ein Verrat, wenn alles, was sie in drei Erdteilen gesehen und gehoert
hatte an Volksleben und Festen, kirchlichen wie nationalen, an
Kunstwerken und an Musik,--gewissermassen zurueckblieb, wo sie es gesehen
und gehoert hatte, waehrend sie einsam in einer unheimlichen,
bewegungslosen Einoede stand.
* * * * *
Daheim
Es kam erstaunlich anders.
Schon als sie an Land stieg, sah sie bei Jung und Alt die
ungeheucheltste Freude ueber das Wiedersehen. Alle Gesichter strahlten.
Ebenso auf dem Wege zum Marktplatz; jeder freute sich; jeder gruesste.
Waehrend sie keinen Gedanken fuer diese Leute gehabt hatte, hatten sie
ihrer gedacht. Vom Haus am Markt wollten sie spaeter am Tage mit dem
Kuestendampfer nach Krogskog weiterfahren. In der Zwischenzeit bekamen
sie Besuch von ihren Verwandten. Die mussten ihnen doch sagen, wie froh
sie seien, sie endlich wiederzusehen. Sie mussten auch von der Freude
berichten, die das spanische Bild Marys hervorgerufen hatte, erst hier,
dann in der Hauptstadt und jetzt auf einer Rundreise durch das Land mit
anderen Bildern. Man schreibe,--ja, sie habe doch gelesen, was man
schreibe?--Nein, sie habe ueberhaupt keine Zeitungen gelesen, nur hier
und da ein Blatt, das an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort erschienen sei.
"Liest Du denn keine hiesigen Zeitungen?"--"Doch, wenn Vater sie mir
zeigt." Ob ihr denn ihr Vater nichts davon erzaehlt habe, und Frau Dawes
auch nicht?--"Nein."--"Ja, nun sei sie in ganz Norwegen bekannt. Dies
sei doch das dritte Bild von ihr; oder gar das vierte? Und dies sei das
schoenste. Die illustrierten Zeitschriften haetten es gebracht. Ein
englisches Kunstjournal, "The Studio", habe es auch reproduziert. Ob sie
das nicht wisse?"--"Nein."--Die Jugend sei ganz stolz auf sie. Darum
haetten sie mit ihrem Fruehlingsfest bis zu ihrer Heimkehr gewartet. "Da
soll Staat mit Dir gemacht werden."--"Mit mir?"--"Wir wollen nach
Marielyst, der Dampfer von hier und einer aus der Nachbarstadt, wir
treffen uns dort. Joergen Thiis hat von Paris aus den ganzen Plan
entworfen."--"Joergen Thiis?"--"Ja, hat er nichts davon gesagt?"--"Nein."
Kaum war sie allein, so ging sie zu ihrem Vater ins Zimmer, der im
Begriff war, einige Kunstgegenstaende auszupacken, die er gekauft hatte,
und die hier aufgestellt werden sollten. "Vater, hast Du die Bilder von
mir ausstellen lassen?" Er laechelte und sagte unschuldig: "Ja,
allerdings habe ich das getan, liebes Kind. Und viele haben ihre Freude
daran gehabt. Man hat mich uebrigens darum gebeten. Man hat mich jedesmal
darum gebeten." Er sagte es so nett. Dass er ihr nichts davon gesagt
hatte und auch Frau Dawes und gleichzeitig wohl auch Joergen Thiis es
verboten hatte, fand sie reizend. Sie tat etwas, was sie sonst sehr
selten tat, sie ging hin und gab ihm einen Kuss.
Also das war es, worueber ihr Vater so eifrig mit Frau Dawes und Joergen
Thiis getuschelt und gefluestert hatte? Deshalb waren die Zeitungen aus
der Heimat ihr vorenthalten worden. Alles war verabredet,--sogar der
Vorschlag, gerade jetzt nach Hause zu reisen! Sie hatte Joergen Thiis
beinahe lieb.
Als sie nach Krogskog abfuhren, hatte sich eine Menge Jugend auf der
Bruecke eingefunden. Sie riefen: "Auf Wiedersehen am Sonntag!"
Sie fand die Landschaft hinreissend schoen. Die kleine halbe Stunde bis
Krogskog war wie ein Begruessen guter alter Bekannter, ein fortwaehrendes
Begruessen. Jetzt war auch die partielle Verlegung der Strandstrasse an der
Kueste entlang fertig. Es war wirklich lustig, wie sie sich um die
Landzungen herumschlaengelte und oft in die Felsen hineinschnitt. Ueber
Krogskog fuehrte der Weg wie frueher durch die Ebene von einer Landspitze
zur andern, dicht an der Landungsbruecke vorbei und dicht unter der
Kapelle mit dem Kirchhof.
Nein, wie behaglich Krogskog dalag: Sie hatte behalten, wie einsam es
lag; aber sie hatte vergessen, wie reizvoll es war! Diese stille, blanke
Bucht mit den Seevoegeln! Das Gekraeusel da hinten, wo der Fluss muendete,
die grosse Ebene hoch oben zwischen den Huegeln, und die Hoehen so
gruenbewachsen. Waren die Baeume vor dem Wohnhause wirklich nicht hoeher?
Wie gut sich das langgestreckte Haus machte mit den schwarzen Fenstern
und der schwarzen Grundmauer. Aus dem einen Schornstein stieg dichter
Rauch auf; er wirbelte ein lustiges Willkommen in die Luft. Sie sprang
vor den andern an Land und lief hinueber. Ein Maedchen von neun, zehn
Jahren kam heruntergerannt, blieb, als sie Mary gewahrte, stehen, machte
Kehrt und rannte all was sie konnte zurueck. Mary aber holte sie vor der
Treppe ein. "Jetzt hab' ich Dich!" sie drehte sie zu sich herum: "Wie
heisst Du?" Es war ein hellhaariges, lachendes Ding, das nicht
antwortete. Auf der Treppe standen die Maedchen und eine von ihnen sagte,
sie heisse Nanna und sei hier Laufmaedchen. "Dann sollst Du mein Maedchen
sein!" sagte Mary und nahm sie die Treppe mit hinauf. Sie nickte jeder
einzelnen zu, merkte aber, wie enttaeuscht sie waren, als sie eilig
weiterging, ohne mit ihnen zu sprechen. Sie sehnte sich danach, den Fuss
auf die dicken Teppiche zu setzen, die seltsame Beleuchtung im Vorzimmer
um sich zu fuehlen, die grossen, kostbaren Schraenke und alle Malereien und
Raritaeten aus der hollaendischen Zeit wiederzusehen. Sie sehnte sich mehr
noch danach, hinauf in ihr eigenes Gemach zu kommen. Diese Lautlosigkeit
auf der Treppe und nachher auf dem langen, daemmerigen Gang--die hatte
nie ein solches Fluesterspiel mit ihr getrieben wie heute. Etwas Weiches,
Halbverstecktes, Vertrautes und Nahes zugleich. Das redete noch zu ihr,
als sie vor der Tuer zu ihrem Zimmer stand, es hielt sie so fest, dass es
eine Weile dauerte, bis sie die Tuer oeffnete.
Ah, der Raum lag in vollem Sonnenlicht, es kam von dem Fenster an der
Laengswand, das auf die andern Haeuser und auf die Anhoehe hinausging.
Blasseres Licht vom Fenster gerade gegenueber, das auf den Obstgarten und
drunten auf die Bucht sah. Die blinkte durch die Baeume. Ueber den Baeumen
sah man die Inseln und das hellgraue Meer. Vom Huegel aber, der im
schoensten Blueten- und Laubschmuck stand, zog Fruehlingsduft herein. Das
Zimmer selbst in seiner weissen Reinheit lag da wie ein Schoss, der all
dies aufnahm. Hier drinnen scharte sich alles ehrerbietig um das Bett,
das mitten in der Stube stand. Es war nicht nur wie fuer eine Prinzessin;
es war die Prinzessin selber; alles andere neigte sich davor.
* * * * *
Der Ausflug nach Marielyst war in jeder Beziehung wohlgelungen. Aber an
dem Tage kam zwischen Mary und Joergen eine Verstimmung auf.
Das ging so zu. Joergen Thiis kam mit einer grossen, starken Dame an
Bord--ihre breite Stirn, die warmen Augen, die kleine Nase und das
vorspringende Kinn trieben ein leichtes Rot in Marys Wangen, das sie zu
verbergen suchte, indem sie sich erhob und fragte: "Sie sind doch die
Schwester des Hauptmanns im Geniekorps Franz Roey?"--"Ja", antwortete
Joergen Thiis; "wir haben der Sicherheit halber einen Arzt mitgenommen."
---Mary: "Das freut mich sehr; ich habe natuerlich durch Ihren Bruder von
Ihnen gehoert. Er hat Sie sehr lieb."--"Das tun wir ueberhaupt alle",
versicherte Joergen Thiis und entfernte sich.
Fraeulein Roey selbst hatte nichts gesagt, aber ihre forschenden Augen
ueberstroemten Mary mit Bewunderung. Jetzt setzte sie sich neben sie.
"Bleiben Sie lange daheim?"--"Das weiss ich nicht. Vielleicht reisen wir
ueberhaupt nicht mehr; mein Vater ist zu schwach."--Fraeulein Roeys kluge
Augen notierten das foermlich. Sie sagte eine ganze Weile nichts mehr.
Mary aber dachte bei sich: wie taktvoll, dass sie nicht von ihrem Bruder
anfaengt.
Die beiden gingen waehrend des Ausflugs einander nicht von der Seite. Sie
standen auch zusammen, als nachher im Freien Erfrischungen gereicht und
Reden gehalten wurden. Die Festfreude stieg Joergen Thiis zu Kopf. Man
kam zu ihm und stiess mit ihm an, und er wurde sentimental und redete.
Auf das Ideal, das ewige Ideal. Gluecklich der Mann, dem es schon in
seiner Jugend begegne! Er trage es in seiner Brust wie einen
wegweisenden, unausloeschbaren Scheinwerfer auf dem Pfade des Lebens!--Er
trank das Glas bis zum Grunde aus und schleuderte es bleich und bewegt
zu Boden.
Dieser fuerchterliche Ernst kam den froehlichen Menschen so unerwartet,
dass sie lachen mussten. Alle miteinander!
Fraeulein Roey sagte zu Mary: "Sie sind doch viel mit Leutnant Thiis
zusammen gewesen?"--"Diesen Winter und im vorigen auch", antwortete Mary
leichthin und ass ihr Eis.
Ein junges Maedchen stand daneben. "Es ist eine merkwuerdige Sache mit
Joergen Thiis", sagte sie. "Zu uns ist er so nett; aber gegen die
Soldaten soll er so schlecht sein." Erstaunt wandte Mary sich zu ihr um.
"Wieso schlecht?"--"Er soll sie so quaelen, soll so furchtbar streng sein
und so ganz sonderbar, und um das kleinste strafen." Mary richtete ihre
allergroessten Augen auf Margrete Roey. "Ja, das ist Tatsache", antwortete
die leichthin; sie ass auch ihr Eis.
Als gegen Abend der Tanz zu Ende war und sie zum Schiff hinunterzogen,
Mary an Joergens Arm, da sagte sie zu ihm: "Ist es wahr, dass die
Mannschaften Ihres Kommandos ueber Sie klagen?"--"Das kann schon sein,
gnaediges Fraeulein." Er lachte.--"Ist das zum Lachen?"--"Ja, zum Weinen
jedenfalls nicht, gnaediges Fraeulein", er war so recht vergnuegt, er haette
sie am liebsten in den Arm genommen und waere mit ihr nach der
Landungsstelle hinunter getanzt; das taten viele andere auch. Aber Mary
weigerte sich. "Mir hat es weh getan, das zu hoeren", sagte sie. Da
merkte er, dass es ihr Ernst war. "Ich will Ihnen sagen, gnaediges
Fraeulein, der Norweger weiss im grossen und ganzen nicht, was Gehorsam und
Disziplin sind. In der kurzen Zeit, da wir ihn unter unserm Kommando
haben, muessen wir es ihm beibringen."--"Auf welche Weise?"--"Mit
Kleinigkeiten natuerlich."--"Indem Sie ihn mit Kleinigkeiten
quaelen?"--"Ja. Ganz recht."--"Mit Dingen, deren Notwendigkeit er nicht
einsieht?"--"Ja gewiss. Er soll sich das Raesonnieren abgewoehnen. Er soll
gehorchen. Und das, was er tut, soll er korrekt tun. Absolut korrekt."
Mary antwortete nicht. Aber als jetzt ein Paar an ihre Seite kam, sprach
sie mit denen und setzte das fort, bis sie die Landungsbruecke erreicht
hatten.
Auf dem Schiff sah sie, dass Joergen Thiis verstimmt war. Als sie von Bord
gingen, stand er nicht an der Landungsbruecke. Ohne jede Verabredung
begleitete die ganze Gesellschaft sie heim nach dem Haus am Markt. Sie
sangen und laermten vor der Tuer, bis sie auf den Altan heraustrat und
Blumen ueber sie streute,--die mitgebrachten und alle, die sie irgend
fand. Sie gingen lachend und geraeuschvoll auseinander. Aber als sie von
dannen zogen, suchte sie unter ihnen nach Joergen; er war nicht da. Das
tat ihr leid; sie hatte ihm einen der schoensten Tage ihres Lebens
schlecht gelohnt. Alle waren so reizend zu ihr gewesen.
Groessere und kleinere gesellschaftliche Zusammenkuenfte loesten jetzt
einander ab; aber Joergen Thiis war verschwunden. Zuerst war er eine
Zeitlang daheim bei seinen Eltern gewesen, jetzt war er in Kristiania.
Mary hatte nie weiter an Joergen Thiis gedacht; aber nun, da er sich
fernhielt, besann sie sich darauf, wieviel von jenen schoenen Begegnungen
mit ihren Altersgenossen auf sein Konto kam. Der wunderliche Toast, den
er auf die "Treue gegen das Ideal" ausgebracht hatte, ... als er sprach,
da hatte sie nur gedacht: wie sentimental Joergen Thiis doch sein kann!
Jetzt dachte sie: vielleicht galt das mir? Sie war an solche
Uebertreibungen gewoehnt, und sie machte sich absolut nichts aus Joergen
Thiis. Aber wenn sie ueberlegte, wie rasend verliebt er schon bei ihrem
ersten Zusammentreffen gewesen war, und dass er in all diesen Jahren
genau so geblieben war, wann und wo sie sich auch begegneten, da wurde
das doch ein wenig mehr. Die gierigen, verzehrenden Augen bekamen
dadurch beinahe etwas Ruehrendes. Dass er es nicht ertrug, mit ihr
zusammen zu sein, wenn sie das geringste gegen ihn hatte, bewies ja
auch, wie gern er sie hatte. Dass er nichts sagte, sondern einfach
fortblieb, gefiel ihr.