Hamburgische Dramaturgie - Gotthold Ephraim Lessing
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Die Worte: [Greek: esti de katholou men, to poio ta poi atta symbainei
legein, ae prattein kata to eikos, ae io anankaion, ou stochazetai ae
poiaesis onomata epitithemenae], uebersetzt Dacier: Une chose generale,
c'est ce que tout homme d'un tel ou d'un tel caractere a du dire, ou
faire vraisemblablement ou necessairement, ce qui est le but de la poesie
lors meme, qu'elle impose les noms a ses personnages. Vollkommen so
uebersetzt sie auch Herr Curtius: "Das Allgemeine ist, was einer, vermoege
eines gewissen Charakters, nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit
redet oder tut. Dieses Allgemeine ist der Endzweck der Dichtkunst, auch
wenn sie den Personen besondere Namen beilegt.--Auch in ihrer Anmerkung
ueber diese Worte stehen beide fuer einen Mann; der eine sagt vollkommen
eben das, was der andere sagt. Sie erklaeren beide, was das Allgemeine
ist; sie sagen beide, dass dieses Allgemeine die Absicht der Poesie sei:
aber wie die Poesie bei Erteilung der Namen auf dieses Allgemeine sieht,
davon sagt keiner ein Wort. Vielmehr zeigt der Franzose durch sein lors
meme, sowie der Deutsche durch sein auch wenn, offenbar, dass sie nichts
davon zu sagen gewusst, ja, dass sie gar nicht einmal verstanden, was
Aristoteles sagen wollen. Denn dieses lors meme, dieses auch wenn, heisst
bei ihnen nichts mehr als ob schon; und sie lassen den Aristoteles sonach
bloss sagen, dass ungeachtet die Poesie ihren Personen Namen von einzeln
Personen beilege, sie demohngeachtet nicht auf das Einzelne dieser
Personen, sondern auf das Allgemeine derselben gehe. Die Worte des
Dacier, die ich in der Note anfuehren will,[2] zeigen dieses deutlich. Nun
ist es wahr, dass dieses eigentlich keinen falschen Sinn macht; aber es
erschoepft doch auch den Sinn des Aristoteles hier nicht. Nicht genug, dass
die Poesie, ungeachtet der von einzeln Personen genommenen Namen, auf das
Allgemeine gehen kann: Aristoteles sagt, dass sie mit diesen Namen selbst
auf das Allgemeine ziele, [Greek: ou stochazetai]. Ich sollte doch wohl
meinen, dass beides nicht einerlei waere. Ist es aber nicht einerlei: so
geraet man notwendig auf die Frage: wie zielt sie darauf? Und auf diese
Frage antworten die Ausleger nichts.
----Fussnote
[1] Dichtk., 9. Kapitel.
[2] Aristote previent ici une objection, qu'on pouvait lui faire, sur la
definition qu'il vient de donner d'une chose generale: car les ignorants
n'auraient pas manque de lui dire qu'Homere, par exemple, n'a point en
vue d'ecrire une action generale et universelle, mais une action
particuliere, puisqu'il raconte ce qu'ont fait de certains hommes comme
Achille, Agamemnon, Ulysse, etc. et que par consequent, il n'y a aucune
difference entre Homere et un Historien, qui aurait ecrit les actions
d'Achille. Le Philosophe va au-devant de cette objection, en faisant voir
que les Poetes, c'est-a-dire, les Auteurs d'une Tragedie ou d'un Poeme
Epique lors meme qu'ils imposent les noms a leurs personnages ne pensent
en aucune maniere a les faire parler veritablement, ce qu'ils seraient
obliges de faire, s'ils ecrivaient les actions particulieres et
veritables d'un certain homme, nomme Achille ou Edipe, mais qu'ils se
proposent de les faire parler et agir necessairement ou vraisemblablement;
c'est-a-dire, de leur faire dire et faire tout ce que des hommes de ce meme
caractere doivent faire et dire en cet etat, ou par necessite, ou au moins
selon les regles de la vraisemblance; ce qui prouve incontestablement que
ce sont des actions generales et universelles. Nichts anders sagt auch Herr
Curtius in seiner Anmerkung; nur dass er das Allgemeine und Einzelne noch an
Beispielen zeigen wollen, die aber nicht so recht beweisen, dass er auf den
Grund der Sache gekommen. Denn ihnen zufolge wuerden es nur personifierte
Charaktere sein, welche der Dichter reden und handeln liesse, da es doch
charakterisierte Personen sein sollen.
----Fussnote
Neunzigstes Stueck
Den 11. Maerz 1768
Wie sie darauf ziele, sagt Aristoteles, dieses habe ich schon laengst an
der Komoedie deutlich gezeigt: [Greek: Hepi men oun taes komodias aedae
touto daelon gegonen sustaesantes gar ton mython dia ton eikoton, outo ta
tychonta onomata epititheasi, chai ouch osper oi iambopoioi peri ton
kath' ekaston poiousin]. Ich muss auch hiervon die Uebersetzungen des
Dacier und Curtius anfuehren. Dacier sagt: C'est ce qui est deja rendu
sensible dans la comedie, car les poetes comiques, apres avoir dresse
leur sujet sur la vraisemblance, imposent apres cela a leurs personnages
tels noms qu'il leur plait, et n'imitent pas les poetes satyriques, qui
ne s'attachent qu'aux choses particulieres. Und Curtius: "In dem
Lustspiele ist dieses schon lange sichtbar gewesen. Denn wenn die
Komoedienschreiber den Plan der Fabel nach der Wahrscheinlichkeit
entworfen haben, legen sie den Personen willkuerliche Namen bei und setzen
sich nicht, wie die jambischen Dichter, einen besondern Vorwurf zum
Ziele." Was findet man in diesen Uebersetzungen von dem, was Aristoteles
hier vornehmlich sagen will? Beide lassen ihn weiter nichts sagen, als
dass die komischen Dichter es nicht machten wie die jambischen, (das ist,
satirischen Dichter) und sich an das Einzelne hielten, sondern auf das
Allgemeine mit ihren Personen gingen, denen sie willkuerliche Namen, tels
noms qu'il leur plait, beilegten. Gesetzt nun auch, dass [Greek: ta
tychonta onomata] dergleichen Namen bedeuten koennten: wo haben denn beide
Uebersetzer das "[Greek: outo]" gelassen? Schien ihnen denn dieses
"[Greek: outo]" gar nichts zu sagen? Und doch sagt es hier alles: denn
diesem "[Greek: outo]" zufolge legten die komischen Dichter ihren
Personen nicht allein willkuerliche Namen bei, sondern sie legten ihnen
diese willkuerliche Namen "so", [Greek: outo], bei. Und wie "so"? So, dass
sie mit diesen Namen selbst auf das Allgemeine zielten: [Greek: ou
stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]. Und wie geschah das?
Davon finde man mir ein Wort in den Anmerkungen des Dacier und Curtius!
Ohne weitere Umschweife: es geschah so, wie ich nun sagen will. Die
Komoedie gab ihren Personen Namen, welche, vermoege ihrer grammatischen
Ableitung und Zusammensetzung oder auch sonstigen Bedeutung die
Beschaffenheit dieser Personen ausdrueckten: mit einem Worte, sie gab
ihnen redende Namen; Namen, die man nur hoeren durfte, um sogleich zu
wissen, von welcher Art die sein wuerden, die sie fuehren. Ich will eine
Stelle des Donatus hierueber anziehen. Nomina personarum, sagt er bei
Gelegenheit der ersten Zeile in dem ersten Aufzuge der "Brueder", in
comoediis duntaxat, habere debent rationem et etymologiam. Etenim
absurdum est, comicum aperte argumentum confingere: vel nomen personae
incongruum dare vel officium quod sit a nomine diversum.[1] Hinc servus
fidelis Parmeno: infidelis vel Syrus vel Geta: miles Thraso vel Polemon:
juvenis Pamphilus: matrona Myrrhina, et puer ab odore Storax: vel a ludo
et a gesticulatione Circus: et item similia. In quibus summum poetae
vitium est, si quid e contrario repugnans contrarium diversumque
protulerit, nisi per [Greek: antiorasin] nomen imposuerit joculariter, ut
Misargyrides in Plauto dicitur trapezita. Wer sich durch noch mehr
Beispiele hiervon ueberzeugen will, der darf nur die Namen bei dem Plautus
und Terenz untersuchen. Da ihre Stuecke alle aus dem Griechischen genommen
sind: so sind auch die Namen ihrer Personen griechischen Ursprungs und
haben, der Etymologie nach, immer eine Beziehung auf den Stand, auf die
Denkungsart oder auf sonst etwas, was diese Personen mit mehrern gemein
haben koennen; wenn wir schon solche Etymologie nicht immer klar und
sicher angeben koennen.
Ich will mich bei einer so bekannten Sache nicht verweilen: aber wundern
muss ich mich, wie die Ausleger des Aristoteles sich ihrer gleichwohl da
nicht erinnern koennen, wo Aristoteles so unwidersprechlich auf sie
verweiset. Denn was kann nunmehr wahrer, was kann klaerer sein, als was
der Philosoph von der Ruecksicht sagt, welche die Poesie bei Erteilung der
Namen auf das Allgemeine nimmt? Was kann unleugbarer sein, als dass
[Greek: epi men taes komodias aedae touto daelon gegonen], dass sich
diese Ruecksicht bei der Komoedie besonders laengst offenbar gezeigt habe?
Von ihrem ersten Ursprunge an, das ist, sobald sie die jambischen Dichter
von dem Besondern zu dem Allgemeinen erhoben, sobald aus der
beleidigenden Satire die unterrichtende Komoedie entstand: suchte man
jenes Allgemeine durch die Namen selbst anzudeuten. Der grosssprecherische
feige Soldat hiess nicht wie dieser oder jener Anfuehrer aus diesem oder
jenem Stamme: er hiess Pyrgopolinices, Hauptmann Mauerbrecher. Der elende
Schmarutzer, der diesem um das Maul ging, hiess nicht, wie ein gewisser
armer Schlucker in der Stadt: er hiess Artotrogus, Brockenschroeter. Der
Juengling, welcher durch seinen Aufwand, besonders auf Pferde, den Vater
in Schulden setzte, hiess nicht, wie der Sohn dieses oder jenes edeln
Buergers: er hiess Phidippides, Junker Sparross.
Man koennte einwenden, dass dergleichen bedeutende Namen wohl nur eine
Erfindung der neuern griechischen Komoedie sein duerften, deren Dichtern
es ernstlich verboten war, sich wahrer Namen zu bedienen; dass aber
Aristoteles diese neuere Komoedie nicht gekannt habe und folglich bei
seinen Regeln keine Ruecksicht auf sie nehmen koennen. Das letztere
behauptet Hurd;[2] aber es ist ebenso falsch, als falsch es ist, dass die
aeltere griechische Komoedie sich nur wahrer Namen bedient habe. Selbst in
denjenigen Stuecken, deren vornehmste, einzige Absicht es war, eine
gewisse bekannte Person laecherlich und verhasst zu machen, waren, ausser
dem wahren Namen dieser Person, die uebrigen fast alle erdichtet, und mit
Beziehung auf ihren Stand und Charakter erdichtet.
----Fussnote
[1] Diese Periode koennte leicht sehr falsch verstanden werden. Naemlich
wenn man sie so verstehen wollte, als ob Donatus auch das fuer etwas
Ungereimtes hielte, Comicum aperte argumentum confingere. Und das ist
doch die Meinung des Donatus gar nicht. Sondern er will sagen: es wuerde
ungereimt sein, wenn der komische Dichter, da er seinen Stoff offenbar
erfindet, gleichwohl den Personen unschickliche Namen oder Beschaeftigungen
beilegen wollte, die mit ihren Namen stritten. Denn freilich, da der Stoff
ganz von der Erfindung des Dichters ist, so stand es ja einzig und allein
bei ihm, was er seinen Personen fuer Namen beilegen, oder was er mit diesen
Namen fuer einen Stand oder fuer eine Verrichtung verbinden wollte. Sonach
duerfte sich vielleicht Donatus auch selbst so zweideutig nicht ausgedrueckt
haben; und mit Veraenderung einer einzigen Silbe ist dieser Anstoss vermieden.
Man lese naemlich entweder: Absurdum est, Comicum aperte argumentum
confingentem vel nomen personae etc. Oder auch aperte argumentum confingere
et nomen personae u.s.w.
[2] Hurd in seiner Abhandlung ueber die verschiedenen Gebiete des Drama:
From the account of Comedy, here given, it may appear, that the idea of
this drama is much enlarged beyond what it was in Aristotle's time; who
defines it to be, an imitation of light and trivial actions, provoking
ridicule. His notion was taken from the state and practice of the
Athenian stage; that is from the old or middle comedy, which answer to
this description. The great revolution, which the introduction of the new
comedy made in the drama, did not happen till afterwards. Aber dieses
nimmt Hurd bloss an, damit seine Erklaerung der Komoedie mit der
Aristotelischen nicht so geradezu zu streiten scheine. Aristoteles hat
die Neue Komoedie allerdings erlebt, und er gedenkt ihrer namentlich in
der Moral an den Nikomachus, wo er von dem anstaendigen und unanstaendigen
Scherze handelt. (Lib. IV. cap. 14.) [Greek: Idoi d' an tis kai ek ton
komodion ton palaion kai ton kainon. Tois men gar aen geloion ae
aischrologia, tois de mallon ae hyponoia]. Man koennte zwar sagen, dass
unter der Neuen Komoedie hier die Mittlere verstanden werde; denn als noch
keine Neue gewesen, habe notwendig die Mittlere die Neue heissen muessen.
Man koennte hinzusetzen, dass Aristoteles in eben der Olympiade gestorben,
in welcher Menander sein erstes Stueck auffuehren lassen, und zwar noch das
Jahr vorher. (Eusebius in Chronico ad Olymp. CXIV. 4.) Allein man hat
unrecht, wenn man den Anfang der Neuen Komoedie von dem Menander rechnet;
Menander war der erste Dichter dieser Epoche, dem poetischen Werte nach,
aber nicht der Zeit nach. Philemon, der dazugehoert schrieb viel frueher,
und der Uebergang von der Mittleren zur Neuen Komoedie war so unmerklich,
dass es dem Aristoteles unmoeglich an Mustern derselben kann gefehlt haben.
Aristophanes selbst hatte schon ein solches Muster gegeben; sein
"Kokalos" war so beschaffen, wie ihn Philemon sich mit wenigen
Veraenderungen zueignen konnte: Kokalon heisst es in dem "Leben des
Aristophanes", [Greek: en ho eisagei phthoran kai anagnorismon, kai
talla panta a ezaelose Menandros]. Wie nun also Aristophanes Muster von
allen verschiedenen Abaenderungen der Komoedie gegeben, so konnte auch
Aristoteles seine Erklaerung der Komoedie ueberhaupt auf sie alle
einrichten. Das tat er denn; und die Komoedie hat nachher keine
Erweiterung bekommen, fuer welche diese Erklaerung zu enge geworden waere.
Hurd haette sie nur recht verstehen duerfen, und er wuerde gar nicht noetig
gehabt haben, um seine an und fuer sich richtigen Begriffe von der Komoedie
ausser allen Streit mit den Aristotelischen zu setzen, seine Zuflucht zu
der vermeintlichen Unerfahrenheit des Aristoteles zu nehmen.
----Fussnote
Einundneunzigstes Stueck
Den 15. Maerz 1768
Ja die wahren Namen selbst, kann man sagen, gingen nicht selten mehr auf
das Allgemeine, als auf das Einzelne. Unter dem Namen Sokrates wollte
Aristophanes nicht den einzeln Sokrates, sondern alle Sophisten, die sich
mit Erziehung junger Leute bemengten, laecherlich und verdaechtig machen.
Der gefaehrliche Sophist ueberhaupt war sein Gegenstand, und er nannte
diesen nur Sokrates, weil Sokrates als ein solcher verschrien war. Daher
eine Menge Zuege, die auf den Sokrates gar nicht passten; so dass Sokrates
in dem Theater getrost aufstehen und sich der Vergleichung preisgeben
konnte! Aber wie sehr verkennt man das Wesen der Komoedie, wenn man diese
nicht treffende Zuege fuer nichts als mutwillige Verleumdungen erklaert und
sie durchaus dafuer nicht erkennen will, was sie doch sind, fuer
Erweiterungen des einzeln Charakters, fuer Erhebungen des Persoenlichen zum
Allgemeinen!
Hier liesse sich von dem Gebrauche der wahren Namen in der griechischen
Komoedie ueberhaupt verschiednes sagen, was von den Gelehrten so genau noch
nicht auseinandergesetzt worden, als es wohl verdiente. Es liesse sich
anmerken, dass dieser Gebrauch keinesweges in der aeltern griechischen
Komoedie allgemein gewesen,[1] dass sich nur der und jener Dichter
gelegentlich desselben erkuehnet,[2] dass er folglich nicht als ein
unterscheidendes Merkmal dieser Epoche der Komoedie zu betrachten. [3]
Es liesse sich zeigen, dass, als er endlich durch ausdrueckliche Gesetze
untersagt war, doch noch immer gewisse Personen von dem Schutze dieser
Gesetze entweder namentlich ausgeschlossen waren, oder doch
stillschweigend fuer ausgeschlossen gehalten wurden. In den Stuecken des
Menanders selbst wurden noch Leute genug bei ihren wahren Namen genannt
und laecherlich gemacht.[4] Doch ich muss mich nicht aus einer
Ausschweifung in die andere verlieren.
Ich will nur noch die Anwendung auf die wahren Namen der Tragoedie machen.
So wie der Aristophanische Sokrates nicht den einzeln Mann dieses Namens
vorstellte, noch vorstellen sollte; so wie dieses personifierte Ideal
einer eiteln und gefaehrlichen Schulweisheit nur darum den Namen Sokrates
bekam, weil Sokrates als ein solcher Taeuscher und Verfuehrer zum Teil
bekannt war, zum Teil noch bekannter werden sollte; so wie bloss der
Begriff von Stand und Charakter, den man mit dem Namen Sokrates verband
und noch naeher verbinden sollte, den Dichter in der Wahl des Namens
bestimmte: so ist auch bloss der Begriff des Charakters, den wir mit den
Namen Regulus, Cato, Brutus zu verbinden gewohnt sind, die Ursache, warum
der tragische Dichter seinen Personen diese Namen erteilet. Er fuehrt
einen Regulus, einen Brutus auf, nicht um uns mit den wirklichen
Begegnissen dieser Maenner bekanntzumachen, nicht um das Gedaechtnis
derselben zu erneuern: sondern um uns mit solchen Begegnissen zu
unterhalten, die Maennern von ihrem Charakter ueberhaupt begegnen koennen
und muessen. Nun ist zwar wahr, dass wir diesen ihren Charakter aus ihren
wirklichen Begegnissen abstrahieret haben: es folgt aber daraus nicht,
dass uns auch ihr Charakter wieder auf ihre Begegnisse zurueckfuehren muesse;
er kann uns nicht selten weit kuerzer, weit natuerlicher auf ganz andere
bringen, mit welchen jene wirkliche weiter nichts gemein haben, als dass
sie mit ihnen aus einer Quelle, aber auf unzuverfolgenden Umwegen und
ueber Erdstriche hergeflossen sind, welche ihre Lauterheit verdorben
haben. In diesem Falle wird der Poet jene erfundene den wirklichen
schlechterdings vorziehen, aber den Personen noch immer die wahren Namen
lassen. Und zwar aus einer doppelten Ursache: einmal, weil wir schon
gewohnt sind, bei diesen Namen einen Charakter zu denken, wie er ihn in
seiner Allgemeinheit zeiget; zweitens, weil wirklichen Namen auch
wirkliche Begebenheiten anzuhaengen scheinen und alles, was einmal
geschehen, glaubwuerdiger ist, als was nicht geschehen. Die erste dieser
Ursachen fliesst aus der Verbindung der Aristotelischen Begriffe
ueberhaupt; sie liegt zum Grunde, und Aristoteles hatte nicht noetig, sich
umstaendlicher bei ihr zu verweilen; wohl aber bei der zweiten, als einer
von anderwaerts noch dazukommenden Ursache. Doch diese liegt itzt ausser
meinem Wege, und die Ausleger insgesamt haben sie weniger
missverstanden als jene.
Nun also auf die Behauptung des Diderot zurueckzukommen. Wenn ich die
Lehre des Aristoteles richtig erklaert zu haben glauben darf: so darf ich
auch glauben, durch meine Erklaerung bewiesen zu haben, dass die Sache
selbst unmoeglich anders sein kann, als sie Aristoteles lehret. Die
Charaktere der Tragoedie muessen ebenso allgemein sein, als die Charaktere
der Komoedie. Der Unterschied, den Diderot behauptet, ist falsch: oder
Diderot muss unter der Allgemeinheit eines Charakters ganz etwas anders
verstehen, als Aristoteles darunter verstand.
----Fussnote
[1] Wenn, nach dem Aristoteles, das Schema der Komoedie von dem Margites
des Homer, [Greek: ou psogon alla to geloion dramatopoiaesantos], genommen
worden, so wird man, allem Ansehen nach, auch gleich anfangs die
erdichteten Namen mit eingefuehrt haben. Denn Margites war wohl nicht der
wahre Name einer gewissen Person, indem [Greek: Margeitaes] wohl eher von
[Greek: margaes] gemacht worden, als dass [Greek: margaes] von [Greek:
Margeitaes] sollte entstanden sein. Von verschiednen Dichtern der alten
Komoedie finden wir es auch ausdruecklich angemerkt, dass sie sich aller
Anzueglichkeiten enthalten, welches bei wahren Namen nicht moeglich gewesen
waere. z.E. von dem Pherekrates.
[2] Die persoenliche und namentliche Satire war so wenig eine wesentliche
Eigenschaft der alten Komoedie, dass man vielmehr denjenigen ihrer Dichter
gar wohl kennet, der sich ihrer zuerst erkuehnet. Es war Cratinus, welcher
zuerst [Greek: to charienti taes komodias to ophelimon prosethaeke,
tous kakos prattontas diaballon, kai osper daemosia mastigi tae
komodia kolazon]. Und auch dieser wagte sich nur anfangs an gemeine,
verworfene Leute, von deren Ahndung er nichts zu befuerchten hatte.
Aristophanes wollte sich die Ehre nicht nehmen lassen, dass er es sei,
welcher sich zuerst an die Grossen des Staats gewagt habe (Ir. v. 750.):
[Greek: Ouch idiotas anthropischous komodon, oude gynaikas, All'
Haerakleous orgaen tin' echon toisi megistois epicheirei].
[3] Ja er haette lieber gar diese Kuehnheit als sein eigenes Privilegium
betrachten moegen. Er war hoechst eifersuechtig, als er sahe, dass ihm so
viele andere Dichter, die er verachtete, darin nachfolgten.
[4] Welches gleichwohl fast immer geschieht. Ja man geht noch weiter und
will behaupten, dass mit den wahren Namen auch wahre Begebenheiten
verbunden gewesen, an welchen die Erfindung des Dichters keinen Teil
gehabt. Dacier selbst sagt: Aristote n'a pu vouloir dire qu'Epicharmus et
Phormis inventerent les sujets de leurs pieces, puisque l'un et l'autre
ont ete des Poetes de la vieille Comedie, ou il n'y avait rien de feint,
et que ces aventures feintes ne commencerent a etre mises sur le theatre,
que du temps d'Alexandre le Grand, c'est-a-dire dans la nouvelle Comedie.
(Remarque sur le Chap. V. de la Poet. d'Arist.) Man sollte glauben, wer
so etwas sagen koenne, muesste nie auch nur einen Blick in den Aristophanes
getan haben. Das Argument, die Fabel der alten griechischen Komoedie, war
ebensowohl erdichtet, als es die Argumente und Fabeln der neuen nur immer
sein konnten. Kein einziges von den uebriggebliebenen Stuecken des
Aristophanes stellt eine Begebenheit vor, die wirklich geschehen waere;
und wie kann man sagen, dass sie der Dichter deswegen nicht erfunden, weil
sie zum Teil auf wirkliche Begebenheiten anspielt? Wenn Aristoteles als
ausgemacht annimmt, [Greek: oti ton poiaetaen mallon ton mython einai dei
poiaetaen ae ton metron]: wuerde er nicht schlechterdings die Verfasser
der alten griechischen Komoedie aus der Klasse der Dichter haben
ausschliessen muessen, wenn er geglaubt haette, dass sie die Argumente ihrer
Stuecke nicht erfunden? Aber so wie es, nach ihm, in der Tragoedie gar wohl
mit der poetischen Erfindung bestehen kann, dass Namen und Umstaende aus
der wahren Geschichte entlehnt sind: so muss es, seiner Meinung nach, auch
in der Komoedie bestehen koennen. Es kann unmoeglich seinen Begriffen gemaess
gewesen sein, dass die Komoedie dadurch, dass sie wahre Namen brauche und
auf wahre Begebenheiten anspiele, wiederum in die jambische Schmaehsucht
zurueckfalle; vielmehr muss er geglaubt haben, dass sich das [Greek: katholou
poiein logous ae mythous] gar wohl damit vertrage. Er gesteht dieses den
aeltesten komischen Dichtern, dem Epicharmus, dem Phormis und Krates zu und
wird es gewiss dem Aristophanes nicht abgesprochen haben, ob er schon wusste,
wie sehr er nicht allein den Kleon und Hyperbolus, sondern auch den Perikles
und Sokrates namentlich mitgenommen.
[5] Mit der Strenge, mit welcher Plato das Verbot, jemand in der Komoedie
laecherlich zu machen, in seiner "Republik" einfuehren wollte ([Greek:
maete logo, maete eichoni, maete thymo, maete aneu thymou, maedamno
maedena ton politon komodein]) ist in der wirklichen Republik niemals
darueber gehalten worden. Ich will nicht anfuehren, dass in den Stuecken des
Menander noch so mancher zynische Philosoph, noch so manche Buhlerin mit
Namen genennt ward; man koennte antworten, dass dieser Abschaum von
Menschen nicht zu den Buergern gehoert. Aber Ktesippus, der Sohn des
Chabrias, war doch gewiss atheniensischer Buerger so gut wie einer, und man
sehe, was Menander von ihm sagte. (Menandri Fr. p. 137. Edit. Cl.)
----Fussnote
Zweiundneunzigstes Stueck
Den 18. Maerz 1768
Und warum koennte das letztere nicht sein? Finde ich doch noch einen
andern, nicht minder trefflichen Kunstrichter, der sich fast ebenso
ausdrueckt als Diderot, fast ebenso geradezu dem Aristoteles zu
widersprechen scheint, und gleichwohl im Grunde so wenig widerspricht,
dass ich ihn vielmehr unter allen Kunstrichtern fuer denjenigen erkennen
muss, der noch das meiste Licht ueber diese Materie verbreitet hat.
Es ist dieses der englische Kommentator der Horazischen Dichtkunst, Hurd;
ein Schriftsteller aus derjenigen Klasse, die durch Uebersetzungen bei uns
immer am spaetesten bekannt werden. Ich moechte ihn aber hier nicht gern
anpreisen, um diese seine Bekanntmachung zu beschleunigen. Wenn der
Deutsche, der ihr gewachsen waere, sich noch nicht gefunden hat: so
duerften vielleicht auch der Leser unter uns noch nicht viele sein, denen
daran gelegen waere. Der fleissige Mann, voll guten Willens, uebereile sich
also lieber damit nicht und sehe, was ich von einem noch unuebersetzten
guten Buche hier sage, ja fuer keinen Wink an, den ich seiner allezeit
fertigen Feder geben wollen.
Hurd hat seinem Kommentar eine Abhandlung "Ueber die verschiednen Gebiete
des Drama" beigefuegt. Denn er glaubte bemerkt zu haben, dass bisher nur
die allgemeinen Gesetze dieser Dichtungsart in Erwaegung gezogen worden,
ohne die Grenzen der verschiednen Gattungen derselben festzusetzen.
Gleichwohl muesse auch dieses geschehen, um von dem eigenen Verdienste
einer jeden Gattung insbesondere ein billiges Urteil zu faellen. Nachdem
er also die Absicht des Drama ueberhaupt, und der drei Gattungen
desselben, die er vor sich findet, der Tragoedie, der Komoedie und des
Possenspiels, insbesondere festgesetzt: so folgert er, aus jener
allgemeinen und aus diesen besondern Absichten, sowohl diejenigen
Eigenschaften, welche sie unter sich gemein haben, als diejenigen, in
welchen sie voneinander unterschieden sein muessen.