Reise durch England und Schottland - Johanna Schopenhauer
Reise durch England und Schottland
Johanna Schopenhauer
ENGLAND
VORLAeUFIGE BEMERKUNGEN UeBER ENGLAND
Es ist eigentlich recht erfreulich, in diesem Lande zu reisen.
Die schoensten Landschaftsgemaelden aehnlichen Parks, die Gaerten,
die zweckmaessige Einrichtung der Haeuser, der raffinierte Luxus,
die Nettigkeit der Ordnung ueberall, die selbst in dem unbedeutendsten
Hausgeraete sich zeigende Eleganz und Bequemlichkeit, machen
Einen frohen Eindruck auf den Besuchenden. Man wuenscht sich alle
diese Dinge nicht, weil man ihrer nicht gewohnt ist, oft nicht
einmal ihren Gebrauch kennt; aber man bekommt ein Gefuehl von heiterem
Lebensgenusse. Nur den Wunsch, sich der Kunstwerke recht zu erfreuen,
sie zu studieren, vielleicht etwas zu kopieren, muss man nicht
aufkommen lassen; denn seine Erfuellung ist in diesem Lande mit
so vielen Schwierigkeiten umgeben, dass sie fast undenkbar wird.
Von den Schoenheiten des Landes und der Wege, von den bequemen
Gasthoefen, die man auch in den abgelegensten Gegenden findet und
in welchen man nur einen wohlgefuellten Beutel braucht, um gleich
so gut und vielleicht besser als zu Hause zu sein, von der trefflichen
Einrichtung des Postwesens ist ueberall viel gesagt und geschrieben,
und dennoch nicht zu viel, um dieses in seiner Art vollkommenste
Ganze gehoerig zu loben.
Fuer jetzt wollen wir uns aber darauf beschraenken, eine allgemeine
Idee eines englischen grossen Landhauses mit seinen Umgebungen
aufzustellen und alsdann versuchen zu beschreiben, was wir auf
einer Reise von London durch das noerdliche England nach Schottland
zu sehen Gelegenheit hatten.
Ein englischer Park ist von dem, was man sich in Deutschland unter
diesem Namen denkt, merklich verschieden. Er umfasst die das Wohnhaus
oder Schloss zunaechst umgebenden, eigentlich zu demselben gehoerigen
Laendereien und ist gewoehnlich von ziemlichen Umfange. Aecker und Wiesen,
mit lebendigen Hecken zierlich eingefasst, durchschnitten von
wohlgehaltenen Kieswegen zum Gehen und Fahren, liegen in seinem Bezirk,
sowie auch einzelne Wirtschaftsgebaeude von gefaelliger, aber doch
ihre Bestimmung andeutender Form. Ueberall hat man nach malerischen
Effekten gestrebt, und die sanften Anhoehen und Vertiefungen dieses
Landes erleichtern dieses Streben; aber immer ist das Nuetzliche
mit dem Schoenen vereint.
Der hoechste Schmuck dieses Parks sind die ueppige Vegetation der
wohlbestellten Aecker, die unvergleichlich schoenen gruenen Wiesen und
die praechtigen Baeume, groesstenteils Eichen und Buchen, welche ueberall
in Gruppen verteilt stehen. In England haben die Baeume das Eigne,
dass sie mehr als in anderen Laendern gleich von der Wurzel an ausschlagen
und kleinere Zweige treiben. Enge, durch dichte Schatten und Gebuesche
sich hinschlaengelnde Gaenge findet man in keinem Parke; auch Gehoelze
sind, wie ueberall in England, selten. Man koennte sagen, es fehle
Schatten, wenn nicht gerade in diesem Lande, wo bei sehr milder Luft
dennoch die Sonne selten recht heiss und hell scheint, der Schatten
entbehrlicher waere als anderswo. Die Kioske, Tempel, Einsiedeleien
unserer Parks fehlen dort ebenfalls; alle diese zur Zierde dienenden
Gebaeude sind in die vom Park ganz verschiedenen, das Haus naeher
umgebenden Anlagen, in die sogenannten Pleasure-Grounds verwiesen.
Nur in sehr grossen Parks, wie die von Blenheim oder Stowe, steht
hier und da ein Obelisk, eine Pyramide oder ein Turm, um vom Schloss
aus eine Ansicht zu gewaehren.
An Wasser darf es nie fehlen. Kuenstliche Wasserfaelle kennt man nicht
Und noch weniger Springbrunnen. Fliesst aber ein kleiner Fluss oder
nur ein betraechtlicher Bach in der Naehe einer solchen Besitzung,
so muss er, wenn auch mit grossen Kosten herbeigefuehrt, sich in
mannigfaltigen Kruemmungen hindurchschlaengeln. Fehlt es an lebendigem
Wasser, so sucht man wenigstens einem stehenden Kanale den Schein
davon zu leihen. Man gibt ihm eine leichte, natuerliche Kruemmung,
verdeckt Anfang und Ende mit ueberhaengendem Gebuesche, wirft schoene
Bruecken darueber und taeuscht so das Auge, oder man verwandelt die Ufer
eines Teichs in die unregelmaessigen Umgebungen eines kleinen Sees.
Ueberall strebt man nach dem Schoenen und flieht das Gesuchte, Steife,
Pretioese.
Die Staffage vollendet diese lebendige Landschaft. Hunderte von
halbzahmen Hirschen und Rehen weiden beinahe ganz furchtlos auf
den gruensten Wiesen der Welt; mit ihnen die schoensten Pferde, Kuehe
und Ziegen, besonders in der Naehe des Hauses, wo sich die Wiesen
rings umher wie ein Teppich auf das herrlichste ausbreiten. Die schoenen
Gestalten dieser Tiere, ihre leichten freien Bewegungen, ihr Wohlsein
geben dem Ganzen einen unbeschreiblichen Reiz.
Immer liegt das Wohnhaus auf einer sanften Anhoehe, alle Baeume sind
aus seiner naechsten Naehe verbannt, damit Licht, Luft und Sonne
kein Hindernis finden. Dennoch ist es nicht heiss in den Zimmern,
teils weil es ueberhaupt in England nicht heiss ist, teils wegen
der wenigen Fenster, die aber so verstaendig angebracht sind,
dass jeder Teil des Gebaeudes sein hinlaengliches Licht hat.
Die aeussere Ansicht der englischen Landhaeuser ist aus unzaehligen
Kupferstichen bekannt genug. Selten herrscht ein ganz reiner Geschmack
darin, oft sind sie mit Verzierungen ueberladen. Die Hauptfassade ist
gewoehnlich mit Saeulen geziert. Sind gleich die Verhaeltnisse derselben
nicht immer die richtigsten, scheinen sie oft muessig dazustehen, so
gewaehren sie doch immer ein angenehmes, schattiges Plaetzchen vor
dem Hause, von welchem man recht behaglich ins Freie ueber den gruenen
Wiesenplan hinaussieht. Unter und vor diesen Saeulen stehen unzaehlbare
fremde Gestraeuche und Blumen in Vasen, teils auf schoenen Gestellen
uebereinander getuermt, teils auf den Stufen des Eingang und den Gelaendern
zierlich geordnet. Der Luxus, den man mit diesen Pflanzen treibt,
ist unglaublich. Taeglich muessen die verbluehten hinweggeschafft und
andere an ihre Stelle gesetzt werden.
Hoechst reizend ist der Anblick dieser Shrubberies. Florens Schaetze
werden aus allen Laendern der Welt hierher gezaubert. Doch auch ueber
diese schoensten Kinder der Natur herrscht in England das eiserne Zepter
der Mode. In der Zeit, aus welcher diese Beschreibung stammt, hatte
sie gerade die Eriken oder Heidekraeuter ihrer besonderen Huld gewuerdigt.
Man gab wohl fuenfzig und mehr Guineen fuer so ein geruch-, oft
farbenloses Kraut hin, wenn es nur aus einem recht entfernten Winkel
der Erde herstammte. Grosse Orangerien sind in England, ausser in den
koeniglichen Gaerten, selten anzutreffen.
Die innere Einrichtung der Haeuser richtet sich hier, wie ueberall,
nach dem Reichtum und Geschmacke des Erbauers, des Bewohners und des
Zeitalters, in welchem sie entstand. Die meisten haben grosse,
vollkommen erleuchtete und hohe Souterrains, in welchen sich die Kueche,
die Gewoelbe zur Bewahrung der Vorraete nebst den Bedientenzimmern befinden.
Letztere sind durchaus gut moebliert, ja die der Haushaelterin und des
Haushofmeisters (in England Butler genannt) sogar elegant, huebsch
tapeziert, mit Mahagonimoebeln und guten Fussteppichen. Auch bei den
Bedienten wird die englische Sitte beobachtet, dass sie ausser ihren
Schlafzimmern noch Wohnzimmer und Speisezimmer haben.
Aus dem Garten tritt man gewoehnlich zuerst in eine grosse, hohe,
oefters von oben beleuchtete Halle, die mit Gemaelden oder Statuen,
Basreliefs oder Vasen geziert ist. Zu beiden Seiten liegen die
verschiedenen Putz- und Wohnzimmer; ein langes Zimmer enthaelt die
Bibliothek, deren schoene Schraenke und zierliche Einbaende sie zu
einem der elegantesten Zimmer des Schlosses machen. In vielen Haeusern
ist es Sitte, dass die Familie sich zum Fruehstueck darin versammelt.
Sonst gibt es noch Fruehstueckszimmer, Arbeitszimmer, Musikzimmer,
Gesellschaftszimmer, (Drawingrooms), Wohnzimmer (Parlours),
Speisezimmer, Spielzimmer in Menge, doch selten von ausgezeichneter
Groesse. Ueberall einfache Pracht, Fussboeden, Treppen und Vorplaetze
mit schoenen Teppichen belegt.
In vielen Haeusern wechselt man im Sommer die warmen Winterteppiche
mit kuehlen, von gemalter Wachsleinwand, welche von betraechtlicher
Dicke eigens dazu fabriziert wird. Mahagoniholz sieht man meistens
nur an Treppengelaendern, grossen Esstischen, Bettstellen; die Moebel
in den herrschaftlichen Zimmern sind von fremden koestlicheren oder
kunstreich lackierten Hoelzern.
Man findet es buergerlich, unmodisch, laecherlich, die Moebel an den
Waenden hinzustellen, wie es in Deutschland gebraeuchlich ist; in den
Wohn- und Gesellschaftszimmern stehen alle in einem grossen Kreis
umher, so dass noch ein betraechtlicher Raum zum Spazieren zwischen
den Stuehlen, Sofas, Tischen und den Waenden uebrig bleibt. Die
Schreibtische sowohl als die Pianofortes sind immer mitten im Zimmer,
wo eben das Licht am guenstigsten faellt und man nicht von der Hitze
nahe am Kamin oder vom Zug nahe am Fenster leidet. Noch muessen wir
der Kamine gedenken, die, kuenstlich in Marmor gearbeitet oder mit
brillantiertem Stahl geschmueckt, eine der groessten Zierden der Zimmer
ausmachen. Schoene Vasen und praechtige Kandelaber prangen auf ihren
Gesimsen. Der zweite Stock enthaelt die Schlafzimmer, welche indessen
den Fremden nur selten gezeigt werden. Diese, besonders die der
Damen, sind ein Heiligtum, in welches kein sterbliches Auge dringen
darf. Oft hoerten wir Englaenderinnen mit wahrem Grausen von der Sitte
der Franzoesinnen sprechen, welche gerade ihre Schlafzimmer zum
Besuchszimmer vorzugsweise erwaehlen.
So viel von der inneren Einrichtung der englischen Villen im allgemeinen.
Kehren wir jetzt zurueck zu den naechsten aeusseren Umgebungen derselben.
Die Obst- und Gemuesegaerten, die Treibhaeuser liegen mit allen zur
inneren Oekonomie gehoerigen Gebaeuden ganz nahe am herrschaftlichen
Hause, werden aber durch mancherlei Vorkehrungen dem Auge entzogen.
Diese Bezirke sind es, was der Englaender eigentlich Gaerten (Gardens)
nennt. Der zur Fusspromenade bestimmte Teil der Besitzung heisst
Pleasure-Ground und liegt ganz nahe am Hause. Hier trifft man
Aehnlichkeit mit den deutschen Parks: Gaenge, die sich bald durch
dichte Schatten, bald mehr im Freien hinschlaengeln, Tempel, Saeulen,
Denkmaeler, Ruheplaetze und den ganzen architektonischen Reichtum
der neueren Gartenkunst. Alle Gebaeude sind von Stein, alle Gelaender
und Tueren von schoenem eisernen Gitterwerk. Hier bluehen und gruenen
die vielen einheimischen Gestraeuche, Baeume und Blumen neben den
aus fremden Laendern heruebergebrachten, die stark genug sind,
den Winter im Freien zu ertragen.
Viele Pflanzen, die wir in Deutschland sorgfaeltig vor der Kaelte
schuetzen muessen, halten den durch Seeluft gemilderten englischen
Winter aus, zum Beispiel der Laurus Tinus, da Heliotropium und der
Jasmin (Jasminum officinale). Die beiden letzteren haben wir oft in
einer Hoehe von sechs bis acht Fuss sich an den Mauern hinziehen sehen.
Obstbaeume aller art werden aus diesen Anlagen verbannt. Die verstaendige
Weise, mit welcher alle Baeume mit Hinsicht auf Hoehe, Wuchs und die
dunklere oder hellere Farbe ihres Laubes geordnet sind, gibt dem
Ganzen einen Zauber, den man fuehlt, ohne sich ihn gleich erklaeren
zu koennen. Alles ist zur schoensten befriedigenden Einheit gebracht.
Das Auge wird sogar in Hinsicht der Entfernung eines Gegenstandes
oft getaeuscht. Die englischen Gaertner sind wahre Landschaftsmaler
im Grossen, ja wir moechten sie fast fuer die einzigen eigentlichen
Kuenstler der Nation erklaeren. Jeden Vorteil, den Optik und die Regeln
der Perspektive ihnen darbieten, wissen sie gar gut zu benutzen,
ohne doch ins Kleinliche zu fallen. Mit den Nadelhoelzern aller Art,
den verschiedenen, uns zum Teil in Deutschland unbekannten,
immergruenen Stauden und Straeuchern, deren einige sogar bisweilen
im Dezember bluehen, werden sehr schoene Effekte hervorgebracht.
Gewoehnlich sieht man davon in der Naehe des Hauses eine Art Wintergarten
an einem sonnigen Platz angelegt, in welchem man sich bei winterlichem
Sonnenschein ergehen und, von allen Seiten durch das Gruen getaeuscht,
in den Fruehling hineintraeumen kann. Solche Anstalten sind auf jener Insel
notwendiger als bei uns: denn derselbe wunderliche Geist,
der die Einwohner dieses Landes die nacht zum Tage umzuschaffen bewog,
verwirrte auch den Lauf der Jahreszeiten. Der Winter herrscht in Hinsicht
auf Kleidung und Vergnuegen bis ueber die Mitte des Junius hinaus.
Dann faengt der Fruehling erst an, und so muss der Sommer und mit ihm
der Aufenthalt auf dem Lande, welcher in der Regel erst im August
und noch spaeter beginnt, bis nach Weihnachten verlaengert werden,
damit jedem neben dem Unrecht auch sein Recht geschehe.
Der Haupteingang zum Park, ein oft sehr praechtiges Tor, hat zu beiden
Seiten zwei kleine Gebaeude, die Wohnung des Tuerhueters und seiner
Familie, bei welchem sich jeder Einlassbegehrende vermittelst einer
Glocke meldet. Dieses Tor mit seinen Gebaeuden, the Lodge genannt,
ist eine Hauptzierde des Parks. Die beiden Pavillons sind bald im
gotischen Geschmacke, bald im aegyptischen; sie stellen Tuerme,
griechische Tempel oder auch nur artige, moderne Gartenhaeuschen vor,
je nachdem der Geschmack des Erbauers war. Immer hat der Tuerhueter
eine freundliche, artige Wohnung darin, mit Kueche und Keller und
allem, wessen er bedarf, wohl versehen, und manche angesehene Familie
in Deutschland wuerde zufrieden sein, einen solchen Sommeraufenthalt
zu besitzen.
Woburn-Abbey
[Fussnote: Johanna trat die Reise nach laengerem Aufenthalt in London
mit ihrem Gatten am 30. Juni oder 31. Juli 1803 an]
Dieser Landsitz, der erste, welchen wir besuchten, ist das Eigentum
des Herzogs von Bedford, des reichsten Particuliers und zugleich des
groessten Oekonomen in England. Sein Bruder, der Oekonomie mit noch
groesserem Eifer ergeben, starb vor wenigen Jahren, sechsunddreissig
Jahre alt, und hinterliess dem jetzigen Besitzer, welcher sich dem
geistlichen Stande gewidmet hatte, das grosse Vermoegen.
Woburn liegt eine Tagesreise von London entfernt. Das erste, was man
uns hier zeigt, waren natuerlicherweise die Wirtschaftsgebaeude, vor
allem die Viehstaelle: denn der Herzog, wie seine Vorgaenger, beschaeftigt
sich hauptsaechlich mit diesem Zweige der Landwirtschaft. Auch machen
die vierbeinigen Eleven aller Art ihrem Erzieher Freude und Ehre.
Sie tragen bei den in England gewoehnlichen Preisbewerbungen in Hinsicht
der Groesse, Schoenheit und des Gedeihens gewoehnlich ueber alle anderen
Mitbewerber den Preis davon. Dafuer wird auch alles getan, um ihr
Andenken nach ihrem leider fast immer gewaltsamen Tode zu verewigen.
Im Schloss wimmelt es von gemalten oder in Stein gehauenen aehnlichen
Bildnissen der wohlgeratensten unter ihnen. Viele davon sind sogar in
Kupfer gestochen, und ihr Portraet prangt in den Londoner Kupferstichlaeden
neben anderen beruehmten Portraets von grossen Gelehrten oder Ministern.
So wenig wir auch vom Landhaus verstehen mochten, so war es uns doch
unmoeglich, die Ordnung ueberall und die zweckmaessigen Einrichtungen
ohne Vergnuegen und Bewunderung zu sehen. Man zeigte uns viele in
diesem Lande der Industrie erfundenen Maschinen, um die laendliche
Arbeit zu vereinfachen, zu erleichtern und eintraeglicher zu machen.
Zum Beispiel eine Dreschmaschine; eine andere um das Getreide
abzuschaelen, damit kein Mehl in den Kleien verlorengehe; noch eine,
womit man in der Muehle vier Sorten Mehl mit einem Mal durchbeutelt,
und noch manches andere von dieser Art.
In den Viehstaellen herrscht eine unglaubliche Reinlichkeit, besonders
da, wo wir sie am wenigstens vermuten konnten, im Schweinestalle.
Die Bewohner dieses Orts hatten aber auch ein so gesegnetes Gedeihen,
waren so gross und von der Last ihres Fettes so niedergedrueckt, dass sie
uns voellig lebensmuede erschienen. Noch zeigte man uns verschiedene
ihrer Schoenheit wegen beruehmte Stiere und einige indianische Kuehe.
Letztere haben einen geraderen Ruecken und einen kleineren Kopf, uebrigens
sehen sie wie andere Kuehe aus.
Der Park mit seinen herrlichen Wiesen und den ehrwuerdigen Baeumen ist
von pittoresker Schoenheit. Herden zahmer Hirsche und Rehe grasten darin
umher, zu achtzig Stueck und mehrere zusammen, mitten unter ihnen die
schoensten, groessten Schafe, einige asiatische mit dicken Fettschwaenzen.
Die furchtlose Ruhe dieser Tiere von so verschiedenen Gattungen
erfreute uns jedes Mal, so oft wir den lieblichen Anblick auch sahen;
sie fuehrte ein Bild der schoenen goldenen Zeit vor die Seele.
Das an sich grosse Schloss zeichnet sich vor andren weder durch besondere
Pracht noch grosse Schoenheit aus. Es ist zu neu, um ehrwuerdig, zu alt,
um elegant zu erscheinen. Nur montags steht es Fremden offen; fuer uns
traf es sich diesmal sehr gluecklich. Wir durchliefen eine Menge Zimmer
voll Gemaelden, groesstenteils Portraets. Sechs grosse wunderschoene
van Dycks, ganze Gestalten in Lebensgroesse, fielen uns besonders auf.
Dann auch das Portraet des ungluecklichen Grafen Essex, ebenfalls in
Lebensgroesse. Er hatte eine schlaue, hoechst bedeutende Physiognomie
und einen ganz roten Bart. Ihm gegenueber haengt das Portraet der Koenigin
Elisabeth, im geschmacklosesten, uebertriebensten Putz, ohne allen
weiblichen Reiz. Der historischen Gemaelde und Landschaften, groesstenteils
aus der niederlaendischen Schule, sind eine grosse Anzahl, und darunter
gewiss Stuecke von hohem Werte. Auch eine sehr elegante Bibliothek
befindet sich im Schlosse.
Das Orangeriehaus ist einfach praechtig. Acht grosse Marmorsaeulen tragen
in der Mitte desselben eine von oben erleuchtete Kuppel und umgeben
eine grosse, mit Basreliefs geschmueckte antike Marmorvase, ueber die man
ein ganzes Buch schreiben koennte und an der wir fluechtig voruebereilen
mussten.
Zu beiden Seiten der Orangerie ist eine oben bedeckte Promenade
angebracht: sie bildet einen halben Kreis und dient zum Spazierengehen
bei schlechtem Wetter und im Winter. Geissblatt, Rosen, echter Jasmin,
Heliotrop und viele andere aehnliche Gewaechse umranken die Pfeiler und
die auf ihnen ruhenden Bogen, welche die Bedachung tragen; unzaehlige
seltene und schoene Blumen und Gewaechse stehen in Vasen, der Promenade
entlang.
Ganz in der Naehe ist das Reithaus, ein anderes Haus zum Ballschlagen
und eine Art von Pracht-Milchkammer, mit Fenstern von gemaltem Glase.
Alle zur Milcherei gehoerigen Gefaesse sind darin von seltenem japanischen
und chinesischen Porzellan--Die eigentlichen Spaziergaenge fanden wir,
im Vergleich mit den uebrigen, weder gross noch praechtig, aber
geschmackvoll angelegt.
Stowe's Garden
Landsitz des Marquis von Buckingham
Diese Gaerten werden mit Recht fuer die schoensten und praechtigsten in
England gehalten und liegen in nicht gar grosser Entfernung von Woburn.
Wir erreichten sie noch denselben Abend, nachdem wir nachmittags
Woburn verlassen hatten, und fanden in dem dicht daneben liegenden
Gasthofe sehr gute Bedienung.
Stowe's Garden enthaelt einen Reichtum von Tempeln, Obelisken, Saeulen,
Pavillons aller Art. In jedem beschraenkteren Platze ist freilich
weise Sparsamkeit mit solchen Verzierungen nicht genug zu empfehlen;
aber hier in diesem grossen Raume faellt die Anzahl der Gebaeude nur auf,
weil man jedesmal die glueckliche Wahl bewundern muss, mit der sie
angebracht sind, und zugleich den Reichtum, der die Mittel darbot,
auf eine so kostbare Weise eines der natuerlich schoensten Plaetzchen
der Erde noch zu verschoenern. Unmoeglich ist's, diese Gaerten durch blosse
Worte darzustellen, man muss sie gesehen haben, um sie sich denken
zu koennen. Sie bilden die schoenste, lieblichste Landschaft, die nur
eine Dichter-Phantasie erfinden konnte. Auch wandelt man hier auf
klassischem Boden. Lord Cobham, dem sie hauptsaechlich ihre Verschoenerung
verdanken, lebte hier in der glaenzendsten Zeit der englischen Literatur.
Die besten Koepfe Britanniens waren seine Freunde und teilten in diesem
reizenden Aufenthalte frohe Tage mit ihm.
Auch ist alles getan worden, um hier das Andenken jenes seltenen Vereins
zu erhalten. In einem der Freundschaft gewidmeten Tempel stehen
Cobhams und seiner Freunde Buesten in Marmor, eine Art halboffener
Rotunde enthaelt die Buesten merkwuerdiger Menschen, die zu verschiedenen
Zeiten sich um das Vaterland verdient gemacht haben. Koenig Alfred,
Koenigin Elisabeth, Pope, Newton, Franz Drake und mehrere andere,
durch Jahrhunderte voneinander getrennt, sieht man hier, wo nur das
allen gemeinsame Streben gilt, in geschwisterlichem Vereine.
Eine hohe Saeule, welche Lord Cobham zu erbauen anfing, ist von seinem
Nachfolger Lord Temple vollendet und seinem Andenken gewidmet. Sie ist
inwendig hohl und enthaelt eine hundertsiebzig Stufen hohe Wendeltreppe.
Man geniesst oben einer vortrefflichen Aussicht nach Oxford zu.
Eine andere Saeule steht hier zum Andenken des General Wolf; eine
kleinere, mit einem Globus verziert, zu Ehren des Weltumseglers
Kapitaen Cook.
Noch muessen wir eines gotischen Tempels gedenken, mit Fenstern von
gefaerbtem Glase, durch welche die Gegend umher sich wunderbar ausnimmt.
Diese Anlagen sind reich an schoenen alten Baeumen, besonders Eichen und
Zypressen; ein ungeheuer grosser Taxusbaum zeichnet sich besonders aus.
Schattige Gaenge ziehen sich um einen kleinen See. Einige natuerliche
Wasserfaelle, schoene malerische Bruecken, alles ist hier vereint, was
einen solchen Platz nur zu verschoenern vermag.
Das Haus besteht aus einem zwei Stock hohen Hauptgebaeude und zwei
Fluegeln von einem Stock. Unter einer von Marmorsaeulen getragenen,
weit vorspringenden Attika bluehen die seltensten Pflanzen in Blumentoepfen.
Von hier tritt man in die praechtige, durch eine Kuppel von oben
erleuchtete Halle. Am Friese ist ein roemischer Triumphzug in Marmor
abgebildet. Marmorsaeulen zieren ringsumher diese Halle; zwischen ihnen
stehen marmorne Statuen.
Aus der Halle tritt man in einen kleineren, mit antiken Buesten verzierten
Saal, in dessen Mitte ein schoener Apoll aufgestellt ist. Diese Statue
sowohl als der groesste Teil der in der Halle befindlichen, sind Antiken.
Die nicht ganz modern dekorierten Zimmer enthalten einen Reichtum
an Gemaelden, meist Niederlaendern, namentlich Rembrandts, unter anderem
das eigene Portraet dieses Meisters, dessen Arbeiten in England besonders
hochgeschaetzt werden. Ein Kabinett voller Portraets, groesstenteils aus
dem merkwuerdigen Kreise, den Lord Cobham hier um sich versammelte,
ist sehr sehenswert. Hier findet man Pope, Swift, Steele, Addison,
der ein hoechst gutmuetiges Gesicht hat, und viele andere; auch ein
Originalportraet der ungluecklichen Maria Stuart. Sie ist in wunderlicher
Kleidung mit einem sehr hohen Halskragen dargestellt und erscheint
weit weniger schoen, als man sie sich zu denken gewohnt ist; doch mag
auch wohl die nicht ausserordentliche Kunst des Malers daran schuld sein.
Lady Buckingham und ihre Tochter beschaeftigen sich auch mit der Malerei.
Die Mutter malt in Oel, die Tochter Pastell; sie haben ein ganzes Zimmer
mit ihren Arbeiten dekoriert, von denen sich uebrigens nichts weiter
sagen laesst, als dass es von solchen Damen doch lobenswert ist, wenn
sie ihre Zeit auf diese Weise hinzubringen suchen.
Wir fuhren denselben Abend, an welchem wir uns in Stowe umgesehen
hatten, nach Woodstock, einem Staedtchen, das auf vielfache Weise bekannt
ist. Das praechtige Schloss Blenheim, welches die Koenigin Anna ihrem
Lieblinge, dem Herzog von Marlborough [Fussnote: John Churchill
(1650-1722), Staatsmann und Feldherr, gewann vor allem durch den Einfluss
seiner Frau Sarah auf die Koenigin Anna, die letzte Herrscherin aus dem
Hause Stuart (1702-14), hoechste politische Macht.], zum Dank fuer seine
erfochtenen Siege schenkte und nach einem der glaenzendsten benannte,
liegt ganz nahe daran. Auch werden hier die vorzueglichsten, in ganz
England beliebten Stahlarbeiten nicht fabrikmaessig, sondern von einzelnen
Arbeitern in ihren Haeusern verfertigt. Wir besuchten einen der
geschicktesten, um einiges von ihm zu kaufen. Wie ein Maler, der sein
Lieblingsbild mit Gold weggeben muss, so betrachtete der gute Alte seine
besten Scheren und Messer mit wahrem Kuenstlerschmerz, ehe er sie uns
uebergab und ermahnte uns noch beim Schneiden, sie ja gut zu bewahren und
zweimal des Tages mit Wolle abzureiben: denn ihm schienen sie das
Wichtigste, was uns beschaeftigen koennte.
In historischer Hinsicht ist Woodstock besonders merkwuerdig. Auf einer
Wiese, die jetzt zum Park von Blenheim gezogen ist, stand einst ein
Landhaus, in welchem die Koenigin Elisabeth in ihrer Jugend erzogen, ja
gleichsam gefangen gehalten ward. Sie konnte damals nicht hoffen, dass
ihre Ansprueche an die Krone von England einst geltend werden wuerden;
und eben diese Ansprueche, die sie gewiss oft in jenen Zeiten bitter
beweinte, waren es, die ihr Freiheit, Umgang mit Menschen und jede
Jugendfreude raubten. Hier erwarb sie sich alle die Kenntnisse, die
Festigkeit, Klugheit, welche sie spaeterhin zur weisen, gluecklichen
Regentin machten. Wie war es aber moeglich, dass diese fruehere Erfahrung
des Ungluecks, diese Einsamkeit, diese Bekanntschaft mit allen Guten
und Grossen, was weise Maenner vor ihrer Zeit dachten und schrieben,
sie nur klug, nicht auch gut machten? Sie, die einst auch gefangen
war, wie konnte sie ihre unglueckliche Schwester Leiden fuehlen lassen,
welche sie selbst nur zu gut aus Erfahrung kannte und sie zuletzt
dem fuerchterlichen Tode auf dem Blutgeruest weihen! Die Nachwelt ist
gerecht. Jeder Englaender spricht noch jetzt von Elisabeth, dem Weibe,
und der Name der ungluecklichen Maria wird noch ueberall mit Liebe und
Mitleid genannt. Die Fehler der Stuart sind vergessen, aber ihr Unglueck
und ihre Liebenswuerdigkeit lebt noch in allen Herzen.