Mary, Erzaehlung - Bjornstjerne Bjornson
Da kam eines Tages Mille Falke, die huebsche, sanfte Frau des
lungenkranken Oberlehrers, zu ihr heraus. Sie habe einen Brief von
Joergen Thiis bekommen. Eine Gesellschaft von zehn Personen in Kristiania
habe eine Fahrt nach dem Nordkap geplant. Sie haetten schon vor zwei
Monaten die Plaetze bestellt,--und jetzt sei etwas dazwischen gekommen.
Man habe Joergen Thiis gefragt, ob er nicht die Billets uebernehmen und
zehn Personen heranholen koenne, um mit ihnen diese herrliche Fahrt zu
machen. Unten in den Kleinstaedten lebe man in besserer Kameradschaft, da
sei es leichter, eine solche Gesellschaft zusammenzubringen. Joergen
Thiis habe sich bereit erklaert,--wenn Mary Krog dabei sein wolle; er
wisse, dann bekomme man die andern schon zusammen.
Frau Falke setzte Mary das in ihrer Schmeichelkatzenart auseinander, der
nur wenige widerstehen konnten. Mary hatte freilich nicht die geringste
Lust, in der Sommerhitze auf dem Deck eines Dampfers zu sitzen und alles
abzubrechen, was hier unternommen wurde; es war gar zu nett. Aber sie
wollte Joergen Thiis nicht gern noch einmal kraenken. Sie sprach mit ihrem
Vater und mit Frau Dawes: sie hoerte noch einmal Frau Falke an--und
willigte ein.
In der ersten Haelfte des Juli versammelte sich die Gesellschaft eines
Nachts an Bord eines Kuestendampfers, der sie nach Bergen bringen sollte.
Von dort wollte man die Reise antreten. Es waren sechs Damen und vier
Herren. Eine der Damen war die wuerdige Vorsteherin der Schule, die
Mutter des einen Herrn und die ehemalige Lehrerin von drei der Damen.
Sie war das moralische Zentrum. Dann war ein jungverheiratetes Paar da,
das die ganze Reise ueber geneckt wurde. Es lohnte sich; denn beide waren
sehr lebhaft und gaben es reichlich zurueck. Ein junger Kaufmann schnitt
zwei Damen die Kur--behauptete man wenigstens--ohne sich klar zu werden,
welche er am liebsten mochte. Das zu entscheiden, half ihm die ganze
uebrige Gesellschaft; die beiden Damen am eifrigsten. Ein junger
Philologe wurde gleich in der ersten Nacht auf dem Kuestendampfer "der
Verlassene" getauft. Mit Ausnahme der alten Dame machten alle anderen
einen furchtbaren Radau, und keiner tat ein Auge zu. Er allein konnte
nicht tanzen und auch nicht singen und auch nicht die Kur schneiden. Er
konnte nicht mal vertragen, wenn man ihm den Hof machte, dann wurde er
naemlich verlegen. Die Folge war, dass alle, auch Mary, "dem Verlassenen"
den Hof machten, bloss um sich an seinem jaemmerlichen Zustand zu weiden.
Der Urheber dieser Scherze war immer Joergen Thiis; er neckte so
leidenschaftlich gern. Seine Erfindungsgabe in dieser Beziehung konnte
man nicht immer frei von Bosheit nennen.
Im Anfang ging er frei aus. Aber nach und nach wagte sich sogar "der
Verlassene" an ihn heran. Ueber seinen Appetit, seine Herrschsucht und
besonders ueber seine untertaenige Dienerrolle Mary gegenueber wurde
allgemein gestichelt. Mary hatte die wachsamen Augen der Krogs fuer
Uebertreibungen, so dass sie mitlachte, auch wenn es ueber die
Untertaenigkeit gegen sie herging. Er liess sich nicht im geringsten
stoeren. Er ass genau soviel, war genau so pedantisch als Fuehrer der
Gesellschaft und blieb unerschuetterlich Marys erfinderischer, unablaessig
hilfsbereiter Diener.
Das Schiff war voll Passagiere; darunter viele Auslaender. Aber die
froehliche Gesellschaft von Joergen Thiis wurde der Mittelpunkt. Die Natur
machte so haeufig Anspruch auf die Bewunderung der Reisenden, dass nicht
allzu grosse Reibungen vorkamen. Es war, als werde etwas Gewaltiges
vorgetragen. Ein Wunder loeste das andere ab. Dazu kam der lange Tag. Die
Naechte wurden immer kuerzer; schliesslich gab es ueberhaupt keine Nacht
mehr. Sie fuhren in lauter Licht hinein, und das berauschte. Sie wurden
nicht muede. Sie tranken, sie tanzten und sangen; schliesslich waren sie
alle auf denselben Ton gestimmt. Es wurden Vorschlaege gemacht, die sonst
unmoeglich gewesen waeren; in die Wildheit der Landschaft, in den Rausch
von Licht passten sie hinein. Als Mary eines Tages bei starkem Sturm
ihren Hut verloren hatte, sprangen zwei Herren ihm nach. Der eine war
natuerlich Joergen Thiis. Die Gemueter waren hoch ueber den Alltag hinaus
gespannt. Wenn einer oder der andere muede wurde, schlief er Tage und
Naechte durch. Aber die meisten hielten aus, jedenfalls solange es
vorwaerts ging. Unter ihnen Mary.
Joergen Thiis hatte es durch seine ehrerbietige Energie dahin gebracht,
dass alle Leute Mary mehr oder weniger genau so behandelten wie er
selbst. Es kam auch nicht die geringste Stoerung vor, was besonders ihrer
eigenen formvollendeten Art und ihrer aufmerksamen Ruecksichtnahme zu
danken war.
Als sie von Bord gingen und wieder den Kuestendampfer bestiegen, forderte
sie aus dem Gefuehl aufrichtiger Dankbarkeit Joergen Thiis auf, mit ihr
nach Krogskog zu kommen. "Ich kann nicht so ploetzlich Schluss machen",
sagte sie.
Und er blieb mehrere Tage dort. Alles fand er schoen und behaglich. Der
Kunstsinn, der ihm eigen war, ging mehr aufs kleine; er schwaermte z.B.
fuer ethnographische Schnurrpfeifereien, und deren gab es hier eine
Menge. Die Zimmer und ihre Einrichtung waren so ganz nach seinem
Geschmack. Frau Dawes, der gegenueber er frei heraus redete, vertraute er
sich an; dies Behagliche, Gedaempfte stimme ihn erotisch, sagte er. Er
phantasierte viele Stunden lang auf dem Klavier; und immer in dieser
Richtung.
Mary behandelte er unter vier Augen mit der gleichen Ehrerbietung wie in
Gegenwart anderer. Seit sie ihn kannte, hatte sie nicht ein einziges
Wort von ihm gehoert, das als Einleitung zu einer Werbung aufgefasst
werden konnte; ja nicht einmal ein Wort, das eine Einleitung zur
Einleitung haette darstellen koennen. Und das gefiel ihr.
Sie streiften zusammen durch Wald und Feld; sie ruderten zusammen zum
Besuch bei Verwandten. Er hatte den Schluessel zu ihrem Badehaus. Er ging
hin, wenn noch keiner auf war, oft nach ihren Spaziergaengen noch einmal.
Mary selbst war umgaenglicher geworden. Er sagte es einmal. "Ja,"
antwortete sie, "die jungen Menschen hier leben mehr wie ein
Geschwisterkreis zusammen und sind daher anders, freier und frischer.
Das hat mich angesteckt."
Eines Morgens musste er zur Stadt und Mary begleitete ihn. Sie wollte
Onkel Klaus, seinen Pflegevater, besuchen. Sie hatte ihn, seit sie
heimgekommen war, noch nicht gesehen.
Er sass in einer Rauchwolke wie eine Spinne in ihrem grauen Netz. Er
sprang auf, als er Mary eintreten sah, war beschaemt und fuehrte sie in
die gute Stube. Joergen hatte Mary darauf vorbereitet, dass er schwerlich
guter Laune sei; er habe wieder kleine Verluste gehabt. Sie sassen auch
kaum in der kahlen, steifen guten Stube, als er anfing, ueber die
schlechten Zeiten zu klagen. Wie seine Art war, machte er den Ruecken
krumm und spreizte die Beine auseinander, um die Ellbogen auf die Knie
stuetzen und die langen Finger gegeneinander stemmen zu koennen.--"Ja, Sie
haben es gut; Sie amuesieren sich bloss!" Vielleicht wollte er das wieder
gutmachen. Er sagte: "Ich habe nie ein schoeneres Paar gesehen!"
Joergen lachte, wurde aber rot bis an die Schlaefen. Mary sass unbeweglich;
es beruehrte sie nicht.
Joergen begleitete sie zurueck nach dem Krogschen Haus am Markt, das dicht
daneben lag. Er sagte unterwegs kein Wort und verabschiedete sich
fluechtig. Spaeter kam Nachricht von ihm, er muesse bis zum Abend in der
Stadt bleiben; dann fahre er mit seinem Rade nach Krogskog hinaus. Das
war gegen die Verabredung; aber sie fuhr heim.
Auf der Dampferfahrt nach Hause nahm sie den Gedanken auf: Joergen Thiis
und sie ein Paar? Nein! Das war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Er
war ein schoener eleganter Kerl, ein tadelloser Kavalier, ein wirklicher
Kuenstler auf dem Klavier. Ueber seinen hellen Kopf und seinen Takt war
nur eine Meinung. Selbst das, was sie frueher so abgestossen hatte, seine
Genusssucht, die in Blick und Mienen auftauchen und ihnen dies
Verzehrende geben konnte, von dem sie sich abwandte ... vielleicht war
von dieser Grundlage aus das andere kultiviert worden? Das Gefuehl fuer
das Vollkommene in Kunst, Disziplin und Sprache? Aber doch blieb da
etwas Unaufgeklaertes. Es war ihr gleichgueltig, was es war; denn sie warf
all diese Betrachtungen ueber Bord. Es ging sie nichts an.
Sie hatte eine Bauernfrau gesehen, die in ihrer Jugend bei ihnen gedient
hatte; zu der setzte sie sich. Die Frau freute sich: "Na, wie geht es
Ihrem Vater? Jetzt bin ich so alt geworden; aber ich sage, soviele ich
kennen gelernt habe,--einen netteren Mann als Ihren Vater habe ich nie
getroffen. Er ist und bleibt der Beste."
Das kam so unerwartet und so warm heraus, dass es Mary ruehrte. Die Frau
erzaehlte dann eine Geschichte nach der anderen von der Guete ihres Vaters
und von seinem ruecksichtsvollen Wesen. Sie hatte solange zu erzaehlen,
bis sie da waren. Zuerst dachte Mary, etwas Schoeneres sei ihr lange
nicht widerfahren. Aber dann wurde ihr bange. Sie hatte fast vergessen,
wie sehr sie selbst ihn liebte, hatte sich abgewoehnt, ihm das zu zeigen.
Warum? Warum war sie von soviel anderem in Anspruch genommen und nicht
von ihm, der der Liebste und Beste von allen war?
Sie lief eilig nach dem Hause hinauf. Obwohl der Vater kraenklich war,
war sie in letzter Zeit fast nie bei ihm gewesen.
Als sie naeher kam, sah sie Joergens Rad an der Treppe stehen und hoerte
ihn spielen. Aber sie eilte vorbei zu ihrem Vater hinein, der in seinem
Arbeitszimmer am Pult sass und schrieb. Sie schlang die Arme um ihn und
kuesste ihn, blickte ihm in die guten Augen und kuesste ihn noch einmal. Mit
ihrem scharfen Sinn fuer Komik lachte sie, als sie sein Erstaunen sah.
"Ja, sieh mich nur an, denn ich tue es gar so selten. Aber es ist
trotzdem wahr, dass ich Dich grenzenlos lieb habe." Wieder kuesste sie ihn.
"Mein liebes Kind!" sagte er und laechelte mitten in dem Ueberfall vor
sich hin. Er war gluecklich, das merkte sie. Allmaehlich kam in seine
Augen das eigentuemliche Leuchten, das keiner wieder vergessen konnte.
Sie dachte bei sich: dies tue ich fortan jeden einzigen Tag.
Joergen und sie hatten eine Radtour in die Umgegend verabredet. Am
naechsten Tage waren sie unterwegs. Der Verwandte, zu dem sie kamen, ein
Kompagniechef, freute sich sehr ueber den Besuch. Sie mussten zwei, drei
Tage dableiben. Die junge Welt aus der Nachbarschaft wurde dazu geladen
und es kam eine Partie auf die Alm zustande,--wieder fuer Mary etwas
Neues. "Ich kenne alle Laender, nur mein Vaterland nicht." Im naechsten
Jahr wollte sie aber eine Reise durch Norwegen machen; dazu brauchte sie
keine besondere Reisebegleitung. Mit dieser Aussicht wurde es eine
koenigliche Heimfahrt.
Gerade als Joergen und sie ihre Raeder an die Balustrade anlehnten, kam
die kleine Nanna aus der Tuer gelaufen und eilig die Treppe herunter. Sie
weinte, bemerkte aber die Ankommenden nicht; sie wollte nach der andern
Seite. Als Mary rief: "Was ist los?" blieb sie stehen und schluchzte:
"Oh, kommen Sie, kommen Sie, ich sollte jemand holen!" Ebenso schnell
wieder die Treppe hinauf, um zu verkuenden, dass sie jetzt kaemen. Joergen
hinterdrein, dann Mary. Es ging durch das Vorzimmer, die Treppe hinauf,
den Gang entlang bis zur letzten Tuer rechts. Da drinnen lag Anders Krog
auf dem Fussboden, und neben ihm kniete schluchzend Frau Dawes. Er hatte
einen Schlaganfall bekommen. Joergen hob ihn auf, trug ihn auf sein Bett
und legte ihn zurecht. Mary aber stuerzte wieder hinunter ans Telephon
wegen des Doktors.
Der Doktor war nicht zu Hause; sie suchte ihn ueberall. Dazwischen schrie
in ihr die Verzweiflung, dass sie nicht bei ihm gewesen war, als dies
geschah. Sie hatte sich doch gerade das Versprechen gegeben, jeden Tag
lieb zu ihm zu sein,--und hatte ihn doch verlassen! Ja, noch heute hatte
sie sich auf den naechsten Sommer gefreut, wo sie ohne ihn im Lande herum
reisen wollte. Was war aus ihr geworden? Was war los mit ihr?
Sobald sie den Doktor gefunden hatte, eilte sie zum Vater zurueck. Da war
er ausgezogen, und Joergen war fort. Frau Dawes aber sass am Kopfende des
Bettes auf einem Stuhl mit einem Brief in der Hand, grenzenlos
ungluecklich. Kaum gewahrte sie Mary, so reichte sie ihr den Brief, ohne
die Blicke von dem Kranken zu wenden.
Der Brief war aus Amerika von einem Mary unbekannten Mann, der ihnen
mitteilte, dass Bruder Hans ihr und sein Vermoegen verloren habe. Er
selbst sei schwachsinnig, sei es sicher schon lange gewesen.
Mary war es bekannt, dass es in der maennlichen Linie der Familie Krog
nichts Aussergewoehnliches war, wenn alte Leute geistesschwach wurden.
Aber sie war erschrocken, dass ihr Vater keine Kontrolle geuebt hatte!
Auch das war ein bedenkliches Zeichen.
Ihr Vater musste mit diesem Brief auf dem Wege zu Frau Dawes gewesen
sein, als ihn der Schlag geruehrt hatte. Die Tuer war naemlich geoeffnet,
und er lag dicht daneben.
Mary las den Brief zweimal und wandte sich an Frau Dawes, die sass und
weinte. "Ja, ja, Tante Eva,--das muss getragen werden."--"Getragen
werden? Getragen werden? Was meinst Du? Das Geld? Das lumpige Geld! Aber
Dein Vater! Dieser herrliche Mensch, mein bester Freund!" Sie blickte
unverwandt auf seine geschlossenen Augen und weinte unaufhoerlich,
waehrend sie ihm die zaertlichsten Namen gab, die hoechsten Lobesworte,
aber auf englisch. In der fremden Sprache fielen die Worte wie aus einer
fernen Zeit ueber ihn; Mary lag auf den Knien daneben und las sie auf.
Sie brachten von jedem Tage in dem Zusammenleben der beiden Alten die
Entbehrungen, den Dank,--einen Niederschlag dessen, was sie an guten
Worten, an freundlichen Blicken, an Gaben und Nachsicht empfangen hatte.
Es kam so reich und so warm heraus mit der freudigen Kraft des guten
Gewissens; denn Frau Dawes hatte versucht, ihm alles zu sein, so weit es
in ihren Kraeften stand. So goldene Worte jetzt ueber Marys Haupt ihm zu
Ehren ausgeschuettet wurden, sie selbst machten sie arm. Denn sie war ihm
so wenig gewesen. Oh, wie sie es bereute, wie verzweifelt sie war.
Joergen Thiis erschien draussen auf dem Gange, gerade als sie aufstand.
Sie bueckte sich nach dem Brief und wollte ihm das Papier geben, als Frau
Dawes, die ihn auch gewahrte, ihn bat, sie in ihr Zimmer zu fuehren; sie
muesse auch zu Bett. "Gott weiss, wann ich wieder aufstehe! Wenn es mit
ihm zu Ende ist, ist es mit mir auch vorbei."
Joergen eilte herzu, nahm die schwere Masse aus dem Stuhl auf und segelte
langsam mit ihr ab; er klingelte nach einem Maedchen, das sie dann zu
Bett brachte; er selbst ging zu Mary zurueck. Sie stand unbeweglich da
mit dem Brief in der Hand, den sie ihm jetzt hinreichte.
Er las ihn aufmerksam und wurde bleich. Ja, er war eine Weile wie
betaeubt; Mary trat ein paar Schritte naeher an ihn heran; aber er merkte
es nicht. "Das hat den Schlaganfall verursacht", sagte sie.
"Natuerlich", fluesterte er, ohne sie anzusehen. Gleich darauf ging er.
Mary stand wieder neben ihrem Vater. Sein schoenes, feines Gesicht rief
nach ihr; sie warf sich wieder ueber ihn und schluchzte. Denn ihm, den
sie am liebsten hatte, war sie am wenigsten gewesen. Vielleicht nur,
weil er selbst nie an sich gedacht hatte?
Sie verliess ihn nicht, bis der Doktor kam und mit ihm die Pflegerin. Da
ging sie zu Frau Dawes hinein.
Frau Dawes war verzweifelt und elend. Mary wollte sie troesten, aber sie
unterbrach sie heftig: "Ich habe es zu gut gehabt. Ich bin mir zu sicher
gewesen. Jetzt kommt der Ernst!" Mary erschrak bei diesen Worten; denn
das hatte ihr die ganze Zeit auf dem Herzen gelegen.
"Du verlierst uns beide, armes Kind! Und Dein Vermoegen auch!" Mary war
es nicht lieb, dass sie das Vermoegen erwaehnte. Frau Dawes fuehlte das und
sagte: "Du verstehst mich nicht, armes Kind! Es ist nicht Deine Schuld,
es ist unsere. Wir haben Dir zu viel Willen gelassen. Aber Du warst auch
so haesslich, wenn wir es nicht taten."
Mary blickte erschrocken auf: "Ich haesslich?"--Frau Dawes: "Ich habe es
Deinem Vater gesagt, Kind, ich habe es ihm oft gesagt. Aber er war so
herzensgut, er beschoenigte immer alles."
Joergen kam mit dem Doktor herein. "Wenn irgend etwas hinzutritt, kann es
vorbei sein, gnaediges Fraeulein."--"Bleibt er gelaehmt?" fragte Frau
Dawes.--Der Doktor wich der Frage aus; er sagte nur: "Jetzt ist vor
allem Ruhe noetig." Es wurde still nach dieser Erklaerung.
"Gnaediges Fraeulein duerfen nicht bei dem Kranken wachen, lieber zwei
Pflegerinnen." Mary antwortete nicht. Frau Dawes fing wieder zu weinen
an: "Ja, jetzt kommen andere Tage."--
Der Doktor ging, begleitet von Joergen Thiis. Als Joergen zurueckkam,
fragte er leise: "Soll ich auch fort,--oder kann ich irgendwie
nuetzen?"----"O nein, verlassen Sie uns nicht!" jammerte Frau Dawes.
Joergen blickte Mary an, die nichts sagte; sie schaute auch nicht auf.
Sie weinte leise vor sich hin.
"Sie wissen, gnaediges Fraeulein," sagte Joergen Thiis ehrerbietig, "dass
ich keinem Menschen lieber zu Diensten sein moechte."--"Das wissen wir,
lieber Freund, das wissen wir", schluchzte Frau Dawes.
Mary hatte den Kopf erhoben; aber bei Frau Dawes' Worten schwieg sie.
Als Mary nachher aus Frau Dawes' Stube kam, oeffnete Joergen eben die Tuer
seines Zimmers, das Marys gerade gegenueber lag. Er blieb in der weit
geoeffneten Tuer stehen, so dass sie den gepackten Koffer hinter ihm sehen
konnte. Sie stand still: "Sie wollen fort?"--"Ja", antwortete er.--"Hier
wird es jetzt still." Er wartete auf mehr; aber mehr kam nicht. "Jetzt
beginnt die Jagdsaison. Ich hatte Ihren Vater fragen wollen, ob ich in
seinen Waeldern jagen duerfe."--"Wenn Ihnen meine Erlaubnis genuegt, steht
dem nichts im Wege."--"Tausend Dank, gnaediges Fraeulein! Ja, da darf ich
doch auch mal hierherkommen?" Er verneigte sich tief und nahm ihre Hand.
Dann ging er zu Frau Dawes hinein, um ihr Adieu zu sagen. Da blieb er
mindestens zehn Minuten. Er kam gerade wieder heraus, als Mary zu ihrem
Vater hinueberging.
Als sie ueber ihren Vater gebeugt stand, regte er sich und schlug die
Augen auf. Sie kniete hin: "Vater!" Er schien nachzudenken und versuchte
zu sprechen; es gelang ihm aber nicht. Sie sagte eilig: "Wir wissen
es,--alles, Vater. Aber hab' deswegen keine Sorge! Uns wird es trotzdem
an nichts fehlen." Seine Augen bewiesen, dass er verstanden hatte, wenn
auch langsam. Er wollte die Hand erheben, merkte aber, dass er es nicht
konnte. Er blickte sie schmerzlich erstaunt an; sie beugte sich ueber
ihn, kuesste ihn und weinte.
Aber es wurde unglaublich schnell besser. War es Marys Gegenwart und ihr
stetes Muehen um ihn, was ihm half? Die Krankenpflegerin behauptete es.
Jetzt kam eine Zeit, in der sie unermuedlich war in ihrer Sorge um die
beiden Kranken; zugleich aber trat sie die Verwaltung von Haus und Hof
an. Sie uebernahm die Buchfuehrung und die Oberaufsicht. Sie fuehlte sich
wohl dabei, denn sie hatte Talent, Ordnung zu schaffen und zu
dirigieren. Frau Dawes war sehr erstaunt darueber.
Keine Sorge um die Zukunft, keine Sehnsucht nach alledem, was hinter
ihr lag. Sie sagte allen, die sie bedauerten, es sei freilich hart, dass
die beiden Alten krank seien; aber sonst gehe es ihr so gut, wie sie es
sich nur wuenschen koennte.
* * * * *
An einem ungewoehnlich warmen Tage Anfang August hatte sie von morgens an
sehr viel zu tun gehabt. Sie hatte Sehnsucht, sich ins Wasser zu
stuerzen, sowie sie Zeit hatte.
Zwischen fuenf und sechs liefen sie hinunter, die kleine Nanna und sie.
Zuerst waren sie beide zusammen im Badehause; der kleinen Nanna machte
es solche Freude, wenn sie mit Marys schoenem Haar zu tun hatte; heute
durfte sie es aufloesen. Dann lief sie den Huegel hinauf bis an den grossen
Stein, um von dort aus nach beiden Seiten Wache zu halten. Mary mochte
nichts anhaben, sondern wollte nach Herzenslust plaetschern und
schwimmen. Sie nahm den Weg nach der Insel. Von dort aus konnte sie
selbst zu beiden Seiten die Einfahrt und die Wege uebersehen. Alles
still, keine Gefahr. Also wieder zurueck.
Die See umschmeichelte sie und trug sie, die Sonne spielte auf ihren
Armen, die das Wasser teilten; das Land vor ihr lag herbstsatt da mit
seinem fetten Heu; Seevoegel schwebten in der Bucht, andere kreischten
ueber ihr. "Und mir graute so vor dem Alleinsein--"
Als sie ans Ufer kam, mochte sie nicht heraus; sie legte sich auf den
Ruecken und ruhte sich aus. Dann ein paar Stoesse und wieder eine
Ruhepause. Der Strand war so einladend; sie legte sich in die Sonne. Den
Kopf halb auf einem Stein, das Haar herabfliessend. O, wie schoen das war!
Aber irgend etwas mahnte sie, aufzusehen. Sie hatte keine Lust dazu.
Aber sie musste doch wohl einmal dahin sehen, wo das Maedchen sass. Ach,
was kuemmerte sie das! Nanna hielt ja Wache. Aber soviel wurde doch
dadurch bewirkt, dass das Wohlbehagen ihr verloren ging; sie machte ein
Ende. Als sie aufstand, um auf die Badehaustreppe zuzugehen, gewahrte
sie hinter dem grossen Stein--Joergen Thiis im Jagdanzug mit dem Gewehr
ueber der Schulter! Das kleine Maedchen stand aufrecht auf dem Stein, ohne
sich zu ruehren; sie starrte ihn an, als sei sie festgenagelt.
Eine heisse Blutwelle durchflutete Mary--Zorn und Abscheu. War er
schamlos? Oder hatte er den Verstand verloren? Aeusserlich tat sie, als
habe sie nichts gesehen,--warf sich kopfueber in die See und schwamm auf
die Treppe zu, hielt sich ruhig daran fest,--und verschwand.
Aber ihr Atem ging heftig; ihr war so heiss, dass sie vergass, sich
abzutrocknen, sich anzuziehen. Sie geriet in immer groessere Hitze,
schliesslich kochte sie vor Rachsucht und Wut. Der galante Joergen Thiis
wagte sie zu beleidigen, wie sie noch nie im Leben beleidigt worden war.
Sie schlug sich solange mit diesem sinnlosen, unehrenhaften Ueberfall
herum, bis sie mitten in Vorstellungen war, die sie weit fortfuehrten.
Sie stand wieder vor der kraftvollen Gestalt des Athleten, sie fuehlte
wieder Alices wissende Augen auf sich ruhen. Sie zitterte,--als sie
einen Schrei des Kindes da oben hoerte. In ihrer Erregung war sie nahe
daran, auch zu schreien. Was konnte da nur los sein? Auf die Seite ging
kein Fenster hinaus. Aus der Tuer zu sehen, wagte sie nicht, denn sie
hatte nichts an. Nie hatte sie sich so mit dem Anziehen beeilt, aber
gerade deshalb ging ihr alles verkehrt, und es zog sich in die Laenge.
Sie mochte nicht halbangekleidet vor Joergen Thiis hintreten.
Als sie eben soweit war, dass sie daran denken konnte, die Tuer
aufzumachen, hoerte sie auf der Landungsbruecke das Tripp-Trapp der
kleinen Nanna. Mary riss die Tuer auf, die Kleine kam hereingestuerzt und
warf sich ihr gleich in den Schoss. Da versteckte sie den Kopf und weinte
und schluchzte, dass sie kein Wort herausbringen konnte.
Mary gelang es, sie zu beruhigen, besonders als sie ihr versprach, sie
duerfe jetzt ihr Haar kaemmen. Da erzaehlte sie, der Herr Leutnant habe
hinter dem Stein gestanden, bis sie es bemerkt habe. Sie habe gesessen
und gesungen und habe ihn gar nicht kommen hoeren. Er habe ihr gedroht.
Ach, und sie habe solche Angst gehabt, denn er habe so boese ausgesehen!
Ach, so boese habe er ausgesehen! Kaum sei Mary ins Haus gegangen, da sei
er hinuntergestuermt, direkt auf das Haus zu!
"Joergen Thiis?"
"Dann schrie ich aus Leibeskraeften! Da stand er still. Aber dann drehte
er sich um und kam auf mich zu. Ich hinunter vom Stein und hinein in den
Wald----" Sie konnte nicht weitersprechen. Sie verbarg wieder den Kopf
in Marys Schoss und weinte.
Das wurde ja immer schlimmer! Marys Verstand konnte es anfangs kaum
fassen.
Nach und nach aber ging ihr ein Licht auf--er mochte ein anderer sein.
Er trug eine rasende Leidenschaft in sich. Er hatte den Mut starker
Ruecksichtslosigkeit. Wenn er nun gekommen war, um...?
Stolz und stark, wie sie sich kannte, haette das fuer ihn die Verbannung
auf immer bedeutet--nichts anderes.
Aber auf dem Heimwege liess sie Nanna vorausgehen. Aus dem einfachen
Grunde, weil sie kaum einen Fuss vor den anderen setzen konnte,--so
stuermten die Gedanken auf sie ein.
Wie konnte ein Mann sich tagtaeglich so beherrschen--einer so gewaltigen
Begierde gegenueber? Eine lange, lange Anhaeufung musste vorauf gegangen
sein; sonst haette er nicht einem so unerhoerten Ueberfall auf sich
selbst--und auf sie--unterliegen koennen!
In diesen ganzen Jahren war er also von Begierde entflammt gewesen?
Seine Huldigungen, seine Ehrerbietigkeit, seine steten Bemuehungen um
sie--war das alles Rauch aus dem unterirdischen Krater? Der eines
schoenen Tages lohende Steine und gluehende Asche ausspeit!
Also Joergen Thiis war gefaehrlich? Er wurde nicht kleiner dadurch; er
stieg! Der Zwang, den er sich auferlegt hatte--ihr zu Ehren, war
loeblich! Wenn die Versuchung eines Tages den rebellischen Kraeften das
Tor oeffnete--konnte sie ihm deswegen eigentlich boese sein?
Den ganzen uebrigen Tag, ja noch als sie sich auszog, dachte sie darueber
nach. Am aendern Tage fasste sie den Entschluss, jetzt muesse es ein Ende
haben. Es wurde etwas in ihr aufgewuehlt, das sie schon einmal
zurueckgedaemmt hatte; das Tempo durfte nicht unterbrochen werden, in dem
sie sich ihr Leben einzurichten wuenschte. Deshalb nahm sie ihre Arbeit
energischer als je wieder auf, ja sie machte sich noch mehr zu schaffen.
Sie sah naemlich die Buecher ihres Vaters und die losen Aufzeichnungen
durch (deren es reichlich viele gab!), sie wollte Klarheit haben, wie
die Dinge im ganzen standen. Er hatte doch auch hier Vermoegen, und er
konnte unmoeglich alles verbraucht haben, was er aus Amerika bekommen
hatte. Aber sie fand das Gesuchte nicht. Den Vater durfte sie nicht
damit behelligen, und Frau Dawes wusste nicht Bescheid.