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Hamburgische Dramaturgie - Gotthold Ephraim Lessing

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Und diesen Veraenderungen zufolge kann man sich den Maffeischen Plan
ungefaehr vorstellen. Polyphontes regieret bereits fuenfzehn Jahre, und
doch fuehlet er sich auf dem Throne noch nicht befestiget genug. Denn das
Volk ist noch immer dem Hause seines vorigen Koeniges zugetan und rechnet
auf den letzten geretteten Zweig desselben. Die Missvergnuegten zu
beruhigen, faellt ihm ein, sich mit Meropen zu verbinden. Er traegt ihr
seine Hand an, unter dem Vorwande einer wirklichen Liebe. Doch Merope
weiset ihn mit diesem Vorwande zu empfindlich ab; und nun sucht er durch
Drohungen und Gewalt zu erlangen, wozu ihn seine Verstellung nicht
verhelfen koennen. Eben dringt er am schaerfsten in sie, als ein Juengling
vor ihn gebracht wird, den man auf der Landstrasse ueber einem Morde
ergriffen hat. Aegisth, so nannte sich der Juengling, hatte nichts getan,
als sein eignes Leben gegen einen Raeuber verteidiget; sein Ansehen verraet
so viel Adel und Unschuld, seine Rede so viel Wahrheit, dass Merope, die
noch ausserdem eine gewisse Falte seines Mundes bemerkt, die ihr Gemahl
mit ihm gemein hatte, bewogen wird, den Koenig fuer ihn zu bitten; und der
Koenig begnadiget ihn. Doch gleich darauf vermisst Merope ihren juengsten
Sohn, den sie einem alten Diener, namens Polydor, gleich nach dem Tode
ihres Gemahls anvertrauet hatte, mit dem Befehle, ihn als sein eigenes
Kind zu erziehen. Er hat den Alten, den er fuer seinen Vater haelt,
heimlich verlassen, um die Welt zu sehen; aber er ist nirgends wieder
aufzufinden. Dem Herze einer Mutter ahnet immer das Schlimmste; auf der
Landstrasse ist jemand ermordet worden; wie, wenn es ihr Sohn gewesen
waere? So denkt sie und wird in ihrer bangen Vermutung durch verschiedene
Umstaende, durch die Bereitwilligkeit des Koenigs, den Moerder zu
begnadigen, vornehmlich aber durch einen Ring bestaerket, den man bei dem
Aegisth gefunden, und von dem ihr gesagt wird, dass ihn Aegisth dem
Erschlagenen abgenommen habe. Es ist dieses der Siegelring ihres Gemahls,
den sie dem Polydor mitgegeben hatte, um ihn ihrem Sohne einzuhaendigen,
wenn er erwachsen, und es Zeit sein wuerde, ihm seinen Stand zu entdecken.
Sogleich laesst sie den Juengling, fuer den sie vorher selbst gebeten, an
eine Saeule binden und will ihm das Herz mit eigner Hand durchstossen. Der
Juengling erinnert sich in diesem Augenblicke seiner Eltern; ihm entfaehrt
der Name Messene; er gedenkt des Verbots seines Vaters, diesen Ort
sorgfaeltig zu vermeiden; Merope verlangt hierueber Erklaerung: indem koemmt
der Koenig dazu, und der Juengling wird befreiet. So nahe Merope der
Erkennung ihres Irrtums war, so tief verfaellt sie wiederum darein zurueck,
als sie siehet, wie hoehnisch der Koenig ueber ihre Verzweiflung triumphiert.
Nun ist Aegisth unfehlbar der Moerder ihres Sohnes, und nichts soll ihn
vor ihrer Rache schuetzen. Sie erfaehrt mit einbrechender Nacht, dass er in
dem Vorsaale sei, wo er eingeschlafen, und koemmt mit einer Axt, ihm den
Kopf zu spalten; und schon hat sie die Axt zu dem Streiche erhoben, als
ihr Polydor, der sich kurz zuvor in eben den Vorsaal eingeschlichen und
den schlafenden Aegisth erkannt hatte, in die Arme faellt. Aegisth erwacht
und fliehet, und Polydor entdeckt Meropen ihren eigenen Sohn in dem
vermeinten Moerder ihres Sohnes. Sie will ihm nach und wuerde ihn leicht
durch ihre stuermische Zaertlichkeit dem Tyrannen entdeckt haben, wenn sie
der Alte nicht auch hiervon zurueckgehalten haette. Mit fruehem Morgen soll
ihre Vermaehlung mit dem Koenige vollzogen werden; sie muss zu dem Altare,
aber sie will eher sterben, als ihre Einwilligung erteilen. Indes hat
Polydor auch den Aegisth sich kennen gelehrt; Aegisth eilet in den
Tempel, draenget sich durch das Volk, und--das uebrige wie bei dem Hyginus.


----Fussnote

[1] In der 184. Fabel des Hyginus, aus welcher obige Erzaehlung genommen,
sind offenbar Begebenheiten ineinander geflossen, die nicht die geringste
Verbindung unter sich haben. Sie faengt an mit dem Schicksale des Pentheus
und der Agave und endet sich mit der Geschichte der Merope. Ich kann gar
nicht begreifen, wie die Herausgeber diese Verwirrung unangemerkt lassen
koennen; es waere denn, dass sie sich bloss in derjenigen Ausgabe, welche ich
vor mir habe (Johannis Schefferi, Hamburgi 1674), befaende. Diese
Untersuchung ueberlasse ich dem, der die Mittel dazu bei der Hand hat.
Genug, dass hier, bei mir, die 184. Fabel mit den Worten: quam Licoterses
excepit, aus sein muss. Das uebrige macht entweder eine besondere Fabel,
von der die Anfangsworte verloren gegangen, oder gehoeret, welches mir das
Wahrscheinlichste ist, zu der 137., so dass, beides miteinander verbunden,
ich die ganze Fabel von der Merope, man mag sie nun zu der 137. oder zu
der 184. machen wollen, folgendermassen zusammenlegen wurde. Es versteht
sich, dass in der letztern die Worte: cum qua Polyphontes, occiso
Cresphonte, regnum occupavit, als eine unnoetige Wiederholung, mitsamt dem
darauffolgenden ejus, welches auch so schon ueberfluessig ist, wegfallen
muesste. Merope.

[2] Polyphontes, Messeniae rex, Cresphontem Aristomachi filium cum
interfecisset, ejus imperium et Meropem uxorem possedit. Filium autem
infantem Merope mater, quem ex Cresphonte habebat, absconse ad hospitem
in Aetoliam mandavit. Hunc Polyphontes maxima cum industria quaerebat,
aurumque pollicebatur, si quis eum necasset. Qui postquam ad puberem
aetatem venit, capit consilium, ut exequatur patris et fratrum mortem.
Itaque venit ad regem Polyphontem, aurum petitum, dicens se Cresphontis
interfecisse filium et Meropis, Telephontem. Interim rex eum jussit in
hospitio manere, ut amplius de eo perquireret. Qui cum per lassitudinem
obdormisset, senex qui inter matrem et filium internuncius erat, flens ad
Meropem venit, negans eum apud hospitem esse, nec comparere. Merope
credens eum esse filii sui interfectorem, qui dormiebat, in Chalcidicum
cum securi venit, inscia ut filium suum interficeret, quem senex
cognovit, et matrem a scelere retraxit. Merope postquam invenit,
occasionem sibi datam esse, ab inimico se ulciscendi, redit cum
Polyphonte in gratiam. Rex laetus cum rem divinam faceret, hospes falso
simulavit se hostiam percussisse, eumque interfecit, patriumque regnum
adeptus est.

----Fussnote




Einundvierzigstes Stueck
Den 18. September 1767

Je schlechter es zu Anfange dieses Jahrhunderts mit dem italienischen
Theater ueberhaupt aussahe, desto groesser war der Beifall und das
Zujauchzen, womit die "Merope" des Maffei aufgenommen wurde.

Cedite Romani scriptores, cedite Graii,
Nescio quid majus nascitur Oedipode:

schrie Leonardo Adami, der nur noch die ersten zwei Akte in Rom davon
gesehen hatte. In Venedig ward 1714, das ganze Karneval hindurch, fast
kein anderes Stueck gespielt als "Merope"; die ganze Welt wollte die neue
Tragoedie sehen und wieder sehen; und selbst die Opernbuehnen fanden sich
darueber verlassen. Sie ward in einem Jahre viermal gedruckt; und in
sechzehn Jahren (von 1714-1730) sind mehr als dreissig Ausgaben, in und
ausser Italien, zu Wien, zu Paris, zu London davon gemacht worden. Sie
ward ins Franzoesische, ins Englische, ins Deutsche uebersetzt; und man
hatte vor, sie mit allen diesen Uebersetzungen zugleich drucken zu lassen.
Ins Franzoesische war sie bereits zweimal uebersetzt, als der Herr von
Voltaire sich nochmals daruebermachen wollte, um sie auch wirklich auf die
franzoesische Buehne zu bringen. Doch er fand bald, dass dieses durch eine
eigentliche Uebersetzung nicht geschehen koennte, wovon er die Ursachen in
dem Schreiben an den Marquis, welches er nachher seiner eignen "Merope"
vorsetzte, umstaendlich angibt.

Der Ton, sagt er, sei in der italienischen "Merope" viel zu naiv und
buergerlich, und der Geschmack des franzoesischen Parterrs viel zu fein,
viel zu verzaertelt, als dass ihm die blosse simple Natur gefallen koenne. Es
wolle die Natur nicht anders als unter gewissen Zuegen der Kunst sehen;
und diese Zuege muessten zu Paris weit anders als zu Verona sein. Das ganze
Schreiben ist mit der aeussersten Politesse abgefasst; Maffei hat nirgends
gefehlt; alle seine Nachlaessigkeiten und Maengel werden auf die Rechnung
seines Nationalgeschmacks geschrieben; es sind wohl noch gar Schoenheiten,
aber leider nur Schoenheiten fuer Italien. Gewiss, man kann nicht hoeflicher
kritisieren! Aber die verzweifelte Hoeflichkeit! Auch einem Franzosen wird
sie gar bald zu Last, wenn seine Eitelkeit im geringsten dabei leidet.
Die Hoeflichkeit macht, dass wir liebenswuerdig scheinen, aber nicht gross;
und der Franzose will ebenso gross, als liebenswuerdig scheinen.

Was folgt also auf die galante Zueignungsschrift des Hrn. von Voltaire?
Ein Schreiben eines gewissen de la Lindelle, welcher dem guten Maffei
ebensoviel Grobheiten sagt, als ihm Voltaire Verbindliches gesagt hatte.
Der Stil dieses de la Lindelle ist ziemlich der Voltairische Stil; es ist
schade, dass eine so gute Feder nicht mehr geschrieben hat und uebrigens so
unbekannt geblieben ist. Doch Lindelle sei Voltaire, oder sei wirklich
Lindelle: wer einen franzoesischen Januskopf sehen will, der vorne auf die
einschmeichelndste Weise laechelt und hinten die haemischsten Grimassen
schneidet, der lese beide Briefe in einem Zuge. Ich moechte keinen
geschrieben haben; am wenigsten aber beide. Aus Hoeflichkeit bleibet
Voltaire diesseits der Wahrheit stehen, und aus Verkleinerungssucht
schweifet Lindelle bis jenseit derselben. Jener haette freimuetiger, und
dieser gerechter sein muessen, wenn man nicht auf den Verdacht geraten
sollte, dass der naemliche Schriftsteller sich hier unter einem fremden
Namen wieder einbringen wollen, was er sich dort unter seinem eigenen
vergeben habe.

Voltaire rechne es dem Marquis immer so hoch an, als er will, dass er
einer der erstern unter den Italienern sei, welcher Mut und Kraft genug
gehabt, eine Tragoedie ohne Galanterie zu schreiben, in welcher die ganze
Intrige auf der Liebe einer Mutter beruhe und das zaertlichste Interesse
aus der reinsten Tugend entspringe. Er beklage es, so sehr als ihm
beliebt, dass die falsche Delikatesse seiner Nation ihm nicht erlauben
wollen, von den leichtesten natuerlichsten Mitteln, welche die Umstaende
zur Verwicklung darbieten, von den unstudierten wahren Reden, welche die
Sache selbst in den Mund legt, Gebrauch zu machen. Das Pariser Parterr
hat unstreitig sehr unrecht, wenn es seit dem koeniglichen Ringe, ueber den
Boileau in seinen Satiren spottet, durchaus von keinem Ringe auf dem
Theater mehr hoeren will;[1] wenn es seine Dichter daher zwingt, lieber zu
jedem andern, auch dem allerunschicklichsten Mittel der Erkennung seine
Zuflucht zu nehmen, als zu einem Ringe, mit welchem doch die ganze Welt,
zu allen Zeiten, eine Art von Erkennung, eine Art von Versicherung der
Person, verbunden hat. Es hat sehr unrecht, wenn es nicht will, dass ein
junger Mensch, der sich fuer den Sohn gemeiner Eltern haelt und in dem
Lande auf Abenteuer ganz allein herumschweift, nachdem er einen Mord
veruebt, demohngeachtet nicht soll fuer einen Raeuber gehalten werden
duerfen, weil es voraussieht, dass er der Held des Stueckes werden muesse,
[2] wenn es beleidiget wird, dass man einem solchen Menschen keinen
kostbaren Ring zutrauen will, da doch kein Faehndrich in des Koenigs Armee
sei, der nicht de belles nippes besitze. Das Pariser Parterr, sage ich,
hat in diesen und aehnlichen Faellen unrecht; aber warum muss Voltaire auch
in andern Faellen, wo es gewiss nicht unrecht hat, dennoch lieber ihm als
dem Maffei unrecht zu geben scheinen wollen? Wenn die franzoesische
Hoeflichkeit gegen Auslaender darin besteht, dass man ihnen auch in solchen
Stuecken recht gibt, wo sie sich schaemen muessten, recht zu haben, so weiss
ich nicht, was beleidigender und einem freien Menschen unanstaendiger sein
kann, als diese franzoesische Hoeflichkeit. Das Geschwaetz, welches Maffei
seinem alten Polydor von lustigen Hochzeiten, von praechtigen Kroenungen,
denen er vor diesen beigewohnt, in den Mund legt, und zu einer Zeit in
den Mund legt, wenn das Interesse aufs hoechste gestiegen und die
Einbildungskraft der Zuschauer mit ganz andern Dingen beschaeftiget ist:
dieses nestorische, aber am unrechten Orte nestorische Geschwaetz kann
durch keine Verschiedenheit des Geschmacks unter verschiedenen
kultivierten Voelkern entschuldiget werden; hier muss der Geschmack ueberall
der naemliche sein, und der Italiener hat nicht seinen eigenen, sondern
hat gar keinen Geschmack, wenn er nicht ebensowohl dabei gaehnet und
darueber unwillig wird, als der Franzose. "Sie haben", sagt Voltaire zu
dem Marquis, "in Ihrer Tragoedie jene schoene und ruehrende Vergleichung
des Virgils:

Qualis populea moerens Philomela sub umbra
Amissos queritur foetus--

uebersetzen und anbringen duerfen. Wenn ich mir so eine Freiheit nehmen
wollte, so wuerde man mich damit in die Epopee verweisen. Denn Sie glauben
nicht, wie streng der Herr ist, dem wir zu gefallen suchen muessen; ich
meine unser Publikum. Dieses verlangt, dass in der Tragoedie ueberall der
Held und nirgends der Dichter sprechen soll, und meinet, dass bei
kritischen Vorfaellen, in Ratsversammlungen, bei einer heftigen
Leidenschaft, bei einer dringenden Gefahr kein Koenig, kein Minister
poetische Vergleichungen zu machen pflege." Aber verlangt denn dieses
Publikum etwas Unrechtes, meinet es nicht, was die Wahrheit ist? Sollte
nicht jedes Publikum ebendieses verlangen? ebendieses meinen? Ein
Publikum, das anders richtet, verdient diesen Namen nicht: und muss
Voltaire das ganze italienische Publikum zu so einem Publico machen
wollen, weil er nicht Freimuetigkeit genug hat, dem Dichter geradeheraus
zu sagen, dass er hier und an mehrern Stellen luxuriere und seinen eignen
Kopf durch die Tapete stecke? Auch unerwogen, dass ausfuehrliche
Gleichnisse ueberhaupt schwerlich eine schickliche Stelle in dem
Trauerspiele finden koennen, haette er anmerken sollen, dass jenes
Virgilische von dem Maffei aeusserst gemissbrauchet worden. Bei dem Virgil
vermehret es das Mitleiden, und dazu ist es eigentlich geschickt; bei dem
Maffei aber ist es in dem Munde desjenigen, der ueber das Unglueck, wovon
es das Bild sein soll, triumphieret, und muesste nach der Gesinnung des
Polyphonts mehr Hohn als Mitleid erwecken. Auch noch wichtigere und auf
das Ganze noch groessern Einfluss habende Fehler scheuet sich Voltaire
nicht, lieber dem Geschmacke der Italiener ueberhaupt, als einem einzeln
Dichter aus ihnen zur Last zu legen, und duenkt sich von der allerfeinsten
Lebensart, wenn er den Maffei damit troestet, dass es seine ganze Nation
nicht besser verstehe, als er; dass seine Fehler die Fehler seiner Nation
waeren; dass aber Fehler einer ganzen Nation eigentlich keine Fehler waeren,
weil es ja eben nicht darauf ankomme, was an und fuer sich gut oder
schlecht sei, sondern was die Nation dafuer wolle gelten lassen. "Wie
haette ich es wagen duerfen", faehrt er mit einem tiefen Buecklinge, aber
auch zugleich mit einem Schnippchen in der Tasche, gegen den Marquis
fort, "blosse Nebenpersonen so oft miteinander sprechen zu lassen, als Sie
getan haben? Sie dienen bei Ihnen, die interessanten Szenen zwischen den
Hauptpersonen vorzubereiten; es sind die Zugaenge zu einem schoenen
Palaste; aber unser ungeduldiges Publikum will sich auf einmal in diesem
Palaste befinden. Wir muessen uns also schon nach dem Geschmacke eines
Volks richten, welches sich an Meisterstuecken sattgesehen hat und also
aeusserst verwoehnt ist." Was heisst dieses anders, als: "Mein Herr Marquis,
Ihr Stueck hat sehr, sehr viel kalte, langweilige, unnuetze Szenen. Aber
es sei fern von mir, dass ich Ihnen einen Vorwurf daraus machen sollte!
Behuete der Himmel! ich bin ein Franzose; ich weiss zu leben; ich werde
niemanden etwas Unangenehmes unter die Nase reiben. Ohne Zweifel haben
Sie diese kalten, langweiligen, unnuetzen Szenen mit Vorbedacht, mit allem
Fleisse gemacht; weil sie gerade so sind, wie sie Ihre Nation braucht. Ich
wuenschte, dass ich auch so wohlfeil davonkommen koennte; aber leider ist
meine Nation so weit, so weit, dass ich noch viel weiter sein muss, um
meine Nation zu befriedigen. Ich will mir darum eben nicht viel mehr
einbilden, als Sie; aber da jedoch meine Nation, die Ihre Nation so sehr
uebersieht"--Weiter darf ich meine Paraphrasis wohl nicht fortsetzen;
denn sonst,

Desinit in piscem mulier formosa superne:

aus der Hoeflichkeit wird Persiflage (ich brauche dieses franzoesische
Wort, weil wir Deutschen von der Sache nichts wissen), und aus der
Persiflage dummer Stolz.


----Fussnote

[1] Je n'ai pu me servir, comme Mr. Maffei, d'un anneau, parce que
depuis l'anneau royal dont Boileau se moque dans ses satyres, cela
semblerait trop petit sur notre theatre.

[2] Je n'oserais hazarder de faire prendre un heros pour un voleur,
quoique la circonstance ou il se trouve autorise cette meprise.

----Fussnote




Zweiundvierzigstes Stueck
Den 22. September 1767

Es ist nicht zu leugnen, dass ein guter Teil der Fehler, welche Voltaire
als Eigentuemlichkeiten des italienischen Geschmacks nur deswegen an
seinem Vorgaenger zu entschuldigen scheinet, um sie der italienischen
Nation ueberhaupt zur Last zu legen, dass, sage ich, diese, und noch
mehrere, und noch groessere, sich in der "Merope" des Maffei befinden.
Maffei hatte in seiner Jugend viel Neigung zur Poesie; er machte mit
vieler Leichtigkeit Verse, in allen verschiednen Stilen der beruehmtesten
Dichter seines Landes: doch diese Neigung und diese Leichtigkeit beweisen
fuer das eigentliche Genie, welches zur Tragoedie erfodert wird, wenig oder
nichts. Hernach legte er sich auf die Geschichte, auf Kritik und
Altertuemer; und ich zweifle, ob diese Studien die rechte Nahrung fuer das
tragische Genie sind. Er war unter Kirchenvaeter und Diplomen vergraben
und schrieb wider die Pfaffe und Basnagen, als er, auf gesellschaftliche
Veranlassung, seine "Merope" vor die Hand nahm, und sie in weniger als
zwei Monaten zustande brachte. Wenn dieser Mann unter solchen
Beschaeftigungen, in so kurzer Zeit, ein Meisterstueck gemacht haette, so
muesste er der ausserordentlichste Kopf gewesen sein; oder eine Tragoedie
ueberhaupt ist ein sehr geringfuegiges Ding. Was indes ein Gelehrter von
gutem klassischen Geschmacke, der so etwas mehr fuer eine Erholung als fuer
eine Arbeit ansieht, die seiner wuerdig waere, leisten kann, das leistete
auch er. Seine Anlage ist gesuchter und ausgedrechselter, als gluecklich;
seine Charaktere sind mehr nach den Zergliederungen des Moralisten, oder
nach bekannten Vorbildern in Buechern, als nach dem Leben geschildert;
sein Ausdruck zeugt von mehr Phantasie, als Gefuehl; der Literator und der
Versifikateur laesst sich ueberall spueren, aber nur selten das Genie und
der Dichter.

Als Versifikateur laeuft er den Beschreibungen und Gleichnissen zu sehr
nach. Er hat verschiedene ganz vortreffliche, wahre Gemaelde, die in
seinem Munde nicht genug bewundert werden koennten, aber in dem Munde
seiner Personen unertraeglich sind und in die laecherlichsten
Ungereimtheiten ausarten. So ist es z.E. zwar sehr schicklich, dass
Aegisth seinen Kampf mit dem Raeuber, den er umgebracht, umstaendlich
beschreibet, denn auf diesen Umstaenden beruhet seine Verteidigung; dass er
aber auch, wenn er den Leichnam in den Fluss geworfen zu haben bekennet,
alle, selbst die allerkleinsten Phaenomena malet, die den Fall eines
schweren Koerpers ins Wasser begleiten, wie er hineinschiesst, mit welchem
Geraeusche er das Wasser zerteilet, das hoch in die Luft spritzet, und wie
sich die Flut wieder ueber ihn zuschliesst:[1] das wuerde man auch nicht
einmal einem kalten geschwaetzigen Advokaten, der fuer ihn spraeche,
verzeihen, geschweige ihm selbst. Wer vor seinem Richter stehet und sein
Leben zu verteidigen hat, dem liegen andere Dinge am Herzen, als dass er
in seiner Erzaehlung so kindisch genau sein koennte.

Als Literator hat er zu viel Achtung fuer die Simplizitaet der alten
griechischen Sitten und fuer das Kostuem bezeugt, mit welchem wir sie bei
dem Homer und Euripides geschildert finden, das aber allerdings um etwas,
ich will nicht sagen veredelt, sondern unserm Kostueme naeher gebracht
werden muss, wenn es der Ruehrung im Trauerspiele nicht mehr schaedlich als
zutraeglich sein soll. Auch hat er zu geflissentlich schoene Stellen aus
den Alten nachzuahmen gesucht, ohne zu unterscheiden, aus was fuer einer
Art von Werken er sie entlehnt und in was fuer eine Art von Werken er sie
uebertraegt. Nestor ist in der Epopee ein gespraechiger freundlicher Alte;
aber der nach ihm gebildete Polydor wird in der Tragoedie ein alter ekler
Salbader. Wenn Maffei dem vermeintlichen Plane des Euripides haette folgen
wollen: so wuerde uns der Literator vollends etwas zu lachen gemacht
haben. Er haette es sodann fuer seine Schuldigkeit geachtet, alle die
kleinen Fragmente, die uns von dem Kresphontes uebrig sind, zu nutzen und
seinem Werke getreulich einzuflechten.[2] Wo er also geglaubt haette, dass
sie sich hinpassten, haette er sie als Pfaehle aufgerichtet, nach welchen
sich der Weg seines Dialogs richten und schlingen muessen. Welcher
pedantische Zwang! Und wozu? Sind es nicht diese Sittensprueche, womit man
seine Luecken fuellet, so sind es andere.

Demohngeachtet moechten sich wiederum Stellen finden, wo man wuenschen
duerfte, dass sich der Literator weniger vergessen haette. Z.E. Nachdem die
Erkennung vorgegangen und Merope einsieht, in welcher Gefahr sie zweimal
gewesen sei, ihren eignen Sohn umzubringen, so laesst er die Ismene voller
Erstaunen ausrufen: "Welche wunderbare Begebenheit, wunderbarer, als sie
jemals auf einer Buehne erdichtet worden!"

Con cosi strani avvenimenti uom' forse
Non vide mai favoleggiar le scene.

Maffei hat sich nicht erinnert, dass die Geschichte seines Stuecks in eine
Zeit faellt, da noch an kein Theater gedacht war; in die Zeit vor dem
Homer, dessen Gedichte den ersten Samen des Drama ausstreuten. Ich wuerde
diese Unachtsamkeit niemanden als ihm aufmutzen, der sich in der Vorrede
entschuldigen zu muessen glaubte, dass er den Namen Messene zu einer Zeit
brauche, da ohne Zweifel noch keine Stadt dieses Namens gewesen, weil
Homer keiner erwaehne. Ein Dichter kann es mit solchen Kleinigkeiten
halten, wie er will; nur verlangt man, dass er sich immer gleichbleibet
und dass er sich nicht einmal ueber etwas Bedenken macht, worueber er ein
andermal kuehnlich weggeht; wenn man nicht glauben soll, dass er den Anstoss
vielmehr aus Unwissenheit nicht gesehen, als nicht sehen wollen.
Ueberhaupt wuerden mir die angefuehrten Zeilen nicht gefallen, wenn sie auch
keinen Anachronismus enthielten. Der tragische Dichter sollte alles
vermeiden, was die Zuschauer an ihre Illusion erinnern kann; denn sobald
sie daran erinnert sind, so ist sie weg. Hier scheinet es zwar, als ob
Maffei die Illusion eher noch bestaerken wollen, indem er das Theater
ausdruecklich ausser dem Theater annehmen laesst; doch die blossen Worte
"Buehne" und "erdichten" sind der Sache schon nachteilig und bringen uns
geraden Weges dahin, wovon sie uns abbringen sollen. Dem komischen
Dichter ist es eher erlaubt, auf diese Weise seiner Vorstellung
Vorstellungen entgegenzusetzen; denn unser Lachen zu erregen, braucht
es des Grades der Taeuschung nicht, den unser Mitleiden erfordert.

Ich habe schon gesagt, wie hart de la Lindelle dem Maffei mitspielt. Nach
seinem Urteile hat Maffei sich mit dem begnuegt, was ihm sein Stoff von
selbst anbot, ohne die geringste Kunst dabei anzuwenden; sein Dialog ist
ohne alle Wahrscheinlichkeit, ohne allen Anstand und Wuerde; da ist so
viel Kleines und Kriechendes, das kaum in einem Possenspiele, in der Bude
des Harlekins, zu dulden waere; alles wimmelt von Ungereimtheiten und
Schulschnitzern. "Mit einem Worte", schliesst er, "das Werk des Maffei
enthaelt einen schoenen Stoff, ist aber ein sehr elendes Stueck. Alle Welt
koemmt in Paris darin ueberein, dass man die Vorstellung desselben nicht
wuerde haben aushalten koennen; und in Italien selbst wird von verstaendigen
Leuten sehr wenig daraus gemacht. Vergebens hat der Verfasser auf seinen
Reisen die elendesten Schriftsteller in Sold genommen, seine Tragoedie zu
uebersetzen; er konnte leichter einen Uebersetzer bezahlen, als sein Stueck
verbessern."

So wie es selten Komplimente gibt ohne alle Luegen, so finden sich auch
selten Grobheiten ohne alle Wahrheit. Lindelle hat in vielen Stuecken
wider den Maffei recht, und moechte er doch hoeflich oder grob sein, wenn
er sich begnuegte, ihn bloss zu tadeln. Aber er will ihn unter die Fuesse
treten, vernichten, und gehet mit ihm so blind als treulos zu Werke.
Er schaemt sich nicht, offenbare Luegen zu sagen, augenscheinliche
Verfaelschungen zu begehen, um nur ein recht haemisches Gelaechter
aufschlagen zu koennen. Unter drei Streichen, die er tut, geht immer einer
in die Luft, und von den andern zweien, die seinen Gegner streifen oder
treffen, trifft einer unfehlbar den zugleich mit, dem seine Klopffechterei
Platz machen soll, Voltairen selbst. Voltaire scheinet dieses auch zum
Teil gefuehlt zu haben und ist daher nicht saumselig, in der Antwort an
Lindellen den Maffei in allen Stuecken zu verteidigen, in welchen er sich
zugleich mitverteidigen zu muessen glaubt. Dieser ganzen Korrespondenz mit
sich selbst, duenkt mich, fehlt das interessanteste Stueck; die Antwort des
Maffei. Wenn uns doch auch diese der Hr. von Voltaire haette mitteilen
wollen. Oder war sie etwa so nicht, wie er sie durch seine Schmeichelei
zu erschleichen hoffte? Nahm sich Maffei etwa die Freiheit, ihm hinwiederum
die Eigentuemlichkeiten des franzoesischen Geschmacks ins Licht zu stellen,
ihm zu zeigen, warum die franzoesische "Merope" ebensowenig in Italien, als
die italienische in Frankreich gefallen koenne?--


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