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Hamburgische Dramaturgie - Gotthold Ephraim Lessing

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Die Kunst des Schauspielers stehet hier zwischen den bildenden Kuensten
und der Poesie mitten inne. Als sichtbare Malerei muss zwar die Schoenheit
ihr hoechstes Gesetz sein; doch als transitorische Malerei braucht sie
ihren Stellungen jene Ruhe nicht immer zu geben, welche die alten
Kunstwerke so imponierend macht. Sie darf sich, sie muss sich das Wilde
eines Tempesta, das Freche eines Bernini oefters erlauben; es hat bei ihr
alle das Ausdrueckende, welches ihm eigentuemlich ist, ohne das
Beleidigende zu haben, das es in den bildenden Kuensten durch den
permanenten Stand erhaelt. Nur muss sie nicht allzu lang darin verweilen;
nur muss sie es durch die vorhergehenden Bewegungen allmaehlich vorbereiten
und durch die darauf folgenden wiederum in den allgemeinen Ton des
Wohlanstaendigen aufloesen; nur muss sie ihm nie alle die Staerke geben, zu
der sie der Dichter in seiner Bearbeitung treiben kann. Denn sie ist zwar
eine stumme Poesie, aber die sich unmittelbar unsern Augen verstaendlich
machen will; und jeder Sinn will geschmeichelt sein, wenn er die
Begriffe, die man ihm in die Seele zu bringen gibet, unverfaelscht
ueberliefern soll.

Es koennte leicht sein, dass sich unsere Schauspieler bei der Maessigung, zu
der sie die Kunst auch in den heftigsten Leidenschaften verbindet, in
Ansehung des Beifalles nicht allzuwohl befinden duerften.--Aber welches
Beifalles?--Die Galerie ist freilich ein grosser Liebhaber des Laermenden
und Tobenden, und selten wird sie ermangeln, eine gute Lunge mit lauten
Haenden zu erwidern. Auch das deutsche Parterre ist noch ziemlich von
diesem Geschmacke, und es gibt Akteurs, die schlau genug von diesem
Geschmacke Vorteil zu ziehen wissen. Der Schlaefrigste rafft sich, gegen
das Ende der Szene, wenn er abgehen soll, zusammen, erhebet auf einmal
die Stimme und ueberladet die Aktion, ohne zu ueberlegen, ob der Sinn
seiner Rede diese hoehere Anstrengung auch erfodere. Nicht selten
widerspricht sie sogar der Verfassung, mit der er abgehen soll; aber was
tut das ihm? Genug, dass er das Parterre dadurch erinnert hat, aufmerksam
auf ihn zu sein, und wenn es die Guete haben will, ihm nachzuklatschen.
Nachzischen sollte es ihm! Doch leider ist es teils nicht Kenner genug,
teils zu gutherzig, und nimmt die Begierde, ihm gefallen zu wollen,
fuer die Tat.

Ich getraue mich nicht, von der Aktion der uebrigen Schauspieler in diesem
Stuecke etwas zu sagen. Wenn sie nur immer bemueht sein muessen, Fehler zu
bemaenteln, und das Mittelmaessige geltend zu machen: so kann auch der Beste
nicht anders, als in einem sehr zweideutigen Lichte erscheinen. Wenn wir
ihn auch den Verdruss, den uns der Dichter verursacht, nicht mit entgelten
lassen, so sind wir doch nicht aufgeraeumt genug, ihm alle die
Gerechtigkeit zu erweisen, die er verdienet.

Den Beschluss des ersten Abends machte "Der Triumph der vergangenen Zeit",
ein Lustspiel in einem Aufzuge, nach dem Franzoesischen des Le Grand.
Es ist eines von den drei kleinen Stuecken, welche Le Grand unter
dem allgemeinen Titel "Der Triumph der Zeit" im Jahr 1724 auf die
franzoesische Buehne brachte, nachdem er den Stoff desselben, bereits
einige Jahre vorher, unter der Aufschrift "Die laecherlichen Verliebten",
behandelt, aber wenig Beifall damit erhalten hatte. Der Einfall, der
dabei zum Grunde liegt, ist drollig genug, und einige Situationen sind
sehr laecherlich. Nur ist das Laecherliche von der Art, wie es sich mehr
fuer eine satirische Erzaehlung, als auf die Buehne schickt. Der Sieg der
Zeit ueber Schoenheit und Jugend macht eine traurige Idee; die Einbildung
eines sechzigjaehrigen Gecks und einer ebenso alten Naerrin, dass die
Zeit nur ueber ihre Reize keine Gewalt sollte gehabt haben, ist zwar
laecherlich; aber diesen Geck und diese Naerrin selbst zu sehen, ist
ekelhafter, als laecherlich.



Sechstes Stueck
Den 19. Mai 1767

Noch habe ich der Anreden an die Zuschauer, vor und nach dem grossen
Stuecke des ersten Abends, nicht gedacht. Sie schreiben sich von einem
Dichter her, der es mehr als irgendein anderer versteht, tiefsinnigen
Verstand mit Witz aufzuheitern, und nachdenklichem Ernste die gefaellige
Miene des Scherzes zu geben. Womit koennte ich diese Blaetter besser
auszieren, als wenn ich sie meinen Lesern ganz mitteile? Hier sind sie.
Sie beduerfen keines Kommentars. Ich wuensche nur, dass manches darin nicht
in den Wind gesagt sei!

Sie wurden beide ungemein wohl, die erstere mit alle dem Anstande und der
Wuerde, und die andere mit alle der Waerme und Feinheit und einschmeichelnden
Verbindlichkeit gesprochen, die der besondere Inhalt einer jeden erfoderte.

Prolog
(Gesprochen von Madame Loewen)

Ihr Freunde, denen hier das mannigfache Spiel
Des Menschen in der Kunst der Nachahmung gefiel:
Ihr, die ihr gerne weint, ihr weichen, bessern Seelen,
Wie schoen, wie edel ist die Lust, sich so zu quaelen;
Wenn bald die suesse Traen', indem das Herz erweicht,
In Zaertlichkeit zerschmilzt, still von den Wangen schleicht,
Bald die bestuermte Seel', in jeder Nerv' erschuettert,
Im Leiden Wollust fuehlt und mit Vergnuegen zittert!
O sagt, ist diese Kunst, die so eur Herz zerschmelzt,
Der Leidenschaften Strom so durch eur Inners waelzt,
Vergnuegend, wenn sie ruehrt, entzueckend, wenn sie schrecket,
Zu Mitleid, Menschenlieb' und Edelmut erwecket,
Die Sittenbilderin, die jede Tugend lehrt,
Ist die nicht eurer Gunst und eurer Pflege wert?
Die Fuersicht sendet sie mitleidig auf die Erde,
Zum Besten des Barbars, damit er menschlich werde;
Weiht sie, die Lehrerin der Koenige zu sein,
Mit Wuerde, mit Genie, mit Feur vom Himmel ein;
Heisst sie, mit ihrer Macht, durch Traenen zu ergoetzen,
Das stumpfeste Gefuehl der Menschenliebe wetzen;
Durch suesse Herzensangst, und angenehmes Graun
Die Bosheit baendigen und an den Seelen baun;
Wohltaetig fuer den Staat, den Wuetenden, den Wilden
Zum Menschen, Buerger, Freund und Patrioten bilden.
Gesetze staerken zwar der Staaten Sicherheit
Als Ketten an der Hand der Ungerechtigkeit;
Doch deckt noch immer List den Boesen vor dem Richter,
Und Macht wird oft der Schutz erhabner Boesewichter.
Wer raecht die Unschuld dann? Weh dem gedrueckten Staat,
Der, statt der Tugend, nichts als ein Gesetzbuch hat!
Gesetze, nur ein Zaum der offenen Verbrechen,
Gesetze, die man lehrt des Hasses Urteil sprechen,
Wenn ihnen Eigennutz, Stolz und Parteilichkeit
Fuer eines Solons Geist den Geist der Drueckung leiht!
Da lernt Bestechung bald, um Strafen zu entgehen,
Das Schwert der Majestaet aus ihren Haenden drehen:
Da pflanzet Herrschbegier, sich freuend des Verfalls
Der Redlichkeit, den Fuss der Freiheit auf den Hals.
Laesst den, der sie vertritt, in Schimpf und Banden schmachten,
Und das blutschuld'ge Beil der Themis Unschuld schlachten!
Wenn der, den kein Gesetz straft oder strafen kann,
Der schlaue Boesewicht, der blutige Tyrann,
Wenn der die Unschuld drueckt, wer wagt es, sie zu decken?
Den sichert tiefe List, und diesen waffnet Schrecken.
Wer ist ihr Genius, der sich entgegenlegt?--
Wer? Sie, die itzt den Dolch, und itzt die Geissel traegt,
Die unerschrockne Kunst, die allen Missgestalten
Strafloser Torheit wagt den Spiegel vorzuhalten;
Die das Geweb' enthuellt, worin sich List verspinnt,
Und den Tyrannen sagt, dass sie Tyrannen sind;
Die, ohne Menschenfurcht, vor Thronen nicht erbloedet,
Und mit des Donners Stimm' ans Herz der Fuersten redet;
Gekroente Moerder schreckt, den Ehrgeiz nuechtern macht,
Den Heuchler zuechtiget und Toren klueger lacht;
Sie, die zum Unterricht die Toten laesst erscheinen,
Die grosse Kunst, mit der wir lachen, oder weinen.
Sie fand in Griechenland Schutz, Lieb' und Lehrbegier;
In Rom, in Gallien, in Albion, und--hier.
Ihr, Freunde, habt hier oft, wenn ihre Traenen flossen,
Mit edler Weichlichkeit die euren mit vergossen;
Habt redlich euren Schmerz mit ihrem Schmerz vereint
Und ihr aus voller Brust den Beifall zugeweint:
Wie sie gehasst, geliebt, gehoffet und gescheuet
Und eurer Menschlichkeit im Leiden euch erfreuet.
Lang hat sie sich umsonst nach Buehnen umgesehn:
In Hamburg fand sie Schutz: hier sei denn ihr Athen!
Hier, in dem Schoss der Ruh', im Schutze weiser Goenner,
Gemutiget durch Lob, vollendet durch den Kenner;
Hier reifet--ja ich wuensch', ich hoff', ich weissag' es!--
Ein zweiter Roscius, ein zweiter Sophokles,
Der Graeciens Kothurn Germanien erneute:
Und ein Teil dieses Ruhms, ihr Goenner, wird der eure.
O seid desselben wert! Bleibt eurer Guete gleich,
Und denkt, o denkt daran, ganz Deutschland sieht auf euch!



Epilog
(Gesprochen von Madame Hensel)

Seht hier! so standhaft stirbt der ueberzeugte Christ!
So lieblos hasset der, dem Irrtum nuetzlich ist,
Der Barbarei bedarf, damit er seine Sache,
Sein Ansehn, seinen Traum zu Lehren Gottes mache.
Der Geist des Irrtums war Verfolgung und Gewalt,
Wo Blindheit fuer Verdienst, und Furcht fuer Andacht galt.
So konnt' er sein Gespinst von Luegen mit den Blitzen
Der Majestaet, mit Gift, mit Meuchelmord beschuetzen.
Wo Ueberzeugung fehlt, macht Furcht den Mangel gut:
Die Wahrheit ueberfuehrt, der Irrtum fodert Blut.
Verfolgen muss man die und mit dem Schwert bekehren,
Die anders Glaubens sind, als die Ismenors lehren.
Und mancher Aladin sieht staatsklug oder schwach
Dem schwarzen Blutgericht der heil'gen Moerder nach
Und muss mit seinem Schwert den, welchen Traeumer hassen,
Den Freund, den Maertyrer der Wahrheit wuergen lassen.
Abscheulichs Meisterstueck der Herrschsucht und der List,
Wofuer kein Name hart, kein Schimpfwort lieblos ist!
O Lehre, die erlaubt, die Gottheit selbst missbrauchen,
In ein unschuldig Herz des Hasses Dolch zu tauchen,
Dich, die ihr Blutpanier oft ueber Leichen trug,
Dich, Greuel, zu verschmaehn, wer leiht mir einen Fluch!
Ihr Freund', in deren Brust der Menschheit edle Stimme
Laut fuer die Heldin sprach, als sie dem Priestergrimme
Ein schuldlos Opfer ward und fuer die Wahrheit sank:
Habt Dank fuer dies Gefuehl, fuer jede Traene Dank!
Wer irrt, verdient nicht Zucht des Hasses oder Spottes:
Was Menschen hassen lehrt, ist keine Lehre Gottes!
Ach! liebt die Irrenden, die ohne Bosheit blind,
Zwar schwaechere vielleicht, doch immer Menschen sind.
Belehret, duldet sie; und zwingt nicht die zu Traenen,
Die sonst kein Vorwurf trifft, als dass sie anders waehnen!
Rechtschaffen ist der Mann, den, seinem Glauben treu,
Nichts zur Verstellung zwingt, zu boeser Heuchelei;
Der fuer die Wahrheit glueht und, nie durch Furcht gezuegelt,
Sie freudig, wie Olint, mit seinem Blut versiegelt.
Solch Beispiel, edle Freund', ist eures Beifalls wert:
O wohl uns! haetten wir, was Cronegk schoen gelehrt,
Gedanken, die ihn selbst so sehr veredelt haben,
Durch unsre Vorstellung tief in eur Herz gegraben!
Des Dichters Leben war schoen, wie sein Nachruhm ist;
Er war, und--o verzeiht die Traen'!--und starb, ein Christ.
Liess sein vortrefflich Herz der Nachwelt in Gedichten,
Um sie--was kann man mehr?--noch tot zu unterrichten.
Versaget, hat euch itzt Sophronia geruehrt,
Denn seiner Asche nicht, was ihr mit Recht gebuehrt,
Den Seufzer, dass er starb, den Dank fuer seine Lehre,
Und--ach! den traurigen Tribut von einer Zaehre.
Uns aber, edle Freund', ermuntre Guetigkeit;
Und haetten wir gefehlt, so tadelt; doch verzeiht.
Verzeihung mutiget zu edelerm Erkuehnen,
Und feiner Tadel lehrt das hoechste Lob verdienen.
Bedenkt, dass unter uns die Kunst nur kaum beginnt,
In welcher tausend Quins fuer einen Garrick sind;
Erwartet nicht zu viel, damit wir immer steigen,
Und--doch nur euch gebuehrt zu richten, uns zu schweigen.




Siebentes Stueck
Den 22. Mai 1767

Der Prolog zeiget das Schauspiel in seiner hoechsten Wuerde, indem er es
als das Supplement der Gesetze betrachten laesst. Es gibt Dinge in dem
sittlichen Betragen des Menschen, welche, in Ansehung ihres unmittelbaren
Einflusses auf das Wohl der Gesellschaft, zu unbetraechtlich und in sich
selbst zu veraenderlich sind, als dass sie wert oder faehig waeren, unter der
eigentlichen Aufsicht des Gesetzes zu stehen. Es gibt wiederum andere,
gegen die alle Kraft der Legislation zu kurz faellt; die in ihren
Triebfedern so unbegreiflich, in sich selbst so ungeheuer, in ihren
Folgen so unermesslich sind, dass sie entweder der Ahndung der Gesetze ganz
entgehen oder doch unmoeglich nach Verdienst geahndet werden koennen. Ich
will es nicht unternehmen, auf die erstern, als auf Gattungen des
Laecherlichen, die Komoedie; und auf die andern, als auf ausserordentliche
Erscheinungen in dem Reiche der Sitten, welche die Vernunft in Erstaunen
und das Herz in Tumult setzen, die Tragoedie einzuschraenken. Das Genie
lacht ueber alle die Grenzscheidungen der Kritik. Aber so viel ist doch
unstreitig, dass das Schauspiel ueberhaupt seinen Vorwurf entweder
diesseits oder jenseits der Grenzen des Gesetzes waehlet und die
eigentlichen Gegenstaende desselben nur insofern behandelt, als sie sich
entweder in das Laecherliche verlieren, oder bis in das Abscheuliche
verbreiten.

Der Epilog verweilet bei einer von den Hauptlehren, auf welche ein Teil
der Fabel und Charaktere des Trauerspiels mit abzwecken. Es war zwar von
dem Hrn. von Cronegk ein wenig unueberlegt, in einem Stuecke, dessen Stoff
aus den ungluecklichen Zeiten der Kreuzzuege genommen ist, die Toleranz
predigen und die Abscheulichkeiten des Geistes der Verfolgung an den
Bekennern der mahomedanischen Religion zeigen zu wollen. Denn diese
Kreuzzuege selbst, die in ihrer Anlage ein politischer Kunstgriff der
Paepste waren, wurden in ihrer Ausfuehrung die unmenschlichsten
Verfolgungen, deren sich der christliche Aberglaube jemals schuldig
gemacht hat; die meisten und blutgierigsten Ismenors hatte damals die
wahre Religion; und einzelne Personen, die eine Moschee beraubet haben,
zur Strafe ziehen, koemmt das wohl gegen die unselige Raserei, welche das
rechtglaeubige Europa entvoelkerte, um das unglaeubige Asien zu verwuesten?
Doch was der Tragikus in seinem Werke sehr unschicklich angebracht hat,
das konnte der Dichter des Epilogs gar wohl auffassen. Menschlichkeit und
Sanftmut verdienen bei jeder Gelegenheit empfohlen zu werden, und kein
Anlass dazu kann so entfernt sein, den wenigstens unser Herz nicht sehr
natuerlich und dringend finden sollte.

Uebrigens stimme ich mit Vergnuegen dem ruehrenden Lobe bei, welches der
Dichter dem seligen Cronegk erteilet. Aber ich werde mich schwerlich
bereden lassen, dass er mit mir ueber den poetischen Wert des kritisierten
Stueckes nicht ebenfalls einig sein sollte. Ich bin sehr betroffen
gewesen, als man mich versichert, dass ich verschiedene von meinen Lesern
durch mein unverhohlnes Urteil unwillig gemacht haette. Wenn ihnen
bescheidene Freiheit, bei der sich durchaus keine Nebenabsichten denken
lassen, missfaellt, so laufe ich Gefahr, sie noch oft unwillig zu machen.
Ich habe gar nicht die Absicht gehabt, ihnen die Lesung eines Dichters zu
verleiden, den ungekuenstelter Witz, viel feine Empfindung und die
lauterste Moral empfehlen. Diese Eigenschaften werden ihn jederzeit
schaetzbar machen, ob man ihm schon andere absprechen muss, zu denen er
entweder gar keine Anlage hatte, oder die zu ihrer Reife gewisse Jahre
erfordern, weit unter welchen er starb. Sein "Kodrus" ward von den
Verfassern der "Bibliothek der schoenen Wissenschaften" gekroenet, aber
wahrlich nicht als ein gutes Stueck, sondern als das beste von denen, die
damals um den Preis stritten. Mein Urteil nimmt ihm also keine Ehre, die
ihm die Kritik damals erteilet. Wenn Hinkende um die Wette laufen, so
bleibt der, welcher von ihnen zuerst an das Ziel koemmt, doch noch ein
Hinkender.

Eine Stelle in dem Epilog ist einer Missdeutung ausgesetzt gewesen, von
der sie gerettet zu werden verdienet. Der Dichter sagt:

"Bedenkt, dass unter uns die Kunst nur kaum beginnt,
In welcher tausend Quins fuer einen Garrick sind."

Quin, habe ich darwider erinnern hoeren, ist kein schlechter Schauspieler
gewesen.--Nein, gewiss nicht; er war Thomsons besonderer Freund, und die
Freundschaft, in der ein Schauspieler mit einem Dichter, wie Thomson,
gestanden, wird bei der Nachwelt immer ein gutes Vorurteil fuer seine
Kunst erwecken. Auch hat Quin noch mehr als dieses Vorurteil fuer sich:
man weiss, dass er in der Tragoedie mit vieler Wuerde gespielet; dass er
besonders der erhabenen Sprache des Milton Genuege zu leisten gewusst; dass
er, im Komischen, die Rolle des Fa1staff zu ihrer groessten Vollkommenheit
gebracht. Doch alles dieses macht ihn zu keinem Garrick; und das
Missverstaendnis liegt bloss darin, dass man annimmt, der Dichter habe diesem
allgemeinen und ausserordentlichen Schauspieler einen schlechten, und fuer
schlecht durchgaengig erkannten, entgegensetzen wollen. Quin soll hier
einen von der gewoehnlichen Sorte bedeuten, wie man sie alle Tage sieht;
einen Mann, der ueberhaupt seine Sache so gut wegmacht, dass man mit ihm
zufrieden ist; der auch diesen und jenen Charakter ganz vortrefflich
spielet, so wie ihm seine Figur, seine Stimme, sein Temperament dabei zu
Hilfe kommen. So ein Mann ist sehr brauchbar und kann mit allem Rechte
ein guter Schauspieler heissen; aber wieviel fehlt ihm noch, um der
Proteus in seiner Kunst zu sein, fuer den das einstimmige Geruecht schon
laengst den Garrick erklaeret hat. Ein solcher Quin machte, ohne Zweifel,
den Koenig im "Hamlet", als Thomas Jones und Rebhuhn in der Komoedie
waren[1]; und der Rebhuhne gibt es mehrere, die nicht einen Augenblick
anstehen, ihn einem Garrick weit vorzuziehen. "Was?" sagen sie, "Garrick
der groesste Akteur? Er schien ja nicht ueber das Gespenst erschrocken,
sondern er war es. Was ist das fuer eine Kunst, ueber ein Gespenst zu
erschrecken? Gewiss und wahrhaftig, wenn wir den Geist gesehen haetten, so
wuerden wir ebenso ausgesehen und eben das getan haben, was er tat. Der
andere hingegen, der Koenig, schien wohl auch etwas geruehrt zu sein, aber
als ein guter Akteur gab er sich doch alle moegliche Muehe, es zu
verbergen. Zudem sprach er alle Worte so deutlich aus und redete noch
einmal so laut, als jener kleine unansehnliche Mann, aus dem ihr so ein
Aufhebens macht!"

Bei den Englaendern hat jedes neue Stueck seinen Prolog und Epilog, den
entweder der Verfasser selbst oder ein Freund desselben abfasset. Wozu
die Alten den Prolog brauchten, den Zuhoerer von verschiedenen Dingen zu
unterrichten, die zu einem geschwindem Verstaendnisse der zum Grunde
liegenden Geschichte des Stueckes dienen, dazu brauchen sie ihn zwar
nicht. Aber er ist darum doch nicht ohne Nutzen. Sie wissen hunderterlei
darin zu sagen, was das Auditorium fuer den Dichter, oder fuer den von ihm
bearbeiteten Stoff einnehmen, und unbilligen Kritiken sowohl ueber ihn als
ueber die Schauspieler vorbauen kann. Noch weniger bedienen sie sich des
Epilogs, so wie sich wohl Plautus dessen manchmal bedienet; um die
voellige Aufloesung des Stuecks, die in dem fuenften Akte nicht Raum hatte,
darin erzaehlen zu lassen. Sondern sie machen ihn zu einer Art von
Nutzanwendung, voll guter Lehren, voll feiner Bemerkungen ueber die
geschilderten Sitten und ueber die Kunst, mit der sie geschildert worden;
und das alles in dem schnurrigsten, launigsten Tone. Diesen Ton aendern
sie auch nicht einmal gern bei dem Trauerspiele; und es ist gar nichts
Ungewoehnliches, dass nach dem Blutigsten und Ruehrendsten die Satire ein so
lautes Gelaechter aufschlaegt und der Witz so mutwillig wird, dass es
scheinet, es sei die ausdrueckliche Absicht, mit allen Eindruecken des
Guten ein Gespoette zu treiben. Es ist bekannt, wie sehr Thomson wider
diese Narrenschellen, mit der man der Melpomene nachklingelt, geeifert
hat. Wenn ich daher wuenschte, dass auch bei uns neue Origina1stuecke nicht
ganz ohne Einfuehrung und Empfehlung vor das Publikum gebracht wuerden, so
versteht es sich von selbst, dass bei dem Trauerspiele der Ton des Epilogs
unserm deutschen Ernste angemessener sein muesste. Nach dem Lustspiele
koennte er immer so burlesk sein, als er wollte. Dryden ist es, der bei
den Englaendern Meisterstuecke von dieser Art gemacht hat, die noch itzt
mit dem groessten Vergnuegen gelesen werden, nachdem die Spiele selbst, zu
welchen er sie verfertiget, zum Teil laengst vergessen sind. Hamburg haette
einen deutschen Dryden in der Naehe; und ich brauche ihn nicht noch einmal
zu bezeichnen, wer von unsern Dichtern Moral und Kritik mit attischem
Salze zu wuerzen, so gut als der Englaender verstehen wuerde.


----Fussnote

[1] Teil VI, S. 15.

----Fussnote




Achtes Stueck
Den 26. Mai 1767

Die Vorstellungen des ersten Abends wurden den zweiten wiederholt.

Den dritten Abend (freitags, den 24. v. M.) ward "Melanide" aufgefuehret.
Dieses Stueck des Nivelle de la Chaussee ist bekannt. Es ist von der
ruehrenden Gattung, der man den spoettischen Beinamen der Weinerlichen
gegeben. Wenn weinerlich heisst, was uns die Traenen nahe bringt, wobei wir
nicht uebel Lust haetten zu weinen, so sind verschiedene Stuecke von dieser
Gattung etwas mehr, als weinerlich; sie kosten einer empfindlichen Seele
Stroeme von Traenen; und der gemeine Prass franzoesischer Trauerspiele
verdienet, in Vergleichung ihrer, allein weinerlich genannt zu werden.
Denn eben bringen sie es ungefaehr so weit, dass uns wird, als ob wir
haetten weinen koennen, wenn der Dichter seine Kunst besser
verstanden haette.

"Melanide" ist kein Meisterstueck von dieser Gattung; aber man sieht es
doch immer mit Vergnuegen. Es hat sich selbst auf dem franzoesischen
Theater erhalten, auf welchem es im Jahre 1741 zuerst gespielt ward. Der
Stoff, sagt man, sei aus einem Roman, "Mademoiselle de Bontems" betitelt,
entlehnet. Ich kenne diesen Roman nicht; aber wenn auch die Situation der
zweiten Szene des dritten Akts aus ihm genommen ist, so muss ich einen
Unbekannten, anstatt des de la Chaussee, um das beneiden, weswegen ich
wohl eine "Melanide" gemacht zu haben wuenschte.

Die Uebersetzung war nicht schlecht; sie ist unendlich besser, als eine
italienische, die in dem zweiten Bande der theatralischen Bibliothek des
Diodati stehet. Ich muss es zum Troste des groessten Haufens unserer
Uebersetzer anfuehren, dass ihre italienischen Mitbrueder meistenteils noch
weit elender sind, als sie. Gute Verse indes in gute Prosa uebersetzen,
erfodert etwas mehr als Genauigkeit; oder ich moechte wohl sagen, etwas
anders. Allzu puenktliche Treue macht jede Uebersetzung steif, weil
unmoeglich alles, was in der einen Sprache natuerlich ist, es auch in der
andern sein kann. Aber eine Uebersetzung aus Versen macht sie zugleich
waessrig und schielend. Denn wo ist der glueckliche Versifikateur, den nie
das Silbenmass, nie der Reim, hier etwas mehr oder weniger, dort etwas
staerker oder schwaecher, frueher oder spaeter, sagen liesse, als er es, frei
von diesem Zwange, wuerde gesagt haben? Wenn nun der Uebersetzer dieses
nicht zu unterscheiden weiss; wenn er nicht Geschmack, nicht Mut genug
hat, hier einen Nebenbegriff wegzulassen, da statt der Metapher den
eigentlichen Ausdruck zu setzen, dort eine Ellipsis zu ergaenzen oder
anzubringen: so wird er uns alle Nachlaessigkeiten seines Originals
ueberliefert und ihnen nichts als die Entschuldigung benommen haben,
welche die Schwierigkeiten der Symmetrie und des Wohlklanges in der
Grundsprache fuer sie machen.

Die Rolle der Melanide ward von einer Aktrice gespielet, die nach einer
neunjaehrigen Entfernung vom Theater aufs neue in allen den
Vollkommenheiten wieder erschien, die Kenner und Nichtkenner, mit und
ohne Einsicht, ehedem an ihr empfunden und bewundert hatten. Madame Loewen
verbindet mit dem silbernen Tone der sonoresten, lieblichsten Stimme, mit
dem offensten, ruhigsten und gleichwohl ausdruckfaehigsten Gesichte von
der Welt das feinste, schnel1ste Gefuehl, die sicherste, waermste
Empfindung, die sich, zwar nicht immer so lebhaft, als es viele wuenschen,
doch allezeit mit Anstand und Wuerde aeussert. In ihrer Deklamation
akzentuiert sie richtig, aber nicht merklich. Der gaenzliche Mangel
intensiver Akzente verursacht Monotonie; aber ohne ihr diese vorwerfen zu
koennen, weiss sie dem sparsamern Gebrauche derselben durch eine andere
Feinheit zu Hilfe zu kommen, von der, leider! sehr viele Akteurs ganz und
gar nichts wissen. Ich will mich erklaeren. Man weiss, was in der Musik das
Mouvement heisst; nicht der Takt, sondern der Grad der Langsamkeit oder
Schnelligkeit, mit welchen der Takt gespielt wird. Dieses Mouvement ist
durch das ganze Stueck einfoermig; in dem naemlichen Masse der Geschwindigkeit,
in welchem die ersten Takte gespielet worden, muessen sie alle, bis zu den
letzten, gespielet werden. Diese Einfoermigkeit ist in der Musik notwendig,
weil ein Stueck nur einerlei ausdruecken kann, und ohne dieselbe gar keine
Verbindung verschiedener Instrumente und Stimmen moeglich sein wuerde. Mit
der Deklamation hingegen ist es ganz anders. Wenn wir einen Perioden von
mehrern Gliedern als ein besonderes musikalisches Stueck annehmen und die
Glieder als die Takte desselben betrachten, so muessen die Glieder, auch
alsdenn, wenn sie vollkommen gleicher Laenge waeren und aus der naemlichen
Anzahl von Silben des naemlichen Zeitmasses bestuenden, dennoch nie mit
einerlei Geschwindigkeit gesprochen werden. Denn da sie, weder in Absicht
auf die Deutlichkeit und den Nachdruck, noch in Ruecksicht auf den in dem
ganzen Perioden herrschenden Affekt, von einerlei Wert und Belang sein
koennen: so ist es der Natur gemaess, dass die Stimme die geringfuegigern
schnell herausstoesst, fluechtig und nachlaessig darueber hinschlupft; auf den
betraechtlichern aber verweilet, sie dehnet und schleift, und jedes Wort,
und in jedem Worte jeden Buchstaben, uns zuzaehlet. Die Grade dieser
Verschiedenheit sind unendlich; und ob sie sich schon durch keine
kuenstliche Zeitteilchen bestimmen und gegeneinander abmessen lassen,
so werden sie doch auch von dem ungelehrtesten Ohre unterschieden,
sowie von der ungelehrtesten Zunge beobachtet, wenn die Rede aus einem
durchdrungenen Herzen und nicht bloss aus einem fertigen Gedaechtnisse
fliesset. Die Wirkung ist unglaublich, die dieses bestaendig abwechselnde
Mouvement der Stimme hat; und werden vollends alle Abaenderungen des
Tones, nicht bloss in Ansehung der Hoehe und Tiefe, der Staerke und
Schwaeche, sondern auch des Rauhen und Sanften, des Schneidenden und
Runden, sogar des Holprichten und Geschmeidigen an den rechten Stellen
damit verbunden: so entstehet jene natuerliche Musik, gegen die sich
unfehlbar unser Herz eroeffnet, weil es empfindet, dass sie aus dem Herzen
entspringt, und die Kunst nur insofern daran Anteil hat, als auch die
Kunst zur Natur werden kann. Und in dieser Musik, sage ich, ist die
Aktrice, von welcher ich spreche, ganz vortrefflich, und ihr niemand zu
vergleichen, als Herr Ekhof, der aber, indem er die intensiven Akzente
auf einzelne Worte, worauf sie sich weniger befleissiget, noch hinzufueget,
bloss dadurch seiner Deklamation eine hoehere Vollkommenheit zu geben
imstande ist. Doch vielleicht hat sie auch diese in ihrer Gewalt; und ich
urteile bloss so von ihr, weil ich sie noch in keinen Rollen gesehen, in
welchen sich das Ruehrende zum Pathetischen erhebet. Ich erwarte sie in
dem Trauerspiele und fahre indes in der Geschichte unsers Theaters fort.


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