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Hamburgische Dramaturgie - Gotthold Ephraim Lessing

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[2] "Observateur des Spectacles", Tome I. p. 211.

[3] a d'Alembert, p. 133.

[4] a d'Alembert, p. 78.

[5] "Essais de Litt. et de Morale", T. IV. p. 295.

[6] In der "Kritik der Frauenschule", in der Person des Dorante: Les
recits eux-memes y sont des actions suivant la constitution du sujet.

----Fussnote




Vierundfunfzigstes Stueck
Den 6. November 1767

Den dreiundvierzigsten Abend (dienstags, den 14. Julius) ward "Die
Muetterschule" des La Chaussee, und den vierundvierzigsten Abend (als den
15.) "Der Graf von Essex" wiederholt.[1]

Da die Englaender von jeher so gern domestica facta auf ihre Buehne
gebracht haben, so kann man leicht vermuten, dass es ihnen auch an
Trauerspielen ueber diesen Gegenstand nicht fehlen wird. Das aelteste ist
das von Joh. Banks, unter dem Titel "Der unglueckliche Liebling, oder Graf
von Essex". Es kam 1682 aufs Theater und erhielt allgemeinen Beifall.
Damals aber hatten die Franzosen schon drei Essexe: des Calprenede von
1638; des Boyer von 1678, und des juengern Corneille von ebendiesem Jahre.
Wollten indes die Englaender, dass ihnen die Franzosen auch hierin nicht
moechten zuvorgekommen sein, so wuerden sie sich vielleicht auf Daniels
"Philotas" beziehen koennen; ein Trauerspiel von 1611, in welchem man die
Geschichte und den Charakter des Grafen, unter fremden Namen, zu finden
glaubte.[2]

Banks scheinet keinen von seinen franzoesischen Vorgaengern gekannt zu
haben. Er ist aber einer Novelle gefolgt, die den Titel "Geheime
Geschichte der Koenigin Elisabeth und des Grafen von Essex" fuehret,[3] wo
er den ganzen Stoff sich so in die Haende gearbeitet fand, dass er ihn bloss
zu dialogieren, ihm bloss die aeussere dramatische Form zu erteilen brauchte.
Hier ist der ganze Plan, wie er von dem Verfasser der unten angefuehrten
Schrift, zum Teil, ausgezogen worden. Vielleicht, dass es meinen Lesern
nicht unangenehm ist, ihn gegen das Stueck des Corneille halten zu koennen.

"Um unser Mitleid gegen den ungluecklichen Grafen desto lebhafter zu
machen und die heftige Zuneigung zu entschuldigen, welche die Koenigin fuer
ihn aeussert, werden ihm alle die erhabensten Eigenschaften eines Helden
beigelegt; und es fehlt ihm zu einem vollkommenen Charakter weiter
nichts, als dass er seine Leidenschaften nicht besser in seiner Gewalt
hat. Burleigh, der erste Minister der Koenigin, der auf ihre Ehre sehr
eifersuechtig ist und den Grafen wegen der Gunstbezeigungen beneidet, mit
welchen sie ihn ueberhaeuft, bemueht sich unablaessig, ihn verdaechtig zu
machen. Hierin steht ihm Sir Walter Raleigh, welcher nicht minder des
Grafen Feind ist, treulich bei; und beide werden von der boshaften Graefin
von Nottingham noch mehr verhetzt, die den Grafen sonst geliebt hatte,
nun aber, weil sie keine Gegenliebe von ihm erhalten koennen, was sie
nicht besitzen kann, zu verderben sucht. Die ungestueme Gemuetsart des
Grafen macht ihnen allzu gutes Spiel, und sie erreichen ihre Absicht auf
folgende Weise.

Die Koenigin hatte den Grafen, als ihren Generalissimus, mit einer sehr
ansehnlichen Armee gegen den Tyrone geschickt, welcher in Irland einen
gefaehrlichen Aufstand erregt hatte. Nach einigen nicht viel bedeutenden
Scharmuetzeln sahe sich der Graf genoetiget, mit dem Feinde in Unterhandlung
zu treten, weil seine Truppen durch Strapazen und Krankheiten sehr
abgemattet waren, Tyrone aber mit seinen Leuten sehr vorteilhaft postieret
stand. Da diese Unterhandlung zwischen den Anfuehrern muendlich betrieben
ward und kein Mensch dabei zugegen sein durfte: so wurde sie der Koenigin
als ihrer Ehre hoechst nachteilig und als ein gar nicht zweideutiger
Beweis vorgestellet, dass Essex mit den Rebellen in einem heimlichen
Verstaendnisse stehen muesse. Burleigh und Raleigh, mit einigen andern
Parlamentsgliedern, treten sie daher um Erlaubnis an, ihn des Hochverrats
anklagen zu duerfen, welches sie aber so wenig zu verstatten geneigt ist,
dass sie sich vielmehr ueber ein dergleichen Unternehmen sehr aufgebracht
bezeiget. Sie wiederholt die vorigen Dienste, welche der Graf der Nation
erwiesen, und erklaert, dass sie die Undankbarkeit und den boshaften Neid
seiner Anklaeger verabscheue. Der Graf von Southampton, ein aufrichtiger
Freund des Essex, nimmt sich zugleich seiner auf das lebhafteste an; er
erhebt die Gerechtigkeit der Koenigin, einen solchen Mann nicht
unterdruecken zu lassen; und seine Feinde muessen vor diesesmal schweigen.
(Erster Akt.)

Indes ist die Koenigin mit der Auffuehrung des Grafen nichts weniger als
zufrieden, sondern laesst ihm befehlen, seine Fehler wieder gutzumachen,
und Irland nicht eher zu verlassen, als bis er die Rebellen voellig zu
Paaren getrieben und alles wieder beruhiget habe. Doch Essex, dem die
Beschuldigungen nicht unbekannt geblieben, mit welchen ihn seine Feinde
bei ihr anzuschwaerzen suchen, ist viel zu ungeduldig, sich zu
rechtfertigen, und koemmt, nachdem er den Tyrone zu Niederlegung der
Waffen vermocht, des ausdruecklichen Verbots der Koenigin ungeachtet,
nach England ueber. Dieser unbedachtsame Schritt macht seinen Feinden
ebensoviel Vergnuegen, als seinen Freunden Unruhe; besonders zittert die
Graefin von Rutland, mit welcher er insgeheim verheiratet ist, vor den
Folgen. Am meisten aber betruebt sich die Koenigin, da sie sieht, dass ihr
durch dieses rasche Betragen aller Vorwand benommen ist, ihn zu vertreten,
wenn sie nicht eine Zaertlichkeit verraten will, die sie gern vor der
ganzen Welt verbergen moechte. Die Erwaegung ihrer Wuerde, zu welcher ihr
natuerlicher Stolz koemmt, und die heimliche Liebe, die sie zu ihm traegt,
erregen in ihrer Brust den grausamsten Kampf. Sie streitet lange mit sich
selbst, ob sie den verwegnen Mann nach dem Tower schicken oder den
geliebten Verbrecher vor sich lassen und ihm erlauben soll, sich gegen
sie selbst zu rechtfertigen. Endlich entschliesst sie sich zu dem letztern,
doch nicht ohne alle Einschraenkung; sie will ihn sehen, aber sie will ihn
auf eine Art empfangen, dass er die Hoffnung wohl verlieren soll, fuer seine
Vergehungen so bald Vergebung zu erhalten. Burleigh, Raleigh und Nottingham
sind bei dieser Zusammenkunft gegenwaertig. Die Koenigin ist auf die letztere
gelehnet und scheinet tief im Gespraeche zu sein, ohne den Grafen nur ein
einziges Mal anzusehen. Nachdem sie ihn eine Weile vor sich knien lassen,
verlaesst sie auf einmal das Zimmer und gebietet allen, die es redlich mit
ihr meinen, ihr zu folgen und den Verraeter allein zu lassen. Niemand darf
es wagen, ihr ungehorsam zu sein; selbst Southampton gehet mit ihr ab,
koemmt aber bald, mit der trostlosen Rutland, wieder, ihren Freund bei
seinem Unfalle zu beklagen. Gleich darauf schicket die Koenigin den Burleigh
und Raleigh zu dem Grafen, ihm den Kommandostab abzunehmen; er weigert sich
aber, ihn in andere, als in der Koenigin eigene Haende, zurueckzuliefern, und
beiden Ministern wird, sowohl von ihm, als von dem Southampton, sehr
veraechtlich begegnet. (Zweiter Akt.)

Die Koenigin, der dieses sein Betragen sogleich hinterbracht wird, ist
aeusserst gereizt, aber doch in ihren Gedanken noch immer uneinig. Sie kann
weder die Verunglimpfungen, deren sich die Nottingham gegen ihn erkuehnt,
noch die Lobsprueche vertragen, die ihm die unbedachtsame Rutland aus der
Fuelle ihres Herzens erteilet; ja, diese sind ihr noch mehr zuwider als
jene, weil sie daraus entdeckt, dass die Rutland ihn liebet. Zuletzt
befiehlt sie, demohngeachtet, dass er vor sie gebracht werden soll. Er
koemmt, und versucht es, seine Auffuehrung zu verteidigen. Doch die Gruende,
die er desfalls beibringt, scheinen ihr viel zu schwach, als dass sie
ihren Verstand von seiner Unschuld ueberzeugen sollten. Sie verzeihet ihm,
um der geheimen Neigung, die sie fuer ihn hegt, ein Genuege zu tun; aber
zugleich entsetzt sie ihn aller seiner Ehrenstellen, in Betrachtung
dessen, was sie sich selbst, als Koenigin, schuldig zu sein glaubt. Und
nun ist der Graf nicht laenger vermoegend, sich zu maessigen; seine
Ungestuemheit bricht los; er wirft den Stab zu ihren Fuessen und bedient
sich verschiedner Ausdruecke, die zu sehr wie Vorwuerfe klingen, als dass
sie den Zorn der Koenigin nicht aufs hoechste treiben sollten. Auch
antwortet sie ihm darauf, wie es Zornigen sehr natuerlich ist; ohne sich
um Anstand und Wuerde, ohne sich um die Folgen zu bekuemmern: naemlich,
anstatt der Antwort, gibt sie ihm eine Ohrfeige. Der Graf greift nach dem
Degen; und nur der einzige Gedanke, dass es seine Koenigin, dass es nicht
sein Koenig ist, der ihn geschlagen, mit einem Worte, dass es eine Frau
ist, von der er die Ohrfeige hat, haelt ihn zurueck, sich taetlich an ihr zu
vergehen. Southampton beschwoert ihn, sich zu fassen; aber er wiederholt
seine ihr und dem Staate geleisteten Dienste nochmals und wirft dem
Burleigh und Raleigh ihren niedertraechtigen Neid, sowie der Koenigin ihre
Ungerechtigkeit vor. Sie verlaesst ihn in der aeussersten Wut; und niemand
als Southampton bleibt bei ihm, der Freundschaft genug hat, sich itzt
eben am wenigsten von ihm trennen zu lassen. (Dritter Akt.)

Der Graf geraet ueber sein Unglueck in Verzweiflung; er laeuft wie unsinnig
in der Stadt herum, schreiet ueber das ihm angetane Unrecht und schmaehet
auf die Regierung. Alles das wird der Koenigin, mit vielen Uebertreibungen,
wiedergesagt, und sie gibt Befehl, sich der beiden Grafen zu versichern.
Es wird Mannschaft gegen sie ausgeschickt, sie werden gefangengenommen
und in den Tower in Verhaft gesetzt, bis dass ihnen der Prozess gemacht
werden kann. Doch indes hat sich der Zorn der Koenigin gelegt und
guenstigern Gedanken fuer den Essex wiederum Raum gemacht. Sie will ihn
also, ehe er zum Verhoere geht, allem, was man ihr dawider sagt, ungeachtet,
nochmals sehen; und da sie besorgt, seine Verbrechen moechten zu strafbar
befunden werden, so gibt sie ihm, um sein Leben wenigstens in Sicherheit
zu setzen, einen Ring, mit dem Versprechen, ihm gegen diesen Ring, sobald
er ihn ihr zuschicke, alles, was er verlangen wuerde, zu gewaehren. Fast
aber bereuet sie es wieder, dass sie so guetig gegen ihn gewesen, als sie
gleich darauf erfaehrt, dass er mit der Rutland vermaehlt ist; und es von der
Rutland selbst erfaehrt, die fuer ihn um Gnade zu bitten koemmt. (Vierter Akt.)


----Fussnote

[1] S. den 26. und 30. Abend.

[2] "Cibber's Lives of the Engl. Poets", Vol. I. p. 147.

[3] "The Companion to the Theatre", Vol. II. p. 99.

----Fussnote




Fuenfundfunfzigstes Stueck
Den 10. November 1767

Was die Koenigin gefuerchtet hatte, geschieht; Essex wird nach den Gesetzen
schuldig befunden und verurteilet, den Kopf zu verlieren; sein Freund
Southampton desgleichen. Nun weiss zwar Elisabeth, dass sie, als Koenigin,
den Verbrecher begnadigen kann; aber sie glaubt auch, dass eine solche
freiwillige Begnadigung auf ihrer Seite eine Schwaeche verraten wuerde, die
keiner Koenigin gezieme; und also will sie so lange warten, bis er ihr den
Ring senden und selbst um sein Leben bitten wird. Voller Ungeduld indes,
dass es je eher je lieber geschehen moege, schickt sie die Nottingham zu
ihm und laesst ihn erinnern, an seine Rettung zu denken. Nottingham stellt
sich, das zaertlichste Mitleid fuer ihn zu fuehlen; und er vertrauet ihr das
kostbare Unterpfand seines Lebens, mit der demuetigsten Bitte an die
Koenigin, es ihm zu schenken. Nun hat Nottingham alles, was sie wuenschet;
nun steht es bei ihr, sich wegen ihrer verachteten Liebe an dem Grafen zu
raechen. Anstatt also das auszurichten, was er ihr aufgetragen, verleumdet
sie ihn auf das boshafteste und malt ihn so stolz, so trotzig, so fest
entschlossen ab, nicht um Gnade zu bitten, sondern es auf das Aeusserste
ankommen zu lassen, dass die Koenigin dem Berichte kaum glauben kann, nach
wiederholter Versicherung aber, voller Wut und Verzweiflung den Befehl
erteilet, das Urteil ohne Anstand an ihm zu vollziehen. Dabei gibt ihr
die boshafte Nottingham ein, den Grafen von Southampton zu begnadigen,
nicht weil ihr das Unglueck desselben wirklich nahe geht, sondern weil sie
sich einbildet, dass Essex die Bitterkeit seiner Strafe um so viel mehr
empfinden werde, wenn er sieht, dass die Gnade, die man ihm verweigert,
seinem mitschuldigen Freunde nicht entstehe. In eben dieser Absicht raet
sie der Koenigin auch, seiner Gemahlin, der Graefin von Rutland, zu
erlauben, ihn noch vor seiner Hinrichtung zu sehen. Die Koenigin williget
in beides, aber zum Ungluecke fuer die grausame Ratgeberin; denn der Graf
gibt seiner Gemahlin einen Brief an die Koenigin, die sich eben in dem
Tower befindet und ihn kurz darauf, als man den Grafen abgefuehret,
erhaelt. Aus diesem Briefe ersieht sie, dass der Graf der Nottingham den
Ring gegeben und sie durch diese Verraeterin um sein Leben bitten lassen.
Sogleich schickt sie und laesst die Vollstreckung des Urteils untersagen;
doch Burleigh und Raleigh, denen sie aufgetragen war, hatten so sehr
damit geeilet, dass die Botschaft zu spaet koemmt. Der Graf ist bereits tot.
Die Koenigin geraet vor Schmerz ausser sich, verbannt die abscheuliche
Nottingham auf ewig aus ihren Augen und gibt allen, die sich als Feinde
des Grafen erwiesen hatten, ihren bittersten Unwillen zu erkennen."

Aus diesem Plane ist genugsam abzunehmen, dass der "Essex" des Banks ein
Stueck von weit mehr Natur, Wahrheit und Uebereinstimmung ist, als sich in
dem "Essex" des Corneille findet. Banks hat sich ziemlich genau an die
Geschichte gehalten, nur dass er verschiedne Begebenheiten naeher zusammen
gerueckt, und ihnen einen unmittelbarem Einfluss auf das endliche Schicksal
seines Helden gegeben hat. Der Vorfall mit der Ohrfeige ist ebensowenig
erdichtet, als der mit dem Ringe; beide finden sich, wie ich schon
angemerkt, in der Historie, nur jener weit frueher und bei einer ganz
andern Gelegenheit; so wie es auch von diesem zu vermuten. Denn es ist
begreiflicher, dass die Koenigin dem Grafen den Ring zu einer Zeit gegeben,
da sie mit ihm vollkommen zufrieden war, als dass sie ihm dieses
Unterpfand ihrer Gnade itzt erst sollte geschenkt haben, da er sich ihrer
eben am meisten verlustig gemacht hatte und der Fall, sich dessen zu
gebrauchen, schon wirklich da war. Dieser Ring sollte sie erinnern, wie
teuer ihr der Graf damals gewesen, als er ihn von ihr erhalten; und diese
Erinnerung sollte ihm alsdann alle das Verdienst wiedergeben, welches er
ungluecklicherweise in ihren Augen etwa koennte verloren haben. Aber was
braucht es dieses Zeichens, dieser Erinnerung von heute bis auf morgen?
Glaubt sie ihrer guenstigen Gesinnungen auch auf so wenige Stunden nicht
maechtig zu sein, dass sie sich mit Fleiss auf eine solche Art fesseln will?
Wenn sie ihm im Ernste vergeben hat, wenn ihr wirklich an seinem Leben
gelegen ist: wozu das ganze Spiegelgefechte? Warum konnte sie es bei den
muendlichen Versicherungen nicht bewenden lassen? Gab sie den Ring, bloss
um den Grafen zu beruhigen; so verbindet er sie, ihm ihr Wort zu halten,
er mag wieder in ihre Haende kommen oder nicht. Gab sie ihn aber, um durch
die Wiedererhaltung desselben von der fortdauernden Reue und Unterwerfung
des Grafen versichert zu sein: wie kann sie in einer so wichtigen Sache
seiner toedlichsten Feindin glauben? Und hatte sich die Nottingham nicht
kurz zuvor gegen sie selbst als eine solche bewiesen?

So wie Banks also den Ring gebraucht hat, tut er nicht die beste Wirkung.
Mich duenkt, er wuerde eine weit bessere tun, wenn ihn die Koenigin ganz
vergessen haette und er ihr ploetzlich, aber auch zu spaet, eingehaendiget
wuerde, indem sie eben von der Unschuld oder wenigstens geringern Schuld
des Grafen noch aus andern Gruenden ueberzeugt wuerde. Die Schenkung des
Ringes haette vor der Handlung des Stuecks lange muessen vorhergegangen
sein, und bloss der Graf haette darauf rechnen muessen, aber aus Edelmut
nicht eher Gebrauch davon machen wollen, als bis er gesehen, dass man auf
seine Rechtfertigung nicht achte, dass die Koenigin zu sehr wider ihn
eingenommen sei, als dass er sie zu ueberzeugen hoffen koenne, dass er sie
also zu bewegen suchen muesse. Und indem sie so bewegt wuerde, muesste die
Ueberzeugung dazu kommen; die Erkennung seiner Unschuld und die Erinnerung
ihres Versprechens, ihn auch dann, wenn er schuldig sein sollte, fuer
unschuldig gelten zu lassen, muessten sie auf einmal ueberraschen, aber
nicht eher ueberraschen, als bis es nicht mehr in ihrem Vermoegen stehet,
gerecht und erkenntlich zu sein.

Viel gluecklicher hat Banks die Ohrfeige in sein Stueck eingeflochten.--
Aber eine Ohrfeige in einem Trauerspiele! Wie englisch, wie unanstaendig!
Ehe meine feinern Leser zu sehr darueber spotten, bitte ich sie, sich der
Ohrfeige im "Cid" zu erinnere. Die Anmerkung, die der Hr. von Voltaire
darueber gemacht hat, ist in vielerlei Betrachtung merkwuerdig.
"Heutzutage", sagt er, "duerfte man es nicht wagen, einem Helden eine
Ohrfeige geben zu lassen. Die Schauspieler selbst wissen nicht, wie sie
sich dabei anstellen sollen; sie tun nur, als ob sie eine gaeben. Nicht
einmal in der Komoedie ist so etwas mehr erlaubt; und dieses ist das
einzige Exempel, welches man auf der tragischen Buehne davon hat. Es ist
glaublich, dass man unter andern mit deswegen den 'Cid' eine Tragikomoedie
betitelte; und damals waren fast alle Stuecke des Scudery und des
Boisrobert Tragikomoedien. Man war in Frankreich lange der Meinung
gewesen, dass sich das ununterbrochne Tragische, ohne alle Vermischung mit
gemeinen Zuegen, gar nicht aushalten lasse. Das Wort Tragikomoedie selbst
ist sehr alt; Plautus braucht es, seinen 'Amphitruo' damit zu bezeichnen,
weil das Abenteuer des Sosias zwar komisch, Amphitruo selbst aber in
allem Ernste betruebt ist."--Was der Herr von Voltaire nicht alles
schreibt! Wie gern er immer ein wenig Gelehrsamkeit zeigen will, und wie
sehr er meistenteils damit verunglueckt!

Es ist nicht wahr, dass die Ohrfeige im "Cid" die einzige auf der
tragischen Buehne ist. Voltaire hat den "Essex" des Banks entweder nicht
gekannt, oder vorausgesetzt, dass die tragische Buehne seiner Nation allein
diesen Namen verdiene. Unwissenheit verraet beides; und nur das letztere
noch mehr Eitelkeit, als Unwissenheit. Was er von dem Namen der
Tragikomoedie hinzufuegt, ist ebenso unrichtig. Tragikomoedie hiess die
Vorstellung einer wichtigen Handlung unter vornehmen Personen, die einen
vergnuegten Ausgang hat; das ist der "Cid", und die Ohrfeige kam dabei gar
nicht in Betrachtung; denn dieser Ohrfeige ungeachtet, nannte Corneille
hernach sein Stueck eine Tragoedie, sobald er das Vorurteil abgelegt hatte,
dass eine Tragoedie notwendig eine unglueckliche Katastrophe haben muesse.
Plautus braucht zwar das Wort Tragicocomoedia: aber er braucht es bloss im
Scherze; und gar nicht, um eine besondere Gattung damit zu bezeichnen.
Auch hat es ihm in diesem Verstande kein Mensch abgeborgt, bis es in dem
sechzehnten Jahrhunderte den spanischen und italienischen Dichtem
einfiel, gewisse von ihren dramatischen Missgeburten so zu nennen.[1] Wenn
aber auch Plautus seinen "Amphitruo" im Ernste so genannt haette, so waere
es doch nicht aus der Ursache geschehen, die ihm Voltaire andichtet.
Nicht weil der Anteil, den Sosias an der Handlung nimmt, komisch, und
der, den Amphitruo daran nimmt, tragisch ist: nicht darum haette Plautus
sein Stueck lieber eine Tragikomoedie nennen wollen. Denn sein Stueck ist
ganz komisch, und wir belustigen uns an der Verlegenheit des Amphitruo
ebensosehr, als an des Sosias seiner. Sondern darum, weil diese komische
Handlung groesstenteils unter hoehern Personen vorgehet, als man in der
Komoedie zu sehen gewohnt ist. Plautus selbst erklaert sich darueber
deutlich genug:

Faciam ut commixta sit Tragico-comoedia:
Nam me perpetuo facere ut sit Comoedia
Reges quo veniant et di, non par arbitror.
Quid igitur? quoniam hic servus quoque partes habet,
Faciam hanc, proinde ut dixi, Tragico-comoediam.


----Fussnote

[1] Ich weiss zwar nicht, wer diesen Namen eigentlich zuerst gebraucht
hat; aber das weiss ich gewiss, dass es Garnier nicht ist. Hedelin sagte: Je
ne sais, si Garnier fut le premier qui s'en servit, mais il a fait porter
ce titre a sa "Bradamante", ce que depuis plusieurs ont imite. (Prat. du
Th. Liv. II. ch. 10.) Und dabei haetten es die Geschichtschreiber des
franzoesischen Theaters auch nur sollen bewenden lassen. Aber sie machen
die leichte Vermutung des Hedelins zur Gewissheit und gratulieren ihrem
Landsmanne zu einer so schoenen Erfindung. Voici la premiere
Tragi-Comedie, ou, pour mieux dire, le premier poeme du Theatre qui a
porte ce titre--Garnier ne connaissait pas assez les finesses de l'art
qu'il professait; tenons-lui cependant compte d'avoir le premier, et sans
les secours des Anciens, ni de ses contemporains, fait entrevoir une
idee, qui n'a pas ete inutile a beaucoup d'Auteurs du dernier siecle.
Garniers "Bradamante" ist von 1582, und ich kenne eine Menge weit fruehere
spanische und italienische Stuecke, die diesen Titel fuehren.

----Fussnote




Sechsundfunfzigstes Stueck
Den 13. November 1767

Aber wiederum auf die Ohrfeige zu kommen.--Einmal ist es doch nun so, dass
eine Ohrfeige, die ein Mann von Ehre von seinesgleichen oder von einem
Hoehern bekoemmt, fuer eine so schimpfliche Beleidigung gehalten wird, dass
alle Genugtuung, die ihm die Gesetze dafuer verschaffen koennen, vergebens
ist. Sie will nicht von einem dritten bestraft, sie will von dem
Beleidigten selbst geraechet, und auf eine ebenso eigenmaechtige Art
geraechet sein, als sie erwiesen worden. Ob es die wahre oder die falsche
Ehre ist, die dieses gebietet, davon ist hier die Rede nicht. Wie gesagt,
es ist nun einmal so. Und wenn es nun einmal in der Welt so ist: warum
soll es nicht auch auf dem Theater so sein? Wenn die Ohrfeigen dort im
Gange sind: warum nicht auch hier?

"Die Schauspieler", sagt der Herr von Voltaire, "wissen nicht, wie sie
sich dabei anstellen sollen." Sie wuessten es wohl; aber man will eine
Ohrfeige auch nicht einmal gern im fremden Namen haben. Der Schlag setzt
sie in Feuer; die Person erhaelt ihn, aber sie fuehlen ihn; das Gefuehl hebt
die Verstellung auf; sie geraten aus ihrer Fassung; Scham und Verwirrung
aeussert sich wider Willen auf ihrem Gesichte; sie sollten zornig aussehen,
und sie sehen albern aus; und jeder Schauspieler, dessen eigene
Empfindungen mit seiner Rolle in Kollision kommen, macht uns zu lachen.

Es ist dieses nicht der einzige Fall, in welchem man die Abschaffung der
Masken bedauern moechte. Der Schauspieler kann ohnstreitig unter der Maske
mehr Kontenance halten; seine Person findet weniger Gelegenheit
auszubrechen; und wenn sie ja ausbricht, so werden wir diesen Ausbruch
weniger gewahr.

Doch der Schauspieler verhalte sich bei der Ohrfeige, wie er will: Der
dramatische Dichter arbeitet zwar fuer den Schauspieler, aber er muss sich
darum nicht alles versagen, was diesem weniger tulich und bequem ist.
Kein Schauspieler kann rot werden, wenn er will: aber gleichwohl darf es
ihm der Dichter vorschreiben; gleichwohl darf er den einen sagen lassen,
dass er es den andern werden sieht. Der Schauspieler will sich nicht ins
Gesichte schlagen lassen; er glaubt, es mache ihn veraechtlich; es
verwirrt ihn; es schmerzt ihn: recht gut! Wenn er es in seiner Kunst so
weit noch nicht gebracht hat, dass ihn so etwas nicht verwirret; wenn er
seine Kunst so sehr nicht liebet, dass er sich, ihr zum Besten, eine
kleine Kraenkung will gefallen lassen: so suche er ueber die Stelle so gut
wegzukommen, als er kann; er weiche dem Schlage aus; er halte die Hand
vor; nur verlange er nicht, dass sich der Dichter seinetwegen mehr
Bedenklichkeiten machen soll, als er sich der Person wegen macht, die
er ihn vorstellen laesst. Wenn der wahre Diego, wenn der wahre Essex eine
Ohrfeige hinnehmen muss: was wollen ihre Repraesentanten dawider
einzuwenden haben?

Aber der Zuschauer will vielleicht keine Ohrfeige geben sehen? Oder
hoechstens nur einem Bedienten, den sie nicht besonders schimpft, fuer den
sie eine seinem Stande angemessene Zuechtigung ist? Einem Helden hingegen,
einem Helden eine Ohrfeige! wie klein, wie unanstaendig!--Und wenn sie
das nun eben sein soll? Wenn eben diese Unanstaendigkeit die Quelle der
gewaltsamsten Entschliessungen, der blutigsten Rache werden soll, und
wird? Wenn jede geringere Beleidigung diese schreckliche Wirkungen nicht
haette haben koennen? Was in seinen Folgen so tragisch werden kann, was
unter gewissen Personen notwendig so tragisch werden muss, soll dennoch
aus der Tragoedie ausgeschlossen sein, weil es auch in der Komoedie, weil
es auch in dem Possenspiele Platz findet? Worueber wir einmal lachen,
sollen wir ein andermal nicht erschrecken koennen?

Wenn ich die Ohrfeige aus einer Gattung des Drama verbannt wissen moechte,
so waere es aus der Komoedie. Denn was fuer Folgen kann sie da haben?
Traurige? die sind ueber ihrer Sphaere. Laecherliche? die sind unter ihr und
gehoeren dem Possenspiele. Gar keine? so verlohnte es nicht der Muehe, sie
geben zu lassen. Wer sie gibt, wird nichts als poebelhafte Hitze, und wer
sie bekoemmt, nichts als knechtische Kleinmut verraten. Sie verbleibt also
den beiden Extremis, der Tragoedie und dem Possenspiele; die mehrere
dergleichen Dinge gemein haben, ueber die wir entweder spotten oder
zittern wollen.


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