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Hamburgische Dramaturgie - Gotthold Ephraim Lessing

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----Fussnote

[1] Hr. Curtius in seiner "Abhandlung von der Absicht des Trauerspiels",
hinter der Aristotelischen Dichtkunst".

----Fussnote




Neunundsiebzigstes Stueck
Den 2. Februar 1768

Und nun wieder auf unsern Richard zu kommen.--Richard also erweckt
ebensowenig Schrecken, als Mitleid: weder Schrecken in dem gemissbrauchten
Verstande, fuer die ploetzliche Ueberraschung des Mitleids; noch in dem
eigentlichen Verstande des Aristoteles, fuer heilsame Furcht, dass uns ein
aehnliches Unglueck treffen koenne. Denn wenn er diese erregte, wuerde er
auch Mitleid erregen; so gewiss er hinwiederum Furcht erregen wuerde, wenn
wir ihn unsers Mitleids nur im geringsten wuerdig faenden. Aber er ist so
ein abscheulicher Kerl, so ein eingefleischter Teufel, in dem wir so
voellig keinen einzigen aehnlichen Zug mit uns selbst finden, dass ich
glaube, wir koennten ihn vor unsern Augen den Martern der Hoelle uebergeben
sehen, ohne das geringste fuer ihn zu empfinden, ohne im geringsten zu
fuerchten, dass, wenn solche Strafe nur auf solche Verbrechen folge, sie
auch unsrer erwarte. Und was ist endlich das Unglueck, die Strafe, die ihn
trifft? Nach so vielen Missetaten, die wir mit ansehen muessen, hoeren wir,
dass er mit dem Degen in der Faust gestorben. Als der Koenigin dieses
erzaehlt wird, laesst sie der Dichter sagen:

"Dies ist etwas!"--

Ich habe mich nie enthalten koennen, bei mir nachzusprechen: nein, das ist
gar nichts! Wie mancher gute Koenig ist so geblieben, indem er seine Krone
wider einen maechtigen Rebellen behaupten wollen? Richard stirbt doch, als
ein Mann, auf dem Bette der Ehre. Und so ein Tod sollte mich fuer den
Unwillen schadlos halten, den ich das ganze Stueck durch ueber den Triumph
seiner Bosheiten empfunden? (Ich glaube, die griechische Sprache ist die
einzige, welche ein eigenes Wort hat, diesen Unwillen ueber das Glueck
eines Boesewichts auszudruecken: [Greek: nemesis, nemesan.][1]) Sein Tod
selbst, welcher wenigstens meine Gerechtigkeitsliebe befriedigen sollte,
unterhaelt noch meine Nemesis. Du bist wohlfeil weggekommen! denke ich:
aber gut, dass es noch eine andere Gerechtigkeit gibt, als die poetische!

Man wird vielleicht sagen: nun wohl! wir wollen den Richard aufgeben; das
Stueck heisst zwar nach ihm; aber er ist darum nicht der Held desselben,
nicht die Person, durch welche die Absicht der Tragoedie erreicht wird; er
hat nur das Mittel sein sollen, unser Mitleid fuer andere zu erregen. Die
Koenigin, Elisabeth, die Prinzen, erregen diese nicht Mitleid?--

Um allem Wortstreite auszuweichen: ja. Aber was ist es fuer eine fremde,
herbe Empfindung, die sich in mein Mitleid fuer diese Personen mischt? die
da macht, dass ich mir dieses Mitleid ersparen zu koennen wuenschte? Das
wuensche ich mir bei dem tragischen Mitleid doch sonst nicht; ich verweile
gern dabei; und danke dem Dichter fuer eine so suesse Qual.

Aristoteles hat es wohl gesagt, und das wird es ganz gewiss sein! Er
spricht von einem [Greek: miaron], von einem Graesslichen, das sich bei dem
Ungluecke ganz guter, ganz unschuldiger Personen finde. Und sind nicht die
Koenigin, Elisabeth, die Prinzen vollkommen solche Personen? Was haben sie
getan? wodurch haben sie es sich zugezogen, dass sie in den Klauen dieser
Bestie sind? Ist es ihre Schuld, dass sie ein naeheres Recht auf den Thron
haben als er? Besonders die kleinen wimmernden Schlachtopfer, die noch
kaum rechts und links unterscheiden koennen! Wer wird leugnen, dass sie
unsern ganzen Jammer verdienen? Aber ist dieser Jammer, der mich mit
Schaudern an die Schicksale der Menschen denken laesst, dem Murren wider
die Vorsehung sich zugesellet und Verzweiflung von weiten nachschleicht,
ist dieser Jammer--ich will nicht fragen, Mitleid?--Er heisse, wie er
wolle--Aber ist er das, was eine nachahmende Kunst erwecken sollte?

Man sage nicht: erweckt ihn doch die Geschichte; gruendet er sich doch auf
etwas, das wirklich geschehen ist.--Das wirklich geschehen ist? es sei:
so wird es seinen guten Grund in dem ewigen unendlichen Zusammenhange
aller Dinge haben. In diesem ist Weisheit und Guete, was uns in den
wenigen Gliedern, die der Dichter herausnimmt, blindes Geschick und
Grausamkeit scheinet. Aus diesen wenigen Gliedern sollte er ein Ganzes
machen, das voellig sich rundet, wo eines aus dem andern sich voellig
erklaeret, wo keine Schwierigkeit aufstoesst, derenwegen wir die Befriedigung
nicht in seinem Plane finden, sondern sie ausser ihm, in dem allgemeinen
Plane der Dinge suchen muessen; das Ganze dieses sterblichen Schoepfers
sollte ein Schattenriss von dem Ganzen des ewigen Schoepfers sein; sollte
uns an den Gedanken gewoehnen, wie sich in ihm alles zum Besten aufloese,
werde es auch in jenem geschehen: und er vergisst diese seine edelste
Bestimmung so sehr, dass er die unbegreiflichen Wege der Vorsicht mit in
seinen kleinen Zirkel flicht und geflissentlich unsern Schauder darueber
erregt?--O verschonet uns damit, ihr, die ihr unser Herz in eurer Gewalt
habt! Wozu diese traurige Empfindung? Uns Unterwerfung zu lehren? Diese
kann uns nur die kalte Vernunft lehren; und wenn die Lehre der Vernunft
in uns bekleiben soll, wenn wir, bei unserer Unterwerfung, noch Vertrauen
und froehlichen Mut behalten sollen: so ist es hoechst noetig, dass wir an
die verwirrenden Beispiele solcher unverdienten schrecklichen Verhaengnisse
so wenig als moeglich erinnert werden. Weg mit ihnen von der Buehne! Weg,
wenn es sein koennte, aus allen Buechern mit ihnen!--

Wenn nun aber der Personen des Richards keine einzige die erforderlichen
Eigenschaften hat, die sie haben muessten, falls er wirklich das sein
sollte, was er heisst: wodurch ist er gleichwohl ein so interessantes
Stueck geworden, wofuer ihn unser Publikum haelt? Wenn er nicht Mitleid und
Furcht erregt: was ist denn seine Wirkung? Wirkung muss er doch haben und
hat sie. Und wenn er Wirkung hat: ist es nicht gleichviel, ob er diese
oder ob er jene hat? Wenn er die Zuschauer beschaeftiget, wenn er sie
vergnuegt: was will man denn mehr? Muessen sie denn notwendig nur nach den
Regeln des Aristoteles beschaeftiget und vergnuegt werden?

Das klingt so unrecht nicht: aber es ist darauf zu antworten. Ueberhaupt:
wenn Richard schon keine Tragoedie waere, so bleibt er doch ein dramatisches
Gedicht; wenn ihm schon die Schoenheiten der Tragoedie mangelten, so koennte
er doch sonst Schoenheiten haben. Poesie des Ausdrucks; Bilder; Tiraden;
kuehne Gesinnungen; einen feurigen hinreissenden Dialog; glueckliche
Veranlassungen fuer den Akteur, den ganzen Umfang seiner Stimme mit den
mannigfaltigsten Abwechselungen zu durchlaufen, seine ganze Staerke in der
Pantomime zu zeigen usw.

Von diesen Schoenheiten hat Richard viele, und hat auch noch andere, die
den eigentlichen Schoenheiten der Tragoedie naeher kommen.

Richard ist ein abscheulicher Boesewicht: aber auch die Beschaeftigung
unsers Abscheues ist nicht ganz ohne Vergnuegen; besonders in der
Nachahmung.

Auch das Ungeheuere in den Verbrechen partizipieret von den Empfindungen,
welche Groesse und Kuehnheit in uns erwecken.

Alles, was Richard tut, ist Greuel; aber alle diese Greuel geschehen in
Absicht auf etwas; Richard hat einen Plan; und ueberall, wo wir einen Plan
wahrnehmen, wird unsere Neugierde rege; wir warten gern mit ab, ob er
ausgefuehrt wird werden, und wie er es wird werden; wir lieben das
Zweckmaessige so sehr, dass es uns, auch unabhaengig von der Moralitaet des
Zweckes, Vergnuegen gewaehret.

Wir wollten, dass Richard seinen Zweck erreichte: und wir wollten, dass er
ihn auch nicht erreichte. Das Erreichen erspart uns das Missvergnuegen ueber
ganz vergebens angewandte Mittel: wenn er ihn nicht erreicht, so ist so
viel Blut voellig umsonst vergossen worden; da es einmal vergossen ist,
moechten wir es nicht gern, auch noch bloss vor langer Weile, vergossen
finden. Hinwiederum waere dieses Erreichen das Frohlocken der Bosheit;
nichts hoeren wir ungerner; die Absicht interessierte uns, als zu
erreichende Absicht; wenn sie aber nun erreicht waere, wuerden wir nichts
als das Abscheuliche derselben erblicken, wuerden wir wuenschen, dass sie
nicht erreicht waere; diesen Wunsch sehen wir voraus, und uns schaudert
vor der Erreichung.

Die guten Personen des Stuecks lieben wir; eine so zaertliche feurige
Mutter, Geschwister, die so ganz eines in dem andern leben; diese
Gegenstaende gefallen immer, erregen immer die suessesten sympathetischen
Empfindungen, wir moegen sie finden, wo wir wollen. Sie ganz ohne Schuld
leiden zu sehen, ist zwar herbe, ist zwar fuer unsere Ruhe, zu unserer
Besserung kein sehr erspriessliches Gefuehl: aber es ist doch immer Gefuehl.

Und sonach beschaeftiget uns das Stueck durchaus, und vergnuegt durch diese
Beschaeftigung unserer Seelenkraefte. Das ist wahr; nur die Folge ist nicht
wahr, die man daraus zu ziehen meinet: naemlich, dass wir also damit
zufrieden sein koennen.

Ein Dichter kann viel getan, und doch noch nichts damit vertan haben.
Nicht genug, dass sein Werk Wirkungen auf uns hat: es muss auch die haben,
die ihm, vermoege der Gattung, zukommen; es muss diese vornehmlich haben,
und alle andere koennen den Mangel derselben auf keine Weise ersetzen;
besonders wenn die Gattung von der Wichtigkeit und Schwierigkeit und
Kostbarkeit ist, dass alle Muehe und aller Aufwand vergebens waere, wenn sie
weiter nichts als solche Wirkungen hervorbringen wollte, die durch eine
leichtere und weniger Anstalten erfordernde Gattung ebensowohl zu
erhalten waeren. Ein Bund Stroh aufzuheben, muss man keine Maschinen in
Bewegung setzen; was ich mit dem Fusse umstossen kann, muss ich nicht mit
einer Mine sprengen wollen; ich muss keinen Scheiterhaufen anzuenden, um
eine Muecke zu verbrennen.


----Fussnote

[1] Arist. Rhet., lib. II. cap. 9.

----Fussnote




Achtzigstes Stueck
Den 5. Februar 1768

Wozu die sauere Arbeit der dramatischen Form? wozu ein Theater erbauet,
Maenner und Weiber verkleidet, Gedaechtnisse gemartert, die ganze Stadt auf
einen Platz geladen? wenn ich mit meinem Werke, und mit der Auffuehrung
desselben, weiter nichts hervorbringen will, als einige von den Regungen,
die eine gute Erzaehlung, von jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen,
ungefaehr auch hervorbringen wuerde.

Die dramatische Form ist die einzige, in welcher sich Mitleid und Furcht
erregen laesst; wenigstens koennen in keiner andern Form diese Leidenschaften
auf einen so hohen Grad erreget werden: und gleichwohl will man lieber alle
andere darin erregen, als diese; gleichwohl will man sie lieber zu allem
andern brauchen, als zu dem, wozu sie so vorzueglich geschickt ist.

Das Publikum nimmt vorlieb.--Das ist gut, und auch nicht gut. Denn man
sehnt sich nicht sehr nach der Tafel, an der man immer vorlieb nehmen muss.

Es ist bekannt, wie erpicht das griechische und roemische Volk auf die
Schauspiele waren; besonders jenes, auf das tragische. Wie gleichgueltig,
wie kalt dagegen unser Volk fuer das Theater! Woher diese Verschiedenheit,
wenn sie nicht daher koemmt, dass die Griechen vor ihrer Buehne sich mit so
starken, so ausserordentlichen Empfindungen begeistert fuehlten, dass sie
den Augenblick nicht erwarten konnten, sie abermals und abermals zu
haben: dahingegen wir uns vor unserer Buehne so schwacher Eindruecke bewusst
sind, dass wir es selten der Zeit und des Geldes wert halten, sie uns zu
verschaffen? Wir gehen, fast alle, fast immer, aus Neugierde, aus Mode,
aus Langerweile, aus Gesellschaft, aus Begierde zu begaffen und begafft
zu werden, ins Theater: und nur wenige, und diese wenige nur sparsam, aus
anderer Absicht.

Ich sage, wir, unser Volk, unsere Buehne: ich meine aber nicht bloss, uns
Deutsche. Wir Deutsche bekennen es treuherzig genug, dass wir noch kein
Theater haben. Was viele von unsern Kunstrichtern, die in dieses
Bekenntnis mit einstimmen und grosse Verehrer des franzoesischen Theaters
sind, dabei denken: das kann ich so eigentlich nicht wissen. Aber ich
weiss wohl, was ich dabei denke. Ich denke naemlich dabei: dass nicht allein
wir Deutsche; sondern, dass auch die, welche sich seit hundert Jahren ein
Theater zu haben ruehmen, ja das beste Theater von ganz Europa zu haben
prahlen,--dass auch die Franzosen noch kein Theater haben.

Kein tragisches gewiss nicht! Denn auch die Eindruecke, welche die
franzoesische Tragoedie macht, sind so flach, so kalt!--Man hoere einen
Franzosen selbst davon sprechen.

"Bei den hervorstechenden Schoenheiten unsers Theaters", sagt der Herr von
Voltaire, "fand sich ein verborgner Fehler, den man nicht bemerkt hatte,
weil das Publikum von selbst keine hoehere Ideen haben konnte, als ihm die
grossen Meister durch ihre Muster beibrachten. Der einzige Saint-Evremond
hat diesen Fehler aufgemutzt; er sagt naemlich, dass unsere Stuecke nicht
Eindruck genug machten, dass das, was Mitleid erwecken solle, aufs hoechste
Zaertlichkeit errege, dass Ruehrung die Stelle der Erschuetterung, und
Erstaunen die Stelle des Schreckens vertrete; kurz, dass unsere Empfindungen
nicht tief genug gingen. Es ist nicht zu leugnen: Saint-Evremond hat mit
dem Finger gerade auf die heimliche Wunde des franzoesischen Theaters
getroffen. Man sage immerhin, dass Saint-Evremond der Verfasser der elenden
Komoedie 'Sir Politik Wouldbe' und noch einer andern ebenso elenden, 'Die
Opern' genannt, ist: dass seine kleinen gesellschaftlichen Gedichte das
Kahlste und Gemeinste sind, was wir in dieser Gattung haben; dass er nichts
als ein Phrasendrechsler war: man kann keinen Funken Genie haben und
gleichwohl viel Witz und Geschmack besitzen. Sein Geschmack aber war
unstreitig sehr fein, da er die Ursache, warum die meisten von unsern
Stuecken so matt und kalt sind, so genau traf. Es hat uns immer an einem
Grade von Waerme gefehlt: das andere hatten wir alles."

Das ist: wir hatten alles, nur nicht das, was wir haben sollten; unsere
Tragoedien waren vortrefflich, nur dass es keine Tragoedien waren. Und woher
kam es, dass sie das nicht waren?

"Diese Kaelte aber", faehrt er fort, "diese einfoermige Mattigkeit,
entsprang zum Teil von dem kleinen Geiste der Galanterie, der damals
unter unsern Hofleuten und Damen so herrschte und die Tragoedie in eine
Folge von verliebten Gespraechen verwandelte, nach dem Geschmacke des
'Cyrus' und der 'Clelie'. Was fuer Stuecke sich hiervon noch etwa
ausnahmen, die bestanden aus langen politischen Raisonnements,
dergleichen den 'Sertorius' so verdorben, den 'Otho' so kalt, und den
'Surena' und 'Attila' so elend gemacht haben. Noch fand sich aber auch
eine andere Ursache, die das hohe Pathetische von unserer Szene
zurueckhielt und die Handlung wirklich tragisch zu machen verhinderte: und
diese war das enge schlechte Theater mit seinen armseligen Verzierungen.
--Was liess sich auf einem paar Dutzend Brettern, die noch dazu mit
Zuschauern angefuellt waren, machen? Mit welchem Pomp, mit welchen
Zuruestungen konnte man da die Augen der Zuschauer bestechen, fesseln,
taeuschen? Welche grosse tragische Aktion liess sich da auffuehren? Welche
Freiheit konnte die Einbildungskraft des Dichters da haben? Die Stuecke
mussten aus langen Erzaehlungen bestehen, und so wurden sie mehr Gespraeche
als Spiele. Jeder Akteur wollte in einer langen Monologe glaenzen, und ein
Stueck, das dergleichen nicht hatte, ward verworfen.--Bei dieser Form fiel
alle theatralische Handlung weg; fielen alle die grossen Ausdruecke der
Leidenschaften, alle die kraeftigen Gemaelde der menschlichen
Ungluecksfaelle, alle die schrecklichen bis in das Innerste der Seele
dringende Zuege weg; man ruehrte das Herz nur kaum, anstatt es zu
zerreissen."

Mit der ersten Ursache hat es seine gute Richtigkeit. Galanterie und
Politik laesst immer kalt; und noch ist es keinem Dichter in der Welt
gelungen, die Erregung des Mitleids und der Furcht damit zu verbinden.
Jene lassen uns nichts als den Fat, oder den Schulmeister hoeren: und
diese fodern, dass wir nichts als den Menschen hoeren sollen.

Aber die zweite Ursache?--Sollte es moeglich sein, dass der Mangel eines
geraeumlichen Theaters und guter Verzierungen einen solchen Einfluss auf
das Genie der Dichter gehabt haette? Ist es wahr, dass jede tragische
Handlung Pomp und Zuruestungen erfodert? Oder sollte der Dichter nicht
vielmehr sein Stueck so einrichten, dass es auch ohne diese Dinge seine
voellige Wirkung hervorbraechte.

Nach dem Aristoteles sollte er es allerdings. "Furcht und Mitleid", sagt
der Philosoph, "laesst sich zwar durchs Gesicht erregen; es kann aber auch
aus der Verknuepfung der Begebenheiten selbst entspringen, welches
letztere vorzueglicher, und die Weise des bessern Dichters ist. Denn die
Fabel muss so eingerichtet sein, dass sie, auch ungesehen, den, der den
Verlauf ihrer Begebenheiten bloss anhoert, zu Mitleid und Furcht ueber diese
Begebenheiten bringet; so wie die Fabel des Oedips, die man nur anhoeren
darf, um dazu gebracht zu werden. Diese Absicht aber durch das Gesicht
erreichen wollen, erfodert weniger Kunst, und ist deren Sache, welche die
Vorstellung des Stuecks uebernommen."

Wie entbehrlich ueberhaupt die theatralischen Verzierungen sind, davon
will man mit den Stuecken des Shakespeares eine sonderbare Erfahrung
gehabt haben. Welche Stuecke brauchten, wegen ihrer bestaendigen
Unterbrechung und Veraenderung des Orts, des Beistandes der Szenen und der
ganzen Kunst des Dekorateurs, wohl mehr, als eben diese? Gleichwohl war
eine Zeit, wo die Buehnen, auf welchen sie gespielt wurden, aus nichts
bestanden, als aus einem Vorhange von schlechtem groben Zeuge, der, wenn
er aufgezogen war, die blossen blanken, hoechstens mit Matten oder Tapeten
behangenen Waende zeigte; da war nichts als die Einbildung, was dem
Verstaendnisse des Zuschauers und der Ausfuehrung des Spielers zu Hilfe
kommen konnte: und demohngeachtet, sagt man, waren damals die Stuecke des
Shakespeares ohne alle Szenen verstaendlicher, als sie es hernach mit
denselben gewesen sind.[1]

Wenn sich also der Dichter um die Verzierung gar nicht zu bekuemmern hat;
wenn die Verzierung, auch wo sie noetig scheinet, ohne besondere Nachteil
seines Stuecks wegbleiben kann: warum sollte es an dem engen, schlechten
Theater gelegen haben, dass uns die franzoesischen Dichter keine ruehrendere
Stuecke geliefert? Nicht doch: es lag an ihnen selbst.

Und das beweiset die Erfahrung. Denn nun haben ja die Franzosen eine
schoenere, geraeumlichere Buehne; keine Zuschauer werden mehr darauf
geduldet; die Kulissen sind leer; der Dekorateur hat freies Feld; er malt
und bauet dem Poeten alles, was dieser von ihm verlangt: aber wo sind sie
denn, die waermern Stuecke, die sie seitdem erhalten haben? Schmeichelt
sich der Herr von Voltaire, dass seine "Semiramis" ein solches Stueck ist?
Da ist Pomp und Verzierung genug; ein Gespenst obendarein: und doch kenne
ich nichts Kaelteres, als seine "Semiramis".


----Fussnote

[1] ("Cibber's Lives of the Poets of G. B. and Ir." Vol. II. p. 78.
79.)--Some have insinuated, that fine scenes proved the ruin of acting.
--In the reign of Charles I. there was nothing more than a curtain
of very coarse stuff, upon the drawing up of which, the stage appeared
either with bare walls on the sides, coarsly matted, or covered with
tapestry; so that for the place originally represented, and all the
successive changes, in which the poets of those times freely indulged
themselves, there was nothing to help the spectator's understanding, or
to assist the actor's performance, but bare imagination.--The spirit and
judgement of the actors supplied all deficiencies, and made as some would
insinuate, plays more intelligible without scenes than they afterwards
were with them.

----Fussnote




Einundachtzigstes Stueck
Den 9. Februar 1768

Will ich denn nun aber damit sagen, dass kein Franzose faehig sei, ein
wirklich ruehrendes tragisches Werk zu machen? dass der volatile Geist der
Nation einer solchen Arbeit nicht gewachsen sei?--Ich wuerde mich schaemen,
wenn mir das nur eingekommen waere. Deutschland hat sich noch durch keinen
Bouhours laecherlich gemacht. Und ich, fuer mein Teil, haette nun gleich die
wenigste Anlage dazu. Denn ich bin sehr ueberzeugt, dass kein Volk in der
Welt irgendeine Gabe des Geistes vorzueglich vor andern Voelkern erhalten
habe. Man sagt zwar: der tiefsinnige Englaender, der witzige Franzose.
Aber wer hat denn die Teilung gemacht? Die Natur gewiss nicht, die alles
unter alle gleich verteilet. Es gibt ebensoviel witzige Englaender als
witzige Franzosen, und ebensoviel tiefsinnige Franzosen, als tiefsinnige
Englaender: der Prass von dem Volke aber ist keines von beidem.--

Was will ich denn? Ich will bloss sagen, was die Franzosen gar wohl haben
koennten, dass sie das noch nicht haben: die wahre Tragoedie. Und warum noch
nicht haben?--Dazu haette sich der Herr von Voltaire selbst besser kennen
muessen, wenn er es haette treffen wollen.

Ich meine: sie haben es noch nicht; weil sie es schon lange gehabt zu
haben glauben. Und in diesem Glauben werden sie nun freilich durch etwas
bestaerkt, das sie vorzueglich vor allen Voelkern haben; aber es ist keine
Gabe der Natur: durch ihre Eitelkeit.

Es geht mit den Nationen, wie mit einzelnen Menschen.--Gottsched (man
wird leicht begreifen, wie ich eben hier auf diesen falle) galt in seiner
Jugend fuer einen Dichter, weil man damals den Versmacher von dem Dichter
noch nicht zu unterscheiden wusste. Philosophie und Kritik setzten nach
und nach diesen Unterschied ins Helle: und wenn Gottsched mit dem
Jahrhunderte nur haette fortgehen wollen, wenn sich seine Einsichten und
sein Geschmack nur zugleich mit den Einsichten und dem Geschmacke seines
Zeitalters haetten verbreiten und laeutern wollen: so haette er vielleicht
wirklich aus dem Versmacher ein Dichter werden koennen. Aber da er sich
schon so oft den groessten Dichter hatte nennen hoeren, da ihn seine
Eitelkeit ueberredet hatte, dass er es sei: so unterblieb jenes. Er konnte
unmoeglich erlangen, was er schon zu besitzen glaubte: und je aelter er
ward, desto hartnaeckiger und unverschaemter ward er, sich in diesem
traeumerischen Besitze zu behaupten.

Gerade so, duenkt mich, ist es den Franzosen ergangen. Kaum riss Corneille
ihr Theater ein wenig aus der Barbarei: so glaubten sie es der
Vollkommenheit schon ganz nahe. Racine schien ihnen die letzte Hand
angelegt zu haben; und hierauf war gar nicht mehr die Frage (die es zwar
auch nie gewesen), ob der tragische Dichter nicht noch pathetischer, noch
ruehrender sein koenne, als Corneille und Racine, sondern dieses ward fuer
unmoeglich angenommen, und alle Beeiferung der nachfolgenden Dichter musste
sich darauf einschraenken, dem einen oder dem andern so aehnlich zu werden
als moeglich. Hundert Jahre haben sie sich selbst, und zum Teil ihre
Nachbarn mit, hintergangen: nun komme einer und sage ihnen das, und hoere,
was sie antworten!

Von beiden aber ist es Corneille, welcher den meisten Schaden gestiftet
und auf ihre tragischen Dichter den verderblichsten Einfluss gehabt hat.
Denn Racine hat nur durch seine Muster verfuehrt; Corneille aber durch
seine Muster und Lehren zugleich.

Diese letztern besonders, von der ganzen Nation (bis auf einen oder zwei
Pedanten, einen Hedelin, einen Dacier, die aber oft selbst nicht wussten,
was sie wollten) als Orakelsprueche angenommen, von allen nachherigen
Dichtern befolgt: haben--ich getraue mich, es Stueck vor Stueck zu
beweisen,--nichts anders, als das kahlste, waessrigste, untragischste Zeug
hervorbringen koennen.

Die Regeln des Aristoteles sind alle auf die hoechste Wirkung der Tragoedie
kalkuliert. Was macht aber Corneille damit? Er traegt sie falsch und
schielend genug vor; und weil er sie doch noch viel zu strenge findet: so
sucht er, bei einer nach der andern, quelque moderation, quelque favorable
interpretation; entkraeftet und verstuemmelt, deutelt und vereitelt eine
jede,--und warum? pour n'etre pas obliges de condamner beaucoup de poemes
que nous avons vu reussir sur nos theatres; um nicht viele Gedichte
verwerfen zu duerfen, die auf unsern Buehnen Beifall gefunden. Eine schoene
Ursache!

Ich will die Hauptpunkte geschwind beruehren. Einige davon habe ich schon
beruehrt; ich muss sie aber, des Zusammenhanges wegen, wiederum mitnehmen.

1. Aristoteles sagt: die Tragoedie soll Mitleid und Furcht erregen.--
Corneille sagt: o ja, aber wie es koemmt; beides zugleich ist eben nicht
immer noetig; wir sind auch mit einem zufrieden; itzt einmal Mitleid, ohne
Furcht; ein andermal Furcht, ohne Mitleid. Denn wo blieb' ich, ich der
grosse Corneille, sonst mit meinem Rodrigue und meiner Chimene? Die guten
Kinder erwecken Mitleid; und sehr grosses Mitleid: aber Furcht wohl
schwerlich. Und wiederum: wo blieb' ich sonst mit meiner Kleopatra, mit
meinem Prusias, mit meinem Phokas? Wer kann Mitleid mit diesen
Nichtswuerdigen haben? Aber Furcht erregen sie doch.--So glaubte Corneille:
und die Franzosen glaubten es ihm nach.

2. Aristoteles sagt: die Tragoedie soll Mitleid und Furcht erregen;
beides, versteht sich, durch eine und ebendieselbe Person.--Corneille
sagt: wenn es sich so trifft, recht gut. Aber absolut notwendig ist es
eben nicht; und man kann sich gar wohl auch verschiedener Personen
bedienen, diese zwei Empfindungen hervorzubringen; so wie ich in meiner
"Rodogune" getan habe.--Das hat Corneille getan: und die Franzosen tun
es ihm nach.


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