Hamburgische Dramaturgie - Gotthold Ephraim Lessing
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[4] In der dr. Dichtkunst hinter dem "Hausvater", S. 258 d. Uebers.
----Fussnote
Siebenundachtzig-und achtundachtzigstes Stueck
Den 4. Maerz 1768
Und so sind andere Anmerkungen des Palissot mehr, wenn nicht ganz
richtig, doch auch nicht ganz falsch. Er sieht den Ring, in den er mit
seiner Lanze stossen will, scharf genug; aber in der Hitze des Ansprengens
verrueckt die Lanze, und er stoesst den Ring gerade vorbei.
So sagt er ueber den "Natuerlichen Sohn" unter andern: "Welch ein seltsamer
Titel! der natuerliche Sohn! Warum heisst das Stueck so? Welchen Einfluss hat
die Geburt des Dorval? Was fuer einen Vorfall veranlasst sie? Zu welcher
Situation gibt sie Gelegenheit? Welche Luecke fuellt sie auch nur? Was kann
also die Absicht des Verfassers dabei gewesen sein? Ein paar Betrachtungen
ueber das Vorurteil gegen die uneheliche Geburt aufzuwaermen? Welcher
vernuenftige Mensch weiss denn nicht von selbst, wie ungerecht ein solches
Vorurteil ist?"
Wenn Diderot hierauf antwortete: Dieser Umstand war allerdings zur
Verwickelung meiner Fabel noetig; ohne ihn wuerde es weit unwahrscheinlicher
gewesen sein, dass Dorval seine Schwester nicht kennet und seine Schwester
von keinem Bruder weiss; es stand mir frei, den Titel davon zu entlehnen,
und ich haette den Titel von noch einem geringern Umstande entlehnen koennen.
--Wenn Diderot dieses antwortete, sag' ich, waere Palissot nicht ungefaehr
widerlegt?
Gleichwohl ist der Charakter des natuerlichen Sohnes einem ganz andern
Einwurfe blossgestellet, mit welchem Palissot dem Dichter weit schaerfer
haette zusetzen koennen. Diesem naemlich: dass der Umstand der unehelichen
Geburt und der daraus erfolgten Verlassenheit und Absonderung, in welcher
sich Dorval von allen Menschen so viele Jahre hindurch sahe, ein viel zu
eigentuemlicher und besonderer Umstand ist, gleichwohl auf die Bildung
seines Charakters viel zuviel Einfluss gehabt hat, als dass dieser
diejenige Allgemeinheit haben koenne, welche nach der eignen Lehre des
Diderot ein komischer Charakter notwendig haben muss.--Die Gelegenheit
reizt mich zu einer Ausschweifung ueber diese Lehre: und welchem Reize von
der Art brauchte ich in einer solchen Schrift zu widerstehen?
"Die komische Gattung", sagt Diderot,[1] "hat Arten, und die tragische
hat Individua. Ich will mich erklaeren. Der Held einer Tragoedie ist der
und der Mensch. es ist Regulus, oder Brutus, oder Cato, und sonst kein
anderer. Die vornehmste Person einer Komoedie hingegen muss eine grosse
Anzahl von Menschen vorstellen. Gaebe man ihr von ohngefaehr eine so eigene
Physiognomie, dass ihr nur ein einziges Individuum aehnlich waere, so wuerde
die Komoedie wieder in ihre Kindheit zuruecktreten.--Terenz scheinet mir
einmal in diesen Fehler gefallen zu sein. Sein Heautontimorumenos ist ein
Vater, der sich ueber den gewaltsamen Entschluss graemet, zu welchem er
seinen Sohn durch uebermaessige Strenge gebracht hat, und der sich deswegen
nun selbst bestraft, indem er sich in Kleidung und Speise kuemmerlich
haelt, allen Umgang fliehet, sein Gesinde abschafft und das Feld mit
eigenen Haenden bauet. Man kann gar wohl sagen, dass es so einen Vater
nicht gibt. Die groesste Stadt wuerde kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein
Beispiel einer so seltsamen Betruebnis aufzuweisen haben."
Zuerst von der Instanz des "Heautontimorumenos". Wenn dieser Charakter
wirklich zu tadeln ist: so trifft der Tadel nicht sowohl den Terenz, als
den Menander. Menander war der Schoepfer desselben, der ihn, allem Ansehen
nach, in seinem Stuecke noch weit ausfuehrlichere Rolle spielen lassen, als
er in der Kopie des Terenz spielet, in der sich seine Sphaere, wegen der
verdoppelten Intrige, wohl sehr einziehen muessen.[2] Aber dass er von
Menandern herruehrt, dieses allein schon haette, mich wenigstens,
abgeschreckt, den Terenz desfalls zu verdammen. Das [Greek: o Menandre
kai bie, poteros ar' ymon poteron emimaesato]; ist zwar frostiger, als
witzig gesagt: doch wuerde man es wohl ueberhaupt von einem Dichter gesagt
haben, der Charaktere zu schildern imstande waere, wovon sich in der
groessten Stadt kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein einziges Beispiel
zeiget? Zwar in hundert und mehr Stuecken koennte ihm auch wohl ein solcher
Charakter entfallen sein. Der fruchtbarste Kopf schreibt sich leer; und
wenn die Einbildungskraft sich keiner wirklichen Gegenstaende der
Nachahmung mehr erinnern kann, so komponiert sie deren selbst, welches
denn freilich meistens Karikaturen werden. Dazu will Diderot bemerkt
haben, dass schon Horaz, der einen so besonders zaertlichen Geschmack
hatte, den Fehler, wovon die Rede ist, eingesehen und im Vorbeigehen,
aber fast unmerklich, getadelt habe.
Die Stelle soll die in der zweiten Satire des ersten Buchs sein, wo Horaz
zeigen will, "dass die Narren aus einer Uebertreibung in die andere
entgegengesetzte zu fallen pflegen. Fufidius", sagt er, "fuerchtet fuer
einen Verschwender gehalten zu werden. Wisst ihr, was er tut? Er leihet
monatlich fuer fuenf Prozent und macht sich im voraus bezahlt. Je noetiger
der andere das Geld braucht, desto mehr fodert er. Er weiss die Namen
aller jungen Leute, die von gutem Hause sind und itzt in die Welt treten,
dabei aber ueber harte Vaeter zu klagen haben. Vielleicht aber glaubt ihr,
dass dieser Mensch wieder einen Aufwand mache, der seinen Einkuenften
entspricht? Weit gefehlt! Er ist sein grausamster Feind, und der Vater in
der Komoedie, der sich wegen der Entweichung seines Sohnes bestraft, kann
sich nicht schlechter quaelen: non se pejus cruciaverit."--Dieses schlechter,
dieses pejus, will Diderot, soll hier einen doppelten Sinn haben; einmal
soll es auf den Fufidius, und einmal auf den Terenz gehen; dergleichen
beilaeufige Hiebe, meinet er, waeren dem Charakter des Horaz vollkommen
gemaess.
Das letzte kann sein, ohne sich auf die vorhabende Stelle anwenden zu
lassen. Denn hier, duenkt mich, wuerde die beilaeufige Anspielung dem
Hauptverstande nachteilig werden. Fufidius ist kein so grosser Narr, wenn
es mehr solche Narren gibt. Wenn sich der Vater des Terenz ebenso
abgeschmackt peinigte, wenn er ebensowenig Ursache haette, sich zu
peinigen, als Fufidius, so teilt er das Laecherliche mit ihm, und Fufidius
ist weniger seltsam und abgeschmackt. Nur alsdenn, wenn Fufidius, ohne
alle Ursache, ebenso hart und grausam gegen sich selbst ist, als der
Vater des Terenz mit Ursache ist, wenn jener aus schmutzigem Geize tut,
was dieser aus Reu und Betruebnis tat: nur alsdenn wird uns jener
unendlich laecherlicher und veraechtlicher, als mitleidswuerdig wir
diesen finden.
Und allerdings ist jede grosse Betruebnis von der Art, wie die Betruebnis
dieses Vaters: die sich nicht selbst vergisst, die peiniget sich selbst.
Es ist wider alle Erfahrung, dass kaum alle hundert Jahre sich ein
Beispiel einer solchen Betruebnis finde: vielmehr handelt jede ungefaehr
ebenso; nur mehr oder weniger, mit dieser oder jener Veraenderung. Cicero
hatte auf die Natur der Betruebnis genauer gemerkt; er sahe daher in dem
Betragen des Heautontimorumenos nichts mehr, als was alle Betruebte, nicht
bloss von dem Affekte hingerissen, tun, sondern auch bei kaelterm Gebluete
fortsetzen zu muessen glauben.[3] Haec omnia recta, vera, debita putantes,
faciunt in dolore: maximeque declaratur, hoc quasi officii judicio fieri,
quod si qui forte, cum se in luctu esse vellent, aliquid fecerunt
humanius, aut si hilarius locuti essent, revocant se rursus ad
moestitiam, peccatique se insimulant, quod dolere intermiserint: pueros
vero matres et magistri castigare etiam solent, nec verbis solum, sed
etiam verberibus, si quid in domestico luctu hilarius ab iis factum est,
aut dictum: plorare cogunt.--Quid ille Terentianus ipse se puniens? usw.
Menedemus aber, so heisst der Selbstpeiniger bei dem Terenz, haelt sich
nicht allein so hart aus Betruebnis; sondern, warum er sich auch jeden
geringen Aufwand verweigert, ist die Ursache und Absicht vornehmlich
dieses: um desto mehr fuer den abwesenden Sohn zu sparen und dem einmal
ein desto gemaechlicheres Leben zu versichern, den er itzt gezwungen, ein
so ungemaechliches zu ergreifen. Was ist hierin, was nicht hundert Vaeter
tun wuerden? Meint aber Diderot, dass das Eigene und Seltsame darin
bestehe, dass Menedemus selbst hackt, selbst graebt, selbst ackert: so hat
er wohl in der Eil' mehr an unsere neuere, als an die alten Sitten
gedacht. Ein reicher Vater itziger Zeit wuerde das freilich nicht so
leicht tun: denn die wenigsten wuerden es zu tun verstehen. Aber die
wohlhabensten, vornehmsten Roemer und Griechen waren mit allen laendlichen
Arbeiten bekannter und schaemten sich nicht, selbst Hand anzulegen.
Doch alles sei, vollkommen wie es Diderot sagt! Der Charakter des
Selbstpeinigers sei wegen des Allzueigentuemlichen, wegen dieser ihm fast
nur allein zukommenden Falte, zu einem komischen Charakter so
ungeschickt, als er nur will. Waere Diderot nicht in eben den Fehler
gefallen? Denn was kann eigentuemlicher sein, als der Charakter seines
Dorval? Welcher Charakter kann mehr eine Falte haben, die ihm nur allein
zukoemmt, als der Charakter dieses natuerlichen Sohnes? "Gleich nach meiner
Geburt", laesst er ihn von sich selbst sagen, "ward ich an einen Ort
verschleudert, der die Grenze zwischen Einoede und Gesellschaft heissen
kann; und als ich die Augen auftat, mich nach den Banden umzusehen, die
mich mit den Menschen verknuepften, konnte ich kaum einige Truemmern davon
erblicken. Dreissig Jahre lang irrte ich unter ihnen einsam, unbekannt und
verabsaeumet umher, ohne die Zaertlichkeit irgendeines Menschen empfunden,
noch irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die meinige gesucht
haette." Dass ein natuerliches Kind sich vergebens nach seinen Eltern,
vergebens nach Personen umsehen kann, mit welchen es die naehern Bande des
Bluts verknuepfen: das ist sehr begreiflich; das kann unter zehnen neunen
begegnen. Aber dass es ganze dreissig Jahre in der Welt herumirren koenne,
ohne die Zaertlichkeit irgendeines Menschen empfunden zu haben, ohne
irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die seinige gesucht haette:
das, sollte ich fast sagen, ist schlechterdings unmoeglich. Oder wenn es
moeglich waere, welche Menge ganz besonderer Umstaende muessten von beiden
Seiten, von seiten der Welt und von seiten dieses so lange insulierten
Wesens zusammengekommen sein, diese traurige Moeglichkeit wirklich zu
machen? Jahrhunderte auf Jahrhunderte werden verfliessen, ehe sie wieder
einmal wirklich wird. Wolle der Himmel nicht, dass ich mir je das
menschliche Geschlecht anders vorstelle! Lieber wuenschte ich sonst, ein
Baer geboren zu sein, als ein Mensch. Nein, kein Mensch kann unter
Menschen so lange verlassen sein! Man schleudere ihn hin, wohin man will:
wenn er noch unter Menschen faellt, so faellt er unter Wesen, die, ehe er
sich umgesehen, wo er ist, auf allen Seiten bereit stehen, sich an ihn
anzuketten. Sind es nicht vornehme, so sind es geringe! Sind es nicht
glueckliche, so sind es unglueckliche Menschen! Menschen sind es doch
immer. So wie ein Tropfen nur die Flaeche des Wassers beruehren darf, um
von ihm aufgenommen zu werden und ganz in ihm zu verfliessen: das Wasser
heisse, wie es will, Lache oder Quelle, Strom oder See, Belt oder Ozean.
Gleichwohl soll diese dreissigjaehrige Einsamkeit unter den Menschen den
Charakter des Dorval gebildet haben. Welcher Charakter kann ihm nun
aehnlich sehen? Wer kann sich in ihm erkennen? nur zum kleinsten Teil in
ihm erkennen?
Eine Ausflucht, finde ich doch, hat sich Diderot auszusparen gesucht. Er
sagt in dem Verfolge der angezogenen Stelle: "In der ernsthaften Gattung
werden die Charaktere oft ebenso allgemein sein, als in der komischen
Gattung; sie werden aber allezeit weniger individuell sein, als in der
tragischen." Er wuerde sonach antworten: Der Charakter des Dorval ist kein
komischer Charakter; er ist ein Charakter, wie ihn das ernsthafte
Schauspiel erfodert; wie dieses den Raum zwischen Komoedie und Tragoedie
fuellen soll, so muessen auch die Charaktere desselben das Mittel zwischen
den komischen und tragischen Charakteren halten; sie brauchen nicht so
allgemein zu sein als jene, wenn sie nur nicht so voellig individuell
sind, als diese; und solcher Art duerfte doch wohl der Charakter des
Dorval sein.
Also waeren wir gluecklich wieder an dem Punkte, von welchem wir ausgingen.
Wir wollten untersuchen, ob es wahr sei, dass die Tragoedie Individua, die
Komoedie aber Arten habe: das ist, ob es wahr sei, dass die Personen der
Komoedie eine grosse Anzahl von Menschen fassen und zugleich vorstellen
muessten; dahingegen der Held der Tragoedie nur der und der Mensch, nur
Regulus oder Brutus oder Cato sei und sein solle. Ist es wahr, so hat
auch das, was Diderot von den Personen der mittlern Gattung sagt, die er
die ernsthafte Komoedie nennt, keine Schwierigkeit, und der Charakter
seines Dorval waere so tadelhaft nicht. Ist es aber nicht wahr, so faellt
auch dieses von selbst weg, und dem Charakter des natuerlichen Sohnes kann
aus einer so ungegruendeten Einteilung keine Rechtfertigung zufliessen.
----Fussnote
[1] Unterred., S. 292 d. Uebers.
[2] Falls naemlich die 6. Zeile des Prologs
Duplex quae ex argumento facta est simplici,
von dem Dichter wirklich so geschrieben und nicht anders zu verstehen
ist, als die Dacier und nach ihr der neue englische Uebersetzer des
Terenz, Colman, sie erklaeren. Terence only meant to say, that he had
doubled the characters; instead of one old man, one young gallant, one
mistress, as in Menander, he had two old men etc. He therefore adds very
properly: novam esse ostendi,--which certainly could not have been
implied, had the characters been the same in the Greek poet. Auch schon
Adrian Barlandus, ja selbst die alte Glossa interlinealis des Ascensius,
hatte das duplex nicht anders verstanden; propter senes et juvenes sagt
diese; und jener schreibt: nam in hac latina senes duo, adolescentes item
duo sunt. Und dennoch will mir diese Auslegung nicht in den Kopf, weil
ich gar nicht einsehe, was von dem Stuecke uebrigbleibt, wenn man die
Personen, durch welche Terenz den Alten, den Liebhaber und die Geliebte
verdoppelt haben soll, wieder wegnimmt. Mir ist es unbegreiflich, wie
Menander diesen Stoff ohne den Chremes und ohne den Clitipho habe
behandeln koennen; beide sind so genau hineingeflochten, dass ich mir weder
Verwicklung noch Aufloesung ohne sie denken kann. Einer andern Erklaerung,
durch welche sich Julius Scaliger laecherlich gemacht hat, will ich gar
nicht gedenken. Auch die, welche Eugraphius gegeben hat, und die vom
Faerne angenommen worden, ist ganz unschicklich. In dieser Verlegenheit
haben die Kritici bald das duplex, bald das simplici in der Zeile zu
veraendern gesucht, wozu sie die Handschriften gewissermassen berechtigten.
Einige haben gelesen:
Duplex quae ex Argumente facta est duplici.
Andere:
Simplex quae ex argumento facta est duplici.
Was bleibt noch uebrig, als dass nun auch einer lieset:
Simplex quae ex argumento facta est simplici?
Und in allem Ernste: so moechte ich am liebsten lesen. Man sehe die Stelle
im Zusammenhange, und ueberlege meine Gruende:
Ex integra Graeca integram comoediam
Hodie sum acturus Heautontimorumenon:
Simplex quae ex argumento facta est simplici.
[3] Es ist bekannt, was dem Terenz von seinen neidischen Mitarbeitern
am Theater vorgeworfen ward:
Multas contaminasse graecas, dum facit
Paucas latinas--
[4] Er schmelzte naemlich oefters zwei Stuecke in eines und machte aus zwei
griechischen Komoedien eine einzige lateinische. So setzte er seine
"Andria" aus der "Andria" und "Perinthia" des Menanders zusammen; seinen
"Eunuchus" aus dem "Eunuchus" und dem "Colax" eben dieses Dichters; seine
"Brueder" aus den "Bruedern" des naemlichen und einem Stuecke des Diphilus.
Wegen dieses Vorwurfs rechtfertiget er sich nun in dem Prologe des
"Heautontimorumenos". Die Sache selbst gesteht er ein; aber er will damit
nichts anders getan haben, als was andere gute Dichter vor ihm
getan haetten.
--Id esse factum hic non negat
Neque se pigere, et deinde factum iri autumat.
Habet bonorum exemplum: quo exemplo sibi
Licere id facere, quod illi fecerunt putat.
[5] Ich habe es getan, sagt er, und ich denke, dass ich es noch oefterer
tun werde. Das bezog sich aber auf vorige Stuecke, und nicht auf das
gegenwaertige, den "Heautontimorumenos". Denn dieser war nicht aus zwei
griechischen Stuecken, sondern nur aus einem einzigen gleichen Namens
genommen. Und das ist es, glaube ich, was er in der streitigen Zeile
sagen will, so wie ich sie zu lesen vorschlage:
Simplex quae ex argumento facta est simplici.
So einfach, will Terenz sagen, als das Stueck des Menanders ist, ebenso
einfach ist auch mein Stueck; ich habe durchaus nichts aus andern Stuecken
eingeschaltet; es ist, so lang es ist, aus dem griechischen Stuecke
genommen, und das griechische Stueck ist ganz in meinem lateinischen;
ich gebe also
Ex integra Graeca integram Comoediam.
Die Bedeutung, die Faerne dem Worte integra in einer alten Glosse gegeben
fand, dass es soviel sein sollte als a nullo tacta, ist hier offenbar
falsch, weil sie sich nur auf das erste integra, aber keinesweges auf das
zweite integram schicken wuerde.--Und so glaube ich, dass sich meine
Vermutung und Auslegung wohl hoeren laesst! Nur wird man sich an die gleich
folgende Zeile stossen:
Novam esse ostendi, et quae esset--
Man wird sagen: wenn Terenz bekennet, dass er das ganze Stueck aus einem
einzigen Stuecke des Menanders genommen habe, wie kann er eben durch
dieses Bekenntnis bewiesen zu haben vorgeben, dass sein Stueck neu sei,
novam esse? Doch diese Schwierigkeit kann ich sehr leicht heben, und zwar
durch eine Erklaerung ebendieser Worte, von welcher ich mich zu behaupten
getraue, dass sie schlechterdings die einzige wahre ist, ob sie gleich nur
mir zugehoert, und kein Ausleger, soviel ich weiss, sie nur von weitem
vermutet hat. Ich sage naemlich: die Worte,
Novam esse ostendi, et quae esset--
beziehen sich keinesweges auf das, was Terenz den Vorredner in dem
vorigen sagen lassen; sondern man muss darunter verstehen, apud Aediles;
novus aber heisst hier nicht, was aus des Terenz eigenem Kopfe geflossen,
sondern bloss, was im Lateinischen noch nicht vorhanden gewesen. Dass mein
Stueck, will er sagen, ein neues Stueck sei, das ist, ein solches Stueck,
welches noch nie lateinisch erschienen, welches ich selbst aus dem
Griechischen uebersetzt, das habe ich den Aedilen, die mir es abgekauft,
bewiesen. Um mir hierin ohne Bedenken beizufallen, darf man sich nur an
den Streit erinnern, welchen er wegen seines "Eunuchus" vor den Aedilen
hatte. Diesen hatte er ihnen als ein neues, von ihm aus dem Griechischen
uebersetztes Stueck verkauft; aber sein Widersacher, Lavinius, wollte den
Aedilen ueberreden, dass er es nicht aus dem Griechischen, sondern aus zwei
alten Stuecken des Naevius und Plautus genommen habe. Freilich hatte der
"Eunuchus" mit diesen Stuecken vieles gemein; aber doch war die
Beschuldigung des Lavinius falsch; denn Terenz hatte nur aus eben der
griechischen Quelle geschoepft, aus welcher, ihm unwissend, schon Naevius
und Plautus vor ihm geschoepft hatten. Also, um dergleichen Verleumdungen
bei seinem "Heautontimorumenos" vorzubauen, was war natuerlicher, als dass
er den Aedilen das griechische Original vorgezeigt und sie wegen des
Inhalts unterrichtet hatte? Ja, die Aedilen konnten das leicht selbst von
ihm gefodert haben. Und darauf geht das
Novam esse ostendi, et quae esset.
[6] Tusc. Quaest., lib. III. c. 27.
----Fussnote
Neunundachtzigstes Stueck
Den 8. Maerz 1768
Zuerst muss ich anmerken, dass Diderot seine Assertion ohne allen Beweis
gelassen hat. Er muss sie fuer eine Wahrheit angesehen haben, die kein
Mensch in Zweifel ziehen werde, noch koenne; die man nur denken duerfe, um
ihren Grund zugleich mitzudenken. Und sollte er den wohl gar in den
wahren Namen der tragischen Personen gefunden haben? Weil diese Achilles
und Alexander und Cato und Augustus heissen und Achilles, Alexander, Cato,
Augustus wirkliche einzelne Personen gewesen sind: sollte er wohl daraus
geschlossen haben, dass sonach alles, was der Dichter in der Tragoedie sie
sprechen und handeln laesst, auch nur diesen einzeln so genannten Personen,
und keinem in der Welt zugleich mit, muesse zukommen koennen? Fast scheint
es so. Aber diesen Irrtum hatte Aristoteles schon vor zweitausend Jahren
widerlegt und auf die ihr entgegenstehende Wahrheit den wesentlichen
Unterschied zwischen der Geschichte und Poesie, sowie den groessern Nutzen
der letztern vor der ersten gegruendet. Auch hat er es auf eine so
einleuchtende Art getan, dass ich nur seine Worte anfuehren darf, um keine
geringe Verwunderung zu erwecken, wie in einer so offenbaren Sache ein
Diderot nicht gleicher Meinung mit ihm sein koenne.
"Aus diesen also", sagt Aristoteles,[1] nachdem er die wesentlichen
Eigenschaften der poetischen Fabel festgesetzt, "aus diesen also erhellet
klar, dass des Dichters Werk nicht ist, zu erzaehlen, was geschehen,
sondern zu erzaehlen, von welcher Beschaffenheit das Geschehene und was
nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit dabei moeglich gewesen.
Denn Geschichtschreiber und Dichter unterscheiden sich nicht durch die
gebundene oder ungebundene Rede: indem man die Buecher des Herodotus in
gebundene Rede bringen kann und sie darum doch nichts weniger in
gebundener Rede eine Geschichte sein werden, als sie es in ungebundener
waren. Sondern darin unterscheiden sie sich, dass jener erzaehlet, was
geschehen; dieser aber, von welcher Beschaffenheit das Geschehene
gewesen. Daher ist denn auch die Poesie philosophischer und nuetzlicher
als die Geschichte. Denn die Poesie geht mehr auf das Allgemeine, und die
Geschichte auf das Besondere. Das Allgemeine aber ist, wie so oder so ein
Mann nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit sprechen und handeln
wuerde; als worauf die Dichtkunst bei Erteilung der Namen sieht. Das
Besondere hingegen ist, was Alcibiades getan oder gelitten hat. Bei der
Komoedie nun hat sich dieses schon ganz offenbar gezeigt; denn wenn die
Fabel nach der Wahrscheinlichkeit abgefasst ist, legt man die etwanigen
Namen sonach bei und macht es nicht wie die jambischen Dichter, die bei
dem Einzeln bleiben. Bei der Tragoedie aber haelt man sich an die schon
vorhandenen Namen; aus Ursache, weil das Moegliche glaubwuerdig ist und wir
nicht moeglich glauben, was nie geschehen, dahingegen was geschehen
offenbar moeglich sein muss, weil es nicht geschehen waere, wenn es nicht
moeglich waere. Und doch sind auch in den Tragoedien, in einigen nur ein
oder zwei bekannte Namen, und die uebrigen sind erdichtet; in einigen auch
gar keiner, so wie in der >Blume< des Agathon. Denn in diesem Stuecke sind
Handlungen und Namen gleich erdichtet, und doch gefaellt es darum
nichts weniger."
In dieser Stelle, die ich nach meiner eigenen Uebersetzung anfuehre, mit
welcher ich so genau bei den Worten geblieben bin, als moeglich, sind
verschiedene Dinge, welche von den Auslegern, die ich noch zu Rate ziehen
koennen, entweder gar nicht oder falsch verstanden worden. Was davon hier
zur Sache gehoert, muss ich mitnehmen.
Das ist unwidersprechlich, dass Aristoteles schlechterdings keinen
Unterschied zwischen den Personen der Tragoedie und Komoedie, in Ansehung
ihrer Allgemeinheit, macht. Die einen sowohl als die andern, und selbst
die Personen der Epopee nicht ausgeschlossen, alle Personen der
poetischen Nachahmung ohne Unterschied, sollen sprechen und handeln,
nicht wie es ihnen einzig und allein zukommen koennte, sondern so wie ein
jeder von ihrer Beschaffenheit in den naemlichen Umstaenden sprechen oder
handeln wuerde und muesste. In diesem [Greek: katholou], in dieser
Allgemeinheit liegt allein der Grund, warum die Poesie philosophischer
und folglich lehrreicher ist als die Geschichte; und wenn es wahr ist,
dass derjenige komische Dichter, welcher seinen Personen so eigene
Physiognomien geben wollte, dass ihnen nur ein einziges Individuum in der
Welt aehnlich waere, die Komoedie, wie Diderot sagt, wiederum in ihre
Kindheit zuruecksetzen und in Satire verkehren wuerde: so ist es auch
ebenso wahr, dass derjenige tragische Dichter, welcher nur den und den
Menschen, nur den Caesar, nur den Cato, nach allen den Eigentuemlichkeiten,
die wir von ihnen wissen, vorstellen wollte, ohne zugleich zu zeigen, wie
alle diese Eigentuemlichkeiten mit dem Charakter des Caesar und Cato
zusammengehangen, der ihnen mit mehrern kann gemein sein, dass, sage ich,
dieser die Tragoedie entkraeften und zur Geschichte erniedrigen wuerde.
Aber Aristoteles sagt auch, dass die Poesie auf dieses Allgemeine der
Personen mit den Namen, die sie ihnen erteile, ziele ([Greek: ou
stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]); welches sich besonders
bei der Komoedie deutlich gezeigt habe. Und dieses ist es, was die
Ausleger dem Aristoteles nachzusagen sich begnuegt, im geringsten aber
nicht erlaeutert haben. Wohl aber haben verschiedene sich so darueber
ausgedrueckt, dass man klar sieht, sie muessen entweder nichts, oder etwas
ganz Falsches dabei gedacht haben. Die Frage ist: wie sieht die Poesie,
wenn sie ihren Personen Namen erteilt, auf das Allgemeine dieser
Personen? und wie ist diese ihre Ruecksicht auf das Allgemeine der Person,
besonders bei der Komoedie, schon laengst sichtbar gewesen?