Hamburgische Dramaturgie - Gotthold Ephraim Lessing
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Es ist ebenso gut, wenn die wenigsten von meinen Lesern dieses Buch
kennen. Ich will mich auch wohl hueten, es ihnen weiter bekannt zu machen,
als es hier in meinen Kram dienet.--
Ein Kaiser--was weiss ich, wo und welcher?--hatte mit einem gewissen
magischen Ringe gewisse Kleinode so viel haessliches Zeug schwatzen lassen,
dass seine Favoritin durchaus nichts mehr davon hoeren wollte. Sie haette
lieber gar mit ihrem ganzen Geschlechte darueber brechen moegen; wenigstens
nahm sie sich auf die ersten vierzehn Tage vor, ihren Umgang einzig auf
des Sultans Majestaet und ein paar witzige Koepfe einzuschraenken. Diese
waren Selim und Riccaric: Selim, ein Hofmann; und Riccaric, ein Mitglied
der kaiserlichen Akademie, ein Mann, der das Altertum studieret hatte und
ein grosser Verehrer desselben war, doch ohne Pedant zu sein. Mit diesen
unterhaelt sich die Favoritin einsmals, und das Gespraech faellt auf den
elenden Ton der akademischen Reden, ueber den sich niemand mehr ereifert
als der Sultan selbst, weil es ihn verdriesst, sich nur immer auf Unkosten
seines Vaters und seiner Vorfahren darin loben zu hoeren, und er wohl
voraussieht, dass die Akademie ebenso auch seinen Ruhm einmal dem Ruhme
seiner Nachfolger aufopfern werde. Selim, als Hofmann, war dem Sultan in
allem beigefallen: und so spinnt sich die Unterredung ueber das Theater
an, die ich meinen Lesern hier ganz mitteile.
"Ich glaube, Sie irren sich, mein Herr", antwortete Riccaric dem Selim.
"Die Akademie ist noch itzt das Heiligtum des guten Geschmacks, und ihre
schoensten Tage haben weder Weltweise noch Dichter aufzuweisen, denen wir
nicht andere aus unserer Zeit entgegensetzen koennten. Unser Theater ward
fuer das erste Theater in ganz Afrika gehalten, und wird noch dafuer
gehalten. Welch ein Werk ist nicht der 'Tamerlan' des Tuxigraphe! Es
verbindet das Pathetische des Eurisope mit dem Erhabnen des Azophe. Es
ist das klare Altertum!"
"Ich habe", sagte die Favoritin, "die erste Vorstellung des Tamerlans
gesehen und gleichfalls den Faden des Stuecks sehr richtig gefuehret, den
Dialog sehr zierlich und das Anstaendige sehr wohl beobachtet gefunden."
"Welcher Unterschied, Madame", unterbrach sie Riccaric, "zwischen einem
Verfasser wie Tuxigraphe, der sich durch Lesung der Alten genaehret, und
dem groessten Teile unsrer Neuern!"
"Aber diese Neuern", sagte Selim, "die Sie hier so wacker ueber die Klinge
springen lassen, sind doch bei weitem so veraechtlich nicht, als Sie
vorgeben. Oder wie? finden Sie kein Genie, keine Erfindung, kein Feuer,
keine Charaktere, keine Schilderungen, keine Tiraden bei ihnen? Was
bekuemmere ich mich um Regeln, wenn man mir nur Vergnuegen macht? Es sind
wahrlich nicht die Bemerkungen des weisen Almudir und des Gelehrten
Abdaldok, noch die Dichtkunst des scharfsinnigen Facardin, die ich alle
nicht gelesen habe, welche es machen, dass ich die Stuecke des Aboulcazem,
des Muhardar, des Albaboukre und so vieler andren Sarazenen bewundre!
Gibt es denn auch eine andere Regel, als die Nachahmung der Natur? Und
haben wir nicht eben die Augen, mit welchen diese sie studierten?"
"Die Natur", antwortete Riccaric, "zeiget sich uns alle Augenblicke in
verschiednen Gestalten. Alle sind wahr, aber nicht alle sind gleich
schoen. Eine gute Wahl darunter zu treffen, das muessen wir aus den Werken
lernen, von welchen Sie eben nicht viel zu halten scheinen. Es sind die
gesammelten Erfahrungen, welche ihre Verfasser und deren Vorgaenger
gemacht haben. Man mag ein noch so vortrefflicher Kopf sein, so erlangt
man doch nur seine Einsichten eine nach der andern; und ein einzelner
Mensch schmeichelt sich vergebens, in dem kurzen Raume seines Lebens
alles selbst zu bemerken, was in so vielen Jahrhunderten vor ihm entdeckt
worden. Sonst liesse sich behaupten, dass eine Wissenschaft ihren Ursprung,
ihren Fortgang und ihre Vollkommenheit einem einzigen Geiste zu verdanken
haben koenne; welches doch wider alle Erfahrung ist."
"Hieraus, mein Herr", antwortete ihm Selim, "folget weiter nichts, als
dass die Neuern, welche sich alle die Schaetze zunutze machen koennen, die
bis auf ihre Zeit gesammelt worden, reicher sein muessen, als die Alten:
oder, wenn Ihnen diese Vergleichung nicht gefaellt, dass sie auf den
Schultern dieser Kolossen, auf die sie gestiegen, notwendig muessen weiter
sehen koennen, als diese selbst. Was ist auch in der Tat ihre Naturlehre,
ihre Astronomie, ihre Schiffskunst, ihre Mechanik, ihre Rechenlehre in
Vergleichung mit unsern? Warum sollten wir ihnen also in der Beredsamkeit
und Poesie nicht ebensowohl ueberlegen sein?"
"Selim", versetzte die Sultane, "der Unterschied ist gross, und Riccaric
kann Ihnen die Ursachen davon ein andermal erklaeren. Er mag Ihnen sagen,
warum unsere Tragoedien schlechter sind, als der Alten ihre; aber dass sie
es sind, kann ich leicht selbst auf mich nehmen, Ihnen zu beweisen. Ich
will Ihnen nicht schuld geben", fuhr sie fort, "dass Sie die Alten nicht
gelesen haben. Sie haben sich um zu viele schoene Kenntnisse beworben, als
dass Ihnen das Theater der Alten unbekannt sein sollte. Nun setzen Sie
gewisse Ideen, die sich auf ihre Gebraeuche, auf ihre Sitten, auf ihre
Religion beziehen, und die Ihnen nur deswegen anstoessig sind, weil sich
die Umstaende geaendert haben, beiseite und sagen Sie mir, ob ihr Stoff
nicht immer edel, wohlgewaehlt und interessant ist? ob sich die Handlung
nicht gleichsam von selbst einleitet? ob der simple Dialog dem
Natuerlichen nicht sehr nahe koemmt? ob die Entwicklungen im geringsten
gezwungen sind? ob sich das Interesse wohl teilt und die Handlung mit
Episoden ueberladen ist? Versetzen Sie sich in Gedanken in die Insel
Alindala; untersuchen Sie alles, was da vorging, hoeren Sie alles, was von
dem Augenblicke an, als der junge Ibrahim und der verschlagne Forfanti
ans Land stiegen, da gesagt ward; naehern Sie sich der Hoehle des
ungluecklichen Polipsile; verlieren Sie kein Wort von seinen Klagen, und
sagen Sie mir, ob das Geringste vorkoemmt, was Sie in der Taeuschung stoeren
koennte? Nennen Sie mir ein einziges neueres Stueck, welches die naemliche
Pruefung aushalten, welches auf den naemlichen Grad der Vollkommenheit
Anspruch machen kann: und Sie sollen gewonnen haben."
"Beim Brahma!" rief der Sultan und gaehnte; "Madame hat uns da eine
vortreffliche akademische Vorlesung gehalten!"
"Ich verstehe die Regeln nicht", fuhr die Favoritin fort, "und noch
weniger die gelehrten Worte, in welchen man sie abgefasst hat. Aber ich
weiss, dass nur das Wahre gefaellt und ruehret. Ich weiss auch, dass die
Vollkommenheit eines Schauspiels in der so genauen Nachahmung einer
Handlung bestehet, dass der ohne Unterbrechung betrogne Zuschauer bei der
Handlung selbst gegenwaertig zu sein glaubt. Findet sich aber in den
Tragoedien, die Sie uns so ruehmen, nur das geringste, was diesem
aehnlich saehe?"
Fuenfundachtzigstes Stueck
Den 23. Februar 1768
"Wollen Sie den Verlauf darin loben? Er ist meistens so vielfach und
verwickelt, dass es ein Wunder sein wuerde, wenn wirklich so viel Dinge in
so kurzer Zeit geschehen waeren. Der Untergang oder die Erhaltung eines
Reichs, die Heirat einer Prinzessin, der Fall eines Prinzen, alles das
geschieht so geschwind, wie man eine Hand umwendet. Koemmt es auf eine
Verschwoerung an? Im ersten Akte wird sie entworfen; im zweiten ist sie
beisammen; im dritten werden alle Massregeln genommen, alle Hindernisse
gehoben, und die Verschwornen halten sich fertig; mit naechstem wird es
einen Aufstand setzen, wird es zum Treffen kommen, wohl gar zu einer
foermlichen Schlacht. Und das alles nennen Sie gut gefuehrt, interessant,
warm, wahrscheinlich? Ihnen kann ich nun so etwas am wenigsten vergeben,
der Sie wissen, wieviel es oft kostet, die allerelendeste Intrige
zustande zu bringen, und wieviel Zeit bei der kleinsten politischen
Angelegenheit auf Einleitungen, auf Besprechungen und Beratschlagungen
geht."
"Es ist wahr, Madame", antwortete Selim, "unsere Stuecke sind ein wenig
ueberladen; aber das ist ein notwendiges Uebel; ohne Hilfe der Episoden
wuerden wir uns vor Frost nicht zu lassen wissen."
"Das ist. Um der Nachahmung einer Handlung Feuer und Geist zu geben, muss
man die Handlung weder so vorstellen, wie sie ist, noch so, wie sie sein
sollte. Kann etwas Laecherlicheres gedacht werden? Schwerlich wohl; es
waere denn etwa dieses, dass man die Geigen ein lebhaftes Stueck, eine
muntere Sonate spielen laesst, waehrend dass die Zuhoerer um den Prinzen
bekuemmert sein sollen, der auf dem Punkte ist, seine Geliebte, seinen
Thron und sein Leben zu verlieren.
"Madame", sagte Mongogul, "Sie haben vollkommen recht; traurige Arien
muesste man indes spielen, und ich will Ihnen gleich einige bestellen
gehen." Hiermit stand er auf und ging heraus, und Selim, Riccaric und die
Favoritin setzten die Unterredung unter sich fort.
"Wenigstens, Madame", erwiderte Selim, "werden Sie nicht leugnen, dass,
wenn die Episoden uns aus der Taeuschung herausbringen, der Dialog uns
wieder hereinsetzt. Ich wuesste nicht, wer das besser verstuende, als unsere
tragische Dichter."
"Nun so versteht es durchaus niemand", antwortete Mirzoza. "Das Gesuchte,
das Witzige, das Spielende, das darin herrscht, ist tausend und tausend
Meilen von der Natur entfernt. Umsonst sucht sich der Verfasser zu
verstecken; er entgeht meinen Augen nicht, und ich erblicke ihn
unaufhoerlich hinter seinen Personen. Cinna, Sertorius, Maximus, Aemilia
sind alle Augenblicke das Sprachrohr des Corneille. So spricht man bei
unsern alten Sarazenen nicht miteinander. Herr Riccaric kann Ihnen, wenn
Sie wollen, einige Stellen daraus uebersetzen; und Sie werden die blosse
Natur hoeren, die sich durch den Mund derselben ausdrueckt. Ich moechte gar
zu gern zu den Neuern sagen: 'Meine Herren, anstatt dass ihr euern
Personen bei aller Gelegenheit Witz gebt, so sucht sie doch lieber in
Umstaende zu setzen, die ihnen welchen geben.'"
"Nach dem zu urteilen, was Madame von dem Verlaufe und dem Dialoge
unserer dramatischen Stuecke gesagt hat, scheint es wohl nicht", sagte
Selim, "dass Sie den Entwicklungen wird Gnade widerfahren lassen."
"Nein, gewiss nicht", versetzte die Favoritin, "es gibt hundert schlechte
fuer eine gute. Die eine ist nicht vorbereitet; die andere ereignet sich
durch ein Wunder. Weiss der Verfasser nicht, was er mit einer Person, die
er von Szene zu Szene ganze fuenf Akte durchgeschleppt hat, anfangen soll:
geschwind fertiget er sie mit einem guten Dolchstosse ab; die ganze Welt
faengt an zu weinen, und ich, ich lache, als ob ich toll waere. Hernach,
hat man wohl jemals so gesprochen, wie wir deklamieren? Pflegen die
Prinzen und Koenige wohl anders zu gehen, als sonst ein Mensch, der gut
geht? Gestikulieren sie wohl jemals wie Besessene und Rasende? Und wenn
Prinzessinnen sprechen, sprechen sie wohl in so einem heulenden Tone? Man
nimmt durchgaengig an, dass wir die Tragoedie zu einem hohen Grade der
Vollkommenheit gebracht haben; und ich, meinesteils, halte es fast fuer
erwiesen, dass von allen Gattungen der Literatur, auf die sich die
Afrikaner in den letzten Jahrhunderten gelegt haben, gerade diese die
unvollkommenste geblieben ist."
Eben hier war die Favoritin mit ihrem Ausfalle gegen unsere theatralische
Werke, als Mongogul wieder hereinkam. "Madame", sagte er, "Sie werden mir
einen Gefallen erweisen, wenn Sie fortfahren. Sie sehen, ich verstehe
mich darauf, eine Dichtkunst abzukuerzen, wenn ich sie zu lang finde."
"Lassen Sie uns", fuhr die Favoritin fort, "einmal annehmen, es kaeme
einer ganz frisch aus Angote, der in seinem Leben von keinem Schauspiele
etwas gehoert haette; dem es aber weder an Verstande noch an Welt fehle;
der ungefaehr wisse, was an einem Hofe vorgehe; der mit den Anschlaegen der
Hoeflinge, mit der Eifersucht der Minister, mit den Hetzereien der Weiber
nicht ganz unbekannt waere, und zu dem ich im Vertrauen sagte: 'Mein
Freund, es aeussern sich in dem Seraglio schreckliche Bewegungen. Der
Fuerst, der mit seinem Sohne missvergnuegt ist, weil er ihn im Verdacht hat,
dass er die Manimonbande liebt, ist ein Mann, den ich fuer faehig halte, an
beiden die grausamste Rache zu ueben. Diese Sache muss, allem Ansehen nach,
sehr traurige Folgen haben. Wenn Sie wollen, so will ich machen, dass Sie
von allem, was vorgeht, Zeuge sein koennen.' Er nimmt mein Anerbieten an,
und ich fuehre ihn in eine mit Gitterwerk vermachte Loge, aus der er das
Theater sieht, welches er fuer den Palast des Sultans haelt. Glauben Sie
wohl, dass trotz alles Ernstes, in dem ich mich zu erhalten bemuehte, die
Taeuschung dieses Fremden einen Augenblick dauern koennte? Muessen Sie nicht
vielmehr gestehen, dass er, bei dem steifen Gange der Akteurs, bei ihrer
wunderlichen Tracht, bei ihren ausschweifenden Gebaerden, bei dem
seltsamen Nachdrucke ihrer gereimten, abgemessenen Sprache, bei tausend
andern Ungereimtheiten, die ihm auffallen wuerden, gleich in der ersten
Szene mir ins Gesicht lachen und gerade heraus sagen wuerde, dass ich ihn
entweder zum Besten haben wollte, oder dass der Fuerst mitsamt seinem Hofe
nicht wohl bei Sinnen sein muessten."
"Ich bekenne", sagte Selim, "dass mich dieser angenommene Fall verlegen
macht; aber koennte man Ihnen nicht zu bedenken geben, dass wir in das
Schauspiel gehen, mit der Ueberzeugung, der Nachahmung einer Handlung,
nicht aber der Handlung selbst beizuwohnen."
"Und sollte denn diese Ueberzeugung verwehren", erwiderte Mirzoza, "die
Handlung auf die allernatuerlichste Art vorzustellen?"--
Hier koemmt das Gespraech nach und nach auf andere Dinge, die uns nichts
angehen. Wir wenden uns also wieder, zu sehen, was wir gelesen haben. Den
klaren Lautern Diderot! Aber alle diese Wahrheiten waren damals in den
Wind gesagt. Sie erregten eher keine Empfindung in dem franzoesischen
Publico, als bis sie mit allem didaktischen Ernste wiederholt und mit
Proben begleitet wurden, in welchen sich der Verfasser von einigen der
geruegten Maengel zu entfernen und den Weg der Natur und Taeuschung besser
einzuschlagen bemueht hatte. Nun weckte der Neid die Kritik. Nun war es
klar, warum Diderot das Theater seiner Nation auf dem Gipfel der
Vollkommenheit nicht sahe, auf dem wir es durchaus glauben sollen; warum
er so viel Fehler in den gepriesenen Meisterstuecken desselben fand: bloss
und allein, um seinen Stuecken Platz zu schaffen. Er musste die Methode
seiner Vorgaenger verschrien haben, weil er empfand, dass in Befolgung der
naemlichen Methode, er unendlich unter ihnen bleiben wuerde. Er musste ein
elender Charlatan sein, der allen fremden Theriak verachtet, damit kein
Mensch andern als seinen kaufe. Und so fielen die Palissots ueber seine
Stuecke her.
Allerdings hatte er ihnen auch, in seinem "Natuerlichen Sohne", manche
Bloesse gegeben. Dieser erste Versuch ist bei weiten das nicht, was der
"Hausvater" ist. Zu viel Einfoermigkeit in den Charakteren, das
Romantische in diesen Charakteren selbst, ein steifer kostbarer Dialog,
ein pedantisches Geklingle von neumodisch philosophischen Sentenzen:
alles das machte den Tadlern leichtes Spiel. Besonders zog die feierliche
Theresia (oder Constantia, wie sie in dem Originale heisst), die so
philosophisch selbst auf die Freierei geht, die mit einem Manne, der sie
nicht mag, so weise von tugendhaften Kindern spricht, die sie mit ihm zu
erzielen gedenkt, die Lacher auf ihre Seite. Auch kann man nicht leugnen,
dass die Einkleidung, welche Diderot den beigefuegten Unterredungen gab,
dass der Ton, den er darin annahm, ein wenig eitel und pompoes war; dass
verschiedene Anmerkungen als ganz neue Entdeckungen darin vorgetragen
wurden, die doch nicht neu und dem Verfasser nicht eigen waren; dass
andere Anmerkungen die Gruendlichkeit nicht hatten, die sie in dem
blendenden Vortrage zu haben schienen.
Sechsundachtzigstes Stueck
Den 26. Februar 1768
z.E. Diderot behauptete,[1] dass es in der menschlichen Natur aufs
hoechste nur ein Dutzend wirklich komische Charaktere gaebe, die grosser
Zuege faehig waeren; und dass die kleinen Verschiedenheiten unter den
menschlichen Charakteren nicht so gluecklich bearbeitet werden koennten,
als die reinen unvermischten Charaktere. Er schlug daher vor, nicht mehr
die Charaktere, sondern die Staende auf die Buehne zu bringen; und wollte
die Bearbeitung dieser zu dem besondern Geschaefte der ernsthaften Komoedie
machen. "Bisher", sagt er, "ist in der Komoedie der Charakter das
Hauptwerk gewesen; und der Stand war nur etwas Zufaelliges: nun aber muss
der Stand das Hauptwerk, und der Charakter das Zufaellige werden. Aus dem
Charakter zog man die ganze Intrige: man suchte durchgaengig die Umstaende,
in welchen er sich am besten aeussert, und verband diese Umstaende
untereinander. Kuenftig muss der Stand, muessen die Pflichten, die Vorteile,
die Unbequemlichkeiten desselben zur Grundlage des Werks dienen. Diese
Quelle scheint mir weit ergiebiger, von weit groesserm Umfange, von weit
groesserm Nutzen, als die Quelle der Charaktere. War der Charakter nur ein
wenig uebertrieben, so konnte der Zuschauer zu sich selbst sagen: das bin
ich nicht. Das aber kann er unmoeglich leugnen, dass der Stand, den man
spielt, sein Stand ist; seine Pflichten kann er unmoeglich verkennen. Er
muss das, was er hoert, notwendig auf sich anwenden."
Was Palissot hierwider erinnert,[2] ist nicht ohne Grund. Er leugnet es,
dass die Natur so arm an urspruenglichen Charakteren sei, dass sie die
komischen Dichter bereits sollten erschoepft haben. Moliere sahe noch
genug neue Charaktere vor sich und glaubte kaum den allerkleinsten Teil
von denen behandelt zu haben, die er behandeln koenne. Die Stelle, in
welcher er verschiedne derselben in der Geschwindigkeit entwirft, ist so
merkwuerdig als lehrreich, indem sie vermuten laesst, dass der Misanthrop
schwerlich sein Non plus ultra in dem hohen Komischen duerfte geblieben
sein, wann er laenger gelebt haette.[3] Palissot selbst ist nicht
ungluecklich, einige neue Charaktere von seiner eignen Bemerkung
beizufuegen: den dummen Maezen mit seinen kriechenden Klienten; den Mann an
seiner unrechten Stelle; den Arglistigen, dessen ausgekuenstelte Anschlaege
immer gegen die Einfalt eines treuherzigen Biedermanns scheitern; den
Scheinphilosophen; den Sonderling, den Destouches verfehlt habe; den
Heuchler mit gesellschaftlichen Tugenden, da der Religionsheuchler
ziemlich aus der Mode sei.--Das sind wahrlich nicht gemeine Aussichten,
die sich einem Auge, das gut in die Ferne traegt, bis ins Unendliche
erweitern. Das ist noch Ernte genug fuer die wenigen Schnitter, die sich
daran wagen duerfen!
Und wenn auch, sagt Palissot, der komischen Charaktere wirklich so
wenige, und diese wenigen wirklich alle schon bearbeitet waeren: wuerden
die Staende denn dieser Verlegenheit abhelfen? Man waehle einmal einen; z.
E. den Stand des Richters. Werde ich ihm denn, dem Richter, nicht einen
Charakter geben muessen? Wird er nicht traurig oder lustig, ernsthaft oder
leichtsinnig, leutselig oder stuermisch sein muessen? Wird es nicht bloss
dieser Charakter sein, der ihn aus der Klasse metaphysischer Abstrakte
heraushebt und eine wirkliche Person aus ihm macht? Wird nicht folglich
die Grundlage der Intrige und die Moral des Stuecks wiederum auf dem
Charakter beruhen? Wird nicht folglich wiederum der Stand nur das
Zufaellige sein?
Zwar koennte Diderot hierauf antworten: Freilich muss die Person, welche
ich mit dem Stande bekleide, auch ihren individuellen moralischen
Charakter haben; aber ich will, dass es ein solcher sein soll, der mit den
Pflichten und Verhaeltnissen des Standes nicht streitet, sondern aufs
beste harmonieret. Also, wenn diese Person ein Richter ist, so steht es
mir nicht frei, ob ich ihn ernsthaft oder leichtsinnig, leutselig oder
stuermisch machen will: er muss notwendig ernsthaft und leutselig sein, und
jedesmal es in dem Grade sein, den das vorhabende Geschaefte erfodert.
Dieses, sage ich, koennte Diderot antworten: aber zugleich haette er sich
einer andern Klippe genaehert; naemlich der Klippe der vollkommnen
Charaktere. Die Personen seiner Staende wuerden nie etwas anders tun, als
was sie nach Pflicht und Gewissen tun muessten; sie wuerden handeln, voellig
wie es im Buche steht. Erwarten wir das in der Komoedie? Koennen
dergleichen Vorstellungen anziehend genug werden? Wird der Nutzen, den
wir davon hoffen duerfen, gross genug sein, dass es sich der Muehe verlohnt,
eine neue Gattung dafuer festzusetzen und fuer diese eine eigene Dichtkunst
zu schreiben?
Die Klippe der vollkommenen Charaktere scheinet mir Diderot ueberhaupt
nicht genug erkundiget zu haben. In seinen Stuecken steuert er ziemlich
gerade darauf los: und in seinen kritischen Seekarten findet sich
durchaus keine Warnung davor. Vielmehr finden sich Dinge darin, die den
Lauf nach ihr hin zu lenken raten. Man erinnere sich nur, was er, bei
Gelegenheit des Kontrasts unter den Charakteren, von den "Bruedern" des
Terenz sagt.[4] "Die zwei kontrastierten Vaeter darin sind mit so gleicher
Staerke gezeichnet, dass man dem feinsten Kunstrichter Trotz bieten kann,
die Hauptperson zu nennen; ob es Micio oder ob es Demea sein soll? Faellt
er sein Urteil vor dem letzten Auftritte, so duerfte er leicht mit
Erstaunen wahrnehmen, dass der, den er ganzer fuenf Aufzuege hindurch fuer
einen verstaendigen Mann gehalten hat, nichts als ein Narr ist, und dass
der, den er fuer einen Narren gehalten hat, wohl gar der verstaendige Mann
sein koennte. Man sollte zu Anfange des fuenften Aufzuges dieses Drama fast
sagen, der Verfasser sei durch den beschwerlichen Kontrast gezwungen
worden, seinen Zweck fahren zu lassen und das ganze Interesse des Stuecks
umzukehren. Was ist aber daraus geworden? Dieses, dass man gar nicht mehr
weiss, fuer wen man sich interessieren soll. Vom Anfange her ist man fuer
den Micio gegen den Demea gewesen, und am Ende ist man fuer keinen von
beiden. Beinahe sollte man einen dritten Vater verlangen, der das Mittel
zwischen diesen zwei Personen hielte und zeigte, worin sie beide fehlten."
Nicht ich! Ich verbitte mir ihn sehr, diesen dritten Vater; es sei in dem
naemlichen Stuecke, oder auch allein. Welcher Vater glaubt nicht zu wissen,
wie ein Vater sein soll? Auf dem rechten Wege duenken wir uns alle: wir
verlangen nur, dann und wann vor den Abwegen zu beiden Seiten gewarnet
zu werden.
Diderot hat recht: es ist besser, wenn die Charaktere bloss verschieden,
als wenn sie kontrastiert sind. Kontrastierte Charaktere sind minder
natuerlich und vermehren den romantischen Anstrich, an dem es den
dramatischen Begebenheiten so schon selten fehlt. Fuer eine Gesellschaft
im gemeinen Leben, wo sich der Kontrast der Charaktere so abstechend
zeigt, als ihn der komische Dichter verlangt, werden sich immer tausend
finden, wo sie weiter nichts als verschieden sind. Sehr richtig! Aber ist
ein Charakter, der sich immer genau in dem graden Gleise haelt, das ihm
Vernunft und Tugend vorschreiben, nicht eine noch seltenere Erscheinung?
Von zwanzig Gesellschaften im gemeinen Leben werden eher zehn sein, in
welchen man Vaeter findet, die bei Erziehung ihrer Kinder voellig
entgegengesetzte Wege einschlagen, als eine, die den wahren Vater
aufweisen koennte. Und dieser wahre Vater ist noch dazu immer der
naemliche, ist nur ein einziger, da der Abweichungen von ihm unendlich
sind. Folglich werden die Stuecke, die den wahren Vater ins Spiel bringen,
nicht allein jedes vor sich unnatuerlicher, sondern auch untereinander
einfoermiger sein, als es die sein koennen, welche Vaeter von verschiednen
Grundsaetzen einfuehren. Auch ist es gewiss, dass die Charaktere, welche in
ruhigen Gesellschaften bloss verschieden scheinen, sich von selbst
kontrastieren, sobald ein streitendes Interesse sie in Bewegung setzt. Ja
es ist natuerlich, dass sie sich sodann beeifern, noch weiter voneinander
entfernt zu scheinen, als sie wirklich sind. Der Lebhafte wird Feuer und
Flamme gegen den, der ihm zu lau sich zu betragen scheinet: und der Laue
wird kalt wie Eis, um jenem soviel Uebereilungen begehen zu lassen, als
ihm nur immer nuetzlich sein koennen.
----Fussnote
[1] S. die Unterredungen hinter dem "Natuerlichen Sohne", S. 321-322 d.
Uebers.
[2] "Petites Lettres sur de grands Philosophes", Lettr. II.
[3] ("Impromptu de Versailles", Sc. 3.) Eh! mon pauvre Marquis, nous lui
(a Moliere) fournirons toujours assez de matiere, et nous ne prenons
guere le chemin de nous rendre sages par tout ce qu'il fait et tout ce
qu'il dit. Crois-tu qu'il ait epuise dans ses Comedies tous les ridicules
des hommes, et sans sortir de la Cour, n'a-t-il pas encore vingt
caracteres de gens, ou il n'a pas touche? N'a-t-il pas, par exemple, ceux
qui se font les plus grandes amities du monde, et qui, le dos tourne,
font galanterie de se dechirer l'un l'autre? N'a-t-il pas ces adulateurs
a outrance, ces flatteurs insipides qui n'assaisonnent d'aucun sel les
louanges qu'ils donnent, et dont toutes les flatteries ont une douceur
fade qui fait mal au coeur a ceux qui les ecoutent? N'a-t-il pas ces
laches courtisans de la faveur, ces perfides adorateurs de la fortune,
qui vous encensent dans la prosperite, et vous accablent dans la
disgrace? N'a-t-il pas ceux qui sont toujours mecontents de la Cour, ces
suivants inutiles, ces incommodes assidus, ces gens, dis-je, qui pour
services ne peuvent compter que des importunites, et qui veulent qu'on
les recompense d'avoir obsede le Prince dix ans durant? N'a-t-il pas ceux
qui caressent egalement tout le monde, qui promenent leurs civilites a
droite, a gauche, et courent a tous ceux qu'ils voyent avec les memes
embrassades, et les memes protestations d'amitie?--Va, va, Marquis,
Moliere aura toujours plus de sujets qu'il n'en voudra, et tout ce qu'il
a touche n'est que bagatelle au prix de ce qui reste.