Hamburgische Dramaturgie - Gotthold Ephraim Lessing
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3. Aristoteles sagt: durch das Mitleid und die Furcht, welche die
Tragoedie erweckt, soll unser Mitleid und unsere Furcht, und was diesen
anhaengig, gereiniget werden.--Corneille weiss davon gar nichts und bildet
sich ein, Aristoteles habe sagen wollen. Die Tragoedie erwecke unser
Mitleid, um unsere Furcht zu erwecken, um durch diese Furcht die
Leidenschaften in uns zu reinigen, durch die sich der bemitleidete
Gegenstand sein Unglueck zugezogen. Ich will von dem Werte dieser Absicht
nicht sprechen: genug, dass es nicht die Aristotelische ist; und dass, da
Corneille seinen Tragoedien eine ganz andere Absicht gab, auch notwendig
seine Tragoedien selbst ganz andere Werke werden mussten, als die waren,
von welchen Aristoteles seine Absicht abstrahieret hatte; es mussten
Tragoedien werden, welches keine wahre Tragoedien waren. Und das sind nicht
allein seine, sondern alle franzoesische Tragoedien geworden; weil ihre
Verfasser alle nicht die Absicht des Aristoteles, sondern die Absicht des
Corneille sich vorsetzten. Ich habe schon gesagt, dass Dacier beide
Absichten wollte verbunden wissen: aber auch durch diese blosse Verbindung
wird die erstere geschwaecht, und die Tragoedie muss unter ihrer hoechsten
Wirkung bleiben. Dazu hatte Dacier, wie ich gezeigt, von der erstern nur
einen sehr unvollstaendigen Begriff, und es war kein Wunder, wenn er sich
daher einbildete, dass die franzoesischen Tragoedien seiner Zeit noch eher
die erste, als die zweite Absicht erreichten. "Unsere Tragoedie", sagt er,
"ist, zufolge jener, noch so ziemlich gluecklich, Mitleid und Furcht zu
erwecken und zu reinigen. Aber diese gelingt ihr nur sehr selten, die
doch gleichwohl die wichtigere ist, und sie reiniget die uebrigen
Leidenschaften nur sehr wenig, oder da sie gemeiniglich nichts als
Liebesintrigen enthaelt, wenn sie ja eine davon reinigte, so wuerde es
einzig und allein die Liebe sein, woraus denn klar erhellet, dass ihr
Nutzen nur sehr klein ist.[1] Gerade umgekehrt! Es gibt noch eher
franzoesische Tragoedien, welche der zweiten, als welche der ersten Absicht
ein Genuege leisten. Ich kenne verschiedene franzoesische Stuecke, welche
die ungluecklichen Folgen irgendeiner Leidenschaft recht wohl ins Licht
setzen; aus denen man viele gute Lehren, diese Leidenschaft betreffend,
ziehen kann: aber ich kenne keines, welches mein Mitleid in dem Grade
erregte, in welchem die Tragoedie es erregen sollte, in welchem ich, aus
verschiedenen griechischen und englischen Stuecken gewiss weiss, dass sie es
erregen kann. Verschiedene franzoesische Tragoedien sind sehr feine, sehr
unterrichtende Werke, die ich alles Lobes wert halte: nur, dass es keine
Tragoedien sind. Die Verfasser derselben konnten nicht anders, als sehr
gute Koepfe sein; sie verdienen, zum Teil, unter den Dichtern keinen
geringen Rang: nur dass sie keine tragische Dichter sind; nur dass ihr
Corneille und Racine, ihr Crebillon und Voltaire von dem wenig oder gar
nichts haben, was den Sophokles zum Sophokles, den Euripides zum
Euripides, den Shakespeare zum Shakespeare macht. Diese sind selten mit
den wesentlichen Foderungen des Aristoteles im Widerspruch: aber jene
desto oefterer. Denn nur weiter--
----Fussnote
[1] (Poet. d'Arist. Chap. VI. Rem. 8.) Notre Tragedie peut reussir
assez dans la premiere partie, c'est-a-dire, qu'elle peut exciter et
purger la terreur et la compassion. Mais elle parvient rarement a la
derniere, qui est pourtant la plus utile, elle purge peu les autres
passions, ou comme elle roule ordinairement sur des intrigues d'amour,
si elle en purgeait quelqu'une, ce serait celle-la seule, et par la il
est aise de voir qu'elle ne fait que peu de fruit.
----Fussnote
Zweiundachtzigstes Stueck
Den 12. Februar 1768
4. Aristoteles sagt: man muss keinen ganz guten Mann, ohne alle sein
Verschulden, in der Tragoedie ungluecklich werden lassen; denn so was sei
graesslich.--"Ganz recht", sagt Corneille; "ein solcher Ausgang erweckt
mehr Unwillen und Hass gegen den, welcher das Leiden verursacht, als
Mitleid fuer den, welchen es trifft. Jene Empfindung also, welche nicht
die eigentliche Wirkung der Tragoedie sein soll, wuerde, wenn sie nicht
sehr fein behandelt waere, diese ersticken, die doch eigentlich
hervorgebracht werden sollte. Der Zuschauer wuerde missvergnuegt weggehen,
weil sich allzuviel Zorn mit dem Mitleiden vermischt, welches ihm
gefallen haette, wenn er es allein mit wegnehmen koennen. Aber", koemmt
Corneille hintennach; denn mit einem Aber muss er nachkommen--"aber, wenn
diese Ursache wegfaellt, wenn es der Dichter so eingerichtet, dass der
Tugendhafte, welcher leidet, mehr Mitleid fuer sich, als Widerwillen gegen
den erweckt, der ihn leiden laesst: alsdenn?--Oh, alsdenn", sagt Corneille,
"halte ich dafuer, darf man sich gar kein Bedenken machen, auch den
tugendhaftesten Mann auf dem Theater im Ungluecke zu zeigen."[1]
--Ich begreife nicht, wie man gegen einen Philosophen so in den Tag
hineinschwatzen kann; wie man sich das Ansehen geben kann, ihn zu
verstehen, indem man ihn Dinge sagen laesst, an die er nie gedacht hat.
Das gaenzlich unverschuldete Unglueck eines rechtschaffenen Mannes, sagt
Aristoteles, ist kein Stoff fuer das Trauerspiel; denn es ist graesslich.
Aus diesem Denn, aus dieser Ursache, macht Corneille ein Insofern, eine
blosse Bedingung, unter welcher es tragisch zu sein aufhoert. Aristoteles
sagt: es ist durchaus graesslich, und eben daher untragisch. Corneille aber
sagt: es ist untragisch, insofern es graesslich ist. Dieses Graessliche
findet Aristoteles in dieser Art des Unglueckes selbst: Corneille aber
setzt es in den Unwillen, den es gegen den Urheber desselben verursacht.
Er sieht nicht, oder will nicht sehen, dass jenes Graessliche ganz etwas
anders ist als dieser Unwille; dass, wenn auch dieser ganz wegfaellt, jenes
doch noch in seinem vollen Masse vorhanden sein kann: genug, dass vors
erste mit diesem Quid pro quo verschiedene von seinen Stuecken
gerechtfertiget scheinen, die er so wenig wider die Regeln des
Aristoteles will gemacht haben, dass er vielmehr vermessen genug ist, sich
einzubilden, es habe dem Aristoteles bloss an dergleichen Stuecken gefehlt,
um seine Lehre darnach naeher einzuschraenken und verschiedene Manieren
daraus zu abstrahieren, wie demohngeachtet das Unglueck des ganz
rechtschaffenen Mannes ein tragischer Gegenstand werden koenne. En voici,
sagt er, deux ou trois manieres que peut-etre Aristote n'a su prevoir,
parce qu'on n'en voyait pas d'exemples sur les theatres de son temps.
Und von wem sind diese Exempel? Von wem anders, als von ihm selbst?
Und welches sind jene zwei oder drei Manieren? Wir wollen geschwind
sehen.--"Die erste", sagt er, "ist, wenn ein sehr Tugendhafter durch
einen sehr Lasterhaften verfolgt wird, der Gefahr aber entkoemmt, und
so, dass der Lasterhafte sich selbst darin verstricket, wie es in der
'Rodogune' und im 'Heraklius' geschiehet, wo es ganz unertraeglich wuerde
gewesen sein, wenn in dem ersten Stuecke Antiochus und Rodogune, und in
dem andern Heraklius, Pulcheria und Martian umgekommen waeren, Kleopatra
und Phokas aber triumphieret haetten. Das Unglueck der erstern erweckt ein
Mitleid, welches durch den Abscheu, den wir wider ihre Verfolger haben,
nicht erstickt wird, weil man bestaendig hofft, dass sich irgendein
gluecklicher Zufall ereignen werde, der sie nicht unterliegen lasse." Das
mag Corneille sonst jemanden weismachen, dass Aristoteles diese Manier
nicht gekannt habe! Er hat sie so wohl gekannt, dass er sie, wo nicht
gaenzlich verworfen, wenigstens mit ausdruecklichen Worten fuer angemessener
der Komoedie als Tragoedie erklaert hat. Wie war es moeglich, dass Corneille
dieses vergessen hatte? Aber so geht es allen, die im voraus ihre Sache
zu der Sache der Wahrheit machen. Im Grunde gehoert diese Manier auch gar
nicht zu dem vorhabenden Falle. Denn nach ihr wird der Tugendhafte nicht
ungluecklich, sondern befindet sich nur auf dem Wege zum Ungluecke; welches
gar wohl mitleidige Besorgnisse fuer ihn erregen kann, ohne graesslich zu
sein.--Nun, die zweite Manier! "Auch kann es sich zutragen", sagt
Corneille, "dass ein sehr tugendhafter Mann verfolgt wird, und auf Befehl
eines andern umkoemmt, der nicht lasterhaft genug ist, unsern Unwillen
allzusehr zu verdienen, indem er in der Verfolgung, die er wider den
Tugendhaften betreibet, mehr Schwachheit als Bosheit zeiget. Wenn Felix
seinen Eidam Polyeukt umkommen laesst, so ist es nicht aus wuetendem Eifer
gegen die Christen, der ihn uns verabscheuungswuerdig machen wuerde,
sondern bloss aus kriechender Furchtsamkeit, die sich nicht getrauet, ihn
in Gegenwart des Severus zu retten, vor dessen Hasse und Rache er in
Sorgen stehet. Man fasset also wohl einigen Unwillen gegen ihn, und
missbilliget sein Verfahren; doch ueberwiegt dieser Unwille nicht das
Mitleid, welches wir fuer den Polyeukt empfinden, und verhindert auch
nicht, dass ihn seine wunderbare Bekehrung, zum Schlusse des Stuecks, nicht
voellig wieder mit den Zuhoerern aussoehnen sollte." Tragische Stuemper,
denke ich, hat es wohl zu allen Zeiten und selbst in Athen gegeben. Warum
sollte es also dem Aristoteles an einem Stuecke von aehnlicher Einrichtung
gefehlt haben, um daraus ebenso erleuchtet zu werden, als Corneille?
Possen! Die furchtsamen, schwanken, unentschlossenen Charaktere, wie
Felix, sind in dergleichen Stuecken ein Fehler mehr und machen sie noch
obendarein ihrerseits kalt und ekel, ohne sie auf der andern Seite im
geringsten weniger graesslich zu machen. Denn, wie gesagt, das Graessliche
liegt nicht in dem Unwillen oder Abscheu, den sie erwecken: sondern in
dem Ungluecke selbst, das jene unverschuldet trifft; das sie einmal so
unverschuldet trifft als das andere, ihre Verfolger moegen boese oder
schwach sein, moegen mit oder ohne Vorsatz ihnen so hart fallen. Der
Gedanke ist an und fuer sich selbst graesslich, dass es Menschen geben kann,
die ohne alle ihr Verschulden ungluecklich sind. Die Helden haetten diesen
graesslichen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht, als moeglich:
und wir wollten ihn naehren? wir wollten uns an Schauspielen vergnuegen,
die ihn bestaetigen? wir? die Religion und Vernunft ueberzeuget haben
sollte, dass er ebenso unrichtig als gotteslaesterlich ist?--Das naemliche
wuerde sicherlich auch gegen die dritte Manier gelten; wenn sie Corneille
nicht selbst naeher anzugeben vergessen haette.
5. Auch gegen das, was Aristoteles von der Unschicklichkeit eines ganz
Lasterhaften zum tragischen Helden sagt, als dessen Unglueck weder Mitleid
noch Furcht erregen koenne, bringt Corneille seine Laeuterungen bei.
Mitleid zwar, gesteht er zu, koenne er nicht erregen; aber Furcht
allerdings. Denn ob sich schon keiner von den Zuschauern der Laster
desselben faehig glaube, und folglich auch desselben ganzes Unglueck nicht
zu befuerchten habe: so koenne doch ein jeder irgendeine jenen Lastern
aehnliche Unvollkommenheit bei sich hegen und durch die Furcht vor den
zwar proportionierten, aber doch noch immer ungluecklichen Folgen
derselben, gegen sie auf seiner Hut zu sein lernen. Doch dieses gruendet
sich auf den falschen Begriff, welchen Corneille von der Furcht und von
der Reinigung der in der Tragoedie zu erweckenden Leidenschaften hatte,
und widerspricht sich selbst. Denn ich habe schon gezeigt, dass die
Erregung des Mitleids von der Erregung der Furcht unzertrennlich ist und
dass der Boesewicht, wenn es moeglich waere, dass er unsere Furcht erregen
koenne, auch notwendig unser Mitleid erregen muesste. Da er aber dieses, wie
Corneille selbst zugesteht, nicht kann, so kann er auch jenes nicht und
bleibt gaenzlich ungeschickt, die Absicht der Tragoedie erreichen zu
helfen. Ja, Aristoteles haelt ihn hierzu noch fuer ungeschickter als den
ganz tugendhaften Mann; denn er will ausdruecklich, falls man den Held aus
der mittlere Gattung nicht haben koenne, dass man ihn eher besser als
schlimmer waehlen solle. Die Ursache ist klar: ein Mensch kann sehr gut
sein und doch noch mehr als eine Schwachheit haben, mehr als einen Fehler
begehen, wodurch er sich in unabsehliches Unglueck stuerzet, das uns mit
Mitleid und Wehmut erfuellet, ohne im geringsten graesslich zu sein, weil es
die natuerliche Folge seines Fehlers ist.--Was Dubos[2] von dem Gebrauche
der lasterhaften Personen in der Tragoedie sagt, ist das nicht, was
Corneille will. Dubos will sie nur zu den Nebenrollen erlauben, bloss zu
Werkzeugen, die Hauptpersonen weniger schuldig zu machen; bloss zur
Abstechung. Corneille aber will das vornehmste Interesse auf sie beruhen
lassen, so wie in der "Rodogune": und das ist eigentlich, was mit der
Absicht der Tragoedie streitet, und nicht jenes. Dubos merket dabei auch
sehr richtig an, dass das Unglueck dieser subalternen Boesewichter keinen
Eindruck auf uns mache. "Kaum", sagt er, "dass man den Tod des Narciss im
Britannicus bemerkt." Aber also sollte sich der Dichter auch schon
deswegen ihrer so viel als moeglich enthalten. Denn wenn ihr Unglueck die
Absicht der Tragoedie nicht unmittelbar befoerdert, wenn sie blosse
Hilfsmittel sind, durch die sie der Dichter desto besser mit andern
Personen zu erreichen sucht: so ist es unstreitig, dass das Stueck noch
besser sein wuerde, wenn es die naemliche Wirkung ohne sie haette. Je
simpler eine Maschine ist, je weniger Federn und Raeder und Gewichte sie
hat, desto vollkommener ist sie.
----Fussnote
[1] J'estime qu'il ne faut point faire de difficulte d'exposer sur la
scene des hommes tres vertueux.
[2] Reflexions cr. T. I. Sect. XV.
----Fussnote
Dreiundachtzigstes Stueck
Den 16. Februar 1768
6. Und endlich, die Missdeutung der ersten und wesentlichsten Eigenschaft,
welche Aristoteles fuer die Sitten der tragischen Personen fodert! Sie
sollen gut sein, die Sitten. "Gut?" sagt Corneille. "Wenn gut hier so
viel als tugendhaft heissen soll: so wird es mit den meisten alten und
neuen Tragoedien uebel aussehen, in welchen schlechte und lasterhafte,
wenigstens mit einer Schwachheit, die naechst der Tugend so recht nicht
bestehen kann, behaftete Personen genug vorkommen." Besonders ist ihm fuer
seine Kleopatra in der "Rodogune" bange. Die Guete, welche Aristoteles
fodert, will er also durchaus fuer keine moralische Guete gelten lassen;
es muss eine andere Art von Guete sein, die sich mit dem moralisch Boesen
ebensowohl vertraegt, als mit dem moralisch Guten. Gleichwohl meinet
Aristoteles schlechterdings eine moralische Guete: nur dass ihm tugendhafte
Personen, und Personen, welche in gewissen Umstaenden tugendhafte Sitten
zeigen, nicht einerlei sind. Kurz, Corneille verbindet eine ganz falsche
Idee mit dem Worte Sitten, und was die Proaeresis ist, durch welche
allein, nach unserm Weltweisen, freie Handlungen zu guten oder boesen
Sitten werden, hat er gar nicht verstanden. Ich kann mich itzt nicht in
einen weitlaeuftigen Beweis einlassen; er laesst sich nur durch den
Zusammenhang, durch die syllogistische Folge aller Ideen des griechischen
Kunstrichters einleuchtend genug fuehren. Ich verspare ihn daher auf eine
andere Gelegenheit, da es bei dieser ohnedem nur darauf ankoemmt, zu
zeigen, was fuer einen ungluecklichen Ausweg Corneille, bei Verfehlung des
richtigen Weges, ergriffen. Dieser Ausweg lief dahin: dass Aristoteles
unter der Guete der Sitten den glaenzenden und erhabnen Charakter
irgendeiner tugendhaften oder strafbaren Neigung verstehe, sowie sie der
eingefuehrten Person entweder eigentuemlich zukomme oder ihr schicklich
beigeleget werden koenne: le caractere brillant et eleve d'une habitude
vertueuse ou criminelle, selon qu'elle est propre et convenable a la
personne qu'on introduit. "Kleopatra in der 'Rodogune'", sagt er, "ist
aeusserst boese: da ist kein Meuchelmord, vor dem sie sich scheue, wenn er
sie nur auf dem Throne zu erhalten vermag, den sie allem in der Welt
vorzieht; so heftig ist ihre Herrschsucht. Aber alle ihre Verbrechen sind
mit einer gewissen Groesse der Seele verbunden, die so etwas Erhabenes hat,
dass man, indem man ihre Handlungen verdammt, doch die Quelle, woraus sie
entspringen, bewundern muss. Ebendieses getraue ich mir von dem 'Luegner'
zu sagen. Das Luegen ist unstreitig eine lasterhafte Angewohnheit; allein
Dorant bringt seine Luegen mit einer solchen Gegenwart des Geistes, mit so
vieler Lebhaftigkeit vor, dass diese Unvollkommenheit ihm ordentlich wohl
laesst und die Zuschauer gestehen muessen, dass die Gabe, so zu luegen, ein
Laster sei, dessen kein Dummkopf faehig ist."--Wahrlich, einen
verderblichern Einfall haette Corneille nicht haben koennen! Befolget ihn
in der Ausfuehrung, und es ist um alle Wahrheit, um alle Taeuschung, um
allen sittlichen Nutzen der Tragoedie getan! Denn die Tugend, die immer
bescheiden und einfaeltig ist, wird durch jenen glaenzenden Charakter eitel
und romantisch: das Laster aber mit einem Firnis ueberzogen, der uns
ueberall blendet, wir moegen es aus einem Gesichtspunkte nehmen, aus
welchem wir wollen. Torheit, bloss durch die ungluecklichen Folgen von dem
Laster abschrecken wollen, indem man die innere Haesslichkeit desselben
verbirgt! Die Folgen sind zufaellig; und die Erfahrung lehrt, dass sie
ebensooft gluecklich als ungluecklich fallen. Dieses bezieht sich auf die
Reinigung der Leidenschaften, wie sie Corneille sich dachte. Wie ich mir
sie vorstelle, wie sie Aristoteles gelehrt hat, ist sie vollends nicht
mit jenem truegerischen Glanze zu verbinden. Die falsche Folie, die so dem
Laster untergelegt wird, macht, dass ich Vollkommenheiten erkenne, wo
keine sind; macht, dass ich Mitleiden habe, wo ich keines haben sollte.
Zwar hat schon Dacier dieser Erklaerung widersprochen, aber aus
untriftigern Gruenden; und es fehlt nicht viel, dass die, welche er mit dem
Pater Le Bossu dafuer annimmt, nicht ebenso nachteilig ist, wenigstens den
poetischen Vollkommenheiten des Stuecks ebenso nachteilig werden kann. Er
meinet naemlich, "die Sitten sollen gut sein", heisse nichts mehr als, sie
sollen gut ausgedrueckt sein, qu'elles soient bien marquees. Das ist
allerdings eine Regel, die, richtig verstanden, an ihrer Stelle aller
Aufmerksamkeit des dramatischen Dichters wuerdig ist. Aber wenn es die
franzoesischen Muster nur nicht bewiesen, dass man "gut ausdruecken" fuer
stark ausdruecken genommen haette. Man hat den Ausdruck ueberladen, man hat
Druck auf Druck gesetzt, bis aus charakterisierten Personen personifierte
Charaktere; aus lasterhaften oder tugendhaften Menschen hagere Gerippe
von Lastern und Tugenden geworden sind.--
Hier will ich diese Materie abbrechen. Wer ihr gewachsen ist, mag die
Anwendung auf unsern "Richard" selbst machen.
Vom "Herzog Michel", welcher auf den "Richard" folgte, brauche ich wohl
nichts zu sagen. Auf welchem Theater wird er nicht gespielt, und wer hat
ihn nicht gesehen oder gelesen? Krueger hat indes das wenigste Verdienst
darum; denn er ist ganz aus einer Erzaehlung in den Bremischen Beitraegen
genommen. Die vielen guten satirischen Zuege, die er enthaelt, gehoeren
jenem Dichter, sowie der ganze Verfolg der Fabel. Kruegern gehoert nichts,
als die dramatische Form. Doch hat wirklich unsere Buehne an Kruegern viel
verloren. Er hatte Talent zum Niedrig-Komischen, wie seine "Kandidaten"
beweisen. Wo er aber ruehrend und edel sein will, ist er frostig und
affektiert. Hr. Loewen hat seine Schriften gesammelt, unter welchen man
jedoch "Die Geistlichen auf dem Lande" vermisst. Dieses war der erste
dramatische Versuch, welchen Krueger wagte, als er noch auf dem Grauen
Kloster in Berlin studierte.
Den neunundvierzigsten Abend (donnerstags, den 23. Julius) ward das
Lustspiel des Hrn. von Voltaire "Die Frau, die recht hat" gespielt, und
zum Beschlusse des L'Affichard "Ist er von Familie?"[1] wiederholt.
"Die Frau, die recht hat" ist eines von den Stuecken, welche der Hr. von
Voltaire fuer sein Haustheater gemacht hat. Dafuer war es nun auch gut
genug. Es ist schon 1758 zu Carouge gespielt worden: aber noch nicht
zu Paris; soviel ich weiss. Nicht als ob sie da, seit der Zeit, keine
schlechtern Stuecke gespielt haetten: denn dafuer haben die Marins und
Le Brets wohl gesorgt. Sondern weil--ich weiss selbst nicht. Denn ich
wenigstens moechte doch noch lieber einen grossen Mann in seinem Schlafrocke
und seiner Nachtmuetze, als einen Stuemper in seinem Feierkleide sehen.
Charaktere und Interesse hat das Stueck nicht; aber verschiedne
Situationen, die komisch genug sind. Zwar ist auch das Komische aus dem
allergemeinsten Fache, da es sich auf nichts als aufs Inkognito, auf
Verkennungen und Missverstaendnisse gruendet. Doch die Lacher sind nicht
ekel; am wenigsten wuerden es unsre deutschen Lacher sein, wenn ihnen das
Fremde der Sitten und die elende Uebersetzung das mot pour rire nur nicht
meistens so unverstaendlich machte.
Den funfzigsten Abend (freitags, den 24. Julius) ward Gressets "Sidney"
wiederholt. Den Beschluss machte "Der sehende Blinde".
Dieses kleine Stueck ist vom Le Grand, und auch nicht von ihm. Denn er hat
Titel und Intrige und alles einem alten Stuecke des De Brosse abgeborgt.
Ein Offizier, schon etwas bei Jahren, will eine junge Witwe heiraten, in
die er verliebt ist, als er Ordre bekoemmt, sich zur Armee zu verfuegen. Er
verlaesst seine Versprochene mit den wechselseitigen Versicherungen der
aufrichtigsten Zaertlichkeit. Kaum aber ist er weg, so nimmt die Witwe die
Aufwartungen des Sohnes von diesem Offiziere an. Die Tochter desselben
macht sich gleichergestalt die Abwesenheit ihres Vaters zunutze und nimmt
einen jungen Menschen, den sie liebt, im Hause auf. Diese doppelte
Intrige wird dem Vater gemeldet, der, um sich selbst davon zu ueberzeugen,
ihnen schreiben laesst, dass er sein Gesicht verloren habe. Die List
gelingt; er koemmt wieder nach Paris, und mit Hilfe eines Bedienten, der
um den Betrug weiss, sieht er alles, was in seinem Hause vorgeht. Die
Entwicklung laesst sich erraten; da der Offizier an der Unbestaendigkeit der
Witwe nicht laenger zweifeln kann, so erlaubt er seinem Sohne, sie zu
heiraten, und der Tochter gibt er die naemliche Erlaubnis, sich mit ihrem
Geliebten zu verbinden. Die Szenen zwischen der Witwe und dem Sohn des
Offiziers, in Gegenwart des letzten, haben viel Komisches; die Witwe
versichert, dass ihr der Zufall des Offiziers sehr nahe gehe, dass sie ihn
aber darum nicht weniger liebe; und zugleich gibt sie seinem Sohn, ihrem
Liebhaber, einen Wink mit den Augen oder bezeugt ihm sonst ihre
Zaertlichkeit durch Gebaerden. Das ist der Inhalt des alten Stueckes vom De
Brosse,[2] und ist auch der Inhalt von dem neuen Stuecke des Le Grand. Nur
dass in diesem die Intrige mit der Tochter weggeblieben ist, um jene fuenf
Akte desto leichter in einen zu bringen. Aus dem Vater ist ein Onkel
geworden, und was sonst dergleichen kleine Veraenderungen mehr sind. Es
mag endlich entstanden sein wie es will; gnug, es gefaellt sehr. Die
Uebersetzung ist in Versen, und vielleicht eine von den besten, die wir
haben; sie ist wenigstens sehr fliessend und hat viele drollige Zeilen.
----Fussnote
[1] S. den 17. Abend.
[2] Hist. du Th. Fr., Tome VII. p. 226.
----Fussnote
Vierundachtzigstes Stueck
Den 19. Februar 1768
Den einundfunfzigsten Abend (montags, den 27. Julius) ward "Der
Hausvater" des Hrn. Diderot aufgefuehrt.
Da dieses vortreffliche Stueck, welches den Franzosen nur so so gefaellt,
--wenigstens hat es mit Mueh' und Not kaum ein- oder zweimal auf dem
Pariser Theater erscheinen duerfen--sich, allem Ansehen nach, lange, sehr
lange, und warum nicht immer? auf unsern Buehnen erhalten wird; da es auch
hier nicht oft genug wird koennen gespielt werden: so hoffe ich, Raum und
Gelegenheit genug zu haben, alles auszukramen, was ich sowohl ueber das
Stueck selbst, als ueber das ganze dramatische System des Verfassers, von
Zeit zu Zeit angemerkt habe.
Ich hole recht weit aus. Nicht erst mit dem "Natuerlichen Sohne", in den
beigefuegten Unterredungen, welche zusammen im Jahre 1757 herauskamen, hat
Diderot sein Missvergnuegen mit dem Theater seiner Nation geaeussert. Bereits
verschiedne Jahre vorher liess er es sich merken, dass er die hohen
Begriffe gar nicht davon habe, mit welchen sich seine Landsleute taeuschen
und Europa sich von ihnen taeuschen lassen. Aber er tat es in einem Buche,
in welchem man freilich dergleichen Dinge nicht sucht; in einem Buche, in
welchem der persiflierende Ton so herrschet, dass den meisten Lesern auch
das, was guter gesunder Verstand darin ist, nichts als Posse und Hoehnerei
zu sein scheinet. Ohne Zweifel hat Diderot seine Ursachen, warum er mit
seiner Herzensmeinung lieber erst in einem solchen Buche hervorkommen
wollte: ein kluger Mann sagt oefters erst mit Lachen, was er hernach im
Ernste wiederholen will.
Dieses Buch heisst "Les bijoux indiscrets", und Diderot will es itzt
durchaus nicht geschrieben haben. Daran tut Diderot auch sehr wohl; aber
doch hat er es geschrieben und muss es geschrieben haben, wenn er nicht
ein Plagiarius sein will. Auch ist es gewiss, dass nur ein solcher junger
Mann dieses Buch schreiben konnte, der sich einmal schaemen wuerde, es
geschrieben zu haben.