Hamburgische Dramaturgie - Gotthold Ephraim Lessing
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----Fussnote
Fuenfundneunzigstes Stueck
Den 29. Maerz 1768
"Die Geschichte seiner Elektra ist ganz bekannt. Der Dichter hatte in dem
Charakter dieser Prinzessin ein tugendhaftes, aber mit Stolz und Groll
erfuelltes Frauenzimmer zu schildern, welches durch die Haerte, mit der man
sich gegen sie selbst betrug, erbittert war und durch noch weit staerkere
Bewegungsgruende angetrieben ward, den Tod eines Vaters zu raechen. Eine
solche heftige Gemuetsverfassung, kann der Philosoph in seinem Winkel wohl
schliessen, muss immer sehr bereit sein, sich zu aeussern. Elektra, kann er
wohl einsehen, muss, bei der geringsten schicklichen Gelegenheit, ihren
Groll an den Tag legen, und die Ausfuehrung ihres Vorhabens beschleunigen
zu koennen wuenschen. Aber zu welcher Hoehe dieser Groll steigen darf? d.I.
wie stark Elektra ihre Rachsucht ausdruecken darf, ohne dass ein Mann, der
mit dem menschlichen Geschlechte und mit den Wirkungen der Leidenschaften
im ganzen bekannt ist, dabei ausrufen kann: Das ist unwahrscheinlich?
Dieses auszumachen, wird die abstrakte Theorie von wenig Nutzen sein.
Sogar eine nur maessige Bekanntschaft mit dem wirklichen Leben ist hier
nicht hinlaenglich, uns zu leiten. Man kann eine Menge Individua bemerkt
haben, welche den Poeten, der den Ausdruck eines solchen Grolles bis auf
das Aeusserste getrieben haette, zu rechtfertigen scheinen. Selbst die
Geschichte duerfte vielleicht Exempel an die Hand geben, wo eine
tugendhafte Erbitterung auch wohl noch weiter getrieben worden, als es
der Dichter hier vorgestellet. Welches sind denn nun also die
eigentlichen Grenzen derselben, und wodurch sind sie zu bestimmen? Einzig
und allein durch Bemerkung so vieler einzeln Faelle als moeglich; einzig
und allein vermittelst der ausgebreitetsten Kenntnis, wieviel eine solche
Erbitterung ueber dergleichen Charaktere unter dergleichen Umstaenden im
wirklichen Leben gewoehnlicherweise vermag. So verschieden diese Kenntnis
in Ansehung ihres Umfanges ist, so verschieden wird denn auch die Art der
Vorstellung sein. Und nun wollen wir sehen, wie der vorhabende Charakter
von dem Euripides wirklich behandelt worden.
In der schoenen Szene, welche zwischen der Elektra und dem Orestes
vorfaellt, von dem sie aber noch nicht weiss, dass er ihr Bruder ist, koemmt
die Unterredung ganz natuerlich auf die Ungluecksfaelle der Elektra und auf
den Urheber derselben, die Klytaemnestra, sowie auch auf die Hoffnung,
welche Elektra hat, von ihren Drangsalen durch den Orestes befreiet zu
werden. Das Gespraech, wie es hierauf weitergehet, ist dieses:
Orestes. Und Orestes? Gesetzt, er kaeme nach Argos zurueck--
Elektra. Wozu diese Frage, da er, allem Ansehen nach, niemals
zurueckkommen wird?
Orestes. Aber gesetzt, er kaeme! Wie muesste er es anfangen, um den Tod
seines Vaters zu raechen?
Elektra. Sich eben des erkuehnen, wessen die Feinde sich gegen seinen
Vater erkuehnten.
Orestes. Wolltest du es wohl mit ihm wagen, deine Mutter umzubringen?
Elektra. Sie mit dem naemlichen Eisen umbringen, mit welchem sie
meinen Vater mordete!
Orestes. Und darf ich das, als deinen festen Entschluss, deinem Bruder
vermelden?
Elektra. 'Ich will meine Mutter umbringen, oder nicht leben!'
Das Griechische ist noch staerker:
[Greek: Thanoimi, maetros aim' episphaxas' emaes].
'Ich will gern des Todes sein, sobald ich meine Mutter umgebracht
habe!'
Nun kann man nicht behaupten, dass diese letzte Rede schlechterdings
unnatuerlich sei. Ohne Zweifel haben sich Beispiele genug ereignet, wo
unter aehnlichen Umstaenden die Rache sich ebenso heftig ausgedrueckt hat.
Gleichwohl, denke ich, kann uns die Haerte dieses Ausdrucks nicht anders
als ein wenig beleidigen. Zum mindesten hielt Sophokles nicht fuer gut,
ihn so weit zu treiben. Bei ihm sagt Elektra unter gleichen Umstaenden nur
das: 'Jetzt sei dir die Ausfuehrung ueberlassen! Waere ich aber allein
geblieben, so glaube mir nur: beides haette mir gewiss nicht misslingen
sollen; entweder mit Ehren mich zu befreien, oder mit Ehren zu sterben!'
Ob nun diese Vorstellung des Sophokles der Wahrheit, insofern sie aus
einer ausgebreitetem Erfahrung, d.i. aus der Kenntnis der menschlichen
Natur ueberhaupt, gesammelt worden, nicht weit gemaesser ist, als die
Vorstellung des Euripides, will ich denen zu beurteilen ueberlassen, die
es zu beurteilen faehig sind. Ist sie es, so kann die Ursache keine andere
sein, als die ich angenommen: dass naemlich Sophokles seine Charaktere so
geschildert, als er, unzaehligen von ihm beobachteten Beispielen der
naemlichen Gattung zufolge, glaubte, dass sie sein sollten; Euripides aber
so, als er in der engeren Sphaere seiner Beobachtungen erkannt hatte, dass
sie wirklich waeren<--".
Vortrefflich! Auch unangesehen der Absicht, in welcher ich diese langen
Stellen des Hurd angefuehret habe, enthalten sie unstreitig so viel feine
Bemerkungen, dass es mir der Leser wohl erlassen wird, mich wegen
Einschaltung derselben zu entschuldigen. Ich besorge nur, dass er meine
Absicht selbst darueber aus den Augen verloren. Sie war aber diese: zu
zeigen, dass auch Hurd, so wie Diderot, der Tragoedie besondere, und nur
der Komoedie allgemeine Charaktere zuteile und demohngeachtet dem
Aristoteles nicht widersprechen wolle, welcher das Allgemeine von allen
poetischen Charakteren, und folglich auch von den tragischen, verlanget.
Hurd erklaert sich naemlich so: der tragische Charakter muesse zwar
partikulaer oder weniger allgemein sein, als der komische, d.i. er muesse
die Art, zu welcher er gehoere, weniger vorstellig machen; gleichwohl aber
muesse das wenige, was man von ihm zu zeigen fuer gut finde, nach dem
Allgemeinen entworfen sein, welches Aristoteles fordere.[1]
Und nun waere die Frage, ob Diderot sich auch so verstanden wissen
wolle?--Warum nicht, wenn ihm daran gelegen waere, sich nirgends in
Widerspruch mit dem Aristoteles finden zu lassen? Mir wenigstens, dem
daran gelegen ist, dass zwei denkende Koepfe von der naemlichen Sache nicht
Ja und Nein sagen, koennte es erlaubt sein, ihm diese Auslegung
unterzuschieben, ihm diese Ausflucht zu leihen.
Aber lieber von dieser Ausflucht selbst, ein Wort!--Mich duenkt, es ist
eine Ausflucht, und ist auch keine. Denn das Wort allgemein wird offenbar
darin in einer doppelten und ganz verschiedenen Bedeutung genommen. Die
eine, in welcher es Hurd und Diderot von dem tragischen Charakter
verneinen, ist nicht die naemliche, in welcher es Hurd von ihm bejahet.
Freilich beruhet eben hierauf die Ausflucht: aber wie, wenn die eine die
andere schlechterdings ausschloesse?
In der ersten Bedeutung heisst ein allgemeiner Charakter ein solcher, in
welchen man das, was man an mehrern oder allen Individuis bemerkt hat,
zusammennimmt; es heisst mit einem Worte, ein ueberladener Charakter; es
ist mehr die personifierte Idee eines Charakters, als eine
charakterisierte Person. In der andern Bedeutung aber heisst ein
allgemeiner Charakter ein solcher, in welchem man von dem, was an mehrern
oder allen Individuis bemerkt worden, einen gewissen Durchschnitt, eine
mittlere Proportion angenommen; es heisst mit einem Worte, ein
gewoehnlicher Charakter, nicht zwar insofern der Charakter selbst, sondern
nur insofern der Grad, das Mass desselben gewoehnlich ist.
Hurd hat vollkommen recht, das [Greek: katholou] des Aristoteles von der
Allgemeinheit in der zweiten Bedeutung zu erklaeren. Aber wenn denn nun
Aristoteles diese Allgemeinheit ebensowohl von den komischen als
tragischen Charakteren erfodert: wie ist es moeglich, dass der naemliche
Charakter zugleich auch jene Allgemeinheit haben kann? Wie ist es
moeglich, dass er zugleich ueberladen und gewoehnlich sein kann? Und gesetzt
auch, er waere so ueberladen noch lange nicht, als es die Charaktere in dem
getadelten Stuecke des Jonson sind; gesetzt, er liesse sich noch gar wohl
in einem Individuo gedenken, und man habe Beispiele, dass er sich wirklich
in mehrern Menschen ebenso stark, ebenso ununterbrochen geaeussert habe:
wuerde er demohngeachtet nicht auch noch viel ungewoehnlicher sein, als
jene Allgemeinheit des Aristoteles zu sein erlaubet?
Das ist die Schwierigkeit!--Ich erinnere hier meine Leser, dass diese
Blaetter nichts weniger als ein dramatisches System enthalten sollen. Ich
bin also nicht verpflichtet, alle die Schwierigkeiten aufzuloesen, die ich
mache. Meine Gedanken moegen immer sich weniger zu verbinden, ja wohl gar
sich zu widersprechen scheinen: wenn es denn nur Gedanken sind, bei
welchen sie Stoff finden, selbst zu denken. Hier will ich nichts als
Fermenta cognitionis ausstreuen.
----Fussnote
[1] In calling the tragic character particular, I suppose it only less
representative of the kind than the comic; not that the draught of so
much character as it is concerned to represent should not be general.
----Fussnote
Sechsundneunzigstes Stueck
Den 1. April 1768
Den zweiundfunfzigsten Abend (dienstags, den 28. Julius) wurden des Herrn
Romanus "Brueder" wiederholt.
Oder sollte ich nicht vielmehr sagen: "Die Brueder" des Herrn Romanus?
Nach einer Anmerkung naemlich, welche Donatus bei Gelegenheit der "Brueder"
des Terenz macht: Hanc dicunt fabulam secundo loco actam, etiam tum rudi
nomine poetae; itaque sic pronunciatam, Adelphoi Terenti, non Terenti
Adelphoi, quod adhuc magis de fabulae nomine poeta; quam de poetae nomine
fabula commendabatur. Herr Romanus hat seine Komoedien zwar ohne seinen
Namen herausgegeben: aber doch ist sein Name durch sie bekannt geworden.
Noch itzt sind diejenigen Stuecke, die sich auf unserer Buehne von ihm
erhalten haben, eine Empfehlung seines Namens, der in Provinzen
Deutschlands genannt wird, wo er ohne sie wohl nie waere gehoeret worden.
Aber welches widrige Schicksal hat auch diesen Mann abgehalten, mit
seinen Arbeiten fuer das Theater so lange fortzufahren, bis die Stuecke
aufgehoert haetten, seinen Namen zu empfehlen, und sein Name dafuer die
Stuecke empfohlen haette?
Das meiste, was wir Deutsche noch in der schoenen Literatur haben, sind
Versuche junger Leute. Ja das Vorurteil ist bei uns fast allgemein, dass
es nur jungen Leuten zukomme, in diesem Felde zu arbeiten. Maenner, sagt
man, haben ernsthaftere Studia oder wichtigere Geschaefte, zu welchen sie
die Kirche oder der Staat auffodert. Verse und Komoedien heissen
Spielwerke; allenfalls nicht unnuetzliche Voruebungen, mit welchen man sich
hoechstens bis in sein fuenfundzwanzigstes Jahr beschaeftigen darf. Sobald
wir uns dem maennlichen Alter naehern, sollen wir fein alle unsere Kraefte
einem nuetzlichen Amte widmen; und laesst uns dieses Amt einige Zeit, etwas
zu schreiben, so soll man ja nichts anders schreiben, als was mit der
Gravitaet und dem buergerlichen Range desselben bestehen kann; ein huebsches
Kompendium aus den hoehern Fakultaeten, eine gute Chronike von der lieben
Vaterstadt, eine erbauliche Predigt und dergleichen.
Daher koemmt es denn auch, dass unsere schoene Literatur, ich will nicht
bloss sagen gegen die schoene Literatur der Alten, sondern sogar fast gegen
aller neuern polierten Voelker ihre, ein so jugendliches, ja kindisches
Ansehen hat, und noch lange, lange haben wird. An Blut und Leben, an
Farbe und Feuer fehlet es ihr endlich nicht: aber Kraefte und Nerven, Mark
und Knochen mangeln ihr noch sehr. Sie hat noch so wenig Werke, die ein
Mann, der im Denken geuebt ist, gern zur Hand nimmt, wenn er, zu seiner
Erholung und Staerkung, einmal ausser dem einfoermigen ekeln Zirkel seiner
alltaeglichen Beschaeftigungen denken will! Welche Nahrung kann so ein Mann
wohl z.E. in unsern hoechst trivialen Komoedien finden? Wortspiele,
Sprichwoerter, Spaesschen, wie man sie alle Tage auf den Gassen hoert:
solches Zeug macht zwar das Parterre zu lachen, das sich vergnuegt so gut
es kann; wer aber von ihm mehr als den Bauch erschuettern will, wer
zugleich mit seinem Verstande lachen will, der ist einmal dagewesen und
koemmt nicht wieder.
Wer nichts hat, der kann nichts geben. Ein junger Mensch, der erst selbst
in die Welt tritt, kann unmoeglich die Welt kennen und sie schildern. Das
groesste komische Genie zeigt sich in seinen jugendlichen Werken hohl und
leer; selbst von den ersten Stuecken des Menanders sagt Plutarch,[1] dass
sie mit seinen spaetern und letztern Stuecken gar nicht zu vergleichen
gewesen. Aus diesen aber, setzt er hinzu, koenne man schliessen, was er
noch wuerde geleistet haben, wenn er laenger gelebt haette. Und wie jung
meint man wohl, dass Menander starb? Wieviel Komoedien meint man wohl, dass
er erst geschrieben hatte? Nicht weniger als hundertundfuenfe; und nicht
juenger als zweiundfunfzig.
Keiner von allen unsern verstorbenen komischen Dichtern, von denen es
sich noch der Muehe verlohnte zu reden, ist so alt geworden; keiner von
den itztlebenden ist es noch zur Zeit; keiner von beiden hat das vierte
Teil so viel Stuecke gemacht. Und die Kritik sollte von ihnen nicht eben
das zu sagen haben, was sie von dem Menander zu sagen fand?--Sie wage es
aber nur, und spreche!
Und nicht die Verfasser allein sind es, die sie mit Unwillen hoeren. Wir
haben, dem Himmel sei Dank, itzt ein Geschlecht selbst von Kritikern,
deren beste Kritik darin besteht,--alle Kritik verdaechtig zu machen.
"Genie! Genie!" schreien sie. "Das Genie setzt sich ueber alle Regeln
hinweg! Was das Genie macht, ist Regel!" So schmeicheln sie dem Genie:
ich glaube, damit wir sie auch fuer Genies halten sollen. Doch sie
verraten zu sehr, dass sie nicht einen Funken davon in sich spueren, wenn
sie in einem und ebendemselben Atem hinzusetzen: "Die Regeln unterdruecken
das Genie!"--Als ob sich Genie durch etwas in der Welt unterdruecken
liesse! Und noch dazu durch etwas, das, wie sie selbst gestehen, aus ihm
hergeleitet ist. Nicht jeder Kunstrichter ist Genie: aber jedes Genie ist
ein geborner Kunstrichter. Es hat die Probe aller Regeln in sich. Es
begreift und behaelt und befolgt nur die, die ihm seine Empfindung in
Worten ausdruecken. Und diese seine in Worten ausgedrueckte Empfindung
sollte seine Taetigkeit verringern koennen? Vernuenftelt darueber mit ihm, so
viel ihr wollt; es versteht euch nur, insofern es eure allgemeinen Saetze
den Augenblick in einem einzeln Falle anschauend erkennet; und nur von
diesem einzeln Falle bleibt Erinnerung in ihm zurueck, die waehrend der
Arbeit auf seine Kraefte nicht mehr und nicht weniger wirken kann, als die
Erinnerung eines gluecklichen Beispiels, die Erinnerung einer eignen
gluecklichen Erfahrung auf sie zu wirken imstande ist. Behaupten also, dass
Regeln und Kritik das Genie unterdruecken koennen: heisst mit andern Worten
behaupten, dass Beispiele und Uebung eben dieses vermoegen; heisst, das Genie
nicht allein auf sich selbst, heisst es sogar lediglich auf seinen ersten
Versuch einschraenken.
Ebensowenig wissen diese weise Herren, was sie wollen, wenn sie ueber die
nachteiligen Eindruecke, welche die Kritik auf das geniessende Publikum
mache, so lustig wimmern! Sie moechten uns lieber bereden, dass kein Mensch
einen Schmetterling mehr bunt und schoen findet, seitdem das boese
Vergroesserungsglas erkennen lassen, dass die Farben desselben nur
Staub sind.
"Unser Theater", sagen sie, "ist noch in einem viel zu zarten Alter, als
dass es den monarchischen Szepter der Kritik ertragen koenne.--Es ist fast
noetiger, die Mittel zu zeigen, wie das Ideal erreicht werden kann, als
darzutun, wie weit wir noch von diesem Ideale entfernt sind.--Die Buehne
muss durch Beispiele, nicht durch Regeln reformieret werden.--Raisonnieren
ist leichter als selbst erfinden."
Heisst das, Gedanken in Worte kleiden: oder heisst es nicht vielmehr,
Gedanken zu Worten suchen, und keine erhaschen?--Und wer sind sie denn,
die so viel von Beispielen und vom Selbsterfinden reden? Was fuer
Beispiele haben sie denn gegeben? Was haben sie denn selbst erfunden?
--Schlaue Koepfe! Wenn ihnen Beispiele zu beurteilen vorkommen, so
wuenschen sie lieber Regeln; und wenn sie Regeln beurteilen sollen, so
moechten sie lieber Beispiele haben. Anstatt von einer Kritik zu beweisen,
dass sie falsch ist, beweisen sie, dass sie zu strenge ist; und glauben
vertan zu haben! Anstatt ein Raisonnement zu widerlegen, merken sie an,
dass Erfinden schwerer ist als Raisonnieren; und glauben widerlegt
zu haben!
Wer richtig raisonniert, erfindet auch: und wer erfinden will, muss
raisonnieren koennen. Nur die glauben, dass sich das eine von dem andern
trennen lasse, die zu keinem von beiden aufgelegt sind.
Doch was halte ich mich mit diesen Schwaetzern auf? Ich will meinen Gang
gehen und mich unbekuemmert lassen, was die Grillen am Wege schwirren.
Auch ein Schritt aus dem Wege, um sie zu zertreten, ist schon zu viel.
Ihr Sommer ist so leicht abgewartet!
Also, ohne weitere Einleitung, zu den Anmerkungen, die ich bei
Gelegenheit der ersten Vorstellung der "Brueder" des Herrn Romanus[2]
annoch ueber dieses Stueck versprach!--Die vornehmsten derselben werden die
Veraenderungen betreffen, die er in der Fabel des Terenz machen zu muessen
geglaubet, um sie unsern Sitten naeher zu bringen.
Was soll man ueberhaupt von der Notwendigkeit dieser Veraenderungen sagen?
Wenn wir so wenig Anstoss finden, roemische oder griechische Sitten in der
Tragoedie geschildert zu sehen: warum nicht auch in der Komoedie? Woher die
Regel, wenn es anders eine Regel ist, die Szene der erstern in ein
entferntes Land, unter ein fremdes Volk; die Szene der andern aber in
unsere Heimat zu legen? Woher die Verbindlichkeit, die wir dem Dichter
aufbuerden, in jener die Sitten desjenigen Volkes, unter dem er seine
Handlung vorgehen laesst, so genau als moeglich zu schildern; da wir in
dieser nur unsere eigene Sitten von ihm geschildert zu sehen verlangen?
"Dieses", sagt Pope an einem Orte, "scheinet dem ersten Ansehen nach
blosser Eigensinn, blosse Grille zu sein: es hat aber doch seinen guten
Grund in der Natur. Das Hauptsaechlichste, was wir in der Komoedie suchen,
ist ein getreues Bild des gemeinen Lebens, von dessen Treue wir aber
nicht so leicht versichert sein koennen, wenn wir es in fremde Moden und
Gebraeuche verkleidet finden. In der Tragoedie hingegen ist es die
Handlung, was unsere Aufmerksamkeit am meisten an sich ziehet. Einen
einheimischen Vorfall aber fuer die Buehne bequem zu machen, dazu muss man
sich mit der Handlung groessere Freiheiten nehmen, als eine zu bekannte
Geschichte verstattet."
----Fussnote
[1] "Epit, [Greek: taes synkriseos] Arist. [Greek: kai Menan]",
p. 1588. Ed. Henr. Stephani.
[2] Dreiundsiebzigstes Stueck.
----Fussnote
Siebenundneunzigstes Stueck
Den 5. April 1768
Diese Aufloesung, genau betrachtet, duerfte wohl nicht in allen Stuecken
befriedigend sein. Denn zugegeben, dass fremde Sitten der Absicht der
Komoedie nicht so gut entsprechen, als einheimische: so bleibt noch immer
die Frage, ob die einheimischen Sitten nicht auch zur Absicht der
Tragoedie ein besseres Verhaeltnis haben, als fremde? Diese Frage ist
wenigstens durch die Schwierigkeit, einen einheimischen Vorfall ohne
allzumerkliche und anstoessige Veraenderungen fuer die Buehne bequem zu
machen, nicht beantwortet. Freilich erfodern einheimische Sitten auch
einheimische Vorfaelle: wenn denn aber nur mit jenen die Tragoedie am
leichtesten und gewissesten ihren Zweck erreichte, so muesste es ja doch
wohl besser sein, sich ueber alle Schwierigkeiten, welche sich bei
Behandlung dieser finden, wegzusetzen als in Absicht des Wesentlichsten
zu kurz zu fallen, welches ohnstreitig der Zweck ist. Auch werden nicht
alle einheimische Vorfaelle so merklicher und anstoessiger Veraenderungen
beduerfen; und die deren beduerfen, ist man ja nicht verbunden zu
bearbeiten. Aristoteles hat schon angemerkt, dass es gar wohl
Begebenheiten geben kann und gibt, die sich vollkommen so ereignet haben,
als sie der Dichter braucht. Da dergleichen aber nur selten sind, so hat
er auch schon entschieden, dass sich der Dichter um den wenigern Teil
seiner Zuschauer, der von den wahren Umstaenden vielleicht unterrichtet
ist, lieber nicht bekuemmern, als seiner Pflicht minder Genuege
leisten muesse.
Der Vorteil, den die einheimischen Sitten in der Komoedie haben, beruhet
auf der innigen Bekanntschaft, in der wir mit ihnen stehen. Der Dichter
braucht sie uns nicht erst bekannt zu machen; er ist aller hierzu noetigen
Beschreibungen und Winke ueberhoben; er kann seine Personen sogleich nach
ihren Sitten handeln lassen, ohne uns diese Sitten selbst erst langweilig
zu schildern. Einheimische Sitten also erleichtern ihm die Arbeit und
befoerdern bei dem Zuschauer die Illusion.
Warum sollte nun der tragische Dichter sich dieses wichtigen doppelten
Vorteils begeben? Auch er hat Ursache, sich die Arbeit so viel als
moeglich zu erleichtern, seine Kraefte nicht an Nebenzwecke zu
verschwenden, sondern sie ganz fuer den Hauptzweck zu sparen. Auch ihm
koemmt auf die Illusion des Zuschauers alles an.--Man wird vielleicht
hierauf antworten, dass die Tragoedie der Sitten nicht gross beduerfe; dass
sie ihrer ganz und gar entuebriget sein koenne. Aber sonach braucht sie
auch keine fremde Sitten; und von dem wenigen, was sie von Sitten haben
und zeigen will, wird es doch immer besser sein, wenn es von
einheimischen Sitten hergenommen ist, als von fremden.
Die Griechen wenigstens haben nie andere als ihre eigene Sitten, nicht
bloss in der Komoedie, sondern auch in der Tragoedie, zum Grunde gelegt. Ja
sie haben fremden Voelkern, aus deren Geschichte sie den Stoff ihrer
Tragoedie etwa einmal entlehnten, lieber ihre eigenen griechischen Sitten
leihen, als die Wirkungen der Buehne durch unverstaendliche barbarische
Sitten entkraeften wollen. Auf das Kostuem, welches unsern tragischen
Dichtern so aengstlich empfohlen wird, hielten sie wenig oder nichts. Der
Beweis hiervon koennen vornehmlich die "Perser" des Aeschylus sein: und
die Ursache, warum sie sich so wenig an das Kostuem binden zu duerfen
glaubten, ist aus der Absicht der Tragoedie leicht zu folgern.
Doch ich gerate zu weit in denjenigen Teil des Problems, der mich itzt
gerade am wenigsten angeht. Zwar indem ich behaupte, dass einheimische
Sitten auch in der Tragoedie zutraeglicher sein wuerden, als fremde: so
setze ich schon als unstreitig voraus, dass sie es wenigstens in der
Komoedie sind. Und sind sie das, glaube ich wenigstens, dass sie es sind:
so kann ich auch die Veraenderungen, welche Herr Romanus in Absicht
derselben mit dem Stuecke des Terenz gemacht hat, ueberhaupt nicht anders
als billigen.
Er hatte recht, eine Fabel, in welche so besondere griechische und
roemische Sitten so innig verwebet sind, umzuschaffen. Das Beispiel erhaelt
seine Kraft nur von seiner innern Wahrscheinlichkeit, die jeder Mensch
nach dem beurteilet, was ihm selbst am gewoehnlichsten ist. Alle Anwendung
faellt weg, wo wir uns erst mit Muehe in fremde Umstaende versetzen muessen.
Aber es ist auch keine leichte Sache mit einer solchen Umschaffung. Je
vollkommener die Fabel ist, desto weniger laesst sich der geringste Teil
veraendern, ohne das Ganze zu zerruetten. Und schlimm! wenn man sich sodann
nur mit Flicken begnuegt, ohne im eigentlichen Verstande umzuschaffen.
Das Stueck heisst "Die Brueder", und dieses bei dem Terenz aus einem
doppelten Grunde. Denn nicht allein die beiden Alten, Micio und Demea,
sondern auch die beiden jungen Leute, Aeschinus und Ktesipho, sind
Brueder. Demea ist dieser beider Vater; Micio hat den einen, den
Aeschinus, nur an Sohnes Statt angenommen. Nun begreif' ich nicht, warum
unserm Verfasser diese Adoption missfallen. Ich weiss nicht anders, als dass
die Adoption auch unter uns, auch noch itzt gebraeuchlich und vollkommen
auf dem naemlichen Fuss gebraeuchlich ist, wie sie es bei den Roemern war.
Demohngeachtet ist er davon abgegangen: bei ihm sind nur die zwei Alten
Brueder, und jeder hat einen leiblichen Sohn, den er nach seiner Art
erziehet. Aber desto besser! wird man vielleicht sagen. So sind denn auch
die zwei Alten wirkliche Vaeter; und das Stueck ist wirklich eine Schule
der Vaeter, d.i. solcher, denen die Natur die vaeterliche Pflicht
aufgelegt, nicht solcher, die sie freiwillig zwar uebernommen, die sich
ihrer aber schwerlich weiter unterziehen, als es mit ihrer eignen
Gemaechlichkeit bestehen kann.
Pater esse disce ab illis, qui vere sciunt!
Sehr wohl! Nur schade, dass durch Aufloesung dieses einzigen Knoten,
welcher bei dem Terenz den Aeschinus und Ktesipho unter sich, und beide
mit dem Demea, ihrem Vater, verbindet, die ganze Maschine auseinander
faellt, und aus einem allgemeinen Interesse zwei ganz verschiedene
entstehen, die bloss die Konvenienz des Dichters, und keineswegs ihre
eigene Natur zusammenhaelt!
Denn ist Aeschinus nicht bloss der angenommene, sondern der leibliche Sohn
des Micio, was hat Demea sich viel um ihn zu bekuemmern? Der Sohn eines
Bruders geht mich so nahe nicht an, als mein eigener. Wenn ich finde, dass
jemand meinen eigenen Sohn verziehet, geschaehe es auch in der besten
Absicht von der Welt, so habe ich recht, diesem gutherzigen Verfuehrer mit
aller der Heftigkeit zu begegnen, mit welcher, beim Terenz, Demea dem
Micio begegnet. Aber wenn es nicht mein Sohn ist, wenn es der eigene Sohn
des Verziehers ist, was kann ich mehr, was darf ich mehr, als dass ich
diesen Verzieher warne, und wenn er mein Bruder ist, ihn oefters und
ernstlich warne? Unser Verfasser setzt den Demea aus dem Verhaeltnisse, in
welchem er bei dem Terenz stehet, aber er laesst ihm die naemliche
Ungestuemheit, zu welcher ihn doch nur jenes Verhaeltnis berechtigen
konnte. Ja bei ihm schimpfet und tobet Demea noch weit aerger, als bei dem
Terenz. Er will aus der Haut fahren, "dass er an seines Bruders Kinde
Schimpf und Schande erleben muss". Wenn ihm nun aber dieser antwortete:
"Du bist nicht klug, mein lieber Bruder, wenn du glaubest, du koenntest an
meinem Kinde Schimpf und Schande erleben. Wenn mein Sohn ein Bube ist und
bleibt, so wird, wie das Unglueck, also auch der Schimpf nur meine sein.
Du magst es mit deinem Eifer wohl gut meinen; aber er geht zu weit; er
beleidiget mich. Falls du mich nur immer so aergern wil1st, so komm mir
lieber nicht ueber die Schwelle! usw." Wenn Micio, sage ich, dieses
antwortete: nicht wahr, so waere die Komoedie auf einmal aus? Oder koennte
Micio etwa nicht so antworten? Ja, muesste er wohl eigentlich nicht so
antworten?