Hamburgische Dramaturgie - Gotthold Ephraim Lessing
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Und ich frage jeden, der den "Cid" vorstellen sehen oder ihn mit einiger
Aufmerksamkeit auch nur gelesen, ob ihn nicht ein Schauder ueberlaufen,
wenn der grosssprecherische Gormas den alten wuerdigen Diego zu schlagen
sich erdreistet? Ob er nicht das empfindlichste Mitleid fuer diesen, und
den bittersten Unwillen gegen jenen empfunden? Ob ihm nicht auf einmal
alle die blutigen und traurigen Folgen, die diese schimpfliche Begegnung
nach sich ziehen muesse, in die Gedanken geschossen und ihn mit Erwartung
und Furcht erfuellet? Gleichwohl soll ein Vorfall, der alle diese Wirkung
auf ihn hat, nicht tragisch sein?
Wenn jemals bei dieser Ohrfeige gelacht worden, so war es sicherlich von
einem auf der Galerie, der mit den Ohrfeigen zu bekannt war und eben itzt
eine von seinem Nachbar verdient haette. Wen aber die ungeschickte Art,
mit der sich der Schauspieler etwa dabei betrug, wider Willen zu laecheln
machte, der biss sich geschwind in die Lippe und eilte, sich wieder in die
Taeuschung zu versetzen, aus der fast jede gewaltsamere Handlung den
Zuschauer mehr oder weniger zu bringen pflegt.
Auch frage ich, welche andere Beleidigung wohl die Stelle der Ohrfeige
vertreten koennte? Fuer jede andere wuerde es in der Macht des Koenigs
stehen, dem Beleidigten Genugtunung zu schaffen; fuer jede andere wuerde
sich der Sohn weigern duerfen, seinem Vater den Vater seiner Geliebten
aufzuopfern. Fuer diese einzige laesst das Pundonor weder Entschuldigung
noch Abbitte gelten; und alle guetliche Wege, die selbst der Monarch dabei
einleiten will, sind fruchtlos. Corneille liess nach dieser Denkungsart
den Gormas, wenn ihm der Koenig andeuten laesst, den Diego
zufriedenzustellen, sehr wohl antworten:
Ces satisfactions n'apaisent point une ame:
Qui les recoit n'a rien, qui les fait se diffame.
Et de tous ces accords l'effet le plus commun,
C'est de deshonorer deux hommes au lieu d'un.
Damals war in Frankreich das Edikt wider die Duelle nicht lange ergangen,
dem dergleichen Maximen schnurstracks zuwiderliefen. Corneille erhielt
also zwar Befehl, die ganzen Zeilen wegzulassen; und sie wurden aus dem
Munde der Schauspieler verbannt. Aber jeder Zuschauer ergaenzte sie aus
dem Gedaechtnisse und aus seiner Empfindung.
In dem "Essex" wird die Ohrfeige dadurch noch kritischer, dass sie eine
Person gibt, welche die Gesetze der Ehre nicht verbinden. Sie ist Frau
und Koenigin; was kann der Beleidigte mit ihr anfangen? Ueber die
handfertige wehrhafte Frau wuerde er spotten; denn eine Frau kann weder
schimpfen noch schlagen. Aber diese Frau ist zugleich der Souveraen,
dessen Beschimpfungen unausloeschlich sind, da sie von seiner Wuerde eine
Art von Gesetzmaessigkeit erhalten. Was kann also natuerlicher scheinen,
als dass Essex sich wider diese Wuerde selbst auflehnet und gegen die Hoehe
tobet, die den Beleidiger seiner Rache entzieht? Ich wuesste wenigstens
nicht, was seine letzten Vergehungen sonst wahrscheinlich haette machen
koennen. Die blosse Ungnade, die blosse Entsetzung seiner Ehrenstellen
konnte und durfte ihn so weit nicht treiben. Aber durch eine so
knechtische Behandlung ausser sich gebracht, sehen wir ihn alles, was
ihm die Verzweiflung eingibt, zwar nicht mit Billigung, doch mit
Entschuldigung unternehmen. Die Koenigin selbst muss ihn aus diesem
Gesichtspunkte ihrer Verzeihung wuerdig erkennen; und wir haben so
ungleich mehr Mitleid mit ihm, als er uns in der Geschichte zu verdienen
scheinet, wo das, was er hier in der ersten Hitze der gekraenkten Ehre
tut, aus Eigennutz und andern niedrigen Absichten geschieht.
Der Streit, sagt die Geschichte, bei welchem Essex die Ohrfeige erhielt,
war ueber die Wahl eines Koenigs von Irland. Als er sahe, dass die Koenigin
auf ihrer Meinung beharrte, wandte er ihr mit einer sehr veraechtlichen
Gebaerde den Ruecken. In dem Augenblicke fuehlte er ihre Hand, und seine
fuhr nach dem Degen. Er schwur, dass er diesen Schimpf weder leiden koenne
noch wolle; dass er ihn selbst von ihrem Vater Heinrich nicht wuerde
erduldet haben: und so begab er sich vom Hofe. Den Brief, den er an den
Kanzler Egerton ueber diesen Vorfall schrieb, ist mit dem wuerdigsten
Stolze abgefasst, und er schien fest entschlossen, sich der Koenigin nie
wieder zu naehern. Gleichwohl finden wir ihn bald darauf wieder in ihrer
voelligen Gnade und in der voelligen Wirksamkeit eines ehrgeizigen Lieblings.
Diese Versoehnlichkeit, wenn sie ernstlich war, macht uns eine sehr
schlechte Idee von ihm; und keine viel bessere, wenn sie Verstellung war.
In diesem Falle war er wirklich ein Verraeter, der sich alles gefallen liess,
bis er den rechten Zeitpunkt gekommen zu sein glaubte. Ein elender Weinpacht,
den ihm die Koenigin nahm, brachte ihn am Ende weit mehr auf, als die
Ohrfeige; und der Zorn ueber diese Verschmaelerung seiner Einkuenfte verblendete
ihn so, dass er ohne alle Ueberlegung losbrach. So finden wir ihn in der
Geschichte, und verachten ihn. Aber nicht so bei dem Banks, der seinen
Aufstand zu der unmittelbaren Folge der Ohrfeige macht und ihm weiter keine
treulosen Absichten gegen seine Koenigin beilegt. Sein Fehler ist der Fehler
einer edeln Hitze, den er bereuet, der ihm vergeben wird, und der bloss durch
die Bosheit seiner Feinde der Strafe nicht entgeht, die ihm geschenkt war.
Siebenundfunfzigstes Stueck
Den 17. November 1767
Banks hat die naemlichen Worte beibehalten, die Essex ueber die Ohrfeige
ausstiess. Nur dass er ihn dem einen Heinriche noch alle Heinriche in der
Welt, mitsamt Alexandern, beifuegen laesst.[1] Sein Essex ist ueberhaupt
zuviel Prahler; und es fehlet wenig, dass er nicht ein ebenso grosser
Gasconier ist als der Essex des Gasconiers Calprenede. Dabei ertraegt er
sein Unglueck viel zu kleinmuetig und ist bald gegen die Koenigin ebenso
kriechend, als er vorher vermessen gegen sie war. Banks hat ihn zu sehr
nach dem Leben geschildert. Ein Charakter, der sich so leicht vergisst,
ist kein Charakter, und eben daher der dramatischen Nachahmung unwuerdig.
In der Geschichte kann man dergleichen Widersprueche mit sich selbst fuer
Verstellung halten, weil wir in der Geschichte doch selten das Innerste
des Herzens kennenlernen: aber in dem Drama werden wir mit dem Helden
allzu vertraut, als dass wir nicht gleich wissen sollten, ob seine
Gesinnungen wirklich mit den Handlungen, die wir ihm nicht zugetrauet
haetten, uebereinstimmen oder nicht. Ja, sie moegen es, oder sie moegen es
nicht: der tragische Dichter kann ihn in beiden Faellen nicht recht
nutzen. Ohne Verstellung faellt der Charakter weg; bei der Verstellung die
Wuerde desselben.
Mit der Elisabeth hat er in diesen Fehler nicht fallen koennen. Diese Frau
bleibt sich in der Geschichte immer so vollkommen gleich, als es wenige
Maenner bleiben. Ihre Zaertlichkeit selbst, ihre heimliche Liebe zu dem
Essex hat er mit vieler Anstaendigkeit behandelt; sie ist auch bei ihm
gewissermassen noch ein Geheimnis. Seine Elisabeth klagt nicht, wie die
Elisabeth des Corneille, ueber Kaelte und Verachtung, ueber Glut und
Schicksal; sie spricht von keinem Gifte, das sie verzehre; sie jammert
nicht, dass ihr der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem sie ihm doch
deutlich genug zu verstehen gegeben, dass er um sie allein seufzen solle,
usw. Keine von diesen Armseligkeiten koemmt ueber ihre Lippen. Sie spricht
nie als eine Verliebte; aber sie handelt so. Man hoert es nie, aber man
sieht es, wie teuer ihr Essex ehedem gewesen, und noch ist. Einige Funken
Eifersucht verraten sie; sonst wuerde man sie schlechterdings fuer nichts,
als fuer seine Freundin halten koennen.
Mit welcher Kunst aber Banks ihre Gesinnungen gegen den Grafen in Aktion
zu setzen gewusst, das koennen folgende Szenen des dritten Aufzuges zeigen.
--Die Koenigin glaubt sich allein und ueberlegt den ungluecklichen Zwang
ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der wahren Neigung ihres
Herzens zu handeln. Indem wird sie die Nottingham gewahr, die ihr
nachgekommen.--
"Die Koenigin. Du hier, Nottingham? Ich glaubte, ich sei allein.
Nottingham. Verzeihe, Koenigin, dass ich so kuehn bin. Und doch
befiehlt mir meine Pflicht, noch kuehner zu sein.--Dich bekuemmert
etwas. Ich muss fragen,--aber erst auf meinen Knien Dich um Verzeihung
bitten, dass ich es frage--Was ist's, das Dich bekuemmert? Was ist es,
das diese erhabene Seele so tief herabbeuget?--Oder ist Dir nicht
wohl?
Die Koenigin. Steh auf, ich bitte dich.--Mir ist ganz wohl.--Ich danke
dir fuer deine Liebe.--Nur unruhig, ein wenig unruhig bin ich,--meines
Volkes wegen. Ich habe lange regiert, und ich fuerchte, ihm nur zu
lange. Es faengt an, meiner ueberdruessig zu werden.--Neue Kronen sind
wie neue Kraenze; die frischesten sind die lieblichsten. Meine Sonne
neiget sich; sie hat in ihrem Mittage zu sehr gewaermet; man fuehlet
sich zu heiss; man wuenscht, sie waere schon untergegangen.--Erzaehle mir
doch, was sagt man von der Ueberkunft des Essex?
Nottingham.--Von seiner Ueberkunft--sagt man--nicht das Beste. Aber
von ihm--er ist fuer einen so tapfern Mann bekannt--
Die Koenigin. Wie? tapfer? da er mir so dienet?--Der Verraeter!
Nottingham. Gewiss, es war nicht gut--
Die Koenigin. Nicht gut! nicht gut?--Weiter nichts?
Nottingham. Es war eine verwegene, frevelhafte Tat.
Die Koenigin. Nicht wahr, Nottingham?--Meinen Befehl so gering zu
schaetzen! Er haette den Tod dafuer verdient.--Weit geringere Verbrechen
haben hundert weit geliebtern Lieblingen den Kopf gekostet.--
Nottingham. Jawohl.--Und doch sollte Essex, bei soviel groesserer
Schuld, mit geringerer Strafe davonkommen? Er sollte nicht sterben?
Die Koenigin. Er soll!--Er soll sterben, und in den empfindlichsten
Martern soll er sterben!--Seine Pein sei, wie seine Verraeterei, die
groesste von allen!--Und dann will ich seinen Kopf und seine Glieder,
nicht unter den finstern Toren, nicht auf den niedrigen Bruecken, auf
den hoechsten Zinnen will ich sie aufgesteckt wissen, damit jeder, der
voruebergeht, sie erblicke und ausrufe: Siehe da, den stolzen,
undankbaren Essex! Diesen Essex, welcher der Gerechtigkeit seiner
Koenigin trotzte!--Wohl getan! Nicht mehr, als er verdiente!--Was
sagst du, Nottingham? Meinest du nicht auch?--du schweigst?--Warum
schweigst du? Willst du ihn noch vertreten?
Nottingham. Weil Du es denn befiehlst, Koenigin, so will ich Dir alles
sagen, was die Welt von diesem stolzen, undankbaren Manne spricht.--
Die Koenigin. Tu das!--Lass hoeren: was sagt die Welt von ihm und mir?
Nottingham. Von Dir, Koenigin?--Wer ist es, der von Dir nicht mit
Entzuecken und Bewunderung spraeche? Der Nachruhm eines verstorbenen
Heiligen ist nicht lauterer, als Dein Lob, von dem aller Zungen
ertoenen. Nur dieses einzige wuenschet man, und wuenschet es mit den
heissesten Traenen, die aus der reinsten Liebe gegen Dich entspringen,
--dieses einzige, dass Du geruhen moechtest, ihren Beschwerden gegen
diesen Essex abzuhelfen, einen solchen Verraeter nicht laenger zu
schuetzen, ihn nicht laenger der Gerechtigkeit und der Schande
vorzuenthalten, ihn endlich der Rache zu ueberliefern--
Die Koenigin. Wer hat mir vorzuschreiben?
Nottingham. Dir vorzuschreiben!--Schreibet man dem Himmel vor, wenn
man ihn in tiefester Unterwerfung anflehet?--Und so flehet Dich alles
wider den Mann an, dessen Gemuetsart so schlecht, so boshaft ist, dass
er es auch nicht der Muehe wert achtet, den Heuchler zu spielen.--Wie
stolz! wie aufgeblasen! Und wie unartig, poebelhaft stolz; nicht
anders als ein elender Lakai auf seinen bunten verbraemten Rock!--Dass
er tapfer ist, raeumt man ihm ein; aber so, wie es der Wolf oder der
Baer ist, blind zu, ohne Plan und Vorsicht. Die wahre Tapferkeit,
welche eine edle Seele ueber Glueck und Unglueck erhebt, ist fern von
ihm. Die geringste Beleidigung bringt ihn auf; er tobt und raset ueber
ein Nichts; alles soll sich vor ihm schmiegen; ueberall will er allein
glaenzen, allein hervorragen. Luzifer selbst, der den ersten Samen des
Lasters in dem Himmel ausstreuete, war nicht ehrgeiziger und
herrschsuechtiger, als er. Aber, so wie dieser aus dem Himmel stuerzte--
Die Koenigin. Gemach, Nottingham, gemach!--Du eiferst dich ja ganz aus
dem Atem.--Ich will nichts mehr hoeren--(beiseite) Gift und Blattern
auf ihre Zunge!--Gewiss, Nottingham, du solltest dich schaemen, so etwas
auch nur nachzusagen; dergleichen Niedertraechtigkeiten des boshaften
Poebels zu wiederholen. Und es ist nicht einmal wahr, dass der Poebel
das sagt. Er denkt es auch nicht. Aber ihr, ihr wuenscht, dass er es
sagen moechte.
Nottingham. Ich erstaune, Koenigin--
Die Koenigin. Worueber?
Nottingham. Du gebotest mir selbst, zu reden--
Die Koenigin. Ja, wenn ich es nicht bemerkt haette, wie gewuenscht dir
dieses Gebot kam! wie vorbereitet du darauf warest! Auf einmal
gluehte dein Gesicht, flammte dein Auge; das volle Herz freute sich,
ueberzufliessen, und jedes Wort, jede Gebaerde hatte seinen laengst
abgezielten Pfeil, deren jeder mich mit trifft.
Nottingham. Verzeihe, Koenigin, wenn ich in dem Ausdrucke meine
Schuldigkeit gefehlet habe. Ich mass ihn nach Deinem ab.
Die Koenigin. Nach meinem?--Ich bin seine Koenigin. Mir steht es frei,
dem Dinge, das ich geschaffen habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auch
hat er sich der graesslichsten Verbrechen gegen meine Person schuldig
gemacht. Mich hat er beleidiget; aber nicht dich.--Womit koennte dich
der arme Mann beleidiget haben? Du hast keine Gesetze, die er
uebertreten, keine Untertanen, die er bedruecken, keine Krone, nach der
er streben koennte. Was findest du denn also fuer ein grausames
Vergnuegen, einen Elenden, der ertrinken will, lieber noch auf den Kopf
zu schlagen, als ihm die Hand zu reichen?
Nottingham. Ich bin zu tadeln--
Die Koenigin. Genug davon!--Seine Koenigin, die Welt, das Schicksal
selbst erklaert sich wider diesen Mann, und doch scheinet er dir kein
Mitleid, keine Entschuldigung zu verdienen?--
Nottingham. Ich bekenne es, Koenigin,
Die Koenigin. Geh, es sei dir vergeben!--Rufe mir gleich die Rutland
her.--"
----Fussnote
[1] Act. III.
--By all
The Subtilty, and Woman in your Sex,
I swear, that had you been a Man, you durst not,
Nay, your bold Father Harry durst not this
Have done--Why say I him? Not all the Harrys,
Not Alexander self, were he alive,
Should boast of such a deed on Essex done
Without revenge.--
----Fussnote
Achtundfunfzigstes Stueck
Den 20. November 1767
Nottingham geht, und bald darauf erscheinet Rutland. Man erinnere sich,
dass Rutland, ohne Wissen der Koenigin, mit dem Essex vermaehlt ist.
"Die Koenigin. Koemmst du, liebe Rutland? Ich habe nach dir geschickt.
--Wie ist's? Ich finde dich seit einiger Zeit so traurig. Woher diese
truebe Wolke, die dein holdes Auge umziehet? Sei munter, liebe Rutland;
ich will dir einen wackern Mann suchen.
Rutland. Grossmuetige Frau!--Ich verdiene es nicht, dass meine Koenigin
so gnaedig auf mich herabsiehet.
Die Koenigin. Wie kannst du so reden?--Ich liebe dich; jawohl liebe
ich dich.--Du sol1st es daraus schon sehen!--Eben habe ich mit der
Nottingham, der widerwaertigen!--einen Streit gehabt; und zwar--ueber
Mylord Essex.
Rutland. Ha!
Die Koenigin. Sie hat mich recht sehr geaergert. Ich konnte sie nicht
laenger vor Augen sehen.
Rutland (beiseite). Wie fahre ich bei diesem teuern Namen zusammen!
Mein Gesicht wird mich verraten. Ich fuehl' es; ich werde blass--und
wieder rot.--
Die Koenigin. Was ich dir sage, macht dich erroeten?--
Rutland. Dein so ueberraschendes, guetiges Vertrauen, Koenigin,--
Die Koenigin. Ich weiss, dass du mein Vertrauen verdienest.--Komm,
Rutland, ich will dir alles sagen. Du sol1st mir raten.--Ohne Zweifel,
liebe Rutland, wirst du es auch gehoert haben, wie sehr das Volk wider
den armen, ungluecklichen Mann schreiet; was fuer Verbrechen es ihm zur
Last leget. Aber das Schlimmste weisst du vielleicht noch nicht? Er
ist heute aus Irland angekommen; wider meinen ausdruecklichen Befehl;
und hat die dortigen Angelegenheiten in der groessten Verwirrung
gelassen.
Rutland. Darf ich Dir, Koenigin, wohl sagen, was ich denke?--Das
Geschrei des Volkes ist nicht immer die Stimme der Wahrheit. Sein Hass
ist oefters so ungegruendet--
Die Koenigin. Du sprichst die wahren Gedanken meiner Seele.--Aber,
liebe Rutland, er ist demohngeachtet zu tadeln.--Komm her, meine
Liebe; lass mich an deinen Busen mich lehnen.--O gewiss, man legt mir
es zu nahe! Nein, so will ich mich nicht unter ihr Joch bringen lassen.
Sie vergessen, dass ich ihre Koenigin bin.--Ah, Liebe; so ein Freund hat
mir laengst gefehlt, gegen den ich so meinen Kummer ausschuetten kann!--
Rutland. Siehe meine Traenen, Koenigin--Dich so leiden zu sehen, die
ich so bewundere!--Oh, dass mein guter Engel Gedanken in meine Seele,
und Worte auf meine Zunge legen wollte, den Sturm in Deiner Brust zu
beschwoeren, und Balsam in Deine Wunden zu giessen!
Die Koenigin. Oh, so waerest du mein guter Engel! mitleidige, beste
Rutland!--Sage, ist es nicht schade, dass so ein braver Mann ein
Verraeter sein soll? dass so ein Held, der wie ein Gott verehret ward,
sich so erniedrigen kann, mich um einen kleinen Thron bringen zu
wollen?
Rutland. Das haette er gewollt? das koennte er wollen? Nein, Koenigin,
gewiss nicht, gewiss nicht! Wie oft habe ich ihn von Dir sprechen hoeren!
mit welcher Ergebenheit, mit welcher Bewunderung, mit welchem
Entzuecken habe ich ihn von Dir sprechen hoeren!
Die Koenigin. Hast du ihn wirklich von mir sprechen hoeren?
Rutland. Und immer als einen Begeisterten, aus dem nicht kalte
Ueberlegung, aus dem ein inneres Gefuehl spricht, dessen er nicht
maechtig ist. Sie ist, sagte er, die Goettin ihres Geschlechts, so weit
ueber alle andere Frauen erhaben, dass das, was wir in diesen am meisten
bewundern, Schoenheit und Reiz, in ihr nur die Schatten sind, ein
groesseres Licht dagegen abzusetzen. Jede weibliche Vollkommenheit
verliert sich in ihr, wie der schwache Schimmer eines Sternes in dem
alles ueberstroemenden Glanze des Sonnenlichts. Nichts uebersteigt ihre
Guete; die Huld selbst beherrschet, in ihrer Person, diese glueckliche
Insel; ihre Gesetze sind aus dem ewigen Gesetzbuche des Himmels
gezogen und werden dort von Engeln wieder aufgezeichnet.--Oh,
unterbrach er sich dann mit einem Seufzer, der sein ganzes getreues
Herz ausdrueckte, oh, dass sie nicht unsterblich sein kann! Ich wuensche
ihn nicht zu erleben, den schrecklichen Augenblick, wenn die Gottheit
diesen Abglanz von sich zurueckruft und mit eins sich Nacht und
Verwirrung ueber Britannien verbreiten.
Die Koenigin. Sagte er das, Rutland?
Rutland. Das, und weit mehr. Immer so neu, als wahr in Deinem Lobe,
dessen unversiegene Quelle von den lautersten Gesinnungen gegen Dich
ueberstroemte--
Die Koenigin. Oh, Rutland, wie gern glaube ich dem Zeugnisse, das du
ihm gibst!
Rutland. Und kannst ihn noch fuer einen Verraeter halten?
Die Koenigin. Nein;--aber doch hat er die Gesetze uebertreten.--Ich muss
mich schaemen, ihn laenger zu schuetzen.--Ich darf es nicht einmal wagen,
ihn zu sehen.
Rutland. Ihn nicht zu sehen, Koenigin? nicht zu sehen?--Bei dem
Mitleid, das seinen Thron in Deiner Seele aufgeschlagen, beschwoere
ich Dich,--Du musst ihn sehen! Schaemen? wessen? dass Du mit einem
Ungluecklichen Erbarmen hast?--Gott hat Erbarmen: und Erbarmen sollte
Koenige schimpfen?--Nein, Koenigin; sei auch hier Dir selbst gleich.
Ja, Du wirst es; Du wirst ihn sehen, wenigstens einmal sehen--
Die Koenigin. Ihn, der meinen ausdruecklichen Befehl so geringschaetzen
koennen? Ihn, der sich so eigenmaechtig vor meine Augen draengen darf?
Warum blieb er nicht, wo ich ihm zu bleiben befahl?
Rutland. Rechne ihm dieses zu keinem Verbrechen! Gib die Schuld der
Gefahr, in der er sich sahe. Er hoerte, was hier vorging; wie sehr man
ihn zu verkleinern, ihn Dir verdaechtig zu machen suche. Er kam also,
zwar ohne Erlaubnis, aber in der besten Absicht; in der Absicht, sich
zu rechtfertigen und Dich nicht hintergehen zu lassen.
Die Koenigin. Gut; so will ich ihn denn sehen, und will ihn gleich
sehen.--Oh, meine Rutland, wie sehr wuensche ich es, ihn noch immer
ebenso rechtschaffen zu finden, als tapfer ich ihn kenne!
Rutland. Oh, naehre diese guenstige Gedanke! Deine koenigliche Seele
kann keine gerechtere hegen.--Rechtschaffen! So wirst Du ihn gewiss
finden. Ich wollte fuer ihn schwoeren; bei aller Deiner Herrlichkeit
fuer ihn schwoeren, dass er es nie aufgehoeret zu sein. Seine Seele ist
reiner als die Sonne, die Flecken hat und irdische Duenste an sich
ziehet und Geschmeiss ausbruetet.--Du sagst, er ist tapfer; und wer sagt
es nicht? Aber ein tapferer Mann ist keiner Niedertraechtigkeit faehig.
Bedenke, wie er die Rebellen gezuechtiget; wie furchtbar er Dich dem
Spanier gemacht, der vergebens die Schaetze seiner Indien wider Dich
verschwendete. Sein Name floh vor Deinen Flotten und Voelkern vorher,
und ehe diese noch eintrafen, hatte oefters schon sein Name gesiegt.
Die Koenigin (beiseite). Wie beredt sie ist!--Ha! dieses Feuer, diese
Innigkeit,--das blosse Mitleid gehet so weit nicht.--Ich will es gleich
hoeren!--(Zu ihr.) Und dann, Rutland, seine Gestalt--
Rutland. Recht, Koenigin; seine Gestalt.--Nie hat eine Gestalt den
innern Vollkommenheiten mehr entsprochen!--Bekenn' es, Du, die Du
selbst so schoen bist, dass man nie einen schoenern Mann gesehen! So
wuerdig, so edel, so kuehn und gebieterisch die Bildung! Jedes Glied,
in welcher Harmonie mit dem andern! Und doch das ganze von einem so
sanften lieblichen Umrisse! Das wahre Modell der Natur, einen
vollkommenen Mann zu bilden! Das seltene Muster der Kunst, die aus
hundert Gegenstaenden zusammensuchen muss, was sie hier beieinander
findet!
Die Koenigin (beiseite). Ich dacht' es!--Das ist nicht laenger
auszuhalten.--(Zu ihr.) Wie ist dir, Rutland? Du geraetst ausser dir.
Ein Wort, ein Bild ueberjagt das andere. Was spielt so den Meister
ueber dich? Ist es bloss deine Koenigin, ist es Essex selbst, was diese
wahre, oder diese erzwungene Leidenschaft wirket?--(Beiseite.) Sie
schweigt; ganz gewiss, sie liebt ihn.--Was habe ich getan? Welchen
neuen Sturm habe ich in meinem Busen erregt?" usw.
Hier erscheinen Burleigh und die Nottingham wieder, der Koenigin zu
sagen, dass Essex ihren Befehl erwarte. Er soll vor sie kommen.
"Rutland", sagt die Koenigin, "wir sprechen einander schon weiter; geh
nur.--Nottingham, tritt du naeher." Dieser Zug der Eifersucht ist
vortrefflich. Essex koemmt; und nun erfolgt die Szene mit der Ohrfeige.
Ich wuesste nicht, wie sie verstaendiger und gluecklicher vorbereitet
sein koennte. Essex anfangs, scheinet sich voellig unterwerfen zu
wollen; aber, da sie ihm befiehlt, sich zu rechtfertigen, wird er nach
und nach hitzig; er prahlt, er pocht, er trotzt. Gleichwohl haette
alles das die Koenigin so weit nicht aufbringen koennen, wenn ihr Herz
nicht schon durch Eifersucht erbittert gewesen waere. Es ist
eigentlich die eifersuechtige Liebhaberin, welche schlaegt, und die
sich nur der Hand der Koenigin bedienet. Eifersucht ueberhaupt schlaegt
gern.--
Ich, meinesteils, moechte diese Szenen lieber auch nur gedacht, als den
ganzen "Essex" des Corneille gemacht haben. Sie sind so charakteristisch,
so voller Leben und Wahrheit, dass das Beste des Franzosen eine sehr
armselige Figur dagegen macht.
Neunundfunfzigstes Stueck
Den 24. November 1767
Nur den Stil des Banks muss man aus meiner Uebersetzung nicht beurteilen.
Von seinem Ausdrucke habe ich gaenzlich abgehen muessen. Er ist zugleich so
gemein und so kostbar, so kriechend und so hochtrabend, und das nicht von
Person zu Person, sondern ganz durchaus, dass er zum Muster dieser Art von
Misshelligkeit dienen kann. Ich habe mich zwischen beide Klippen, so gut
als moeglich, durchzuschleichen gesucht; dabei aber doch an der einen
lieber, als an der andern, scheitern wollen.
Ich habe mich mehr vor dem Schwuelstigen gehuetet, als vor dem Platten. Die
mehresten haetten vielleicht gerade das Gegenteil getan; denn schwuelstig
und tragisch halten viele so ziemlich fuer einerlei. Nicht nur viele der
Leser: auch viele der Dichter selbst. Ihre Helden sollten wie andere
Menschen sprechen? Was waeren das fuer Helden? Ampullae et sesquipedalia
verba, Sentenzen und Blasen und ellenlange Worte: das macht ihnen den
wahren Ton der Tragoedie.
"Wir haben es an nichts fehlen lassen", sagt Diderot,[1] (man merke, dass
er vornehmlich von seinen Landsleuten spricht), "das Drama aus dem Grunde
zu verderben. Wir haben von den Alten die volle praechtige Versifikation
beibehalten, die sich doch nur fuer Sprachen von sehr abgemessenen
Quantitaeten und sehr merklichen Akzenten, nur fuer weitlaeufige Buehnen, nur
fuer eine in Noten gesetzte und mit Instrumenten begleitete Deklamation so
wohl schickt: ihre Einfalt aber in der Verwickelung und dem Gespraeche,
und die Wahrheit ihrer Gemaelde haben wir fahren lassen."
Diderot haette noch einen Grund hinzufuegen koennen, warum wir uns den
Ausdruck der alten Tragoedien nicht durchgaengig zum Muster nehmen duerfen.
Alle Personen sprechen und unterhalten sich da auf einem freien,
oeffentlichen Platze, in Gegenwart einer neugierigen Menge Volks. Sie
muessen also fast immer mit Zurueckhaltung und Ruecksicht auf ihre Wuerde
sprechen; sie koennen sich ihrer Gedanken und Empfindungen nicht in den
ersten den besten Worten entladen; sie muessen sie abmessen und waehlen.
Aber wir Neuern, die wir den Chor abgeschafft, die wir unsere Personen
groesstenteils zwischen ihren vier Waenden lassen: was koennen wir fuer
Ursache haben, sie demohngeachtet immer eine so geziemende, so
ausgesuchte, so rhetorische Sprache fuehren zu lassen? Sie hoert niemand,
als dem sie es erlauben wollen, sie zu hoeren; mit ihnen spricht niemand
als Leute, welche in die Handlung wirklich mit verwickelt, die also
selbst im Affekte sind und weder Lust noch Musse haben, Ausdruecke zu
kontrollieren. Das war nur von dem Chore zu besorgen, der, so genau er
auch in das Stueck eingeflochten war, dennoch niemals misshandelte und
stets die handelnden Personen mehr richtete, als an ihrem Schicksale
wirklichen Anteil nahm. Umsonst beruft man sich desfalls auf den hoehern
Rang der Personen. Vornehme Leute haben sich besser ausdruecken gelernt
als der gemeine Mann: aber sie affektieren nicht unaufhoerlich, sich
besser auszudruecken als er. Am wenigsten in Leidenschaften; deren jede
ihre eigene Beredsamkeit hat, mit der allein die Natur begeistert, die
in keiner Schule gelernt wird, und auf die sich der Unerzogenste so gut
verstehet, als der Polierteste.