Mary, Erzaehlung - Bjornstjerne Bjornson
Als das Gespraech wieder in Fluss kam, redeten sie ueber die ungewoehnlich
schlechten Zeiten. Es mache den Eindruck, als wollten die kein Ende
nehmen. Die Aktien haetten keinen Wert, die Schiffahrt liege darnieder,
keine neuen Unternehmungen, das Geld arbeite nicht. Waehrend sie hierueber
sprachen, blickte Onkel Klaus Joergen mehrmals an, als wolle er nach
etwas fragen, wenn er erst fort sei: Sie bemerkte es und gab Joergen
einen Wink, er stand auf und entschuldigte sich: er habe sich mit
einigen Kameraden in der Stadt verabredet. Es war zwischen Mary und ihm
ausgemacht, dass sie allein mit Onkel Klaus reden solle. Aber was mochte
Onkel Klaus mit ihr zu besprechen haben? Sie war gespannt.
Joergen war kaum aus der Tuer, da sagte Onkel Klaus mit bekuemmerter
Miene: "Armes Kind, ist es wahr, dass Dein Vater in Amerika grosse
Verluste gehabt hat?"--"Er hat alles verloren", antwortete sie. Blass und
entsetzt fuhr der grosse Mann in die Hoehe: "Er hat alles verloren?"--Er
starrte sie mit weit offnem Mund an, wurde dunkelrot und rief: "Ja,
Gottsdonnerwetter, da kann ich verstehen, dass man den Schlag
bekommt."--Er begann im Zimmer auf und ab zu rennen, als sei ausser ihm
niemand da. Die weiten Hosen schlotterten ihm um die Beine, mit den
langen Armen fuchtelte er in der Luft herum. "Er ist doch schon immer so
ein leichtglaeubiger Tropf gewesen! Ein richtiger Dussel! Wenn man sich
vorstellt, einer hat ein so grosses Vermoegen im Geschaeft eines aendern
stecken, und er kuemmert sich dann nicht weiter drum! Das ist doch eine
verdammte--" er hielt jaeh inne und fragte in hoechstem Erstaunen: "Auf
was wollt Ihr denn heiraten--?"
Mary war tief verletzt, noch ehe diese Frage kam. In ihrer Gegenwart
sich so zu benehmen, vor ihren Ohren so etwas von ihrem Vater zu sagen!
Trotzdem antwortete sie mit ihrem reizendsten Laecheln und voll
Schelmerei: "Auf Dich, Onkel Klaus!"
Seine Verblueffung war nicht zu beschreiben. Sie versuchte sie zu
daempfen, ehe sie zum Ausbruch kam, sie bedauerte ihn scherzend--und zwar
auf englisch--was fuer ein armer Mann er sei. Aber das prallte ab wie
Vogelgezwitscher an einem Baeren. "Das sieht dem Joergen, diesem Satan,
aehnlich," brach er schliesslich hervor, "gleich auf mich zu
spekulieren!"--Er rannte wieder durch die Stube, schneller als bisher:
"Haha! das konnte ich mir ja denken! Wenn was in die Quere kommt, muss
ich herhalten! In diesen Zeiten, wo ich kaum mein Essen verdiene! Solche
Unverschaemtheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!"
Er sah sie nicht, er sah ueberhaupt nichts. Dieser reiche Mensch hatte
seinen Launen, seiner Wut, seiner Unverschaemtheit immer freien Lauf
gelassen. "Schockschwerenot, Joergen verdiente, dass ich ihm auch das
entzoege, was er jetzt bekommt. Immer will er mehr haben! Und nun sollte
ich--ha, ha! Ja, das ist ein Prachtbengel!"--
Mary sass totenblass da. Sie war nie bisher gedemuetigt worden; nie bisher
hatte ein Mensch sie anders als eine Bevorzugte behandelt.
Aber den Kopf verlor sie nicht. "Ich fuehre jetzt Vaters Buecher," sagte
sie kuehl; "daraus habe ich ersehen, dass auch Ihr Geschaefte zusammen
gemacht habt."--"Oh ja," sagte er, ohne stehen zu bleiben und ohne sie
anzusehen: "Oh ja--mit ein paar Hunderttausend. Aber wenn Du die Buecher
fuehrst, weisst Du wohl auch, dass sie in diesen Zeiten fast nichts
einbringen."--"Das ist nun wohl uebertrieben", antwortete sie. "Ja, was
willst Du mit den Papieren?" fragte er und blieb stehen. Aus einer
ploetzlichen Eingebung heraus rief er: "Hat Joergen Dich beauftragt, sie
zu verkaufen?"--"Joergen hat mich zu nichts beauftragt", sagte sie und
stand auf.
Wie sie blass und gross und stattlich vor ihm stand und ihn mutig ansah,
war er der Unterlegene. Er starrte sie nur an. Sie sagte: "Ich bedaure,
dass ich nicht eher gewusst habe; was fuer ein Mensch Du bist." Alle
Ueberlegenheit fiel von ihm ab,--er stand dumm und schwerfaellig da. Er
war nicht imstande zu antworten, ja nicht einmal sich zu ruehren. Er liess
sie gehen. Und das wollte er gerade am wenigsten.
Durch das Fenster sah er ihr nach, sah sie nach dem Markt hinuntergehen.
Wie schoen und stolz sie war, wie ein Bild.
Als Joergen bald darauf kam, um Mary abzuholen oder vielmehr mit ihr
zusammen zu Tisch dazubleiben,--denn er war ueberzeugt, sie wuerden zum
Essen eingeladen werden--bekam er nicht allein dieselbe Lektion, die sie
bekommen hatte, sondern eine viel saftigere, weil Onkel Klaus jetzt
ausserordentlich unzufrieden mit sich selbst war. Dafuer musste Joergen
buessen. "Warum, zum Donnerwetter, bist Du nicht selbst gekommen? Du
warst wohl zu feig dazu?--Und dann hast Du sie veranlassen wollen,
Aktien zu verkaufen, die jetzt gar keinen Wert haben! Ein verflucht
leichtsinniger Kerl bist Du doch immer gewesen."--Onkel Klaus hatte
unrecht; aber Joergen kannte ihn, er wusste, dass man ihm jetzt nicht
widersprechen durfte. Er machte sich auf allen vieren davon und kam zu
Mary, erbarmungswuerdiger als damals, wo sie ihn oben auf dem Huegel
getroffen hatte, wie er in das verlorene Paradies hinunterschaute. Sie
selbst hatte geweint vor Aerger und Enttaeuschung; aber sie hatte
Sprungfedern in sich; jetzt kam der Umschlag. Ihr Sturz aus ihrer
Siegesstimmung herab, die sie noch vor einer halben Stunde gehabt hatte,
war so jaeh, dass die ganze Geschichte, wenn man Joergens jaemmerlichen
Zustand dazunahm, laecherlich wurde. Sie lachte so ausgelassen, so
koestlich befreit, dass sogar Joergen geheilt wurde. Nach Verlauf einer
Viertelstunde gingen die beiden jungen Menschen ueber die Strasse, um sich
ein leckeres Mittagessen mit Champagner zu bestellen. Waehrend das
hergerichtet wuerde, wollten sie einen Spaziergang machen. Aber kaum
standen sie draussen in der koestlich frischen Luft, da musste Joergen
wieder hinauf und nach Krogskog telephonieren, sie wuerden heimkommen und
dort zu Mittag essen. Es wuerde ungefaehr zwei Stunden dauern auf der
neuen Landstrasse; das sollte ein herrlicher Spaziergang werden!
Sie schritten tuechtig aus; der klare Herbsttag mit seiner frischen Brise
war kuehl,--so rechtes Wetter zum Wandern.
Der Weg an der See entlang durchschnitt die Landzungen; sie freuten sich
ueber den steten Wechsel von Strand und Bergeshoehe, von Bergeshoehe und
Strand. Das Meer tiefblau, bis weit hinten voller Segel und Rauchsaeulen.
Heut war Sonntag, daher waren auch viele Lustjachten draussen; sie
krochen durch die Meerengen und wagten sich auf die offene See hinaus.
Bei ihrem schnellen Tempo waren die beiden bald aus der eigentlichen
Stadt heraus. Da lag ein huebsches kleines Haus in einem Garten. "Wem
gehoert das?" fragte Mary. Es sah so einladend aus. "Fraeulein Roey, der
Aerztin", antwortete Joergen eifrig. "Ich habe ueber all dem Aerger und der
Enttaeuschung doch vergessen, Dir zu erzaehlen, dass ich Franz Roey in der
Stadt getroffen habe!" Ohne es zu wissen, blieb Mary stehen. Ohne es zu
wollen, wurde sie rot. "Franz Roey?" fragte sie und blickte starr vor
sich hin. Dann ging sie weiter, noch bevor sie eine Antwort bekommen
hatte. "Er soll hier die Hafenarbeiten leiten. Du weisst, Irgens ist
tot."--"Der Ingenieur? Der ist tot?"--"Und jetzt heisst es, Hauptmann Roey
wird das uebernehmen."--"Ist das eine Arbeit fuer einen Mann wie
ihn?"--"So fragt gewiss mancher.--Alle fragen, was er hier will?" lachte
Joergen. Mary sah ihn an und er Mary. Dann ging er naeher an sie heran:
"Aber jetzt kommt er zu spaet." Er hatte als Antwort einen
verstaendnisvollen Blick erwartet, in dem vielleicht ein bisschen Glueck
lag. Aber sie ging weiter, ohne ihn anzusehen, auch ohne etwas zu sagen.
Da trat eine lange Pause ein. Sie gingen schnell. Der Herbstwind wehte
erfrischend. Da wandte sie sich zu ihm, um ihm eine Freude zu machen.
"Weisst Du, Joergen, dass Vater bei Onkel Klaus zweihunderttausend Kronen
stehen hat?"--"Zweihundertfuenfzigtausend", antwortete Joergen. Sie war
sehr erstaunt,--einmal darueber, dass Joergen Bescheid wusste, dann ueber die
fuenfzigtausend Kronen. "Onkel Klaus sprach von zweihunderttausend."
--"Ja, die Dein Vater in seine Unternehmungen und in das
Schiff hineingesteckt hat. Aber kurz bevor Dein Vater krank wurde,
hat er Onkel fuenfzigtausend Kronen geschickt, die frei geworden
waren."--"Woher weisst Du das?"--"Onkel hat es mir gesagt."--"Ich habe
nichts darueber gefunden."--"Nein, Dein Vater hat sich mit dem Verbuchen
wohl nicht beeilt; das war seine Art so. Ausserdem--," hier stockte
Joergen, "kennst Du alle Geschaefte Deines Vaters?" Sie wollte darauf
nicht eingehen; die Frage kam ihr nicht unerwartet. Aber wie konnte
Joergen--? Vielleicht durch Frau Dawes. Jedenfalls freute sie sich. Sie
war stehen geblieben, sie wollte etwas sagen. Aber der Wind hob ihr die
Roecke hoch, loeste ihr eine Haarstraehne und riss ihr den Schal ab.
"Herrgott, wie entzueckend Du aussiehst!" rief er.--"Aber dann steht ja
nichts im Wege, Joergen?"--"Wir koennen heiraten, meinst Du?"--"Ja", und
damit ging's weiter.--"Nein, Liebste, jetzt bringen die Aktien nahezu
nichts ein."--"Ja, was tut das? Wir muessen drauflosgehen, Joergen!" Sie
strahlte vor Gesundheit und Mut. "Ohne Onkels Zustimmung?" fragte er
verzagt.--Sie stand wieder still: "Wuerde er Dich enterben?"--Ohne direkt
zu antworten, sagte er schwermuetig: "Wenn Du wuesstest, Mary, was ich mit
Onkel ausgestanden habe. Vom ersten Tag an, da er mich zu sich nahm. Wie
er mich geplagt hat. Wie er mir aufgepasst hat. Bis auf diesen Tag bin
ich wie ein ungezogener Schuljunge von ihm behandelt worden. Seine
schlechte Laune hat er stets an mir ausgelassen." Auf seinem Gesicht
zeigte sich eine solche Mischung von Verbitterung und Unglueck, dass Mary
unwillkuerlich rief: "Armer Joergen,--jetzt fange ich an zu verstehen!"
Sie gingen weiter. Sie dachte daran, dass seine Faehigkeit, sich zu
beherrschen in einer harten Schule erworben sei; da hatte er auch
gelernt, sich zu verstellen. Seine Zaehigkeit musste sie bewundern; was
hatte er nicht alles durchgesetzt! Und allein seine Musik! Die war wohl
sein Trost gewesen. Jetzt verstand sie seine ungewoehnliche Hoeflichkeit.
Jetzt verstand sie seine Sentimentalitaet. Sie verstand, wodurch er so
streng und pedantisch geworden war und so hart gegen seine Untergebenen.
Sie sah ein, dass auch sie vielleicht schuld gewesen, wenn es ihm
schlecht gegangen war. Seine lange, schweigende Liebe zu ihr hatte ihm
nur eine Last mehr aufgebuerdet; denn sie hatte ihm kein aufmunterndes
Wort gegoennt; im Gegenteil! Was Wunder, dass er schliesslich wie verhext
war? "Armer Joergen", sagte sie noch einmal und fasste seine Hand. Das
erste Liebeszeichen, das sie ihm je gewaehrt hatte. Sie musste es gleich
wieder zuruecknehmen, weil sie die Roecke festhalten musste, denn um die
Landzunge pfiff ein scharfer Wind, und ein Segelboot schnitt gerade
unter ihnen durch das Wasser. Vom Boote aus wurde heraufgewinkt, und sie
winkten hinunter. Welch ein herrlicher Tag, wie schimmernd blau der
Fjord mit den roten Wimpeln ueberall.
Als sie zur Bucht hinunterkamen, fragte sie: "Glaubst Du wirklich, er
wuerde Dich enterben, wenn wir uns verheiraten?"--"Wir haben nichts,
woraufhin wir heiraten koennen, Du Liebe!"--"Wir koennen doch diese
Papiere verkaufen", sagte sie mutig. "Ja, wenn wir so vorgehen, um uns
heiraten zu koennen, dass wir sie jetzt verkaufen, wo sie so niedrig
stehen, ja, dann enterbt er mich sicher."--Aber sie wollte die Hoffnung
nicht aufgeben: "Und unser Wald?"--"Der muss erst jahrelang stehen."--
Wie gut Joergen Bescheid wusste! Wie genau er alles ueberlegt hatte!
Sie kamen auf die Strandstrasse, die auf die letzte Landzunge bei
Krogskog zufuehrte. Da stand ein alter wunderlicher Finnenhund. Mary war
gut Freund mit ihm. Er klaeffte ja immer ein bisschen, wenn jemand in
seine Naehe kam; vielleicht konnte er nicht gut sehen; aber er wedelte
gleich mit dem Schwanz, wenn er einen Bekannten witterte. Heute war er
wie toll.
"Herrjeh," rief Mary, "ist er etwa auf Dich so wuetend?" Joergen
antwortete nicht, sondern bueckte sich nach einem kleinen Stein. Als der
Hund das sah, rannte er, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, hinter
einen Reisighaufen am Wege. Von dort setzte er dann das Konzert fort.
"Lass ihn doch!" sagte Mary, als sie sah, dass Joergen die Schusslinie
berechnete. "Es waere doch spassig, wenn er sich genau auf die Stelle
zurueckzoege, auf die ich ziele," sagte er, "dann bekommt er den Stein
naemlich gerade auf den Ruecken." Dabei tat er, als werfe er; der Hund
setzte davon,--da warf er erst, und der Hund bekam den Stein genau auf
den Ruecken. Er heulte auf. "Siehst Du!" sagte Joergen triumphierend. "Es
gibt nicht viele, die so sicher treffen, kann ich Dir sagen."--"Kannst
Du ebenso gut schiessen?"--"Ob ich es kann! Wirklich, Mary, alles, womit
ich mich befasse--viel ist es ja nicht,--das tue ich gruendlich." Das
musste sie zugeben. Das rasende Gebell des Hundes in der Ferne bestaetigte
es auch.
Auf dem Richtsteig zum Hause hinauf sagte er: "Meinst Du, wir sagen Frau
Dawes oder Deinem Vater etwas?"--"Von Onkel Klaus?"--"Ja. Es wuerde sie
nur betrueben. Koennen wir nicht sagen, er habe gemeint, wir sollten bis
zum Fruehjahr warten?"--Sie blieb stehen. Sie war nicht fuer so etwas.
Aber Joergen blieb dabei. "Ich kenne Onkel Klaus besser als Du. Ihm wird
es bald leid. Freilich wird er nicht nachgeben, aber er wird selbst mit
einem anderen Vorschlag kommen, ungefaehr mit so etwas, wie ich jetzt
meine:--er moechte, wir warteten bis zum Fruehjahr."
Mary war sich laengst darueber klar, wie gut Joergen unterrichtet sei; sie
musste deshalb auch zugeben, dass er so etwas besser verstand als sie.
Aber an Schleichwege war sie nicht gewoehnt. "Lass mich nur machen," sagte
er, "dann erspare ich den alten Leuten eine Enttaeuschung."
"Aber was soll ich denn sagen?" fragte Mary.--"Die Wahrheit, dass Onkel
sich sehr ueber unsere Verlobung gefreut hat, und dass die Zeiten jetzt so
schlecht seien, dass wir warten muessten. Das verhaelt sich doch tatsaechlich
so."
Damit war Mary einverstanden. Besonders weil es sie freute, dass Joergen
auf die Schonung der beiden Alten bedacht war. Er bekam dafuer einen
aufrichtigen Dank--und wieder ihre Hand. Die behielt er in seiner bis an
die Treppe, ja noch die Treppe hinauf. Er dachte, das ist ein Pfand fuer
einen Kuss im Vorzimmer. Aber dann nehme ich mir zehn!
Er machte die Tuer auf und liess Mary vorangehen. "Schoenen Dank fuer den
Spaziergang, Joergen", sagte sie, indem sie an ihm vorbeiging und ihm
froehlich zunickte,--lief zur Treppe und nach oben. Er hoerte sie in ihr
Zimmer gehen.--
Wie schonend Joergen auch seine Worte waehlte, als er von dem Resultat
berichtete,--es war eine schwere Enttaeuschung fuer die alten Leute.
Sowohl Krog wie vor allem Frau Dawes fanden es unerklaerlich; die
letztere sogar grausam. So sollte Mary den langen Winter ueber hier
allein bleiben und Joergen in Stockholm. Sie konnten sich vielleicht zu
Weihnachten ein paar Tage sehen, aber sonst nicht. Seltsamerweise uebte
die Enttaeuschung der beiden Alten einen Rueckschlag auf Joergen aus. Er
sass wie ein fluegellahmer Vogel da. Er sprach nicht, er antwortete Frau
Dawes kaum, er spielte auch nicht; aber er bereitete seine Abreise fuer
den naechsten Morgen vor. Er wollte direkt nach Stockholm; seine Zeit war
um.
Nur Mary war guter Dinge. Es war, als gehe sie die ganze Geschichte
nichts an. Ihr hatte der Tag nichts Schlimmes gebracht; so schien es.
Das Triumphgefuehl, das in ihr war, seit sie vor ihrem Vater die
Verlobung zu proklamieren geruht hatte, war nicht allein ungeschwaecht,
es war staerker als je. Sie ging ueber die Flure und durch die Stuben und
summte vor sich hin; sie hatte tausenderlei zu tun, als sei sie es, die
eine lange, wichtige Reise vorhatte. Beim Abendessen trieb sie soviel
Unsinn, dass Joergen das unsichere Gefuehl hatte, sie mache sich ueber ihn
lustig. Er sagte ihr schliesslich gerade heraus, er verstehe sie nicht.
Ihm scheine, sie solle ihn lieber bedauern. Sie bleibe doch wenigstens
hier in ihrem entzueckenden Heim und in ihrer schoenen Sorge fuer ihre
beiden Lieben; er aber--? Jetzt habe er einen Hass auf das, was vor ihm
liege, weil es ihn von ihr fernhalte. Es tue ihm leid, dass er sich vom
Dienst habe beurlauben lassen. Er verabscheue Stockholm. Er wisse, wie
zurueckgesetzt ein junger Mann dort sei, der nicht zur hoeheren "societe"
gehoere und obendrein Norweger sei. Er war ungluecklich und machte seinem
Kummer Luft.
"Du hast doch bei Deiner Konfirmation so gut Bescheid gewusst, Joergen,
hast Du vergessen, dass Jakob volle sieben Jahre um Rahel dienen
musste?"--"Habe ich etwa nicht lange genug um Dich gedient, Mary?"--"Weil
Du gar so frueh damit anfingst, sind es so viele Jahre geworden. Es ist
eine schlechte Angewohnheit von Dir--zu frueh anzufangen!"--"War es denn
moeglich, Dich zu sehen, ohne ...? Du tust Dir selbst unrecht."--"Du
hattest doch andere Ziele, Joergen, als mich zu erringen?"--"Die hatte
Jakob auch, der Geldjaeger! Und er hatte noch den offenbaren Vorteil, dass
er Rahel inzwischen sehen konnte, so oft er wollte."--"Na,--einer, der
Jahre lang gewartet hat, Joergen--" "--der kann auch noch ein halbes Jahr
Iaenger warten? Ja, Du hast gut reden, die nie auf etwas gewartet hat.
Nicht auf das geringste!"--Sie schwieg. "Dass Du mich obendrein noch
necken willst, Mary!--Der (auch wenn er bei Dir ist) auf so schmale Kost
gesetzt ist!"--"Du beklagst Dich, Joergen?"--"Ja, wahrhaftig."--"Du hast
allzu frueh angefangen, musst Du bedenken." Sie lachte. Er wurde verlegen,
sagte aber nach einer Weile: "Du weisst eben nicht, was warten
heisst!"--"Ich weiss jedenfalls, dass einer, der auf schmale Kost gesetzt
ist, sich leichter daran gewoehnen kann." Sie lachte wieder. Er war
gekraenkt und unsicher zugleich. Eine, die ihn wirklich lieb hatte, haette
sich kaum so benommen--am Abend vor einer mehrmonatlichen Trennung. Und
bei so klaeglichen Aussichten fuer die Ehe, wie sie sie hatten.
Sie sassen eine Weile bei ihrem Vater und sehr lange bei Frau Dawes.
Joergen war still und sagte ueberhaupt nichts. Mary aber war vergnuegt.
Frau Dawes blickte die beiden verwundert an. Sie wandte sich zu Joergen:
"Armer Junge, Du musst zu Weihnachten herkommen!" Mary antwortete statt
seiner: "Tante Eva, um Weihnachten ist es in Stockholm gerade am
lustigsten."
Ploetzlich stand Mary auf und wuenschte sehr unerwartet "Gute Nacht", erst
Joergen, dann Frau Dawes. "Ich bin muede von unserer Tour und ich will
morgen frueh aufstehen, um Joergen zu begleiten."
Joergen fuehlte, dieser unerwartete Aufbruch war ein wohlueberlegter
Streich. Sie wollte dem entgehen, ihm draussen auf dem Flur gute Nacht zu
sagen. Er schwur ihr Rache. Er verstand sich darauf.
Frau Dawes wollte wissen, ob zwischen ihnen etwas vorgefallen sei. Das
bestritt er. Sie glaubte ihm nicht; er musste allen Ernstes wiederholen,
er wisse von nichts. Aber seine Verstimmung verbergen, das konnte er
nicht. Er brachte es nicht einmal ueber sich, dazubleiben, und liess sie
allein. Auf dem Flur war es gegen die Gewohnheit voellig dunkel. Er
tastete sich nach seiner Tuer. Erst als er drinnen Licht angezuendet hatte
und unwillkuerlich auf ein Lebenszeichen aus ihrem Zimmer lauschte, fiel
ihm ein, dass sein Schloss geoelt worden war. Heute morgen hatte es
geknarrt. Ganz unbedeutend, aber geknarrt hatte es. Nie war er in einem
Hause gewesen, wo wie hier die kleinste Kleinigkeit, die in Unordnung
war, sofort repariert worden waere. Trotzdem Sonntag war. Er konnte sich
kein groesseres Glueck vorstellen, als spaeter, wenn erst alles in Ordnung
war, hierher zurueckzukehren, hier auszuruhen, und hier solange und
solcherart zu leben, wie sein tiefstes Beduerfnis nach Lebensgenuss es ihm
vor Augen stellte.
Also galt es auszuhalten. Sich jetzt in ihre Launen zu finden wie frueher
in des Onkels Launen. Bis seine Zeit kam!--
--Er war beim Ausziehen, als lautlos die Tuer geoeffnet wurde und Mary in
ihrem Nachtgewand hereintrat. Blendend schoen. Sie schloss die Tuer hinter
sich und trat an die Lampe. "Du sollst nicht laenger warten, Joergen!" Sie
loeschte die Lampe aus.--
* * * * *
Allein
Am naechsten Morgen verschlief sie die Zeit. Sie wurde durch Gesang und
Klavierspiel aufgeweckt. Im Halbschlummer erst und dann deutlich hoerte
sie durch einen Strom herandraengender Erinnerungen Joergens Stimme. Er
sang am Klavier bei offenem Fenster in den fruehen Morgen hinein. Sein
heller, jubelnder Tenor trug Festesklaenge zu ihr hinauf.
Schnell, ganz schnell war sie aus dem Bett und in den Kleidern; sonst
kam sie zu spaet, um ihn zum Schiff hinunterzubegleiten. Bei dem raschen
Hantieren wurde sie ganz wach, und maechtiger stuermten ihre Gedanken ihm
und seiner berauschten Seligkeit entgegen. Seinen tiefinnigen, Seele und
Sinne durchstroemenden Dank und seine Lobeshymnen wollte sie in der Naehe
geniessen! Hoch emporgehoben und im Triumph herumgetragen werden wie die
Herrscherin seines Lebens. Aus freier Souveraenitaet hatte sie ihm des
Lebens hoechsten Preis geschenkt. Jetzt war er belohnt fuer seine lange
Qual! Vorurteilslos und ohne zu feilschen. Sie kannte ihn jetzt doch;
sie wusste bis ins kleinste, wie er aussehen, wie er sich benehmen wuerde,
wenn er sie hineinfuehrte in sein Glueck. Deshalb schwoll ihre Brust dem
Wiedersehen entgegen. Feiern sollte man sie und ihr danken!
Durch das kleine hollaendische Kabinett kam sie in ihrem blauen
Morgenkleide und legte die Hand auf den Tuergriff des grossen Musikzimmers
nach der See hinaus, musste aber stehen bleiben, um Atem zu schoepfen, so
gespannt war sie. Dabei genoss sie seinen Triumph da drinnen. So
hingerissen war er von seiner eigenen Musik, dass sie ihm ganz nahe kam,
ehe er sie bemerkte. Er blickte strahlend auf und erhob sich langsam und
still wie zu einem Fest. Er wollte die Stimmung nicht zerstoeren; er
breitete die Arme ihr entgegen, zog sie an sich, kuesste sie ehrbar aufs
Haar und streichelte ihr langsam und sorglich die Wange, die freilag; er
wollte zudecken und verbergen, ihr mit maennlicher Guete ueber die Scham
weghelfen, die sie naturgemaess empfinden musste. Er war ganz zart und
beruhigend.--
"Wir muessen jetzt wohl schnell essen", fluesterte er freundlich zu ihr
hinunter, kuesste noch einmal ihr schoenes Haar und atmete seinen Duft.
Dann fasste er sie sanft, aber gleichsam fuehrend, um die Taille. An der
Tuer fragte er leise: "Du hast wohl gut geschlafen, dass Du so spaet
kommst?" Er oeffnete mit der freien Hand vaeterlich die Tuer und blickte
sie mitfuehlend an, als er keine Antwort bekam. Sie war sehr blass und
ganz verwirrt. "Mein suesses Maedchen", fluesterte er troestend.
Bei Tisch war des Ruecksichtnehmens kein Ende, besonders da sie nichts
essen konnte. Aber die Zeit war knapp; er musste fuer sich selbst sorgen,
so dass nicht viel darueber gesprochen wurde. Mary sagte kein einziges
Wort. Aber sie fand, er hantiere mit Messer und Gabel auf eine ganz
neue, herrische Art. Verwandt der Art, wie er zu ihr sprach und wie er
sie ansah. Er wollte ihr offenbar Mut einfloessen. Nach dem, was gestern
geschehen war. Sie haette den Teller mit allem, was darauf war, nehmen
und ihm ins Gesicht schleudern moegen!
Sein Triumphgesang hatte ihm selber gegolten, die Siegeshymne seinem
eigenen Verdienst!
Bei allen Mahlzeiten stand eine Karaffe mit Wein auf dem Tisch. Er trank
langsam ein ganzes, grosses Glas, wischte sich den Mund und stand mit
einem wuerdevollen "Entschuldige!" auf.--Dann in der Tuer: "Ich muss
nachsehen, ob der Knecht meinen Koffer geholt hat."
Einen Augenblick nachher war er wieder da. "Die Zeit ist knapp"; er
schloss die Tuer hinter sich und ging hastig auf Mary zu, die jetzt am
Fenster stand. Er zog sie diesmal rasch an sich und wollte sie
Kuessen...
"Nicht mehr dergleichen!" sagte sie mit ihrer ganzen alten Souveraenitaet
und wandte sich ab. Sie ging stolz hinaus ins Vorzimmer, zog sich eine
Jacke an, wobei ihr das herzueilende Maedchen half, waehlte einen Hut,
sah nach dem Wetter und nahm dann einen Sonnenschirm. Das Maedchen
oeffnete ihr die Haustuer, Mary ging rasch hinaus, er hinterher, in seinem
tiefsten Empfinden verletzt. Er war sich keiner Schuld bewusst.
Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Aber es kochte so in
ihr, dass sie ihren Sonnenschirm fast zerbrochen haette, als sie ihn
schliesslich aufspannen wollte. Er sah es.
"Du," sagte sie, und es klang, als habe sie eine ganz andere Stimme
bekommen, "ich halte nicht viel vom Briefschreiben. Ich kann auch keine
Briefe schreiben."--"Ich soll Dir also nicht schreiben--?!" Er hatte
auch eine andere Stimme bekommen. Sie antwortete nicht, und sie sah ihn
auch nicht an. "Wenn aber irgend etwas passiert--?" sagte er.--"Nun ja,
dann--! Aber dann hast Du ja Frau Dawes."
Als sei es damit noch nicht genug, fuegte sie hinzu: "Du bist wohl
uebrigens auch kein Held im Briefschreiben. Also ist nicht viel dabei
verloren."
Er haette sie schlagen moegen.
Zum Ueberfluss musste nun auch noch der alte, wunderliche Finnenhund da an
der Bruecke sein mit einem von seinen Leuten. Kaum wurde er Joergen
gewahr, da fing das Konzert an. Es nuetzte alles nichts, soviel seine
Herren auch ihm pfiffen und ihn riefen.