Die natuerliche Tochter - Johann Wolfgang von Goethe
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Die natuerliche Tochter
Trauerspiel
Johann Wolfgang von Goethe
Personen
Koenig.
Herzog.
Graf.
Eugenie.
Hofmeisterin.
Sekretaer.
Weltgeistlicher.
Gerichtsrat.
Gouverneur.
Aebtissin.
Moench.
Erster Aufzug
(Dichter Wald.)
Erster Auftritt
Koenig. Herzog.
Koenig.
Das fluecht'ge Ziel, das Hunde, Ross und Mann,
Auf seine Faehrte bannend, nach sich reisst,
Der edle Hirsch, hat ueber Berg und Tal
So weit uns irr' gefuehrt, dass ich mich selbst,
Obgleich so landeskundig, hier nicht finde.
Wo sind wir, Oheim? Herzog, sage mir,
Zu welchen Huegeln schweiften wir heran?
Herzog.
Der Bach, der uns umrauscht, mein Koenig, fliesst
Durch deines Dieners Fluren, die er deiner
Und einer Ahnherrn koeniglicher Gnade,
Als erster Lehnsmann deines Reiches, dankt.
An jenes Felsens andrer Seite liegt
Am gruenen Hang ein artig Haus versteckt,
Dich zu bewirten keineswegs gebaut;
Allein bereit, dich huld'gend zu empfangen.
Koenig.
Lass dieser Baeume hochgewoelbtes Dach
Zum Augenblick des Rastens freundlich schatten.
Lass dieser Luefte liebliches Geweb'
Uns leis umstricken, dass an Sturm und Streben
Der Jagdlust auch der Ruhe Zeit sich fuege.
Herzog.
Wie du auf einmal voellig abgeschieden
Hier hinter diesem Bollwerk der Natur,
Mein Koenig, dich empfindest, fuehl' ich mit.
Hier draenget sich der Unzufriednen Stimme,
Der Unverschaemten offne Hand nicht nach.
Freiwillig einsam merkest du nicht auf,
Ob Undankbare schleichend sich entfernen.
Die ungestueme Welt reicht nicht hierher,
Die immer fordert, nimmer leisten will.
Koenig.
Soll ich vergessen, was mich sonst bedraengt,
So muss kein Wort erinnernd mich beruehren.
Entfernten Weltgetoeses Widerhall
Verklinge nach und nach aus meinem Ohr.
Ja, lieber Oheim, wende dein Gespraech
Auf Gegenstaende diesem Ort gemaesser.
Hier sollen Gatten aneinander wandeln,
Ihr Stufenglueck in wohlgeratnen Kindern
Entzueckt betrachten; hier ein Freund dem Freunde,
Verschlossnen Busen traulich oeffnend, nahn.
Und gabst du nicht erst neulich stille Winke,
Du hofftest mir in ruh'gen Augenblicken
Verborgenes Verhaeltnis zu bekennen,
Drangvoller Wuensche holden Inbegriff,
Erfuellung hoffend, heiter zu gestehn?
Herzog.
Mit groessrer Gnade konntest du mich nicht,
O Herr, begluecken, als indem du mir
In diesem Augenblick die Zunge loesest.
Was ich zu sagen habe, koennt' es wohl
Ein andrer besser hoeren als mein Koenig,
Dem unter allen Schaetzen seine Kinder
Am herrlichsten entgegenleuchten, der
Vollkommner Vaterfreuden Hochgenuss
Mit seinem Knechte herzlich teilen wird?
Koenig.
Du sprichst von Vaterfreuden! Hast du je
Sie denn gefuehlt? Verkuemmerte dir nicht
Dein einz'ger Sohn durch rohes, wildes Wesen,
Verworrenheit, Verschwendung, starren Trutz
Dein reiches Leben, dein erwuenschtes Alter?
Veraendert er auf einmal die Natur?
Herzog.
Von ihm erwart' ich keine frohen Tage!
Sein trueber Sinn erzeugt nur Wolken, die,
Ach, meinen Horizont so oft verfinstern.
Ein anderes Gestirn, ein andres Licht
Erheitert mich. Und wie in dunklen Grueften,
Das Maerchen sagt's, Karfunkelsteine leuchten,
Mit herrlich mildem Schein der oeden Nacht
Geheimnisvolle Schauer hold beleben,
So ward auch mir ein Wundergut beschert,
Mir Gluecklichem! Das ich mit Sorgfalt, mehr
Als den Besitz ererbt errungner Gueter,
Als meiner Augen, meines Lebens Licht,
Mit Freud' und Furcht, mit Lust und Sorge pflege.
Koenig.
Sprich vom Geheimnis nicht geheimnisvoll.
Herzog.
Wer spraeche vor der Majestaet getrost
Von seinen Fehlern, wenn sie nicht allein
Den Fehl in Recht und Glueck verwandeln koennte.
Koenig.
Der wonnevoll geheim verwahrte Schatz?
Herzog.
Ist eine Tochter.
Koenig.
Eine Tochter? Wie?
Und suchte, Fabelgoettern gleich, mein Oheim,
Zum niedern Kreis verstohlen hingewandt,
Sich Liebesglueck und vaeterlich Entzuecken?
Herzog.
Das Grosse wie das Niedre noetigt uns,
Geheimnisvoll zu handeln und zu wirken.
Nur allzu hoch stand jene heimlich mir
Durch wundersam Geschick verbundne Frau,
Um welche noch dien Hof in Trauer wandelt
Und meiner Brust geheime Schmerzen teilt.
Koenig.
Die Fuerstin? Die verehrte, nah verwandte,
Nur erst verstorbne?
Herzog.
War die Mutter! Lass,
O lass mich nur von diesem Kinde reden,
Das, seiner Eltern wert und immer werter,
Mit edlem Sinne sich des Lebens freut.
Begraben sei das uebrige mit ihr,
Der hoch begabten, hoch gesinnten Frauen.
Ihr Tod eroeffnet mir den Mund, ich darf
vor meinem Koenig meine Tochter nennen,
Ich darf ihn bitten, sie zu mir herauf,
Zu sich herauf zu heben, ihr das Recht
Der fuerstlichen Geburt vor seinem Hofe,
Vor seinem Reiche, vor der ganzen Welt
Aus seiner Gnadenfuelle zu bewaehren.
Koenig.
Vereint in sich die Nichte, die du mir,
So ganz erwachsen, zuzufuehren denkst,
Des Vaters und der Mutter Tugenden:
So muss der Hof, das koenigliche Haus,
Indem uns ein Gestirn entzogen wird,
Den Aufgang eines neuen Sterns bewundern.
Herzog.
O kenne sie, eh' du zu ihrem Vorteil
Dich ganz entscheidest. Lass ein Vaterwort
Dich nicht bestechen! Manches hat Natur
Fuer sie getan, das ich entzueckt betrachte,
Und alles, was in meinem Kreise webt,
Hab' ich um ihre Kindheit hergelagert.
Schon ihren ersten Weg geleiteten
Ein ausgebildet Weib, ein weiser Mann.
Mit welcher Leichtigkeit, mit welchem Sinn
Erfreut sie sich des Gegenwaertigen,
Indes ihr Phantasie das kuenft'ge Glueck
Mit schmeichelhaften Dichterfarben malt.
An ihrem Vater haengt ihr frommes Herz,
Und wenn ihr Geist den Lehren edler Maenner,
Sich stufenweis entwickelnd, friedlich horcht:
So mangelt Uebung ritterlicher Tugend
Dem wohl gebauten, festen Koerper nicht.
Du selbst, mein Koenig, hast sie unbekannt
Im wilden drang der Jagd um dich gesehn.
Ja, heute noch! Die Amazonentochter,
Die in den Fluss dem Hirsche sich zuerst
Auf raschem Pferde fluechtig nachgestuerzt.
Koenig.
Wir sorgten alle fuer das edle Kind!
Ich freue mich, sie mir verwandt zu hoeren.
Herzog.
Und nicht zum ersten Mal empfand ich heute,
Wie Stolz und Sorge, Vaterglueck und Angst
Zu uebermenschlichem Gefuehl sich mischen.
Koenig.
Gewaltsam und behaende riss das Pferd
Sich und die Reiterin auf jenes Ufer,
In dicht bewachsner Huegel Dunkelheit.
Und so verschwand sie mir.
Herzog.
Noch einmal hat
Mein Auge sie gesehen, eh' ich sie
Im Labyrinth der hast'gen Jagd verlor.
Wer weiss, welch ferne Gegend sie durchstreift,
Verdrossnen Muts, am Ziel sich nicht zu finden,
Wo, ihrem angebeteten Monarchen sich
In ehrerbietiger Entfernung anzunaehern,
Allein ihr jetzt erlaubt ist, bis er sie
Als Bluete seines hoch bejahrten Stammes
Mit koeniglicher Huld zu gruessen wuerdigt.
Koenig.
Welch ein Getuemmel seh' ich dort entstehn?
Welch einen Zulauf nach den Felsenwaenden?
(Er winkt nach der Szene.)
Zweiter Auftritt
Die Vorigen. Graf.
Koenig.
Warum versammelt sich die Menge dort?
Graf.
Die kuehne Reiterin ist eben jetzt
Von jener Felsenwand herabgestuerzt.
Herzog.
Gott!
Koenig.
Ist sie sehr beschaedigt?
Graf.
Eilig hat
Man deinen Wundarzt, Herr, dahin gerufen.
Herzog.
Was zaudr' ich? Ist sie tot, so bleibt mir nichts,
Was mich im Leben laenger halten kann.
Dritter Auftritt
Koenig. Graf.
Koenig.
Kennst du den Anlass der Begebenheit?
Graf.
Vor meinen Augen hat sie sich ereignet.
Ein starker Trupp von Reitern, welcher sich
Durch Zufall von der Jagd getrennt gesehn,
Gefuehrt von dieser Schoenen, zeigte sich
Auf jener Klippen Wald bewachsner Hoehe.
Sie hoeren, sehen unten in dem Tal
Den Jagdgebrauch vollendet, sehn den Hirsch
Als Beute liegen seiner klaeffenden
Verfolger. Schnell zerstreuet sich die Schar,
Und jeder sucht sich einzeln seinen Pfad,
Hier oder dort, mehr oder weniger
Durch einen Umweg. Sie allein besinnt
Sich keinen Augenblick und noetiget
Ihr Pferd von Klipp' zu Klippe grad' herein.
Des Frevels Glueck betrachten wir erstaunt;
Denn ihr gelingt es eine Weile, doch
Am untern stielen Abhang gehen dem Pferde
Die letzten, schmalen Klippenstufen aus,
Es stuerzt herunter, sie mit ihm. So viel
Konnt' ich bemerken, eh' der Menge Drang
Sie mir verdeckte. Doch ich hoerte bald
Nach deinem Arzte rufen. So erschein' ich nun
Auf deinen Wink, den Vorfall zu berichten.
Koenig.
O moege sie ihm bleiben! Fuerchterlich
Ist einer, der nichts zu verlieren hat.
Graf.
So hat ihm dieser Schrecken das Geheimnis
Auf einmal abgezwungen, das er sonst
Mit so viel Klugheit zu verbergen strebte?
Koenig.
Er hatte schon sich voellig mir vertraut.
Graf.
Die Lippen oeffnet ihm der Fuerstin Tod,
Nun zu bekennen, was fuer Hof und Stadt
Ein offenbar Geheimnis lange war.
Es ist ein eigner, grillenhafter Zug,
Dass wir durch Schweigen das Geschehene
Fuer uns und andre zu vernichten glauben.
Koenig.
O lass dem Menschen diesen edlen Stolz!
Gar vieles kann, gar vieles muss geschehn,
Was man mit Worten nicht bekennen darf.
Graf.
Man bringt sie, fuercht' ich, ohne Leben her!
Koenig.
Welch unerwartet schreckliches Ereignis!
Vierter Auftritt
Die Vorigen. Eugenie, auf zusammen geflochtenen Aesten fuer tot
herein getragen. Herzog. Wundarzt. Gefolge.
Herzog (zum Wundarzt).
Wenn deine Kunst nur irgend was vermag,
Erfahrner Mann, dem unsres Koenigs Leben,
Das unschaetzbare Gut, vertraut ist, lass
Ihr helles Auge sich noch einmal oeffnen,
Dass Hoffnung mir in diesem Blick erscheine!
Dass aus der Tiefe meines Jammers ich
Nur Augenblicke noch gerettet werde!
Vermagst du dann nichts weiter, kannst du sie
Nur wenige Minuten mir erhalten:
So lasst mich eilen, vor ihr hinzusterben,
Dass ich im Augenblick des Todes noch
Getroestet rufe: Meine Tochter lebt!
Koenig.
Entferne dich, mein Oheim! Dass ich hier
Die Vaterpflichten treulich uebernehme.
Nichts unversucht laesst dieser wackre Mann.
Gewissenhaft, als laeg' ich selber hier,
Wird er um deine Tochter sich bemuehen.
Herzog.
Sie regt sich!
Koenig.
Ist es wahr?
Graf.
Sie regt sich!
Herzog.
Starr
Blickt sie zum Himmel, blickt verirrt umher.
Sie lebt! Sie lebt!
Koenig (ein wenig zuruecktretend).
Verdoppelt eure Sorge!
Herzog.
Sie lebt! Sie lebt! Sie hat dem Tage wieder
Ihr Aug' eroeffnet. Ja! Sie wird nun bald
Auch ihren Vater, ihre Freunde kennen.
Nicht so umher, mein liebes Kind, verschwende
Die Blicke staunend, ungewiss; auf mich,
Auf deinen Vater wende sie zuerst.
Erkenne mich, lass meine Stimme dir
Zuerst das Ohr beruehren, da du uns
Aus jener stummen Nacht zurueckekehrst.
Eugenie (die indes nach und nach zu sich gekommen ist und sich
aufgerichtet hat).
Was ist aus uns geworden?
Herzog.
Kenne mich
Nur erst!--Erkennst du mich?
Eugenie.
Mein Vater!
Herzog.
Ja!
Dein Vater, den mit diesen holden Toenen
Du aus den Armen der Verzweiflung rettest.
Eugenie.
Wer bracht' uns unter diese Baeume?
Herzog (dem der Wundarzt ein weisses Tuch gegeben).
Bleib
Gelassen, meine Tochter! Diese Staerkung,
Nimm sie mit Ruhe, mit Vertrauen an!
Eugenie (Sie nimmt dem Vater das Tuch ab, das er ihr vorgehalten,
und verbirgt ihr Gesicht darin. Dann steht sie schnell auf, indem
sie das Tuch vom Gesicht nimmt).
Da bin ich wieder!--Ja, nun weiss ich alles.
Dort oben hielt ich, dort vermass ich mich
Herab zu reiten, grad' herab. Verzeih!
Nicht wahr, ich bin gestuerzt? Vergibst du mir's?
Fuer tot hob man mich auf? Mein guter Vater!
Und wirst du die Verwegne lieben koennen,
Die solche bittre Schmerzen dir gebracht?
Herzog.
Zu wissen glaubt' ich, welch ein edler Schatz
In dir, o Tochter, mir beschieden ist;
Nun steigert mir gefuerchteter Verlust
Des Gluecks Empfindung ins Unendliche.
Koenig (der sich bisher im Grunde mit dem Wundarzt und dem Grafen
unterhalten, zu dem letzten).
Entferne jedermann! Ich will sie sprechen.
Fuenfter Auftritt
Koenig. Herzog. Eugenie.
Koenig (naeher tretend).
Hat sich die wackre Reiterin erholt?
Hast sie sich nicht beschaedigt?
Herzog.
Nein, mein Koenig!
Und was noch uebrig ist von Schreck und Weh,
Nimmst du, o Herr, durch deinen milden Blick,
Durch deiner Worte sanften Ton hinweg.
Koenig.
Und wem gehoert es an, das liebe Kind?
Herzog (nach einer Pause).
Da du mich fragst, so darf ich dir bekennen;
Da du gebietest, darf ich sie vor dich
Als meine Tochter stellen.
Koenig.
Deine Tochter?
So hat fuer dich das Glueck, mein lieber Oheim,
Unendlich mehr als das Gesetz getan.
Eugenie.
Wohl muss ich fragen, ob ich wirklich denn
Aus jener toedlichen Betaeubung mich
Ins Leben wieder aufgerafft? Und ob,
Was mir begegnet, nicht ein Traumbild sei?
Mein Vater nennt vor seinem Koenige
Mich seine Tochter. O, so bin ich's auch!
Der Oheim eines Koeniges bekennt
Mich fuer sein Kind, so bin ich denn die Nichte
Des grossen Koenigs. O verzeihe mir
Die Majestaet! Wenn aus geheimnisvollem,
Verborgnem Zustand ich, ans Licht auf einmal
Hervor gerissen und geblendet, mich,
Unsicher, schwankend, nicht zu fassen weiss.
(Sie wirft sich vor dem Koenig nieder.)
Koenig.
Mag diese Stellung die Ergebenheit
In dein Geschick von Jugend auf bezeichnen,
Die Demut, deren unbequeme Pflicht
Du, deiner hoeheren Geburt bewusst,
So manches Jahr im Stillen ausgeuebt!
Doch sei auch nun, wenn ich von meinen Fuessen
Zu meinem Herzen dich herauf gehoben,
(Er hebt sie auf und drueckt sie sanft an sich.)
Wenn ich des Oheims heil'gen Vaterkuss
Auf dieser Stirne schoenen Raum gedrueckt,
So sei dies auch ein Zeichen, sei ein Siegel,
Dich, die Verwandte, hab' ich anerkannt
Und werde bald, was hier geheim geschah,
Vor meines Hofes Augen wiederholen.
Herzog.
So grosse Gabe fordert ungeteilten
Und unbegrenzten Dank des ganzen Lebens.
Eugenie.
Von edlen Maennern hab' ich viel gelernt,
Auch manches lehrte mich mein eigen Herz;
Doch meinen Koenig anzureden, bin
Ich nicht entfernterweise vorbereitet.
Doch wenn ich schon das ganz Gehoerige
Dir nicht zu sagen weiss, so moecht' ich doch
Vor dir, o Herr, nicht ungeschickt verstummen.
Was fehlte dir? Was waere dir zu bringen?
Die Fuelle selber, die zu dir sich draengt,
Fliesst nur fuer andere stroemend wieder fort.
Hier stehen Tausende, dich zu beschuetzen,
Hier wirken Tausende nach deinem Wink;
Und wenn der einzelne dir Herz und Geist
Und Arm und Leben froehlich opfern wollte;
In solcher grossen Menge zaehlt er nicht,
Er muss vor dir und vor sich selbst verschwinden.
Koenig.
Wenn dir die Menge, gutes, edles Kind,
Bedeutend scheinen mag, so tadl' ich's nicht;
Sie ist bedeutend, mehr noch aber sind's
Die wenigen, geschaffen, dieser Menge
Durch Wirken, Bilden, Herrschen vorzustehn.
Berief hierzu den Koenig die Geburt,
So sind ihm seine naechsten Anverwandten
Geborne Raete, die, mit ihm vereint,
Das Reich beschuetzen und begluecken sollten.
O traete doch in diese Regionen,
Zum Rate dieser hohen Waechter nie
Vermummte Zwietracht, leise wirkend, ein!
Dir, edle Nichte, geb' ich einen Vater
Durch allgewalt'gen koeniglichen Spruch;
Erhalte mir nun auch, gewinne mir
Des nah verwandten Mannes Herz und Stimme!
Gar viele Widersacher hat ein Fuerst,
O lass ihn jene Seite nicht verstaerken!
Herzog.
Mit welchem Vorwurf kraenkest du mein Herz!
Eugenie.
Wie unverstaendlich sind mir diese Worte!
Koenig.
O lerne sie nicht allzu frueh verstehn!
Dir Pforten unsres koeniglichen Hauses
Eroeffn' ich dir mit eigner Hand; ich fuehre
Auf glatten Marmorboden dich hinein.
Noch staunst du dich, noch staunst du alles an,
Und in den innern Tiefen ahnest du
Nur sichre Wuerde mit Zufriedenheit.
Du wirst es anders finden! Ja, du bist
In eine Zeit gekommen, wo dein Koenig
Dich nicht zum heitren, frohen Feste ruft,
Wenn er den Tag, der ihm das Leben gab,
In kurzem feiern wird; doch soll der Tag
Um deinetwillen mir willkommen sein;
Dort werd' ich dich im offnen Kreise sehn,
Und aller Augen werden auf dir haften.
Die schoenste Zierde gab dir die Natur;
Und dass der Schmuck der Fuerstin wuerdig sei,
Die Sorge lass dem Vater, lass dem Koenig.
Eugenie.
Der freud'gen Ueberraschung lauter Schrei,
Bedeutender Gebaerde dringend Streben,
Vermoechten sie die Wonne zu bezeugen,
Die du dem Herzen schaffend aufgeregt?
Zu deinen Fuessen, Herr, lass mich verstummen.
(Sie will knien.)
Koenig (haelt sie ab).
Du sollst nicht knien.
Eugenie.
Lass, o lass mich hier
Der voelligsten Ergebung Glueck geniessen.
Wenn wir in raschen, mutigen Momenten
Auf unsern Fuessen stehen, strack und kuehn,
Als eigner Stuetze froh uns selbst vertraun,
Dann scheint uns Welt und Himmel zu gehoeren.
Doch was in Augenblicken der Entzueckung
Die Knie beugt, ist auch ein suess Gefuehl.
Und was wir unserm Vater, Koenig, Gott
Von Wonnedank, von ungemessner Liebe
Zum reinsten Opfer bringen moechten, drueckt
In dieser Stellung sich am besten aus.
(Sie faellt vor ihm nieder.)
Herzog (kniet).
Erneute Huldigung gestatte mir.
Eugenie.
Zu ewigen Vasallen nimm uns an.
Koenig.
Erhebt euch denn und stellt euch neben mich,
Ins Chor der Treuen, die an meiner Seite
Das Rechte, das Bestaendige beschuetzen.
O diese Zeit hat fuerchterliche Zeichen:
Das Niedre schwillt, das Hohe senkt sich nieder,
Als koennte jeder nur am Platz des andern
Befriedigung verworrner Wuensche finden,
Nur dann sich gluecklich fuehlen, wenn nichts mehr
Zu unterscheiden waere, wenn wir alle,
Von einem Strom vermischt dahin gerissen,
Im Ozean uns unbemerkt verloeren.
O lasst uns widerstehen, lasst uns tapfer,
Was uns und unser Volk erhalten kann,
Mit doppelt neu vereinter Kraft erhalten!
Lasst endlich uns den alten Zwist vergessen,
Der Grosse gegen Grosse reizt, von innen
Das Schiff durchbohrt, das, gegen aeussre Wellen
Geschlossen kaempfend, nur sich halten kann.
Eugenie.
Welch frisch wohltaet'ger Glanz umleuchtet mich
Und regt mich auf, anstatt mich zu verblenden!
Wie! Unser Koenig achtet uns so sehr,
Um zu gestehen, dass er uns bedarf;
Wir sind ihm nicht Verwandte nur, wir sind
Durch sein Vertraun zum hoechsten Platz erhoben.
Und wenn die Edlen seines Koenigreichs
Um ihn sich draengen, seine Brust zu schuetzen,
So fordert er uns auf zu groesserem Dienst.
Die Herzen dem Regenten zu erhalten,
Ist jedes Wohlgesinnten hoechste Pflicht;
Denn, wo er wankt, wankt das gemeine Wesen,
Und wenn er faellt, mit ihm stuerzt alles hin.
Die Jugend, sagt man, bilde sich zu viel
Auf ihre Kraft, auf ihren Willen ein;
Doch dieser Wille, diese Kraft, auf ewig,
Was sie vermoegen, dir gehoert es an.
Herzog.
Des Kindes Zuversicht, erhabner Fuerst,
Weisst du zu schaetzen, weisst du zu verzeihen.
Und wenn der Vater, der erfahrne Mann,
Die Gabe dieses Tags, die naechste Hoffnung
In ihrem ganzen Werte fuehlt und waegt,
So bist du seines vollen Danks gewiss.
Koenig.
Wir wollen bald einander wieder sehn,
An jenem Fest, wo sich die treuen Meinen
Der Stunde freun, die mir das Licht gegeben.
Dich geb' ich, edles Kind, an diesem Tage
Der grossen Welt, dem Hofe, deinem Vater
Und mir. Am Throne glaenze dein Geschick.
Doch bis dahin verlang' ich von euch beiden
Verschwiegenheit. Was unter uns geschehn,
Erfahre niemand. Missgunst lauert auf,
Schnell regt sie Wog' auf Woge, Sturm auf Sturm;
Das Fahrzeug treibt an jaehe Klippen hin,
Wo selbst der Steurer nicht zu retten weiss.
Geheimnis nur verbuerget unsre Taten;
Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein;
Der Zufall spielt mit deinem Willen schon;
Selbst wer gebieten kann, muss ueberraschen.
Ja, mit dem besten Willen leisten wir
So wenig, weil uns tausend Willen kreuzen.
O waere mir zu meinen reinen Wuenschen
Auch volle Kraft auf kurze Zeit gegeben;
Bis an den letzten Herd im Koenigreich
Empfaende man des Vaters warme Sorge.
Begnuegte sollten unter niedrem Dach,
Begnuegte sollten im Palaste wohnen.
Und haett' ich einmal ihres Gluecks genossen,
Entsagt' ich gern dem Throne, gern der Welt.
Sechster Auftritt
Herzog. Eugenie.
Eugenie.
O welch ein selig jubelvoller Tag!
Herzog.
O moecht' ich Tag' auf Tage so erleben!
Eugenie.
Wie goettlich hat der Koenig uns beglueckt.
Herzog.
Geniesse rein so ungehoffte Gaben.
Eugenie.
Er scheint nicht gluecklich, ach! Und ist so gut.
Herzog.
Die Guete selbst erregt oft Widerstand.
Eugenie.
Wer ist so hart, sich ihm zu widersetzen?
Herzog.
Der Heil des Ganzen von der Strenge hofft.
Eugenie.
Des Koenigs Milde sollte Milde zeugen.
Herzog.
Des Koenigs Milde zeugt Verwegenheit.
Eugenie.
Wie edel hat ihn die Natur gebildet.
Herzog.
Doch auf zu hohen Platz hinaufgestellt.
Eugenie.
Und ihn mit so viel Tugend ausgestattet.
Herzog.
Zur Haeuslichkeit, zum Regimente nicht.
Eugenie.
Von altem Heldenstamme gruent er auf.
Herzog.
Die Kraft entgeht vielleicht dem spaeten Zweige.
Eugenie.
Die Schwaeche zu vertreten, sind wir da.
Herzog.
Sobald er unsre Staerke nicht verkennt.
Eugenie (nachdenklich).
Mich leiten seine Reden zum Verdacht.
Herzog.
Was sinnest du? Enthuelle mir dein Herz.
Eugenie (nach einer Pause).
Auch du bist unter denen, die er fuerchtet.
Herzog.
Er fuerchte jene, die zu fuerchten sind.
Eugenie.
Und sollten ihm geheime Feinde drohen?
Herzog.
Wer die Gefahr verheimlicht, ist ein Feind.
Wo sind wir hingeraten! Meine Tochter!
Wie hat der sonderbarste Zufall uns
Auf einmal weggerissen nach dem Ziel.
Unvorbereitet red' ich, uebereilt
Verwirr' ich dich, anstatt dich aufzuklaeren.
So musste dir der Jugend heitres Glueck
Beim ersten Eintritt in die Welt verschwinden.
Du konntest nicht in suesser Trunkenheit
Der blendenden Befriedigung geniessen.
Das Ziel erreichst du; doch des falschen Kranzes
Verborgne Dornen ritzen deine Hand.
Geliebtes Kind! So sollt' es nicht geschehn!
Erst nach und nach, so hofft' ich, wuerdest du
Dich aus Beschraenkung an die Welt gewoehnen,
Erst nach und nach den liebsten Hoffnungen
Entsagen lernen, manchem holden Wunsch.
Und nun auf einmal, wie der jaehe Sturz
Dir vorbedeutet, bist du in den Kreis
Der Sorgen, der Gefahr herabgestuerzt.
Misstrauen atmet man in dieser Luft,
Der Neid verhetzt ein fieberhaftes Blut
Und uebergibt dem Kummer seine Kranken.
Ach, soll ich nun nicht mehr ins Paradies,
Das dich umgab, am Abend wieder kehren,
Zu deiner Unschuld heil'gen Vorgefuehl
Mich von der Welt gedraengter Posse retten!
Du wirst fortan, mit mir ins Netz verstrickt,
Gelaehmt, verworren, dich und mich betrauern.
Eugenie.
Nicht so, mein Vater! Konnt' ich schon bisher,
Untaetig, abgesondert, eingeschlossen,
Ein kindlich Nichts, die reinste Wonne dir,
Schon in des Daseins Unbedeutenheit
Erholung, Trost und Lebenslust gewaehren:
Wie soll die Tochter erst, in dein Geschick
Verflochten, im Gewebe deines Lebens
Als heitrer bunter Faden kuenftig glaenzen!
Ich nehme teil an jeder edlen Tat,
An jeder grossen Handlung, die den Vater
Dem Koenig und dem Reiche werter macht.
Mein frischer Sinn, die jugendliche Lust,
Die mich belebt, sie teilen dir sich mit,
Verscheuchen jene Traeume, die der Welt
Unueberwindlich ungeheure Last
Auf eine Menschenbrust zerknirschend waelzen.
Wenn ich dir sonst in trueben Augenblicken
Ohnmaecht'gen guten Willen, arme Liebe,
Dir leere Taendeleien kindlich bot;
Nun hoff' ich, eingeweiht in deine Plaene,
Bekannt mit deinen Wuenschen, mir das Recht
Vollbuert'ger Kindschaft ruehmlich zu erwerben.
Herzog.
Was du bei diesem wicht'gen Schritt verlierst,
Erscheint dir ohne Wert und ohne Wuerde;
Was du erwartest, schaetzest du zu sehr.
Eugenie.
Mit hoch erhabnen, hoch beglueckten Maennern
Gewalt'ges Ansehn, wuerd'gen Einfluss teilen,
Fuer edle Seelen reizender Gewinn!
Herzog.
Gewiss! Vergib, wenn du in dieser Stunde
Mich schwaecher findest, als dem Manne ziemt.
Wir tauschten sonderbar die Pflichten um:
Ich soll dich leiten, und du leitest mich.
Eugenie.
Wohl denn, mein Vater, tritt mit mir herauf
In diese Regionen, wo mir eben
Die neue, heitre Sonne sich erhebt!
In diesen muntren Stunden laechle nur,
Wenn ich den Inbegriff von meinen Sorgen
Dir auch eroeffne.
Herzog.
Sage, was es ist.
Eugenie.
Der wichtigen Momente gibt's im Leben
Gar manche, die mit Freude, die mit Trauer
Des Menschen Herz bestuermen. Wenn der Mann
Sein Aeusseres in solchem Fall vergisst,
Nachlaessig oft sich vor die Menge stellt,
So wuenscht ein Weib noch, jedem zu gefallen,
Durch ausgesuchte Tracht, vollkommnen Schmuck
Beneidenswert vor andern zu erscheinen.
Das hab' ich oft gehoert und oft bemerkt,
Und nun empfind' ich im bedeutendsten
Momente meines Lebens, dass auch ich
Der maedchenhaften Schwachheit schuldig bin.
Herzog.
Was kannst du wuenschen, das du nicht erlangst?
Eugenie.
Du bist geneigt, mir alles zu gewaehren,
Ich weiss es. Doch der grosse Tag ist nah,
Zu nah, um alles wuerdig zu bereiten;
Und was von Stoffen, Stickerei und Spitzen,
Was von Juwelen mich umgeben soll,
Wie kann's geschafft, wie kann's vollendet werden?
Herzog.
Uns ueberrascht laengst gewuenschtes Glueck;
Doch vorbereitet koennen wir's empfangen.
Was du bedarfst, ist alles angeschafft,
Und heute noch, verwahrt im edlen Schrein,
Erhaeltst du Gaben, die du nicht erwartet.
Doch leichte Pruefung leg' ich dir dabei
Zum Vorbild mancher kuenftig schweren auf.
Hier ist der Schluessel! Den verwahre wohl!
Bezaehme deine Neugier! Oeffne nicht,
Eh' ich dich wieder sehe, jenen Schatz.
Vertraue niemand, sei es, wer es sei.
Die Klugheit raet's, der Koenig selbst gebeut's.